Ausgabe 
26.7.1913
 
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Papier und schmutzigen Bildern zusaminengcflcbt hatten, be­trachten. Andere verkauften Maikäfer für Messiugknöpfe, oder vertauschten Briefmarken gegen Liebigbilder. So trieb das jeden Tag in luftigem Durcheinander, bis es von der nahen Jgnazkirche denEngel des Herrn" läutete. Tann imutc es rasch still in den holprigen Gassen.

In dem schmutziggrauen Hause, das hart an der düsteren Tnrmwand lag, saßen oben in einem schmucken, niederen Zimmer- chen, in dem cs trillerte und pipte von kleinen und großen Ka- naricnvögclchen, drei weibliche Wesen in versunkener Zufrieden­heit beieinander. Die Augen der ältesten hingen mit herzwehem Blick an einem schlichten Bilde, über das sich weicher, streichelnder Sonncnglast gebreitet^hatte, als wollte er die dünnen blassen Mangen der jungen Fran liebkosen, die mit großen, friedlichen Klugen ans, dem braunen Rahmen schaute. Es war ihre tote Schwester, die Mutter der beiden Kinder, die geschäftig an einem Nähtischchen hock-ten und farbige Perlen xinsahtcn zu Ringen pnd Ketten. -

Das Leben der Straße klang nur wie fernes Rauschen; eine weltentrückte Ruhe sann über dem Raume, und das Brodeln eines kupscrnen Kessels einte sich dem Zwitschern der gelben Bögelchen zu trauter Harmonie.

So saßen sie schweigend beisammen, bis die Dämmerung auf grauen Füßen durch das Zimmer schlich/ und ein dumpfes Rollen aus der Eisenbahnbrücke drüben die drei auffahren ließ. AnnaLiefetde Baba kemmt!" Mit hurtigen Sprüngen eilten die Mädchen die steile Treppe hinunter und warfen den dicken, rotbärtigen Bäcker Bender fast über den Haufen, der mit einem Korb Poll Brot durch den Hausgang schnaufte.Aha, de Vatter Temmt!" rief er lachend. Sie gaben ihni gar keine Antwort, so sehr waren sic in Eile. Der Alte schaute ihnen kopfschüttelnd nach und freute sich ihrer Jugendlust. Tas waren zwei, jubelnd und froh, wie der junge Tag. Nur wär die Anna so groß, und schmächtig, und das dunkle Häar, das in schweren Flechten ihre bleiche Stirn umwand, ließ sie noch knöcherner scheinen. Wenn er die sah, mußte er immer an die Mutter denken. Tie ändere freilich war das Leben selbst. Unter den rostbraunen Locken glänzten ein Paar kecke Augen in die Welt hinaus, als wollten sie alles Schöne und Herrliche in sich aufsangen. Tie sang den.ganzen Tag und wußte nicht wohin all mit ihrer Freude und ihrem Glück., ja," schmunzelnd nahm er den Korb und schnurrte in seinen schiefen, vom letzten Hochwasser noch feuchten Laden, über 'den eine alte, schwelende Lampe ihr trübseliges Licht ergoß. '

Unterdessen sprangen die beiden zum nahen Bahnhof und setzten sich auf die hübsche, grüne Bank, die der lange Damian hinter seinem Bahnwärterhäuschen zwischen Goldlack und Stiefmütter­chen ausgestellt hatte. Dort lauschten sic aus das ratternde Rollen des Zuges und sahen das immer stärker werdende Leuchten der Laternen auf den blanken Schienen. Endlich ftihr die Maschine mit grellem Pfiff in den Güterbahnhof ein. In der Halboffenen; Türe des Packwagens stand ein starker, gesunder Mann in mitt­leren Jahren, mit rundem glattgeschorenen Kopf und gutmütig zivinkerndcn Augen. Ein rötlicher Schnurrbart lag über der Ober­lippe und ein Halblanger Knebelbart ließ die festen Züge noch schärfer hervortreten. Die Mütze saß nachlässig auf dem linken Ohr und zwischen den breiten, weißen Zähnen qualmte ein kurzes' Oelpfcifchcn. Schon von weitem winkte er seinen Kindern zu, und als er mit seiner Mappe glücklich am Boden war, sprangen sie ihm an den Hals und küßten ihn, als hätten sie ihn jahre­lang nicht gesehen. Dann hängten sie sich in seine Arme und führten ihn glückselig fort. Auch er war froh, seine Lieblinge wieder bei sich zu haben und ging gutgelaunt in ihrer Mitte.

Als man dann fröhlich um den großen Tisch herumsaß und die Lampe summte traulich über den vollen Schüsseln, da er­zählte er dies und das, was er den Tag alles gehört und gesehen hatte. Sie folgten aufmerksam seinen Worten, und als das Essen vorüber war, holten sie ihm Pfeife und Tabak, stellten Glas und Flasche vor ihn und gäben ihm seine Zeitung. Er sah, wie die Kinder sich um ihn mühten und freute sich. Ordentlich stolz war er auf seine Mädchen, wenn er auch immer gern einen Jungen gehabt hätte, und als sie nungute Nacht" sagten, herzte und küßte er sie, als wollte er ihnen ein Unrecht abbitten.

Am anderen Morgen, wie sie aufwächten, stand er schon vor seiner großen Vogelhecke und fütterte die stinken gelben Tier­chen, die ihm mit munteremTüp-tüp" auf den Arm flogen und sich die Körnchen aus der offenen Hand holten. Hatte er die kleinen Schreimäulchen versorgt, dann stieg er zum Gaubloch hinaus auf die alte Stadtmauer und goß seine Blumen, die er in einigen Kästen dort untergebracht hatte. Später, nach dem Kaffec- trinken ging er in die Stadt oder auf den Friedhof und holte feilte Kinder an der Schule ab. Bisweilen ging er auch aus den Markt und kaufte Obst oder Blumen, oder auf Versteigerungen und ramschte Dinge zusammen, die ihm gerade gefielen oder von denen er sich einen Gewinn beim Wiederverkauf versprach!. Denn das Profitmachen ging ihm sozusagen über alles. So schob er auch stets auf der Straße umher, als wollte er die Pflaster­steine zählen. Ta fiel ihm manches unter die Augen, was er gebrauchen konnte, und er konnte eben alles gebrauchen.

. Das wären so seine täglichen Arbeiten. Hätte er einmal Nacht­dienst dazwischen, dann tat er sie zu anderen Zeiten, aber stets

ui derselben Folge und mit derselben Pünktlichkeit. Abends saß er gern in derWanz" und trank seinen gemütlichen Schoppen Wenn Das hielt ihn frisch und munter.

<w,'?cine Kinder wuchsen heran, lernten Tanzen, wie andere Mädchen, und er wurde alt und wußte nicht wie. Man sorgte ff chu mit hingebender Treue, und feinen Kindern blieb er der Abgott ihrer jungen Herzen.

Mit den Jahren kam freilich manche Veränderung in den kleinen Kreis, die der Mann nur mit stillem Groll und Kummer 'M Erst riß ihm der Tod die Schwägerin von der Seite, und jDaitn verlobten sich seine Töchter kurz hintereinander.

. Das waren schwere Stunden für ihn. Er sah und fühlte, wie ihm sein Alles entschwand, und mit Schrecken dachte er daran, bafe seine Kinder, für die er das Leben gelassen hätte, einmal anderen angehören sollten. Als er aber dann den ersten Enkel ui den bebenden Armen hielt, und das kleine Körperchen in seinen Händen zuckte, da kannte seine Freude keine Grenzen mehr. Jetzt lebte er nur noch dem goldigen Buben, in dem er alle seine Wunsche sich erfüllen sah. Gar nicht sattgucken konnte er sich an dem blondhaarigen Bengel, der ihm mit lachenden Augen die Aermchcn entgegenstreckte, und vor Lust laut krähte, wenn er das älte, gute Gesicht über seinem Bettchen sah. Alle möglichen Spielsachen schleppte er ihm hin und freute sich, wenn sie unter! der werdenden Kraft zerbrachen. Er trug ihü auf den breiten Schultern durch die Zimmer, schaukelte ihn auf den Knien und setzte sich auf den Boden zu ihm, wenn er rief:Oba, tomm Bübi Budem!" Jeden Willen tat er dem kleinen Kerlchen. So lang der Tag war, saß er bei ihm, denn Ticnst tun konnte er schon seit Jahren nicht mehr. Sein Herz wollte nicht so recht weiter.

Als das Bürschchen die ersten trippelnden Schrittchen machen konnte, nahm er es mit sich auf die Straße und war überglücklich, wenn die Leute dem kleinen Männlein lächelnd nachblickten. Wie er älter war, nahm er ihn mit auf den Jahrmarkt, ließ ihn Reit­schule fahren, kaufte ihm Zuckerstangen oder Waffeln, kurz, ec tat alles', was er ihm an den verlangenden Augen absehen konnte.

t Wenn der Herbstwind über die Stoppeläcker fuhr und die weißen Fäden durch die Lüft sanken, saß er da Und baute Drachen mit großen bunten Fratzen, die er bann brausten vor dem Tor steigen lassen durfte.

Dann kam der Junge in die Schule. Ter Alte kaufte ihm einen schönen, ledernen Ranzen mit goldenem Schildchen, auf das ier in großen Buchstaben den Namen schreiben ließ. Morgens brachte er ihn selbst in die Schule, und war ganz gedrückt, bis er ihn um zehn Uhr wieder abholen konnte. Jeden Tag machten die beiden den Weg zusammen, bis der Kleine einmal früher wie sonst nach Hause kam, mtb über Schmerzen im Halse fragte. Seine Pulse flogen und die Bäckchen lohten in brennendem Fieber.

Mit Schmerz und Schrecken sah der Mte das glühende Köpfchen, und die Furcht um das Kind griff ihm kalt ans Herz. Tagelang brütete er neben dem Bettchen und horchte ängstlich auf jeden Atemzug, der aus dem kleinen, gequälten Brüstchen drang, und wenn ihn dann und wann ein müdes Lächeln der trüben fiebrigen Augen traf, stieg es ihm heiß die Kehle herauf vor Weh und Sorge.

Eine drückende Stille lag über dem großen, freundlichen Raum, und schwere rote Vorhänge ließen den Tag nur in mattem, gebrochenem Licht durch die Fenster hereinbringen. Milde, strah­lende Wärme goß' sich von einem mächtigen, grünen Kachelofen in den Dämmer und lieh das winzige Nachtlichtchen, das in einer Mischung von Oel und .Wasser herumschwamm, unruhig flackern. Unten in der Bäckerei seines Schwiegersohnes rasselte den ganzen Tag über die Ladcnschclle, und die Mutter stand kummervoll hinter der Theke und dachte au ihr Kind. Sie und' der Vater blieben dem Kleinen möglichst fern, wenn auch mit schwerem Herzen; aber es mußte fein, den anderen Kindern zu liebe. Und bann war ja auch der Großvater hei ihm, der würde schon für ihn sorgen.

Ja, der sorgte für ihn. Zärtlich wie eine Mutter mühte er sich um den Kranken. Er strich ihm die Decke zurecht und machte ihm Umschläge, gab ihm feine Patziersoldaten ins Bett und er-? zählte ihm.

Nachts ruhte er an seiner Seite, und das schauernde Körperchen schmiegte sich eng an seine breite Brust. Der Arzt hatte es ihm zwar verboten, aber was wußte der von Liehe. Der fühlte doch nur mit dem Verstand. Wie sollte ihn das Kind an- stecken? Und wenn? Sollte er es hilflos leiden lassen, oder gar andere zu ihm lassen? Nein, das tat er nicht, mochte da kommen, was da wollte!---

Und was der Arzt gefürchtet hätte, kam.

Als man das Kind so weit Hatte, daß man hoffen konnte, fing er an zu kränkeln. Er wollte sich anfangs nichts merfeatf lassen, aber schließlich wurde cs so schlimm, daß er nicht mehr knnteo. Er brach unter der Krankheit zusammen, ob er wollte

Jctzt^ saß doch eine Fremde an dem Lager des Kindes, und er konnte nur noch mit Mühe von seinem Bett aus das wirre Köpfchen zwischen den weißen Kissen erblicken. Das war sein einziger Trost. Denn hart griff ihm die würgende Krankheit nach dem Leben, und seine Kräfte sanken rasch in sich zusammen. Sein vom Wachen geschwächter Leib nn,d fein kMiM stockendes