Ausgabe 
26.7.1913
 
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Im Haus drinnen waren inzwischen mehrfach Laute hörbar geworden, nun klangen Männerstimmen von der Tür her. Es mochten zwei der Touristen sein, die drinnen auf der. harten Bank der Gaststube ruhelos gelegen hatten und nun gähnend die steifen Glieder reckten.

Verteufelt kalt hier draußen!" schauerte der eine zu­sammen.

Aber immer noch besser als drinnen im Tabaks­qualm."

Man muh sich ein bischen Bewegung machen." lind der erste schlug sich nach der Art der Fuhrleute im Winter mit den Händen unter die Achselhöhlen.

Tas beste wäre, man ginge gleich jetzt los. Es ist ja hell wie am Tage." Und Ausschau haltend, gingen die beiden ums Haus herum.

Der Spangler hatte bei den letzten Worten seine Uhr gezogen.

Wie spät?" fragte Gottliebe, von ihrem Sitz herab­gleitend.

Noch nit amol eins. Vor drei werden wir nit auf­brechen können."

Mein Gott! Noch zwei Stunden sich hier herum- driicken? Das ist ja fürchterlich."

Es helft schon nix," zuckte Toni die Achseln.Es lvird halt nit eher Tag."

Aber bei dein Mondschein könnte man doch wirklich ganz gut gehen!" griff Gottliebe die Bemerkung des Tou- vtften von vorhin auf.Da" sie wies auf den Tabaretta- gletscher gleich hinter der Hütteich sehe ja ganz deut­lich den Weg jede Stufe."

Es möcht' wohl gehn, aber man geht halt nit gern ohne Not bei Mondschein."

Warum aber nicht, wenn es so hell ist?"

Es ist halt so Sitte; kein Führer macht's anders. Es ist, ja auch nit das rechte Licht zum Gehn."

Mer nachher läuft inan doch wieder mit der ganzen Herde zusammen!" fuhr Gottliebe fort.Denken Die doch, Toni, siebzig oder achtzig Menschen auf einmal das wird ja die reine Sonntagslandpartie. Entsetzlich!"

J0 freili! Schön ist's schn nit."

Ekelhaft ist es einfach!" entrüstete sich Gottliebe.Und ich mach' das auf keinen Fall mit! Toni," ihre Stimme nahm einen schmeichelnden Klang an,machen wir doch mal eine Ausnahine. Gehn wir bei Mondschein! Ich könnt' mir das ja gerade wonnig denken! Ja? Bitte, bitte!"

Es ward ihm schwer, ihr länger zu widerstehen.

,^Jch tät's ja schon gern," schwankte er,aber der Stadler wird nimmer wollen. Und der Herr Bessow wohl auch nit."

Ach, der kommt schon mit, wenn ich will. Sie haben's ja neulich gesehen! Also springen Sie rasch hinauf zum Stadler und bitten Sie ihn recht schön in meinem Namen! Sie werden ihn schon rumkriegen."

Mn en Augenblick zauderte der Toni noch, aber dann wandte er sich zum Gehen.

IN gespannter Erwartung harrte Gottliebe. Etwa fünf Minuten mochten verstrichen sein, da kam er wieder zurück.

Nun?" Ungeduldig eilte sie khm entgegen.

Der Toni machte nur eine verneinende Gebärde.

Wie?" Der Stadler will nicht? Was sagte er denn?"

Es wär' ane Verrücktheit, meinte er, ane offenbare Verrücktheit, jetzt mitten in der Nacht fortzulaufen. Und er tät's auf keinen Fall nit." Was er ihm sonst noch gesagt und gedroht hatte, verschwieg er.

So!" Verletzt richtete sich Gottliebe auf.Also gehen wir allein. Kommen Sie, Toni, machen Sie alles zurecht!"

Aber der Spängler stand unschlüssig vor ihr.

Wie? Sie wollen nicht, Toni? Auch Sie wollen mich im Stich lassend'

_ In quälendem Zwiespalt zwischen Führerkameradschaft, Pflichtgefühl und Willfährigkeit gegen Gottliebe kämpfte er mit sich.

Ich möcht's dem Alten nit gern antun. Er war ein Freund von mein' Vater selig"

Ah auf den Stadler wollen Sie Rücksicht nehmen! Aber meine Wünsche, meine Bitten sind Ihnen ganz gleich­gültig?" Verletzt, gereizt kam es von ihren Lippen.Nun gut, so lassen Hie es! Wer das hätt' ich von Ihnen nichst gedacht!" Uyd sie wollte mit rascher Wendung von ihm weg, ins Haus hinein. * * v -

Da vertrat er ihr den Weg. Es zuckte in seinem Gesicht, und schnell stieß er die Worte hervor:

Na, na, ich will ja! Ich geh' schon. Sie sollen sich nit in mir getäuscht haben!" Mit stummer Abbitte flehten sie seine großen Augen an, ihm nicht mehr zu zürnen.

Einen Moment verharrte Gottliebe noch in ihrer Un­gnade. Es hatte ihre Etilkeit ernstlich verletzt, daß er über­haupt zwischen ihr und dem Stadler hatte schwanken können; aber wie sie nun den flehentlichen Blick in seinen Augen sah es war ihr fast im Mondenlicht, als schimmere es feucht drin auf da wurde sie wieder milde gestimmt. Wie der große, starke Mensch da so bange vor ihr stand wie ein Kind, das um Verzeihung bettelt, dieser Beweis ihrer Macht über ihn, machte das von vorhin wieder gut; und ein leises Lächeln trat aus ihre Züge, als sie ihm nun die Hand bot:

Gut, Toni! Wir sind also wieder Freund. Ich hole gleich meine Sachen in fünf Minuten bin ich fertig."

. Siie gingen jeder nach seiner Schlafstäkte zurück. Ihre Absicht, sich zum Aufbruch zu rüsten, blieb natürlich nicht unbemerkt und brachte mehrere Touristen auf die Beine, die nun gleichfalls die Frage erörterten, ob sie nicht auch jetzt schon hinauf sollten, und mit ihren Führern darüber zu verhandeln begannen.

Das bewog Gottliebe, auch noch ans die Tasse warmen Kaffee zu verzichten, die ihnen die Schaffnerin wenigstens! noch rasch machen wollte. So nahm sie mit Toni denn nur einen guten Schluck von dem kalten Tee, der zu ihrem Proviant gehörte, und dann brachen sie schleunigst auf, um keine unerwünschte Begleitung zu bekommen.

Ein halbes Dutzend Herren standen inzwischen bereits draußen vor dem Hause. Tas Gerücht von dem so früh­zeitigen Aufbruch einer Partie hatte die Mehrheit der schlaf­losen Mitinsassen alarmiert, unb es rumorte bereits allent­halben in den Schlafsälen und auf den Gängen der Hütte, sehr zum Aerger des alten Stadler uub einiger besonnener älterer Führer, die über dieVerrücktheit" dieses Mond-, scheinaufstieges, der ihnen noch die ganze Gesellschaft rebel­lisch machte, weidlich schimpften.

Mit zudringlicher Neugier starrten die Touristen draußen auf Gottliebe, wie sie der Spängler ans Seil nahm und nun mit ihr zum Tabarettagletscher hinabzu­steigen begann, der wenige hundert Fuß weit aus den Fels­scharten bläulich-weiß heraufschimmerte. Manch halblaute Bemerkung des Staunens und der Mißbilligung folgte den beiden nach.

Gott sei Dank, daß wir von der Gesellschaft weg sind!" Erleichtert atmete Gottliebe auf, als sie einige Minuten später eine Biegung des Wegs den Blicken der Nachsehen­den entzog.Wissen Sie: Ich habe immer noch gefürchtet, daß der Regierungsrat im letzten Augenblick angestürzt kommen und mir vor allen Leuten eine Szene machen würde. Aber er scheint noch keine Ahnung von unscrent Ausreißen zu haben!" Gottliebe lachte vergnügt auf.Nun holt uns nicht mehr zurück, Toni. Apres nous le deluge!

IN prickelnder Abenteuerlust atmete sie auf. Welch wundervollen Reiz hatte diese Nachtwanderuug! Die bläu­lich-silbern überhauchte Eiswclt da vor ihnen lockte sie mit leisem, geheimnisvollem Schauer zu sich hinauf in dieser Stunde nächtlicher Einsamkeit, wo sonst keines Menschöir Fuß dieses Reich der Berggiganten betrat.

Keine Spur von Müdigkeit war in Gottliebe und kein Hauch einer Furcht. Sie ahnte ja nicht, sfe dachte ja gar nicht daran, daß sie Gefahren auf diesem nächtlichen Wege umlauerten, daß ihr Fuß durch verwirrende Schatten ge­täuscht, aus dem Fels fehltreten, daß im Mondfcheingeflim- mer unter der Schneehülle verborgene neue Gletscherspalten sich leicht dem Auge entziehen konnten.

(Fortsetzung solgt.j

Karl Bernd.

Skizze von Otto Neurath.

Die letzten Strahlen der Abendsonne lagen über der RheHt- straße und tauchten den alten Holzturm in ein leuchtendes Meer lichtfroher Farben. Auf den Straßen pulste das Lachen und Treiben der Kinder, die in fröhlichem Spiel durch den hohen Turm- bogen liefen oder mit gellender Stimme die Wunder ihrer ZigarrenWstchen anprieicn, die sie stolz unter dem Arme trugen.: Wer guckt noch emol?" und für ein Paar Kastanien ober einen Gltcker durfte man die gqnze Herrlichkeit, die sie sich aus buntem