Ausgabe 
27.2.1913
 
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Donnerstag, den 27. Zebruar

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ffrsuenliebe.

Roman von Horst B o d e m e r.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 2. Kapitel.

Ans der Mine stand eine hohe Franengesralt und blickte hrnails anfs brausende Meer. In der Nacht hatte ein hef­tiger Nordwind eingesetzt, wild brandeten die Wogen am Strande,^die sich überschlugen und zischend zwischen die großen Swinblöcke fuhren, an ihnen heraufleckend und dann klatschend zurücksinkend. Fahl schien die Sonne aus den Wolkensetzen heraus. Möwen schossen mit lautem Ge­schrei iiber die Wassermassen, bald zwischenden Wellen­bergen" verschwindend, bald hoch zum Himmel strebend.

Der Wind spielte im blonden Gelock Eva Relendorffs, die mit ernstem Gesicht in die Ferne sah. Sie mochte vierundzwanzig Jahre zählen, ein frisches Rot färbte ihre Wangen, über ibre Stirn lief 'senkrecht eine leichte Falte. Sie war in Nachdenken versunken.

Hans-Wilhelm kam üi den nächsten Tagen; gestern hatte es ihr Frau von Moreth gesagt. Sie wandte den schmalen Kopf mit der feinen aristokratischen Nase, die Temperament verriet, nach rechts. Dort drüben ragte aus den grünen Bäumen ein langgestrecktes, einfaches Herren­haus hervor seine Heimat, Moreth. Unten in der Mulde, nicht sichtbar von der Düne, lag das Dors.

Seit einem Jahr war er nicht bei ferner Mutter ge- ioes-eu. Wie freute sich Eva nun, den vier Jahre älteren Spielgefährten ihrer Kindheit wiederzusehen. Viel war auf sie eingestürmt in diesen letzten zwölf Monaten. Im Winter hatte sie der Vater, der dem Herrenhaus angehörte, bei Hofe vorgestellt, Sie war gefeiert worden, nicht um ihrer Schönheit willen, wußte rnan doch, daß sie als einziges Kind einst Erbin von Gloss-ow rind einer reichlichen Mil­lion in barenr Gold wurde. Wer keinen hatte sie erhört. Man nannte sie stolz, unnahbar. Daß ihr Herz nicht mehr frei war, lag allen fern, denn wer hätte Eva Nelendorff nicht gern zunr Altäre geführt? Und vor kurzem war sie mit ihrem Vater in Baden-Baden gewesen, der dort in den großen Rennen ein paar Pferde laufen ließ. Im Internationalen Klub -auf der Lichtentaler Allee, dem Treff- punkt der ersten Gesellschaft hatten sie verkehrt, und wieder war sie der Mittelpunkt eines Kreises geworden, der ihr Huldigungen zu Füßen legte. Einer war darunter gewesen, beit hätte ihr Vater von Herzen gern als Schwiegersohn willkommen geheißen, Graf Norderoog, ein Diplomat von sechsunddreißig Jahren; die Welt sagte, er sei der Mann der "Zukunft. Zuletzt war -er Legationssekretär in Teheran gewesen, dort hatte er durch eme entscheidende Tat ver­standen, seine Vorgesetzten und die weite Oeffentlichkeit in günstigem Sinne auf sich aufmerksam zu machen, und Gelegenheit, sich auszuzeichnen, ist für einen Diplomaten

viel, fast alles. Er war ins Auswärtige Amt berufen worden, man munkelte, er solle in allernächster Zeit einen Gesandtenposten in Südamerika erhalten trotz seiner Jugend. Wer auch er hatte keine Gnade vor Eva ge­funden, geschickt hatte sie es stets vermieden, mit ihm allein zu sein, wie deutlich er seine Absichten auch kund- geben mochte.

Langsam wandte sie sich um und trat den Heimweg an; sie durfte ihren Vater mit dem zweiten Frühstück nicht warten lassen, denn er war die Pünktlichkeit selbst.

Sie gingen an den weiten Feldern vorbei, über deren Stoppeln der Wind blies, -der wieder mit einzelnen heftigen Stößen einsetzte, der Parkpforte zu, über die bei ihrem Näherkommeu ein langhaariger Bernhardiner setzte.

Wodan, wer hat dich denn von der Kette losgemacht?" Der Hund rieb seinen dicken Kopf an ihrem Kleide und wedelte mit der buschigen Rute.

Sonst nahm sie ihn immer mit; heute, wo ihre Ge­danken lebhafter als sonst bei Hans-Wilhelm weilten, wollte sie allein sein, ganz allein.

Sie warf den Kopf mit dem vollen, einfach geschlun­genen Haarknoten in den Nacken, die Unterlippe schob sie vor. Das gab ihrem Gesicht ein trotziges Aussehen.

Dann streichelte sie den: Bernhardiner den Kopf.

Nicht wahr, Wodan, wir halten zusammen?"

Da umkreiste sie der Hund mit langen Sprüngen uttb bellte dazu, als wollte er ihr sagen:Befiehl nur, ich ge­horche und schütze dich!"

Wodan war auf den Mann dressiert und hing mit selbst bei -einem Hunde seltener Treue an seine Herrin.

Aus der Tasche nahm sie eine kleine zusammenklapp- bare Schere, öffnete sie und schnitt die letzten Herbst­blumen ab, dann wandte sie ihre Schritte seitwärts. Aus dem Grün der Bäume blickte ein kleiner Sandsteinban heraus. Sie öffnete das Gitter und schritt mehrere Stufen hinab. Gehorsam blieb der Hund vor dem Eingänge liegen, denn er wußte, daß -er diesen Ort das Erbbegräbnis nicht betreten durfte.

Auf der Mütter Grabstätte legte sie die frischen Blumen nieder; neben dem Sarge standen zwei Heinere, dort ruhten Bruder und Schwester, -die sie nie gekannt; auch diese schmückte sie mit ein paar Herbstrosen.

Sinnend blickte sie auf der Mutter letzte Ruhestatt nieder. Als sie noch im zartesten Kindesalter gestanden, hatte der Tod die kaum Gekannte dahingerafft; nun der Liebe Npt an ihr Herz pochte, vermißte sie der Mutter Liebe schmerzlich. Die Vergangenheit zog an ihrem geistigen Auge vorüber, die Tage, da die Gouvernante ihr gesagt: Still, klein Euchen, Mutti ist krank!" Und wenige Tage später als sie nach der Mutter verlangte, hatte ihr der Vater weinend geantwortet:Mutti ist zum lieben Gott gegangen, um ihn zu bitten, daß du ein recht braves Kind wirst!" Vier Jahre war sie damals alt gewesen. Alle Erinnerungen rhrer früheren Kindheit hatten sich