Ausgabe 
26.11.1913
 
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man muß schon so leichtgläubig tote em Politiker fern, um von der Beseitigung der naturnottoendigen Staude- Unterschiede einen Fortschritt zu erwarten; die allgemeine Gleichmacherei würde uns int Gegenteil sehr bald ins Chaos, in die Tierheit zurückführen. Doch da tönt der pochende Stab des Hofinarschalls aufgepaßt! Die Herrschaften fottiutcn!"

Dell überragte mit seiner Hoheit, kräftigen Gestalt die meisten der Geladenen; er konnte daher bequem den Eintritt des kronprinzlichen Paares und feines Gefolges übersehen. Freundlich leuchtenden Auges, im frohen Glanze seiner Sieg- frtedsschöne bewegte sich der Kronprinz lässig vorwärts, sah sich frei im Saale um und begann dann, fich den ihm zunächst stehenden und sich tief verbeugenden Herren zu widmen, hier eine Hand bietend, dort ein flüchtiges Wort der Begrüßung oder einen Scherz züm Besten gebend, von entern zum anderen langsam weiter vorzuschreiten. Die Frau Kronprittzessin tat mit bestrickender Huld ein gleiches den Damen gegenüber, und Teil konnte beobachten, tote ,te längere Zeit mit Frau von Brank sprach, der sie schließlich die Hand reichte, die diese mit tiefem Knix ehrerbietig mt die Lippen führte. . _

Ja, ja," dachte Teil,Namen und Stellung berech­tigen hier dazu, bemerkt und ausgezeichnet zu werden; doch wehe dem Armen uttd Unbekannten!" Er hatte noch die Antwort auf Volkers letzte Aeußerung auf der Zunge, aber er verschluckte sie; hier war keilt Ort zu solchen Ausein- attdersetzungen, und zudem war der Maler ein unverbesser­licher ^Optimist, an dem so wie so Hopfen und Malz ver- loren schien. , , . r

Wenn dich nun der Kronprinz nach dem Stande dieser unseligen Einbruchsgeschichte fragen wird, fuhr er,in seinen unerfreulichen Selbstbetrachtungen fort, was wirst du ihm sagen? Bist du nicht verpflichtet, jede Schonung Peters! aufzugeben sund rückhaltlos zu melden, wie die Dinge stehen? Dem Kronprinzen gegenüber würde es dir ja aut Ende tticht schwer fallen; er ist ein menschenfreundlicher und aufge­klärter Herr, er würde dir keinen Vorwurf aus deinen Be­ziehungen zu Peter machen. Aber die Welt, die Gesellschaft! Gegen diese ist auch ein Kronprinz machtlos; er könnte dich nicyt schütten und vor dem Interdikt nicht bewahren.

Eine ttt der Vorhalle des Schlosses den Blicken der Ge­sellschaft entzogene Militärkapelle begann das Konzert mit einer Ouvertüre. Die Frau Kronprinzessin hatte mit einigen bevorzugten älteren Damen an einem Tisch in der Mitte des Saales Platz genommen; zu beiden Seiten von ihr standen halbkreisförmig geordnet kleinere Tischchen, an denen sich der übrige wetbllche Teil der Gesellschaft auf weiß- und goldverzierten Rokokosesseln niedergelassen hatte. Auch sür die Minister und Generale hatte sich hier und da noch ein Stuhl an den Tischen der Damen gefunden, tvährend di« Herren geringeren Grades und namentlich die vielen jünge­ren Offiziere an den muschel- und steingeschmückten Wänden entlang einen glänzenden Rahmen des bunten Bildes dar­stellten; ein Deck von ihnen stand und schaute mit Interesse nach den Damengruppen, ein anderer Teil hatte es sich be­quem gemacht und ruhte sich in den altertümlichen, seiden­gepolsterten Wandsesseln behaglich aus.

Tell stand in einer Ecke des Saales, in der sich der Konzertflügel befand; neben dem Flügel saßen ein paar Sänger und Sängerinnen der Königlichen Oper, die zu den musikalischen Solovorträgen hierher befohlen waren.

Doch er hätte weder Lusst der Militärkapelle zu lauschen, noch sich den Damen des Theaters zu widmen, die ihm dem Ansehen nach bekannt waren und mit denen er ziemlich un­bemerkt hätte plaudern können. Was ihm noch bett letzten Rest von Stimmung raubte, war die Entdeckung, daß sich der Leutnant von Randenstein an bett Br attischen Tisch, dicht neben Ellen, gesetzt hatte und trotz seiner zur Schau getragenen Aufmerksamkeit auf bett Vortrag der Militär­musiker boch Zeit und Gelegenheit fand, seiner Nachbarin ab und zu etwas.ins kleine Ohr zu raunen, was diese jedes­mal mit einem dankbaren Lächeln erwiderte. Wie prächtig paßt doch dieses Paar zusammen! dachte der unbewußt Eifersüchtige in qualvollem Neide; sie, eine zierliche, elfen- bafte Person mit dem ganzen Zauber itttb Liebreiz einer süd­lichen Schönheit, und er, ein germanischer, hochgewachsener Recke mit dem hellblonden Schnurrbart, den frischen, roten Wangen und den Haren, blauen Augensternen! Wie sie schäkern und lachen! Was mögen sie nur einander mitzu^ teilen haben? Der Glückliche, dem der süße Odem dieses!

Mädchens schmeichelt! Du könntest jetzt an seiner Stelle seist/ toenn du den Mut gesunden hättest, dich schnell an diB Damen heranzumachen und dich durch keinen dieser kecken Marsjünger mehr vertreiben zu lassen!

Und da ertappte er sich wieder auf seinem nie gänzlich überwundenett Vorurteil gegen die nach seiner Ansicht ge­sellschaftlich so verwöhnten Offiziere. Was, zum Teufel,/ hatten sie denn vor einem, wie er selbst toar, voraus, daß sie überall die erste Rolle spielten und die freundlichen Blicke der jungen Damen wie einen ihnen zukommenbeu Tribut, wie etwas ganz Selbstverständliches einheimsten? Hatte er denn nicht mehr gelernt, als die meisten dieser Herren, die eittweder nur eine Kadettenerziehung genössest und besten Falls ein oder zwei Jahre laug studiert hatten, um doch auch den Uebermut studentischer Empfindungen aus eigener Erfahrung kennen zu lernen? Was galt das Wissen aller dieser jungen säbelllirrenden Herren gegen das seine? Und wie eine Bestätigung seiner Geringschätzung der jugend­lichen Vertreter des Wehrstandes hörte er gerade eine Frage, die sein Nachbar, der Rittmeister von Tollen, an einen Universitätsprofessor, der neben ihm stand, richtete:Und auch in diesem Falle haben Sie Baccillen als Träger des Giftes gesunden?"

Baccillen!" wiederholte Tell leise für sich nut spötti­scher Betonung des hier fälschlich verdoppelten C's,dieser Mann leitet das.Wort offenbar vonbacca", die Beere, oder vielmehr gar vonBackzahn" ab; tote gering ist doch der Wissensbattast, mit dem ein solcher Kavalier sein Lebens­schiff befrachtet, und dennoch steuert er es kühn in den Ozean der Gesellschaft hinaus und die Götter geben ihm günstige Winde und lustige Fahrt, und er darf an den reizendsten! Gestaden, ja, bei den Inseln der Seligen vor Anker gehens, wo ihm liebspendende Nymphen winken und die gebratenen Tauben in den Mund fliegen."

Er hatte biefett feindseligen Betrachtungen gegen Völker, der auf seiner anbereit Seite stand, leisen Ausdruck gegeben, doch der Maler schüttelte lebhaft mit dem Kopfe: Da sind sie wieder auf dem Holzwege, mein bester Herr Staatsanwalt! Sie überschätzen das tote Wissen toter Spra­chen und haben keine Ahnung von der glücklichen Äufft fassunaskraft, der tüchtigen Charakterbildung, der prakti­schen Findigkeit unserer jungen Offiziere; sie sehen noch allzusehr unter dem Gesichtstvinkel jener armseligen Possen- fabrikänten, die mit der Karikatur des Leutnants wohl den billigen Beifall der Theatergrünliuge erkaufen, durch ihr flaches Machwerk aber nur verraten, daß sie nie zu den feine­ren Kreisen, die sie verspotten, Zutritt gewannen. Glaubest Sie doch um Gottes Willen nicht, daß man mit den Abwand­lungen von rnensa und typo, in bereit Kenntnis bie ganze akademische Bildung so mancher unserer studierten jungen Herren besteht, noch einen Hund Vom Ofen locken kann; selbst mit einem tieferen Verständnis der alten Griechen und Rö­mer kann man es nicht mehr. Ihr Nachbar, der Herr von Tollen, dagegen kann sich mit den hier amveseiiden Diplo­maten französisch ober englisch unterhalten; er kann tanzen, schwimmen, turnen, fechten uttb ein Pferd tummeln; er hat nicht nur bett Geist, sondern auch bett Körper gestählt, und bietet, wenigstens meinem Geschmacke nach, ein unendlich an- mutenderes Muster deutscher Mannheit, als so ein brilletitra- gender, engbrüstiger oder skoliotischcr Gelehrter, der seinen Homer zwar vorwärts und rückwärts herbeten kann, aber wenn er itt den Sattel gesetzt würde, sofort die Unsterblichen um Hilfe und Erlösung an rufen würde."

In Geschmackssachen ist übrigens das weibliche Ge­schlecht allein entscheidend, und das reicht bei uns allemal dem jungen Krieger den Kranz wie Figura zeigt", fügte er lustig hinzu. Er stieß dabei den Staatsanwalt leise mit dem Ellbogen au und bezeichnete durch eine Kopfbewegung die Richtung, in welcher Ellen saß, die eben wieder über eine Bemerkung, die ihr Randenstein zugeflüstert hatte, belustigt lächelte.

Tell schaute finster hin und zuckte die Achseln.

Nun, ich werde sie gewiß nicht stören", dachte er bei sich;sie scheint mir, was Unterhaltung anbetrifft, ebenso begnügsam, wie alle diese blaublütigeu Backfische. Ach!" seufzte er ungeduldig,toenn dieser Abend nur erst überstan-, den wäre."

(Fortsetzung folgt.)