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Verflüchtigt, aber jene Tage waren haften geblieben in ihrem Gedächtnis. —
Wie oft kam später reicht Fran von Moreth mit,Hans- Mlhelm nach Glossow vder sie war mit dem Vater drüben ans dem Nachbargute; dami tollten die Kinder herum, svielten „Brant und Bräutigam", sangen zusammen, am liebsten aber sprangen sie mit den Hunden durch Wald und Feld.
Eines Tages — sie mochte sieben Jahre alt gewesen sein — hatte Haus-Wilhelm mit glühenden Wangen und glänzenden Augen zu ihr gesagt: „Weißt du, Eva, wenn ich erst groß bin, Leutnant bei Vaters Kürassierregnnent, dann konimst du mit, als meine Frau natürlich. Denn in der Bibel steht: Aber ein Weib wird Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhangen. 'Das hab' ich gestern gelesen. — Willst du?"
Da hatte sie 'den Zeigefinger in den Mund gesteckt und genickt.
Da hatte er ihr einen Kich gegeben — den einzigen bis heute — und ihr offenes, blondes Haar gestrichelt.
„So, jetzt sind wir richtig verlobt. Aber sag's niemand, sonst lachen sie uns aus und" — er hatte im jugendlichen Eifer die Fäuste geballt — „dich soll man nicht auslachen! Wer's tut, der bekomint's mit mir zu tun!"
Gar getreulich hatte er das Geheimnis gewart.
Und als sie mit sechszehn Jahren, in der kleinen Glos- sower Dorskirche konfirmiert worden war, ihre Angehörigen, Frau von Moreth und Hans-Wilhelm, der kurz vorher Offizier geworden war, an ihrer Seite standen, da irrten ihre Gedanken plötzlich ab von der heiligen Handlung — wie's kam, wußte sie selbst nicht — lind es fuhr ihr tote ein Blitz durch beit Kopf: Wenn werde ich mit Hans-Wilhelm hier am Mar knien, um Gottes Segen, für unseren.Lebensbund zu erflehen?
O, bald — spätestens in zwei Jahren! antwortete ihr Herz.
Und acht Jahre waren ins Land gegangen, wenig, Gutes, viel Schlechtes hatte sie über Hans-Wilhelm gehört, und dennoch schlug ihr Herz, heute heftiger denn je, für den Gespielen ihrer Kindheit.
Da tauchte ein anderer Gedanke in ihr auf, den sie schon so oft an der Mutter Sarg gehabt.
Warum hatte ihr Vater nicht eine zweite Ehe mit Frau von Moreth geschlossen? War er doch Hans-Wilhelms Vormund gewesen, stand er der einsamen, immer noch schönen Frau, deren Haar in Kummer um den Sohn erblichen war, doch heute noch mit Rat und Tat zur Seite. Hatte sie den Vater ausgeschlagen, den Mann, den alle Welt pries als ein Muster von edler Gesinnung und Gewissenhaftigkeit, der weit und breit keinen Feind hatte?
Das Leben hatte sie gereift, die eigene Erfahrung hatte sie gelehrt, daß ein Mann, anders flihle tote ein Weib. Gewiß, ihr Vater sehnte sich nach einer milden Frauenhand, die ihm nach'des Tages Last und Mühe die Sorgen von der heißen Stirn strich, denn Graf Relendorff verwaltete seinen großen Besitz, auf dem mehrere industrielle Unternehmungen durch seine Tatkraft entstanden waren, mit eiserner Pflichttreue.
Noch einen Blick warf Eva auf die Särge, dann stieg sie die Treppen hinauf, mit lautem Gebell von. Wodan empfangen. Mrrend fiel das eiserne Gitter ins Schloß.
Das langgestreckte, zweistöckige Herrenhaus betrat sie durch eine vom Speisesaal in den Garten führende große Freitreppe.
Gehorsam legte sich der Hund sofort neben die Tür; er wußte, nach dem Frühstück brachte ihm seine Herrin ein paar Leckerbissen heraus.
Ein Diener war mit dem Tischdecken beschäftigt und trat auf Eva zu.
„Der Herr Gras haben vorhin nach der gnädigsten Komtesse gefragt."
„Schon lange?"
„Etwa vor einer Stunde — gleich nach Eingang der Post."
Sofort begab sich Eva zu ihrem Vater. Ms sie das Arbeitszimmer betrat, erhob er sich aus seinem Sessel am Schreibtisch; lang wallte sein weißer Vollbart über den zugeknöpften schwarzen Gehrock, den er stets bei sich trug.
„Du hast nach mir gefragt, lieber Papa?"
„Ja, mein Kind, ich habe Wichtiges mit dir zu reden/« Er rollte ihr einen Ledersessel an den Schreibtisch.
Also eine ernstliche Angelegenheit, nach den Vorbe- reitnngen zu schließen, dachte Eva.
„Ich habe vorhin einen Brief vom Grasen Norderoog erhalten."
„Interessiert mich wenig, lieber Papa. Was will er denn?"
Prüfend sah der alte Herr feine Tochter an, die schlug die Augen nieder und wurde rot.
„Ich vermute, du weißt es schon, mein Kind."
Da nahm sie alle Energie zusammen.
„Wenigstens vermute ich den Inhalt des Briefes. Er hält um meine Hand an?"
„Nun, so schroff fällt ein Mann wie Graf Norderoog nicht mit der Tür ins Haus. Er bittet, uns besuchen zu dürfen."
Eva sprang auf.
„Schreibe ihm, es sei zwecklos."
„Gemach- mein Kind!" Der Graf hob langsam dis rechte Hand. „Nimm erst einmal wieder Platz."
Gehorsam kam sie dem Wunsche des Vaters nach.
„Wso, warum soll sein Kommen zwecklos fein. Hebe Eva?"
„Weil — weil — Gott Papa, du weißt doch — ich liebe ihn nicht."
Der Vater nickte mit dem Kopse. ,
„Auf die Antwort war ich gefaßt, und — so leid es. mir tut — ich werde ihn doch bitten, zu uns zu kommen/«
„Papa, dir tut es leid, und — und du willst ihn doch! bitten, zu kommen?"
„Ja, mein Kind, weil es sein muß."
„Das verstehe ich nicht."
„Deshalb bat ich dich, in dem bequemen Sessel Platz zu nehmen, denn ich muß längere Zeit mit dir reden; das Frühstück mag warten. — Wie es um dich steht, weiß ich. Ansaugs ließ ich dich gewähren, weil mein Wunsch sich mit dem Deinigen deckte. Aber die Zeiten haben sich geändert. Hans-Wilhelm ist deiner nicht würdig, liebe Eva!"-
Ein Zittern ging durch ihren Leib, die schmalen Finger krampften sich in der Seitenlehne des Sessels, mit großen tränenleeren Augen starrte sie den Vater an.
„Ich muß dir wehe tun, mein liebes Kind, aber endlich heißt es klar sehen. Weil ich erkannte, daß Deine Gefühle entern Unwürdigen gehören, stellte ich dich trotz deines Sträubens in Berlin bei Hofe vor. Ich sagte mir: andere Eindrücke, neue Bekanntschaften werden hoffentlich das Bild! des Jugendgefpielen in deinem Herzen verwischen. Das mag hart klingen, aber als dein Vater durfte ich nicht anders handeln. Hätte ich dir damals gesagt: Du mußt brechen mit ihm auf jeden Fall, so wäre ich auf harten Widerstand bet dir gestoßen, du hättest mir — vielleicht nur im stillen — vorgeworfen, ich hätte kein Verständnis für das Denken und Fühlen der Jugend. Glaube mir, es ist mir bis heute noch nicht abhanden gekommen. Aber so, tote es war, ging es nicht weiter. Mit großer Bekümmernts habe ich wahrgetwmmen, daß Hans-Wilhelm so fest in Deinem Herzen sitzt, daß selbst ein Mann tote ein Graf Norderroog keinen Eindruck auf dich zu machen schien, oder — ich kann mich ja irren — nach Deiner Ansicht nicht machen durfte, weil du mit der Entschiedenheit, die die Jugend in solchen Dingen eigen ist, glaubst, es sei charakterschwach, nach einer ernsten Liebe noch eine zweite zu haben. Ich, als Dein alter, in Ehren weiß gewordene Vater, sage dir: das wäre deinerseits eilt großer Irrtum. Rede dir nicht ein, die Männer fühlten anders wie die Frauen. Menschen sind wir alle — der Gedanke soll uns das Haupt beugen, aber auch freudig emporrichten. Wir sind zum Kämpfen geboren, nicht um untätig die Hände in den Schoß zu legen undj zwar zu warten, und ich glaube, liebe Eva, du hast lang« genug gewartet — Vergeblich. Denn ich muß leider wiederholen, daß Hans-Wilhelm deiner nicht wert ist."
„Papa, verzeih mir eine Frage. Ich würde sie niemals an dich stellen, obgleich sie mich schon sehr, sehr lange beschäftigt, wenn du sie nicht selbst mit deinen letzten Worten herausgefordert hättest."
(Fortsetzung folgt.)


