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Abenteuer des Brigadier Gerard.
Von C. Doyle.
Wie sich der Brigadier bei Waterloo auszeichnete. (Fortsetzung.)
Unter dem Schutz dieser tapferen Manner konnten die anderen Mvas zu Stiem kommen und setzten ihre Flucht in nicht ganz so verzweifelter Weise fort. Sie waren von der Straße abgebogen, und tm Zwielicht konnte ich die furchtsame, zerstreute und erschreckte Menge über das Gelände hindrängen sehen, die flüchtige Menge, die vor zehn Stunden die stolzeste Armee gebildet hatte, die je in eine Schlacht zog! Ich konnte mit meiner großartigen Stute bald aus dem Gedränge 'ranskommen, und gleich hinter Genappes bolte ich den Kaiser mit den Trümmern seines Stabes ein. Soult war noch immer bei ihm und ebenso Drouot, Löbau und Bertrand; außerdem befanden sich noch fünf Chasseurs in seiner Umgebung, aber deren Pferde konnten sich kaum noch vorwärts schleppen. Die Nacht brach an, und das verstörte Gesicht des Kaisers erschien mir ganz weiß in dem schwachen Dämmerlicht, als er sich nach mir umdrehte. -
„Wer ist das?" fragte er.
>,Das ist der Oberst Gerard," sagte Soult.
-Haben Sie den Marschall Grouchy gesehen?" „Nein, Sire. Die Preußen waren dazwischen." ,/Ts schadet nichts. Jetzt schadet überhaupt nichts Mehr. Soult, ich will umkehren."
Er versuchte sein Pferd umzuwenden, aber Bertrand fuhr ihm in die Zügel. „Ach Sire", sagte Soult, „der Feind hat Sieute schon Glück genug gehabt." Sie nötigten ihn, zwischen hnen weiter zu reiten. Schweigend ritt er dahin, den Kopf auf die Brust gesenkt, der Größte und der Traurigste der Menschen. Weit hinter uns donnerten noch unbarmherzig die Kanonen. Manchmal drang durch die Dunkelheit noch Angstgeschrei und Gekreische an unser Ohr, und zuweilen der Schall flüchtiger Hufe. Bei diesem Geräusch gaben mir jedesmal unseren Pferden die ©norm und sprengten in rascherem Tempo weiter. Endlich, nachdem wir lange genug in der Finsternis fortgeritten waren, ging der Mond auf und zeigte uns, daß wir Verfolgte und Verfolger weit hinter uns gelassen hattrn. Mlmählich erreichtrn wir die Brücke bei Charleroi, und der neue Tag brach an. Was für aespensterhafte Gestalten erblickten wir in dem kaltm, Hellen Licht der Morgendämmerung: das Gesicht des Kaisers war blaß und leblos wie Wachs, Soult war front Pulver geschwärzt, Lob an von Blut befleckt! Doch ritten wir jetzt ruhiger und drehten uns nicht mehr um, denn Waterloo lag mehr als dreißig Meilen hinter uns. In Charleroi hattrn wir einen der kaiserlichen HBagen mitgenommen, und am anderen Ufer der Sambre machten wir Halt und fliegen fron den Pferden.
Sie werden fragen, meine Freunde, warum ich auf dem ganzen Weg kein Wort von dem gesagt hatte, was mir am meisten am Herzen lag, die Notwendigkeit eines Schutzes für den Kaiser. Tatsächlich hatte ich sowohl mit Soult wie mit Lobau darüber tzu sprechen versucht, aber sie waren so überwältigt von dem Unglück des vergangenen Tages und so zerstreut und nur ans die augenblicklichen Bedürfnisse bedacht, daß ich ihnen unmöglich begreiflich machen konnte, wie dringend meine Meldung war. Außerdem hatten wir auf 6em ganzen Weg immer zahlreiche französische Flüchtlinge um !uns gehabt, und brauchten, so mutlos sie auch waren, doch keine Angst vor dem Angriff von neun Mann zu haben. Aber nun, als wir in der Morgendämmerung um den kaiserlichen Wagen herumstanden, bemerkte ich mit Besorgnis, daß auf der langen, weißen Chaussee hinter uns fein einziger französischer Soldat mehr zu sehen war. Wir hatten alles überholt. Ich schaute mich um, um zu sehen, über was für Verteidigungs- Mittel wir eigentlich verfügten. Die Pferde der Garde-Chasseurs waren zufamMengebrochen, und nur noch einer, ein graubärtiger Wachtmeister, war übrig geblieben. Tann waren noch Soult, Lobau und Bertrand da; aber, bei allem Respekt vor ihren Süßigkeiten, wenn's hart herging, hätte ich einen einzigen Husaren- nterofjizier lieber an der Seite gehabt, als diese drei zusammen- tzenomrnm. Tann kamen noch der Kaiser selbst, der Kutscher Und ein Kammerdiener hinzu, die in Charleroi zu uns gestoßen Waren — im ganzen also acht Mann;' aber fron diesen acht waren nur zwei kampftüchtige Soldaten, auf die man sich im Notfall verlassen konnte, der Chasseur und ich. Ein Schauer überlief mich, als ich mir überlegte, wie schrecklich hilflos wir waren. In diesem Moment hob ich die Augen auf und sah die neun preußischen Reiter den Berg herunterkommen.
Auf beiden Seiten der Landstraße zieht sich an dieser Stelle offenes, hügeliges Gelände hin, an der einen waren gelbe Kornfelder, an der anderen üppige Wiesen, durch! die sich die Sambre yindurchschlängelte. Südlich fron uns verlief ein niedriger Hoheu- 8ug, über den die Straße nach Frankreich führte. Dieses Weges entlang kam die kleine Reiterschar geritten. Graf Stein hatte seine Weisungen so ausgezeichnet befolgt, daß er einen großen Bogen nach Süden gemacht hatte, um ton Vorhaben, beit Kaiser zu fangen, zum Gelingen zu bringen. Nun kam er von der Richtung, ui der wir retten wollten — von wo wir zu allerletzt einen Heind erwartet hätten. Als ich sie erblickte, waren sie noch tüte halbe Meile entfernt.
„Sire!" rief ich, „die Preußen!"
Sie fuhren alle zusammen und starrten nach jener Seite. Der Kaiser brach das Schweigen.
„Wer sagt, daß es Preußen sind?"
„Ich sage es, Sire — ich, Etienne Gerard!"
Bei unangenehmen Nachrichten wurde der Kaiser stets wütend gegen den Neberbringer. Jetzt schimpfte er mit feiner harten, krächzenden korsischen Stimme, die man nur hörte, wenn er die Selbstbeherrschung verloren hatte, auf mich los.
„Sie sind immer 'n Narr gewesen," schrie er mich an. „Wie kommen Sie dazu, zu behaupten, daß es Preußen sind, Sie Schafskopf? Wie können Preußen von Frankreich Herkommen? Sie sind wohl ganz verrückt geworden? "
Seine Worte trafen mich wie ein Peitschenschlag, doch hatten wir alle für den Kaiser das Gefühl, das ein alter treuer Hund für feinen Herrn bat. Seine Tritte sind bald vergessen und vergeben. Ich wollte nicht mit ihm rechten ober meine Behauptung begründen. Gleich beim ersten Blick hatte ich die zwei weißen Vorderfüße des ersten Pferdes toiebererfannt, und ich wußte wohl, daß Graf Stein darauf saß. Einen Moment machten die neun Reiter halt und beobachteten uns. Dann gaben sie ihren Pferden die Sporen und galoppierten mit Triumphgeschrei die Straße ’runter. Sie hatten gesehen, daß die Bente in ihrer Gewalt war.
Infolge dieser raschen Annäherung waren bald alle Zweifel behoben. „Bei Gott, Sire, es sind wahrhaftig die Preußen!" rief Soult. Lobau und Berttand liefen wie ein paar geängstigte Hühner auf der Straße 'rum. Der Wachtmeister von den Chasseurs stieß die furchtbarsten Flüche aus und zog seinen Säbel, Der Kutscher und der Diener schrien und rangen die Hände. Napoleon stand mit kaltem Gesicht da, den einen Fuß auf dem Wagentritt. Und ich — ah, mes amis, herrlich! Wie soll ich Ihnen meine eigene Haltung in jenem erhabensten Moment meines Lebens in Worten schildern, um sie auch nur annähernd zu beschreiben? So ruhig, so furchtbar kühl, so klar im Kopf und tatbereit und tatenfroh' Er hatte Michitonen Schafskopf und Narren genannt. Wie rasch und wie nobel war meine Revanche gekommen! Als ihn sein eigener Witz verließ, war's der Etienne Gerards, der diesen Mangel ausgleichen mußte.
Kämpfen war töricht; fliehen war lächerlich. Der Kaiser war wohlbeleibt und todmüde. Außerdem war er nie ein guter Reiter. Wie konnte er diesen Neun entfliehen, ausgesuchten Leuten aus einer ganzen Armee? Die besten preußischen Reiter befanden sich darunter. Aber ich war der beste französische. Ich, und ich ganz allein, konnte es „mit ihnen aufnehmen. Wenn Sie mir statt dem Kaiser auf der Spur wären, bann könnte noch alles gut gehen. Das waren die Gedanken, die mir so rasch durch ebn Kopf fuhren, daß ich im Augenblick nach der ersten Idee auch schon den Entschluß gefaßt hatte, und im nächsten Atomen! war ich front Entschluß bereits zu schnellem energischem Handeln übergegangen. Ich stürzte an die Seite _ des Kaisers, der wie versteinert zwischen seinem Wagen und seinen Feinden stand. „Ihren Mantel, Sire! Ihren Hut!" rief ich. Ich zog sie ihm ’runter. Nie in feinem Leben hatte er sich so zerren und stoßen lassen. Im Nu hatte ich sie an, und ihn in den Wagen gestoßen. Im Nu saß ich auf seinem berühmten weißen Araber und sprengte los, die kleine Gruppe allein lassend.
Sie haben meinen Plan bereits erraten, Messieurs; aber Sie werden mich fragen, wie ich hoffen konnte, für den Kaiser angesehen zu werden. Meine Figur ist, wie Sie sie noch sehen, und er mar nie schon, denn er war klein und dick. Doch die Größe eines Mannes tritt nicht so hervor, wann er im Sattel sitzt, und im übrigen brauchte man sich nur noch vornüber zu beugen, einen Buckel zu machen und sich wie ’n Mehlsack zu -halten. Ich hatte den kleinen dreieckigen Hut auf und den weiten grauen Rock an mit dem silbernen Stern, der jedem Kind bekannt war von einem Ende Europas bis zum anderen, und unter mir hatte ich dÄ Kaisers eigenen weißen Araber. Das genügte.
Als ich los ritt, waren die Preußen nur zweihundert Meter »on uns entfernt. Ich machte mit den Händen eine Geste des Entsetzens und der Verzweiflung und sprengte über den Straßengraben. Das war genug. Die Preußen stießen zugleich em Freuden- und Wutgeheul aus, wie hungrige Wölfe, wenn sie die Bente riechen. Ich spornte mein Pferd über den Wiesengrund und guckte, wahrend ich dahinsauste, unter meinem Arm durch nach hinten. O, der glorreiche Moment, als ich hintereinander acht Reiter über den Graben und hinter mir her setzen sah! Nur einer war zurückgeblieben. Ich hörte Kampfgefchrei; da fiel mir der alte Chasseur-Wachtmeister ein, und ich wußte bestimmt, baß Nummer neun uns nicht länger belästigen würde. Die Straße war frei, und der Kaiser konnte rnhig seine Reise fyrtsetzen.
Nun mußte ich aber auch an mich selbst denken., Wenn mich die Preußen erwischten, würden sie in ihrem Aerger und Zorn sicher kurzen Prozeß mit mir machen. Wennndieser Fall,eintreten sollte — wenn ich mein Leben verlieren sollte, würde ich's immerhin um einen hohen Preis verkauft haben. Aber ich hoffte, sie altzufchüttÄn. Mit gewöhnlichen Reitern auf gewöhnlichen Pferden würde mir das weiter keine Schwierig feiten ge* macht haben, aber hier hatte jch’s mit den besten Rolfen und Reitern zu tun. Es war ein wunderbares Tier, das ich unter


