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litt dein französischen Kaiser auf der Hanauer Landstraße bis zu den Riederhöfen entgegen. Napoleon wollte nach der vor dem Friedberger Tor gelegenen Billa des russischen Generalkonsuls Simon Moritz v. Bethmann geführt werden, die sich der Kaiser -als Nachtquartier ausersetzen hatte. Aubin wählte t>m_ Weg über die Pfingstweide, wo er Gelegenheit fand, den Kaiser -auf die von der Stadt für bie französischen Kranken uni> Verwundeten aufgeführten Lazarettbauten aufmerksam zu machen. Napoleon soll dabei geäußert haben: „Ich bin euer Schuldner!"
Damit sich seine bei Leipzig geschlagenen und verfolgten Truppen nicht zerstreuten, ließ der Kaiser nicht Ku, daß sie in die Stadt einrückten. Nur die Marschälle, Generale, die Kranken, Verwundeten, Equipagen des Kaisers sowie ein Bataillon Infanterie und die Elitegendarmerie kämen in die Stadt. Das übrige Militär mußte vor den verschlossenen Stadttoren übernachten, wo es seine Wachtfeuer mit dem Holz der Gartenhäuser nährte. Eine französische Batterie wurde nach dem Obermaintvr beordert. Die Bayern hatten nämlich nicht nur auf dem Mühlberg eine Batterie aufgefahren, die ihre Granaten bis in die Gegend des Wlerheiligentores warf, sondern auch die Brücke mit Schützen und Kanonen besetzt, die den Eingang zur Fahrgasse beherrschten. Tie Franzosen beschossen die Brücke seitwärts und steckten mit Granaten die an die Brücke angebaute Brückenmühle in Brand. Später gelang es dem oben erwähnten Bethmann, von Napoleon die Einstellung des für die Stadt verderblichen, für die Sicherheit des französischen Heeres aber zwecklosen Kan-vnenseuers zu erlangen. In der Nacht unternahmen dann die Franzosen einen Sturmangriff auf Sachsenhausen. Es glückte ihnen aber nicht, die dort liegenden Bayern zu vertreiben.
Am Morgen des 1. November begann der Abzug der französischen Truppen von Franlfurt. Mittags folgte Napoleon seinem Heere. Er schlug am Wend dieses Tages sein Hauptqarlier in Höchst auf.
Tie Nachhut des französischen Heeres unter dem Marsch-all Mortier, Herzog von Treviso, kam am 1. November abends ölt, zog um die Stadt herum, lagerte vor ihr im Freien und setzte am 2. morgens ihren Marsch nach Mainz fort. Am Morgen des 2. November fetzten auch Kos-alejn, österreichische und bayerische Truppen durch die Stadt gegen Mainz und ereilten vor dem Bockcnheimer Tore hie Nachhut der französischen Artillerie, der sie mehrere Kanonen abnahmen. Ten Tag über dauerten die Durchzüge bayerischer und österreichischer Hceresteile fort. Zuerst kämen die Truppen, die bei H-anau gefochten hatten; am Abend erschien der Vortrab des vom Fürsten Schwarzenberg befehligten böhmischen Heeres. Tie ganze Trupp-enmass-e von 70—80000 Mann lagerte auf dem Galgenfeld. Am 3. November langten das Gros der Oesterreicher und einige preußische Regimenter an, die bei den Bürgern einqu-artiert wurden.
Am 4. November nachmittags traf Fürst Schwarzenberg ein. Ant 5. gegen Mittag hielt Kaiser Wexander von Rußland hinter seinen Gardekosaken seinen Einzug in die Stadt. Ihm folgte .Großfürst Konstantin mit den russischen und preußischen Gardereitern. Zn Ehren der Fürstlichkeiten war die Stadt abends hell erleuchtet.
Am 6. November in der Frühe bildeten die preußischen und russischen Garden, die österreichischen Gr-enadierbataillone vorn Ullerheiligentor über die Mlerheiligenstraße, die Kalh-arinen - Pforte, Bleidenstraße, Neue Kräm-e, den Markt bis zum Tom Spalier. _ Von der Brücke bis zum Rechneigraben waren 64 österreichische, 32 russische und 8 der Stadt Frankfurt gehörige Kanonen angefahren. Es galt nämlich, den Einzug des Kaisers Franz zu feiern. Gegen 11 Uhr ritten Kaiser Alexander und fein Bruder mit einem glänzenden Gefolge von Generalen dem österreichischen Kaiser entgegen, mit dem sie an den Ried-erhöfem zusammentrafen. Ter prunkvolle Zug der beiden Herrscher bewegte sich nach der Stadt und- wurde am Allercheiligentor, wo ein Zelt aufgeschlagen war, von einer Deputation des Rates der Stadt Frankfurt empfangen. Unter den Abgeordneten des Rates waren Männer, die int Jahre 1792 den Baldachin über Kaiser Franz als deutschem Kaiser getragen, dem sie jetzt als österreichischem Kaiser die Schlüssel der Stadt überreichten. Welcher Wechsel der Tinge lag zwischen den beiden Jahren!
Der Empfang des Kaisers Franz war enthusiastisch. Die Kanonen donnerten, die Trommeln wurden gerührt und die Feldmusik spielte. Vivatrufe erklangen, und die Glocken läuteten. Kaiser Franz wohnte zuerst einem Gottesdienste im Dom bei. Dann stattete der Monarch dem Kaiser Alexander in dessen Ouartier einen Besuch ab.
Am 8. November 1813 traf der Kronprinz von Preußen mit dem Staatskanzler Hardenberg ein. Am 11. November kam der Großh-erzog Ferdinand von Würzburg an, am 13. fanden! sich die Großherzöge Karl "Friedrich von Baden und Ludwig von Hessen ein. Am letzteren Tage kamen noch in später Abendstunde die Könige Friedrich Wilhelm III. und Max Josef an. Am- 15. erschienen der Herzog von Nassau und der Fürst Blücher und am 19. der König von Württemberg, der am 2. November fine Allianz mit den _ Verbündeten abgeschlossen hatte.
So ehrenvoll für die Stadt Frankfurt die Anwesenheit dieser hohen Fürstlichkeiten in ihren .Manern war, so groß waren aber auch die Anforderungen, welche die Einquartierung der
euitreffcnden großen Truppenmassen an die Stadt stellte. Dick Knquurtt erben flieg in Franlfurt zeitweilig auf ^0000 Mann und erreichte damit fast den damaligen Stand der Bevölkerung, ,o daß deren Opferwilligkeit stark in Anspruch- Lbnommen war. Alle nur immer entbehrlichen Gebäude, selM fachen und Schulen, wurden als Vorrats- und Siechenhäuser- Sten HofchMerikrt.^ bie Truppm er-
.. hatten die seit dem 8. November mit Napoleon
geführten ^riedensverhandlungen die Wendung genommen, daß -!s^ortiebung des Krieges unvermeidlich war. Am 1. Dezember erschien em Manifest, bte sogenannte „Declaration de Francfort", bte erklärte, daß 1. bte verbündeten Mächte den Krieg gegen Na-
gegen Frankteich führen, 2. Frankreich ein größeres | J . behalten soll, als es je unter seinen Königen hatte, Staatensyfttms^i^°E^ Hauptbedingung des europäischen n, Tre Fortsetzung des Krieges führte zu neuen Rüstungen. X[m II- Dezember erließ der Prtnz von Homburg einen Aufruf ättr Bildung von Fretwtlligenscharen, worin es heißt: „Habt ihr die alte ^reue und den deutschen Sinn bewahrt, bei welchem! ?er. ausländische.Schwtndelgeist seine Grenzen fand, so eilt und schließt euch willig den -scharen an, welche für das einst so heilig geachtete Gut, vaterländische Freiheit, Sitte und Verfassung, mutig in ben Kantpf eilen und nie die Uebermacht wollen zurückketzren! la isen, welche das alte Volk der Deutschen mit schimpfliche; Knechtschaft und völligem Untergang bedrohte. Ein großer Waf- senplatz ist ganz Teutschland; für alle Deutschen sind die Schranken geöffnet, zu ernten Ruhm Und unsterbliches Verdienst um das Vaterland." Infolge des Ausrufs hatten sich in Frankfurt 373 Mann fretwtlltg gemeldet, aus denen 2 Kompagnien >Fuß- 1-ager und 72 Mann Reiter gebildet wurden. Ikm 15. März 1814 ivuroe das Frankfurter Kontingent dem unter dem Prinz?» Philipp von Homburg stehenden sechsten deutschen Armeekorps zu- geteilt. Tie Truppen überschritten am 30. März die fron» zösische Grenze. Tie Frankfurter Freiwilligen zogen nach Lyon und blieben dort in Kantonierung vom 8. Mai bis 6. Juni Am 8. Juli langten sie wieder in Frankfurt an, wo sie feierlich empfangen wurden. Im November wurde ihnen eine silberne- Denkmünze verliehen.
Am 12. März 1815 kant die Nachricht von Napoleons Landung in Frankreich nach Frankfurt. Nachdem! die verbündeten; Mächte dem Korsen von neuem ben Krieg erklärt hatten, erließ der Senat am' 22. April -einen Aufruf zUr neuen Bildung: einer Freiwilligenschar. Bevor diese noch auszog, war das Frankfurter Linienbataillon schon auf dem Marsche nach Frankreich begriffen und hatte am 26. Jlmi das Treffen bei Selz bestanden. Tie Freiwilligen rückten am' 25. Juli ans und wurden mit dem Linienbataillon unter Oberst von Schiller vom' 6. bis 17. September bei der Belagerung von Straßburg verwendet. Tie Truppen kehrten am 14. Oktober in bie Heimat zurück. Auch diesmal wurden die Liniensoldaten und die Freiwilligen durch Verleihung einer Denkmünze ausgezeichnet.
Der am 20. November 1815 zwischen Frankreich und den Verbündeten abgeschlossene zweite .Pariser Friede b-eb-eutete für die Stadt Frankfurt das Ende einer dreiundzwanzigjährigen, nur durch kurze Zeiten unsicheren Friedens unterbrochenen Kriegsperiode. In der nun folgenden langen Friedenszeit konnte sich Frankfurt dank ber Tätigkeit seiner Behörden und Bürger von den Wunden, die ihm die Kriege geschlageii, erholen und einer neuen Blütezeit cntgegengeljlen.
Ein Engländer über deutsches Schrifttum.')
Obwohl das Werk des bekannten Schriftstellers Perris über „Teutschland und den deutschen Kaiser" sich zum größten Teil mit der heutigen Politik Deutschlands besaßt, darf es doch, so heißt es im Kunstwort, auch an dieser Stelle nicht unbeachtet bleiben, da es zur Erklärung der gegenwärtigen Lage in längeren Abschnitten aucl> das nichtpolitische Schrifttum heranzieht. Und es kann kein englischeres Buch geben als dieses. Der Verfasser hat sichtlich das Bestreben, unparteiisch zu urteilen. Was bei einem Engländer ins Gewicht fällt: er fuhrt zwar die Neugründung des Reiches ganz allein auf eine raffinierte Intrige Bismarcks zurück und macht diesen zu einem macchiavellisch-iücksichtslosen Gewaltmenschen unb Volksfeind. Aber er gesteht doch die Notwendigkeit und Berechtigung des deutschen Verlangens nach Ausdehnung der materiellen Macht zu. Bei solch verhältnismäßig anerkennenswerter Sachlichkeit fuhrt die Art, wie das Geistesleben Deutschlands behandelt wird, um so mehr irre und hemmt eine Verständigung. Ein Kapitel heißt „Philosophie, von Kant bis Nietzsche". ‘ Hier erscheint Kant als Sonderling, dessen Hauptwerk wohl das Denken seiner Zeitgenossen anregte, darüber hinaus aber unfruchtbare metaphysische Spielerei war und darum längst mit Recht vergessen ist. Nur Kants Befürwortung des Weltsriedens läßt der praktische Engländer gelten. Von der ungeheuren Wirkung, die Kmtts Ethik ausgeübt hat, ist keine Siebe. Auch von dem zu resorn a arischer Tat vordringenden
*,i Gennany and the German Emperor, by Herbert Perris; London, Andrew Melrose; New York, Henry Holt & Co.


