Mittwoch, den 26. November

1915 - m. M

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Lsurrnblut.

gSoman von Gerhart v. Amyntor (Dagobert v. Gerhardt).

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Tell, der sich der freundlichen Einladung des Freiherrn zur gemeinschaftlichen Benutzung des Wagens nur aus Scheu, mit Ellen zusammenzukommen, entzogen hatte und Mit anderen Geladenen nach den: Palais gefahren war, sah die Bramsche Familie unmittelbar vor sich in den Grotten- saal eintreten. Die stattliche Gardeulanenuniform des Land- edelmann.es, das dunkelblaue, mit langer Schleppe versehene Samtkleid nebst den vielen funkelnden Brillanten der Frau v/on Brank, und der hellrosa seidene Anzug Ellens, über den sich ein Feenschleier von gleichfarbiger Gaze in duftige Falten legte, gaben zusammen ein lebhaftes und stimmungs­volles Bild, das aber auf den innerlich gequälten und mit jüf; uneinigen Mann des Gesetzes seine innere Wirkung durchaus verfehlte. Er wurde plötzlich wieder inne, daß er doch eigentlich gar nicht in diese ausgewählten Kreise ge­hörte, daß ihn nur ein toller, vielleicht boshafter Zufall hierher gebracht hatte, und daß der Kronprinz von ihm nur Aufklärung in einer Sache verlangte, die er, trotz der Vivn ihm veranlaßten Verhaftung Carvalhos, bisher doch eigentlich nur zu verdunkeln bemüht gewesen war.

Unfroh und verbittert schaute Tell sich im Saale um. Wenn irgendwo, so wurde ihm hier wieder in ihrer ganzen Tiefe die Kluft aufgedeüt, die den bürgerlichen Beamten von allen jene. Sonntagskindern des Glückes trennte, die auf ererbtem Grundbesitze Hausen und ihre Ahnen bis in die grauste Borzeit zurückverfolgen können, und wenn man ihm auch noch so freundlich cntgegenkommen und scheinbar auf gleichem Fuße mit ihm verkehren würde, es gab doch Wendun­gen des C'e"' ächs, oft Betonungen einzelner Worte, aus denen ir ustich immer wieder das Bewußtsein der ver­zogeneil e t v.iinder herausklang, daß sie eigentlich doch aus ganz and. .m Teige geformt seien, als der dunkle ,Rotu- rier", mit dem sie so herablassend zu verkehren gerade einmal Lust und Neigung hatten.

Hol die Pest die ganze Gesellschaft!" grollte er im stillenshier gilt der Mensch nicht das, was er ist, sondern nur das, was er vorstellt."

Sie machen ja ein Gesicht, als ob Sie Essig ver­schluckt hätten," neckte ihn Völker, der Maler, der ihn zu seiner Ueberraschung entdeckt hatte. Er strahlte vor Lust und Behagen.Sehen Sie doch nur um Gotteswillen die wunderbare Pracht dieses Grottensaales! Diese glitzern­den und flimmernden Metallstufen und Edelgesteine tut den Wänden! Dieses wogende Lichtmeer, das, von Regen- bogenreflexen durchzittert, um die Kristallkronenleuchter wabert! Das ist ein Zucken, Leuchten und Sprühen! Nur rin Meister wie Adolf Menzel konnte etwas Aehnlicbes in

seinem famosenAbendkonzert" wiedergeben es ist wie in einem Märchen, wie in einem unterirdischen Zaubersaal der Gnomen und Berggeister!"

Sie schwärmen," versetzte Dell kühl und unbewegt; natürlich, Sie sind ja ein Künstler, der hier in Farben schwelgen kann, und dazu sind Sie noch einer von jenen! Sonderlingen, die freiwillig der Aristokratie die Schleppe tragen."

Nun ich lasse mich eigentlich mehr mittraaen, Ver­ehrtester! Ich bin selbst ein Aristokrat; ich erwidere nur die Bücklinge, die man mir zuerst macht."

Wie kommen Sie denn hierher?"

Das möchte ich Sie fragen. Ich male den kronprinz- lichen Herrschaften ein Bild und verdanke wohl nur dem Umstande die Einladung; aber Sie, der Großinauisitor aller Bösewichter und Uebeltäter, wie kommen Sie in diese ehrbar­sittsamen Kreise?"

Das harmlose Scherzwort traf den Staatsanwalt viel tiefer, als Völker ahnen konnte; auch reizte es Dell, daß ihm die ohnehin schon -so beneidenswerten Auserlesenen noch als besonders ehrbar und sittsam vorgehalten wurden.

Ich wünschte, ich wäre zu Hause geblieben," stöhnte er mißmutig auf;Schopenhauer hat ganz recht: man hat in dieser Welt nur die Wahl zwischen Einsamkeit und Ge­meinheit."

Ho, ho, ho! Warum denn so gallig, so weltankläge- risch? Doch freilich, Sie sind entschuldigt: Ihr großer Ge- währsmann behauptet ja auch, daß alle ausgezeichneten und überlegenen Menschen melancholisch seien. Du lieber Gott! Ich muß wohl ein recht flaches Durchschnittssubjekt sein, denn ich fühle mich hier außerordentlich behaglich und angeregt."

Das bilden Sie sich doch nur ein; es ist eine von den Autosuggestionen, zu denen Ihr Künstler nun einmal be­sonders veranlagt seid. Sehen Sie doch nur hin, untest welche Menschen wir geraten sind! Dort baut ein Kammer­herr die Würdenträger und Exzellenzen wie eine Schachtel Bleisoldaten auf! Hier wird alles nach dem Schein gewissen­haft abgeteilt -und geordnet. Wir beide, die wir keine Ordens- sterne und keine hohen Titel und keine zweiunddreißig Ahnen haben, wir haben das zweifelhafte Recht, an der Wand zu stehen und der Paradeaufstellung aller dieses Hofberühmtheiten in Ehrfurcht zuzuschauen--"

Und ist das nicht ein unvergleichlicher Genuß?" unter­brach ihn munter der Maler.^Wo würden wir hingeraten mit Ihrer Verwerfung der Stände? Diese Gliederung ist doch ein Naturgesetz, ein unerläßlicher Faktor der Fortent­wicklung des Menschengeschlechts! Wenn sich auch einmal Nullen bis in die höheren Schichten verirren, so sind das Anomalien, die gar bald an sich selber zugrunde gehen, die durch das unerbittliche Gesetz der natürlichen Auslese früh oder spät wieder ausgetilgt uüd vernichtet werden. Die Sehnsucht der Schwärmer nach einer Zeit allgemeiner Ni­vellierung ist ja die allerbeklagenswerteste Kurzsichtigkeit;