Ausgabe 
27.1.1913
 
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Maße erfüllte. Um ein Pferd, das laufen soll, um einen Hahn, der kämpfen soll, um einen Hund, der Ratten sangen soll, zu sehen, werden sie ruhig den Kaiser mit all' feinem1 Ruhm stehen lassen, und sich jenen zuwenden.

Ich könnte Ihnen viele Sportgeschichten aus England er­zählen, meine Freunde, denn ich habe ein gut Teil gesehen, als ich nach meiner Freilassung bei dem Lord Ruston zu Besuch weilte. Es dauerte nämlich Monate, ehe ich nach Frankreich znrikkkonnte, und die ganze Zeit verbrachte ich bei dem biederen Lord auf seiner herrlichen Besitzung High Combe im nördlichen Dartmoor. Er war dabei gewesen, als mich die Polizei ver­folgt hatte, und war, als ich überwältigt wurde, von dem gleichen Gefühl evfüllt, das auch ich gehabt haben würde, wenn ich in "meinem' Baterlande einen tapferen und schneidigen Soldaten ohne Freund und ohne jede Hilfe gesehen hätte. Kurzum, er nahm mich bei sich auf, kleidete mich, verköstigte mich und behandelte mich tote einen Bruder. Das muß ich den Engländern nachsagen, sie waren stets großmütige Gegner und Leute, wegen die zu fechten eine Lust war. Auf der Pyrenäenhalbinsel pflegten uns die spa­nischen Vorposten ihre Musketen unter die Nase zu halten, die englischen dagegen ihre Feldflaschen. Und von all' diesen edel­gesinnten Menschen war dieser wunderbare Lord, der einen in Not geratenen Feind so warm beschützte, der edelmütigste.

Oh, was für prächtige Sporterinnerungeu ruft der Name High Combe in mir wach! Ich seh 's jetzt noch vor mir, das lange, niedrige Backsteingebäude mit den weißen Sandstein- säulen vor dem Eingang. Er war ein bedeutender Sportsmann vor dem Herrn, dieser Lord Ruston, und seine ganze Umgebung bestand aus Gleichgesinnten. Mer Sie werden sich wundern, Messieurs, toenn ich Ihnen sage, daß es nur wenige Sportarten gab, in denen ich ihnen nicht ebenbürtig war, und daß ich sie in verschiedenen sogar übertraf. Hinter dem Haus war ein Wäldchen mit Fasanen, und Lord Rufton hatte die Liebhaberei, diese Tiere zu schießen, wenn sie, von Treibern aufgescheucht, heraus­kamen. Ich für meine Person fing die Sache geschickter an, ich studierte die Lebensgewohnheiten dieser Vögel und erlegte sie in Mengen, als sie nachts auf den Bäumei: saßen und schliefen.*) Ich tat fast keinen Schuß daneben, aber der Aufseher eilte herbei und erklärte mir in seiner rauen englischen Weise, ich möchte doch die übrigen schonen und aufhören^ Ich war in der angenehmen Lage, meinem edeln Lord zwölf Stück an jenem Wend auf den Tisch legen zu können. Er lachte und war bei ihrem Anblick so erfreut, daß 'er mir zurief:Gütiger'Gott, Gerard, Sie werden noch mein Tod sein!" Diese Schmeichelei sagte er mir noch oft, denn ich setzte ihn bei jeder Gelegenheit in Staunen üher die Art, wie ich mich an den englischen Sports beteiligte.

Sie haben ein Spiel, das sie Kricket nennen und im Sommer spielen, und das ich ebenfalls erlernte. Der Dbergärtner Rudd war ein famoser Spielet, und der Lord gleichfalls. Vor bem Haus war ein Rasenplatz, auf bem mich Rudd das Spiel lehrte. Es ist ein angenehmer Zeitvertreib, hauptsächlich für Soldaten, denn "man versucht sich gegenseitig einen Ball zuzuschlagen, und hat nur ein kleines Stöckchen zum parieren. Die Grenze, über die man nicht zurückweichen darf, ist auch durch drei Stöcke abgesteckt. Ich kann Ihnen versichern, Messieurs, baff es kein Kinderspiel ist, und ich will Ihnen aufrichtig gestehen, daß ich trotz meiner neun "Feldzüge erbleichte, als der Ball zum erstenmal mir dicht am Ohr "vorbeisauste. Es ging so schnell, daß ich gar keine Zeit hatte, meinen Stock zum Parieren aufzuheben, aber zum Glück traf er nicht mich, sondern knickte die hölzernen Grenzstäbchen um. Dann war Rudd an der Reihe, sich zu verteidigen, während ich angreifen mußte. Ms' Junge in der Gascogne hatte ich ge­rade zu schleudern, so daß ich sicher glaubte, diesen braven Eng- länger treffen zu können. Mit einem Jubelschrei stürzte ich vor und schlug den Ball. Er flog schnell wie eine Kugel gerade auf ihn los, aber Rudd schwang lautlos seinen Stock und versetzte dem Ball einen Schlag, so daß er hoch- "in die Lust ging. Lord Ruston klatschte laut, Beifall. Ich bekam den Ball mieber, und mußte wieder attackieren. Diesesmal sauste er ihm am Kopf vorbei, und es schien mir, daß er nun erbleichte. Wer er war ein unerschrockener Mann, dieser Gärtner, und er forderte mich zum dritten Male auf. Ah, mes amis, jetzt hatte die Stunde meines Triumphs geschlagen! Er hatte eine rote Weste an, und die benutzte ich nun als Zielscheibe. Sie würden mich für einen Schützen, nicht für einen Husaren, gehalten haben, denn noch nie hat's einen so guten Treffer gegeben. Mit einem ver­zweifelten Aufschrei dem Schrei eines tapferen Mannes, der besiegt ist fiel er hinten über auf die hölzernen Pflöcke, so daß sie alle auf den Boden rollten. Er war grausam, dieser englische Milord, und er lachte dermaßen, daß er seinem Untergebenen nicht fern Hilfe kommen konnte. So mußte ich denn als Sieger hinzu­eilen, und diesem wackeren Spieler auf dis "Beine helfen, indem ich ihm Lob, Mut und Hoffnung zusprach. Er hatte Schmerzen und konnte nicht gerade stehen, und doch behauptete der ehrliche Kerl, daß ihm weiter nichts passiert wäre.'Er' tatS absichtlich! Er tat's absichtlich!" sagte er immer wirt)er. Jawohl, es ist ein

. *) Also die denkbar fvortwidrigste Art, Fasanen zu erlegen, tote Gerard überhaupt gerade das Regelwidrige, ja das als infam Verpönte fälschlich für das Wesentliche ober doch Erlaubte bei Ausübung des Sports hält.

großartiges Spiel, dieses Kricket, und ich hätte gerne noch 'mal wieder mitgespielt, aber der Lord meinte, es" fei schon spät im Jahre, und so wollten sie nicht mehr spielen.

Wie komisch ist's von mir, daß ich als alter gebrochener Mann noch so gerne bei diesen Erfolgen verweile, und doch muß ich zugeben, daß mir die Erinnerung an die Frauen, die mich geliebt haben, und bie_ Männer, bie ich geschlagen habe, meine alten Tage noch versüßt und erträglicher gestaltet. Es berührt mich heute noch angenehm", wenn ich daran denke, daß mir fünf Jahre später, als ct nach bem Friedensschluß mach Paris kam, der gute Lord noch versichern konnte, daß mein Name in Nord- Devonshire wegen meiner feinen Streiche immer iroch sehr be­rühmt sei. Besonders, sagte er, hätten sie mich wegen meiner fßattie Boxen mit dem Baron Äaldock noch in gutem Andenken. Diese Sache trug sich so zu. Eines schönen Wends kamen eine Menge Sportsleute zu Lord Rufton zu Besuch. Sie trauten viel Wein, machten verwegene Metten und sprachen von ihren Pferden und Füchsen. Ich kann sie mir noch alle Vörstetten, diese wunder­lichen Kunden, den Grasen Barrington, Jack Lupton aus Barn- staple, Oberst Adison, Johnny Miller, Lord Sadler und meinen Feind, den Baron Baldock. Sie waren alle vom selben Schlag, Trinker, Fechter, Spieler, tolle Burschen voll seltsamer Einfälle und merkwürdiger Scherze. Wer trotzdem waren sie in ihrer rauhen Manier gute Kerle mit alleiniger Ausnahme dieses Baldock, eines dicken Mannes, der mit seiner Fertigkeit und Gewandtheit im Boxen renommierte. Als er sich über die Franzosen wegen ihrer Unkenntnis in Sportsachen lustig machte, forderte ich ihn auf den Sport heraus, Womit er sich groß tat. Sie werden vielleicht einwerfen, mes amis, daß es töricht war, aber der Becher hatte schon vielmals gekreist, und mein jugendliches Blut war erhitzt. Ich wollte mit ihm boxen, mit diesem Prahlhans, ich wollte ihm zeigen, daß, toenn wir auch keine Geschicklichkeit in solchen Dingen hatten, es uns doch nicht an Mut gebrach. Lord Ruston wollte es nicht zugeben, aber ich bestaird darauf. Die anderen spornten mich an und klopften mich aufmunternd auf die Schultern.Nein, lass' es, Äaldock, er ist unser Gast," rief Rufton.Es ist seine eigene Schuld," antwortete dieser. Sieh, Ruston," schrie Lord Sadler,sie können sich ja nicht verletzen, wenn sie die Mawleys tragen." Und unter dieser Be­dingung gab Rufton seine Zustimmung.

Ich hatte keine Ahnung, was Mawleys waren; aber gleich brachten sie vier .wüste lederne Ungetüme angeschleppt, bte so ähnlich tote Fechthandschuhe aussahen, aber bedeutend größer waren. Diese mußten wir über die Hände stülpen, nachdem wir Rock und Weste ausgezogen hatten. Dann würbe der Tisch mit den Gläsern und Flaschen in eine Ecke geschoben, und wir beide standen uns gegenüber von Angesicht zu Angesicht! Lord Sadler setzte sich in einen Lehnstuhl und hielt bie Uhr in der Hand.Los!" sagte er.

Ales amis, ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, daß ich in diesem Moment 'gezittert habe, was bei keinem meiner zahl­reichen anderen Duelle der Fall war. Auf Säbel und Pistole verstehe ich mich; aber hier wußte ich nur, daß ich mit diesem dicken Engländer ringen sollte und mich bemühen mußte, ihn trotz der riesigen Dinger an meinen Händen unterkriegen. Uitd gleich im Anfang wurde mir der Gebrauch der besten Waffe, die ich noch besaß, untersagt.Aber feinen Fußkampf, lieber Gerard!" ftüfterte mir mein Gastgeber ins Ohr. Ick) 'hatte zwar nur ein Paar leichte Tanzschuhe an, aber einige wohlgezieltö Bauch- tritte würben mir bei der Korpulenz meines Gegners doch den Sieg erleichtert haben. Wer es bestehen dabei gerade so gut Vorschriften wie beim .Fechten, und ich mußte also verzichten. Ich betrachtete mir diesen Engländer und überlegte, wie ich ihn angreifen sollte. Er hatte große, abstehende Ohren. Wenn ich die erwischen konnte, .war es vielleicht möglich, ihn daran zu Boden zu zerren. Ich griff ihn, aber die ungeteilten Handschuhe waren mir im Wege, und zweimal mußte ich ihn wieder los- lassen. Er schlug auf mich ein, aber ich kümmerte msich den Teufel um seine Püffe, sondern faßte ihn wieder am Ohr. Er fiel, und ich stürzte auf ihn und stieß feinen .Kopf auf den Boden. Wie sie mir zujubelten und sich freuten, bie wackeren Engländer, und wie sie mich auf den Rücken klopften!

Ich setze Geld auf ben Franzofen," rief Lord Sadler.

Er kämpft unfair," schrie mein Gegner und rieb sich feine roten Ohren.Er hat mich zu Boden geworfen."

Damit mußt du rechnen," sagte Lord Rufton kühl.

Los!" rief Lord Sadler, und wir nahmen wieder Angriffs- ffcUung ein.

Er war rot vor Zorn, und seine kleinen Augen waren falsch Wie die einer Bulldogge. In seinen Blicken zeigte sich Haß. Ich meinesteils war aufgeräumt und lustig. Ein französischer Kavalier kämpft, aber er haßt nicht. Ich machte meine Verbeugung, wie ich's in jedem Duell getan hatte. Sie kann graziös, höflich und verächt­lich fein. Ich legte von jedem dieser Attribute etwas hinein und begleitete sie noch mit einer etwas ironischen.Bewegung der Schulter. In diesem Augenblick versetzte er mir einen Stotz. Das Zimmer drehte sich mit mir im Kreis herum, ich stürzte hinten über. Wer im Moment war ich wieder auf und wurde nun mit ihm handgemein. Ohren, Haar, Nase, alles benutzte ich als An­griffspunkte. Das Wilde Kampfblut regte sich in meinen Adern. Der alte Siegesruf enttaug sich meinen Lippen,Es lebe der