Ausgabe 
26.7.1913
 
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jfirnrnraulch.

Roman von Paul Grabein.

Wachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Unmutsvoll sah Gottliebe nach der Haustür. Wirklich, da trat ein Mann über die Schwelle; nun aber sah sie ent der Kleidung, daß es einer der Führer war, und letzt er­kannte sie den Späugler.

Toni Sie?" Leise rief sie ihn an, nun wieder be­ruhigt. Der würde sie ja in ihrem stillen Genießen hier nicht stören.

überrascht trat der Spcmgler zu ihr.Ich hab' halt nimmer schlafen können. Da dacht' ich, wollt' ich lieber schon an der frischen Luft sein."

Recht so, Toni! Kommen Sie nur her." Sie lud ihn zum Sitzen bei sich ein.Sehen Sie doch nur diesen wun­derbaren Mondschein! Ist das nicht einzig unbeschreib­lich schön?"

Der Toni trat zu ihr und lehnte sich mit verschränkten Armen neben ihr auf die Mauer auf. So schaute er eine Weile gleich ihr schweigend hinaus in den Silberdnft der Nachtlandschaft.

Da ein Stern fällt!" wies er plötzlich auf einen schnell durch das Dunkel schießenden Lichtstreifen.Nun könnt' man sich was wünschen."

Und was möchten Sie sich denn wünschen, Toni?"

Einen Moment blickte er gedankenverloren vor sich hin, nach der Stelle des Sternschnuppenfalls; dann meinte er langsam, eine leise Resignation im Ton:

Das Wünschen hilft halt zu nix. Es ist schon besser, man denkt erst gar nicht dran."

Ein Weilchen schwieg auch Gottliebe. Dann sagte sie:

Sie sind nicht zufrieden mit Ihrem Los. Sie möchten heraus aus Ihren Verhältnissen hinaus in die große! Welt draußen, nicht?"

Ja. Das wollt' ich!" Fast heftig stieß es der Späng- ler hervor. Er richtete sich auf und stemmte die Hände aus die Brüstung.

Und reich und vornehm sein?" forschte sie weiter.

Er nickte nur heftig, ohne nach ihr hinzusehen.

Und was dann, Toni?"

Er gab keine Antwort, aber feine Hände, mit denen er sich aufgestützt hatte, zitterten. Und plötzlich wandte er langsam den Kopf nach ihr herum. Es war nur gut, daß fein' Gesicht so int Schatten des Mondlichts lag; so konnte sie das leidenschaftlich-sehnende Aufzncken darin nicht sehen, als sie jetzt sein Blick umfaßte. >

Was dann? Es wirbelte ihm im Kopfe, wenn er sich diesesDann" ausmalen wollte. Er lvar ja toll, krank im Hirn, daß er ans solch wahnsinnige Gedanken kam! Er, der "stets so Ruhige, Nüchterne, der bisher noch nie vom Rausch der Liebe gekostet hatte. Aber nun hatte es ihn

plötzlich gepackt, daß er schier nicht mehr dagegen au- kounte. Gerade weil sie ein Wesen aus einer ganz an­deren, höheren Welt, weil sie ihm utterreichbar war, gerade darum schüttelte ihn dies Begehren nach ihr nur um so mehr. Wie sie ihn da eben fragte: Was dann? Aufschreien hatte er mögen in seiner Qual, sie an sich reißen wie ein Rasender und zitternd stöhnen: Dich, dich!

Und nichts davon geschah. Wie aus Stein gehauen blieb seine Gestalt, unbeweglich, unb nur von seinen Lip­pen kamen leise die Worte:

Ich weiß selbst schon nit, was ich dann möcht'."

Gottliebe vernahm den traurigen Klang, aber sie ahnte nicht, was das letzte Ziel seines Sehnens war. Sein be­herrschtes, ruhiges Wesen hatte den neulich aufgeflackerteu Verdacht in ihr wieder ganz beschwichtigt. So tröstete sie ihn denn jetzt auch arglos:

Sehen Sie, Toni, Sie wissen es im Grunde selbst nichts was Sie wollen. Solch dunkles Sehnen nach etwas Unbekanntem, etwas geheimnisvoll Schönen und Großem ist eben töricht und unfruchtbar. Wohl jeder wird einmal davon befallen. Meinen Sie, ich wünschte mir bisweilen nicht auch irgend so ein Mädchenglück? Mer man muß das eben rasch wieder abschütteln, Toni; das Träumen taugt nicht. Mit offenen Augen und starken Armen muß man sich das Glück gewinnen das ist das richtige, das uns nicht wieder zwischen den Händen zerfließt!"

Der Toni hörte ihre letzten Worte nicht mehr. Ihm klangen nur immer jene vorangehenden in den Ohren: Mit offenen Augen und starken Armen sich das Glück ge­winnen! Ja, das war besser, als nur davon zu träumen. Wild lohte es plötzlich in ihm auf, eilte rotglühende, ver­zehrende Flamme! Waren seine Augen nicht offen? Sah er nicht all den bestrickenden Zauber ihrer Schönheit? Waren seine Arme nicht stark? Hätte er sie nicht an sich reißen können, wie eine Feder? Warum tat er es nicht? Wer wollte es ihm wehren, hier in dieser einsamen, stillen Stunde, einmal in rasendem, taumelndem Kuß von ihren Lippen das wahre Glück zu trinken? Was dann nachher kam? Ganz gleich! Der Fieberdurst war gestillt, dieses verzehrende, qualvolle Sehnen!

Und abermals durchlief den Toni ein Zittern durch den ganzen Leib bis hinab in die Fußspitzen. Seine Augen brannten in irrem Feuer, entzündet von dem Reiz ihrer schlanken, feinen Gestalt, wie sie da, vom Mondschein ver­klärt, tote eine zarte Elfenprinzessin vor ihm auf der Brüstung faß so nahe, er hätte nur die Hand nach ihr auszustrecken brauchen.

Nun/ Toni, hab' ich nicht recht? Sie sagen ja gar nichts."

Da riß er sich mit einem Ruck zusammen; fast rauh klang seine Stimme von der inneren Erregung.

Ja, Sie haben schon ganz recht, Fräula." Und zugleich tat er einen Schritt' von ihr zurück, sich so der Vei> fuchuug zu entziehen.