Ausgabe 
26.7.1913
 
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Herz widerstanden aus die Tauer nicht. Als die Pflegerin ihm eines Abends seine Arznei geben wollte, war er nicht mehr. Tie Kngen nach dem Kind gcfoaitdt, lag er friedlich da, und die Welken Finger waren um seinen Rosenkranz gefaltet.

Noch in seinen letzten Zügen schier er nm daS Leben des Kindes gebetet zu haben.

Der amerikanische Neger Vd seine §reiheit.

Es ist eine wunderliche Sache um den Menschen und sein Gerechtigkeitsgefühl". Im Jahre 1861 zogen die amerikanischen Nordstaaten in den Krieg gegen die Südstaaten, weil sie es nun einmal nicht länger ertragen konnten, daß die Neger in den Süd- siaaten als Sklaven gehalten, gekauft und verkanit wurden. Es ging gegen ihr Gerechtigkeitsempfinden, daß Menschen, wenn auch anderer Farbe und Rasse, als Waren angesehen und ausgenutzt werden dursten sie kämpften also für die Unterdrückten, und nachdem aus beiden Seiten ungeheure Opfer gebracht und schreck­liche Wunden geschlagen worden waren, erlangten die Northcrners die Freilassung der Sklaven. Diese Freilassung hatte auch groß« Nachteile für die Freigelassenen im Gesolge, denn, sie wußten zuerst mit ihrer Freiheit ebensowenig anzufangen, wie, sagen wir, ein Zugtier, das man aus dem Stalle treibt. Im Grund jedoch war ein hochherziger Gedanke mit großen Opfern verivirklicht worden. Darüber sind 48 Jahre vergangen und über einige Ergebnisse der Sklavenemanzipation kann man jetzt schon ein Urteil fällen oder zum mindesten einige ins Auge springende Punkte konstatieren. Einer dieser Punkte ist die Tatsache, daß dieFreiheit", die der Neger in den Nordstaaten, besonders in New 2)ort besitzt, nur ironisch so genannt werden kann. Es ist wahr, er ist an keinen Besitzer gebunden, er wird mit Mister angeredet, er hat das Bürger­recht und trotzdem wird es ihm in den Nordstaaten bald un­möglich sein, ein Fortkommen zu finden. Tie Stellungen, Berufe und Tätigkeiten, in denen er Beschäftigung findet, iverden täglich weniger man will keineNigger". Die einzige Freiheit, die er vollauf genießt, ist die, den Staub der Nordstaaten von den Füßen schütteln zu dürfen. Soeben kommt die Nachricht, daß »man" die von Negern gefahrenen?lutodroschken nicht mehr in den öffentlichen Garagen dulden will. Dies ist nur e i n Beispiel dafür, ivie man den Neger aus einer Beschäftigung nach der anderen vertreibt, und dabei vermehrt sich die farbige Bevölkerung New Porks fort­während.

In den Südstaaten dagegen, die den Neger in sozialer Hinsicht in weit größerer Entfernung gehalten haben sie haben eben ihr einstiges Herrenrecht nie vergessen können hat er doch un- gleich mehr erwerbliche Möglichkeiten als im Norden. Man findet in fast allen Südstaaten den Neger als Bankier, Landagenten, Kauf­mann, Rechtsanwalt, Arzt, Zahnarzt und selbst Verleger.

Bürgerliche Freiheit ohne Gelegenheit zum Erwerb ist wertlos aber "das WortBoykott" ist auch in Ländern diesseits des Atlantischen Ozeans nicht unbekannt.

Vermischtes.

* Die Ausfüllung der im Erd inn ern durch die K o hI en för b er un g entstehenden Ho h lräum e. Im Jahre 1912 betrug die Steinkohlenförderung Deutschlands 177 Millionen Tonnen. Da die feste Steinkohle das spezifische Ge­wicht 1,3 besitzt, entspricht dieser Kohlenmasse ein Hohlraum von über 135 Millionen Kubikmeter Inhalt. Sehen wir ganz von dem Schüttungsverhältnis der Kohle ab, so ivürde sie, aus einen Haufen aufgestapelt, einen Würfel von über 500 Meter Länge, Breite und Höhe ergeben. Da die dieser Masse entsprechenden weit aus- gedehntcn jährlich frei werdenden Hohlräume große Gefahren für Die Erdoberfläche und deren oberirdische Anlagen, sowie auch für die in Betrieb befindlichen Grubenbaue selbst bringen können, werden sie meist sofort nach der Wegnahme der Kohle wieder anS- gefüllt. Jetzt werden durchschnittlich etwa 50 Prozent der beim Steinkohlenbergbau entstehenden Hohlräume wiederversetzt", wie der technische Ausdruck dafür lautet. Es ist nun interessant, fest- zustellen, wie die ungeheuren, hierzu erforderlichen Versatzmassen von rund 70 Millionen Kubikmeter Inhalt beschafft iverden. Etwa ein Drittel, also etwa 23 Millionen Kubikmeter, gewinnt man ans den Strecken, die man zum Zwecke der Erreichung und Aufschließung der Flöze treiben muß. Aus den geförderten Kohlen sondert man bei der Aufbereitung etwa 10 ProzentBerge", also rund 18 Mill. Tonnen acis, die unter Berücksichtigung des spezifischen Gewichtes etwa 13 Millionen Kubikmeter ausiüllen. Man gewinnt demnach bei dem Betriebe selbst an 35 Millionen Kubikmeter, so daß noch für 35 Millione'. Kubikmeter Material zu beschaffen bleibt. Diese Menge entnimmt man teils den vor Einführung des Versatzbaues in ,großer Zahl angehäuiten imb die Gegend gerade nicht ver­schönernden Bergehalden der Zechen. Zum größeren Teile muß man sich jedoch nach fremdem Bersatzmaterial, ivie Tand, Schlacke, Asche, Lehm usw. umsehen, deren Bef hasfung oft schwierig ist. Tie neuen Zechenanlagen, denen Bergehalden nicht zur Verfügung stehen, sind deshalb zumeist gezivnngen, große Anläufe von Grund und Boden zt, machen, um von diesen durch Abtragen von Bergen und

' Hügeln oder durch Ausschachten das erforderliche Versatzmaterial zu et halten.

kf. Aus der Pariser B e t t l e r z u n s t. Nach der Statistik werden in Paris alljährlich 22 Millionen Franken von Privatleuten an Bettler verschenkt. Die Hälfte dieses Geldes ist offenbar zum Fenster hinausgeworsen unb befördert das Betller- roefen eher, als daß es lindernd wirkt, denn ungefähr die Hälfte der Bettler von Paris, die an irgend einem Gebrechen, wie Blind­heit usw., leiden, sind Schwindler. Lino Ferriaut berichtet auf Grund eigener Studien imPiccolo della Sera", wie die Pariser Bettlerzunst organisiert ist: Die Pariser Berufsbettler haben zu­nächst ihre eigene Zeitung, die ihre Leser über alles Wichtige auf dem Laufenden hält. Ta wirb dauernd eine Liste wohltätiger Per­sonen geführt, Familienseste, bei beiten Geschenke für bie Armen zu erwarten sind, werden rechtzeitig bekanntgegeben, trenn reiche Besucher nach Paris kommen, wird dies in der Bettlerzeitung ver­öffentlicht usw. Die Bettlerzunst hat ferner ein Oberhaupt, das die einzelnen Bettlerposten an Straßenecken, vor Kirchen usw. verteilt, damit die ganze Stadt richtig ausgenutzt wird und dienot­leidenden" Bettler einander nicht ins Gehege kommen. Besonders lehrreich ist eine Erhebung Ferrianis über die Arbeitsscheu der Bettler. Von 727 Bettlern, denen man durch Empfehlungsbriefe Arbeit nachweisen wollte, nahmen nur 312 die Briefe an; 174 unter diesen meldeten sich zur Arbeit, aber 37 hielten es nicht länger als einen halben Tag aus, 68 arbeiteten einen ganzen Tag unb 51 blieben brei Tage lang bei ber Arbeit. Tie übrigen 18 blieben länger« Zeit bei der Arbeit, aber es fanden sich nur 10 darunter, die als Arbeiter brauchbar und nicht dem Alkohol zugetan waren. Zehn unter 312 Arbeitswilligen und 727 Bettlern überhaupt, das ist in der Tat ein erstaunlich geringer Prozentsatz.

Sprachecke der Allgemeine» Deutschen Sprachverein;.

* Süßte aber heißt bie Frau bes Chefs? Tie armen Franzosen! sie haben nur ein feminin zu ihrem che£: chefesse! Ader wir Deutschen sind boch bessere Menschen, haben ihrer brei! Der Chef ist uns ja ein angeblich unentbehrliches Fremdwort, und wir sind klug und erfinderisch, wenn es gilt, uns aus ber Not zu helfen und bie Frau ober gar bie Frau Gemahlin eines Chefs zu bezeichnen ober auch einen weiblichen Chef. Also erstens: ist es wirklich bei unseren deutschen Offizieren Brauch, von berCheseuse" zu sprechen? Nach Spielhagen sollte matt's glauben, beim in seinem RomanOpfer" spricht ein Offizier:Wir alle int Re'ment haben ihn gern. Selbst der Oberst. Hab's von der Chefense selbst." Wenn es Brauch ist, dann ist diese Wortbildung sicher nur scherz­haft anfzufaffen. Ernsthaft aber sind die beiden folgenden Formen gemeint; nämlich zweitens Chefin:Ztt dem frühzeitigen Ableben nuferer hochverehrten Chefin . . . bekunden wir hiermit unsere innigste Teilnahme. Wir werden berjetben (H) ein bleibendes Gedenken bewahren. Das Personal der Firma . . . ." So fianb'5 kürzlich in der Zeitung. Dazu drillens jenes französische Chefesse. Wurde da jüngst über ein Fest berichtet, au dem viele hohe Herrschaften sich beteiligten; Da hieß es:Folgende Damen fungierten (!) als Chefessen (II), respektive (!) Patronessen der ein­zelnen Zelte". Sprache reich und wunderbar--Chefin, Cheseuse,

Chefesse! Mein Liebchen, tvas willst btt noch mehr?

Schach-Aufgabe.

Von F. 91. Gitlins.

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Matt in zwei Zügen.

Auflösung in nächster Nummer.

Auslösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer: Wer den Besten seiner Zeit genug

Getan, der hat gelebt für alle Zeiten. Schiller.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen UniverfitälS-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gießen.