Ausgabe 
27.8.1913
 
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Ma'svhrringe und Talmi-Peudentifs sind es nicht! 'Tie Fabrikation tron falschem Luxus müßte überhaupt verboten sein. Möchten doch! nur d i e Frauen seltene Steine, kostbare Pelzte und feenhafte Spitzen tragen, denen es ihr gesellschaftliche Stellung und das Vermögen ihrer Gatten erlaubt. Keine Fabrikation mehr von falschen Diamanten, falschen Rubinen, falschen Perlen, falschem Schildpatt, Spitzen und Stickereien zu zwei Sous' der Meter! Nur Künstler-Arbeiter und -Arbeiterinnen würden in dem Luxus- Handel Beschäftigung finden und die, die jetzt zur Herstellung von Talmitoaren gebraucht werden, würden ihre Tätigkeit in den Menst nützlicherer Dinge stellen, wie Landwirtschaft, Webereien, ünd Wo sonst noch Arbeitskräfte fehlen! Die Frauen würden dann nicht mehr alle Spitzenhemden, aber alle würden sie Bettücher Haben! Russin hat gesagt:So lange es nicht für alle Hemden gibt, müßte man nicht daran denken, Spitzen zu tragen!" Viel­leicht ist das ein etWas übertriebener Sozialismus, aber wenn der Geschmack tim Schönen auf eine richtige Külturhöhe gebracht wäre. Würde man den an falschen Schmuckstücken und Hemden zu 95 Cen­times 'pro Stück verlieren! . . .

Alle Iahte um diese Zeit liegt eine gewisse Unsicherheit über den Wechsel in der Mode und die Neuheiten, die uns der Herbst bringen Wird, in der Luft. Man wartet voller Ungeduld auf die neuen Modelle, und die 'Fürsten im Reich der Nadel, die sie schaffen, sind sicherlich schwerer zu interviewen >als französische Minister. Trotzdem wissen wir aber doch schon, die große Nachricht: Slemalte Seiden- und Samtstoffe Werden denClou" der Herbst- aison bilden. Mit seinen zarten Bechern ünd Schalen, seinen jyprefsengirlanden, mit seinen Iris- ünd Farnkrautzweigen wird Zersien unserem Geschmack nach bizarren Seltsamkeiten auf Crepe de Chine und Sammet entgegenkommen. Ein besonders kühner Pariser Schneider, der sich gern Extravaganzen erlaubt, verspricht uns sogar sehr amüsante, gemalte Herbstroben, mit wirklichem, farbigen Fries, der unten am Rock unter einer Pelzbordüre herumläüft. Da die Füchse rot, blaü und grün gefärbt werden sollen, dürfte ein Regenbogen, Was Farben anbetrifft, nichts mehr vor 'uns voraus Haben! Neben dieser ganz ausgesprochenen Ten­denz Ar griechische Kunst gibt es aber auch noch eine für die fnoderne russische, deren großer Fürsprecher Batst wlar und bleibt. Alle seine Erfindungen sind für uns Wie ein riesengroßes, immer offenes Buch, aus dem die Schneider und wir unendliche viele Doku­mente schöpfen. Kein anderer Ulst uns so Wie 'er, Zeichnungen auf die langen Bänder unserer Echarpes zu malen, und kein anderer Wie 'er leitet uns schon jetzt sacht 'und leise zu den wunderbaren'/, herbstlichen Geweben, die in Gold ünd Silber, ohne jeden anderen Farbenzusatz, den Abendmänteln eine von Veronese inspirierte, pompöse Pracht verleihen. Allerdings ist das eine etwas speziale Eleganz, die sich nicht alle Frauen werden erlauben können. Wäh­rend die griechischen Malmotive allen Evastöchtern gleich gut an- stehen. Unsere herbstlichen Kleider Werden in diesem Jahre nicht nur einfache, mchv oder weniger reich gearbeitete Chiffons, sondern Kunstwerke sein, da die Müler sie nach unseren persönlichen Ideen oder ihren eigenen Inspirationen folgend, für uns anfertigen sollen!

Heutigentags sind alle Frauen jung, und da es ausgemacht' ist, daß sie von Tag zu Tag jünger Werden, müssen sie im Herbst natürlich jugendlicher erscheinen, als sie es im ©Ommer Waren! Infolgedessen besteht die.Mode auch Weiter darauf, alles Vor­springende fortzumerzen, denn Einboupoint altert! Man begann seinerzeit mit bett Hüsten, und diese verschwanden tote ein Traum. Dann machte män sich an den Angriff der Taillenlinie. Wo die heute sitzt? Kein Mensch vermöchte des Rätsels Lösung zu finden! Die Röcke sollen für die kommende Saison oben weiter und unten Wenn das überhaupt noch möglich ist noch enger werden! Denn dieser Kreiselvock Verleiht ein jugendliches Aussehen. Und sollte es irgend einer modernen Modedame noch an der verlangten Schlankheit gebrechen, so wird sie an dem neuen Korsett, das in der Taille sehr Weit ünd über den Hüften sehr eng ist, eine kräftige Helferin in der Not sindeir! . . .

Wenn sich beim !Aüblick des Fußes das Bein erraten läßt, so Werden Wir auch in der neuen Saison bei den indiskreten Röcken morgens, nachmittags und abends viele schöne Dinge erraten können! Keine küWen Winde, keine bedrohlichen Herbststürme wer­den die Weitmaschigen Seidenstrümpfe hindern, das rosige Fleisch preiszugeben, das man des Avends zu den gemalten Sammet- kleidern unter Silber und Gold hervorleuchten sieht. Chantilly Md Guipttre sollen bald allen Kleidern getragen Werden/ gerade so/ als ob sie die einfachsten, praktischsten und billigsten Strümpfe von der Welt Wären! Für die Pariser Luxusdamen sind sogar sogenannteHaarstrümpfe" erfunden worden, die so fein sind, daß sie nur ein paar Stunden getragen werden können, ünd dann auch dann noch unter der Voraussetzung, daß sich ihre Besitzerinnen sunt Fahren verpflichten. Ein solch wahnwitziger, überspannter Luxus kann nur .mit dem einer Pompadour lobten Du Barry verglichen Werden! Ludwig XII. erließ sogar seinerzeit teilt Edikt, das jeder Frau, unter Bestrafung mit.,1'500 Pfund, das Tragen von Spitzen untersagte, von denen die Elle mehr als 9 Pfund kostete. Ob sich Senat und Dtepütiertenkarnmer int Herbst genötigt sehen Werden, ebenso Verfahren?! Es scheint nämlich keine Grenzte mehr für die Preise zu geben, die .für die Strümpfe mit den blauen Schmetterlingen und gemalten Blumen verlangt

Werben, für die L>trümpfte mit den echten Perlen Und Steinen, den Dopafen und Smaragden. Die Pariserinnen trösten sich in m. ®ebanten, daß sie noch nicht bei dem Wahnsinnsgrad der römischen Kaiser angelangt sind, die ihren Mauleseln und Pferden, Gelegenheit, Gold- und Silberschuhe auziehen ließen!

Wtelletchi liegt dieser Mangel aber auch bloß daran, daß sie heute Autos haben?! . Eins ist jedenfalls sicher: um sich alle otese Sloftbarleiten leisten zu können, muß ein Strumpf.da fein, einer, au den wir immter alle denken, von dem wir aber uite sprechen: der Sparstrumpf!

Und das Hutkapitel? Da können wir beim Lesen der ersten V'^ar Seiten schon jetzt den Schluß prophezeien: wir bleiben bei den kleinen! ^vas ganze Jahr 1913 sind wir konservativ. Paradies­vogel und Straußenfedern, viel Straußeiifedern, Sammet, viel Lammet, Kopfbedeckungen aus Wachstuch mit Federstutz für die llebergaugszeit und Gerichtspräsidenten-Mützen aus schwarzem Filz. Namentlich die letzteren werden den großen Herbstchick bilden, bilden, und leichtsinnige, oberflächliche Gatten können sich auf eme^ gestrenge Anklagerede von Seiten der Mützen-Trägerinnen gefaßt machen! Was wird aus den armen Männern werden, wenn Frauen in der neuen Saison über sie zu Gericht sitzen?! Man Nnrd sie Wahrscheinlich zwingen, ihren Richterinnen den (Ge­richts !)-Hof zu machen!! . . . jDb es die Folge einer Behauptung dreier englischer Aerzte ist, daß das Tragen von dichten Schleiern die Frauen zur Neurasthenie führt und nicht nur ihre Haut, sondern auch ihre Augen verdirbt, Weiß ich nicht, aber cs ist sicher, daß ich im Hause derDame Eoquetterie" die reizendsten Spinngewebe gesehen habe, die die Modedamen nach ihrer Rück­kehr aus den Ferien empfangen und entzücken sollen und, als. Schleier verarbeitet, das charmante Symbol der leichten, beweg­lichen Träume ihrer Trägerinnen verkörpern. Des Nachmittags sollen blaue, rote, violette und grüne, mit einem Sammet- band besetzte Schleier die Kopfbedeckungen umwinden, und keine Evatochter wird böse darüber sein, daß der kleine, kurze, fest über das Gesicht gespannte Schleier Wieder modern Wird, der Schleier, der bis zur Nasenspitze reicht Und dort innehält, wie um die Zeichnung eines hübschen Mundes zu unterstreichen. Und in jenem Tülltempel sah ich auch die so modern werdenden'/ gestickten, einfarbigen Schleier, die flüchtig tote ein Hauch und leicht toie Musseline sind, den Schleier Isoldens, der wie eine beflügelte Wolke dem Herzallerliebsten von der Terrasse aus ent» gegentoe^t, den aus Liebe und Zärtlichkeit gewebten Babyschleier/ den Schleier der Nonnen, der in seinen schweren Falten heiße Leidenschaften birgt. Nur einen Schleier habe ich unter all den vielen, modernen Geweben und Tüllen vergeblich gesucht, einen, nach dem wir alle greifen, und der so fein ist, daß Wir ihn nicht festzuhalten vermögen den Schleier des Glücks! . - ,

Den hatte die Verkäuferin nicht! . . .

Vermischter.

* W i e B ulka n e R auch rin g e er z eug c n. Genau solche Rauchriuge, wie der Raucher sie aus Zigarrenrauch kunstvoll mit dem Munde formt, werden nicht allzuselten von Vulkanen aus­gestoßen. August Sieberg, der gegenwärtig in derNaturwissen­schaftlichen Wochenschrift" eine lange Abhandlung über Bau und Bild des Aetna, sowie seine Eruptionen veröffentlicht, macht über die eigentümlichen Strüktionsverhältnifse der Eruptionstoolken interessante Mitteilungen, 'wobei er sich auf die Untersuchungen von K. Mack stützt. Die Physiker haben nachgewiesen, daß aus- strömende Eru'ptious'wolken sieh analog verhalten, wie Flüssig­keiten. !Tie Versuche, die Mack mit Flüssigkeiten gemacht hat, Haben daher ohne weiteres für die vulkanischen Aussttömung?- gebilde Geltung. Ter Forscher ließ aus einer vertikalen Glas­röhre durch Fuchsin gefärbtes Wasser in ein mit ungefärbtem! Wasser gefülltes weiteres Glasgefäß unter verschiedenartig modi- fizicrten Druckverhältnissen einströmen. Dabei sind schwere Par- tikelchen in Flüssigkeit suspendiert, genau toie es bei den Erupttons- Miolken der Fall ist. Wenn die Flüssigkeit oder das Gas in kleiner Menge schnell ünd kräfsig ausgeslvsen wird, dann fliegt aus nahdzü kreisförmiger Oeffnung ein Wirbelring heraus, der um seine horizontale Achse lebhaft rotiert. Sartorius von Waltershausen und F A Perret haben solche Wirbelringe an Vulkanen häufiger beobachtet Bei größerer Flüssig'keitsmenge und schwächerem, aber länger anhaltenden Drucke bilden sich charaÄeristrsche pilzförmige Aüsströmungsqebilde, deren oberer umgestülpter Teil gleiÄalls einen kreisförmigen, horizontalen Wirbelfaden enthalt. Ein solcher Pilz" steigt, während er seine Form im wesentlichen bechehalt, langsam bis zu einer gewissen Höhe über der Slüsflußöffnung an und verhält sich bann ziemlich stationär, indem die wettere von unten zugeführte Flüssigkeit zur Verdickung des Pilzkopses und der Windungen verwendet wird. Hört gleich nach Erreichung der Maximalhöhe die Materialzufuhr auf, so wird das letzte Material in den Wirbelkopf hineingezogen. Das jetzt freischtockende Ge­bilde sinkt, während die Rotationsbewegung in den Windungen allmählich aushört, infolge der Schwere langsam nach unten. Wobei es allmählich die Gestalt einer horizontalen, kreisförmigen Platte annimmt. Glockenförmige Gebilde entstehen dadurch, bafj einige Zeit nach Erreichung der Maximalhöhe der Wirbelring des' Pilz­kopfes infolge der Schwere sinkt, während die Mitte des! oberen