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Ter nächste Feind
in den UriegLjahren )t806 -18|5.
Otto Ballewski.
(Schluß.)
Kranksurt a. Main
Bon
lieber den Verbleib der Ueberrestc der französischen Haupt- armcc war in Franifurt zunächst nich.s befannt. Der übel über da« Ein rucken der Bayern in die Stadt mar w groß, dast den Bürgern die gleichzeitigen blutigen Ereignisse bei dem nahen Hanau entgingen. Tie Franlfurter waren daher am Morgen des 31 Oktober sehr überrascht, als sie wahrnahmcn, daß stch die Bayern während der Nacht nach Sachsenhausen zurückgezogen
Sonntag, den 31. Oktober, vormittags um 11 Uhr erschienen die ersten Franzosen am Allerheiligentor. Der französische Vortrab durchzog die Stadt, um die Straße nach Mainz zn sichern. Eine am Bockenheimcr Tore vergessene bayerische Abteilung wurde von Frankfurtern nach dem llntcrmaintor gewiesen und dort den dicht nachdrängenden Verfolgern durch Ueberfahrt über den Main entzogen, welche die Fährleute unter den Kugeln des Feindes bewerkstelligten. _ _
Bald näherte sich auch Napoleon der staot. Der ~bcr|t lentnant des 2. Bataillons der Franlfurter Nationalgarde Aubin
der ftaiizösischen Besatznng Ivar die ans dem linken Mainufer stehende Hecresabteilnng des bayerischen Generalleutnants Grafen Rcchberg. Am 29. Oktober abends 9 Uhr war sein Vortrab in Offenbach eingerückt, um lOhs Uhr folgte das Gros. Noch in der Nacht wurde wegen der Uebcr- gabe von Frankfurt verhandelt. AM 30. Oktober morgens räumte Pröval die Stadt. Darauf zogen vormittags um 10 Uhr von Sachsenhausen her die Bayern unter großem Jubel der Bevölkerung in Frankfurt ein. Zunächst kanicn zwei Reiterlchwa- dronen und ein leichtes Bataillon, denen am Nachmittag zwer Fußregimenter und eine Batterie folgten. Tie bayerischen Soldaten, ' die eine Anzahl französische Gefangene nut sich führten, zoaen durch die Stadt auf das Galgenfeld. U'tn 5 Uhr nachmittags hielten Kosaken durch das Friedberger Tor ihren Einzug in die
Schöpplein würde kommen. Dann würde er ihm das Sümmchen geben.
Tie Fremden steckten die Köpfer wieder zusammen, und Erwin Sommer, derselbe, der seinerzeit in Prag bei der Gräfin Storsch-Pisel das ungarische .Liedlein spielte, gerade nm selben Abend, wo der Erbjunker sich dann von der Gräfin verabschiedete, um heimzureisen, Erwin Sommer sagte jetzt: „Nun rund heraus, wenn unser Handel glatt werden soll: Was ist mein Geschäft bei Eurer Werbearbeit? Aber ehrliche Sache, das biit ich mir aus!"
„Ihr sollt nur spielen drüben im Welschland. In den Flecken und Märkten, wohin wir kommen, sollt Ihr spielen, lustig und toll, sollt zechen mit den Burschen, daß ihr Blut heiß werde und sie der. Werbe sch illing lockt, sollt kosen mit den schwarzäugigen Dirnen, daß sie verliebt in Euch werden und froh sind, wenn ihr alter Schatz, der Jtalienerbub, von dannen zieht! — Na, gefällt Euch das?"
„Das Lieben und Kosen und Zechen und Fiedeln — ja, aber wenn so ein armer Bursch in das Netz geht, um sich dann auf preußischer Walstatt vou deutschen Bauernfäusten den welschen Schädel einschlageu zu lassen, daun tut es mir wieder leid!"
„Was leid?! — Es kümmert Euch nicht. Spie Geld — hie Arbeit — und ihre Arbeit ist gerade der Krieg. Also wollt Ihr?"
„Nun, dann ja — abgemacht!"
„Dann laßt uns aufbrechen, fort nach dem Süden. Noch vier bis fünf Tagereisen haben wir bis jenseits der Alpen, und hört, Freund, seid vorsichtig in Tirol, wenn wir durch dieses Land ziehen. Sie haben den Bonaparte nicht lieb, sind erst drei Jahre her, daß er den Hofer erschießen ließ, und wenn sic erfahren, daß wir für den Korsen werben, gibt es Adlerfraß aus unfern Leibern!"
Sie brachen auf, und der mit der großen Geldkatze zahlte und fragte dann, ob er hierorts nicht ein Pferd mit Sattel und Zaum, reitfertig, für gutes Geld kaufen könne. Der Fiedler wollte mitreiteu.
Nach kurzer Zeit war ein Gaul beschafft, ach, war der dürr und müde und klapprig! Aber für Erwin Sommer war er gerade recht. Lachend schwang er sich tu den Sattel und sagte: „Für den fahrenden Fiedler taugt em fetter Gaul nicht, denn für ihn muß solch Vieh immer tänzeln und hüpfen, wie die Töne von den Saiten, dann ist ihm wohl!" Und nun ging es fort.
(Fortsetzung folgt.)
einen Schnlmeister, der die Kinder Sprüchlein lernt und i ihnen das Abc eintrichtert!" i , |
Wütend sprang der Geiger auf und schritt auf und ab. I Dann, als er sich einigermaßen wieder gefaßt hatte, fuhr I er fort: „Da bin ich auf uud davon — in die Welt. ^n j Wien fand ich mein Glück. §ier lernte ich mit Kunst mein I Spiel betreiben. Dann kam ich nach Prag und fand in der Gräfin Storsch-Pisek eine Gönnerin. Aber sie j|t nun fort auf ihre Güter, weil man munkelt, daß Oesterreich I seine Finger mit an dem heißen Kriegsbrei verbrennen will I — und weil ihr heimlich Verlobter, ein Edeljunker,gust von meinem Heimatsschloß stammend, Prag) verlassen, um heim- zuziehen, vielleicht, um mitzukümpfen. Da habe ich mich auch davongemacht. Nach Paris will ich, dem großen Kaiser bei seiner Rückkehr eine Siegessymphonie zu spielen, wie er noch nie gehört hat. Vielleicht komntc ich an seinen Hof. Ein Dutzend Empfehlungsbriefe von großen ^Herrschaften aus Böhmens Residenz sitzen nur m der Tasche!
„Hört, junger Mann, Ihr gefallt mir, gefallt mir sehr, und ich glaube, wir zwei könuteu gar wohl em Geschäft mit- I einander machen!" I
„Sucht Euch eiuen Handelsmann, Bester, aber nicht I einen fahrenden Musikanten. Der taugt nicht zu Geschäften, I ist höchstens gut zum Zechen und zum Lieben, aber Treue kennt er nicht!" . ,
„Mas braucht's bei uns Treue?! Deine Fidel brauchen wir und deine frische, junge Larve, und freuten Durst und deine Zecherfreud!"
„Da bin ich gespannt, Ihr Herren!"
„Zehn Dukaten in der Woche und freies Gefraß, wo wir auch sind — das fei Euer Lohn!"
„Abgemacht! — Und nun die Art des Handels?"
Da beugte sich der eine der Männer nieder und sagte I leise: „Wir sind des Franzosenkaisers Werber uiid wollen junges Blut zum Krieg erküren!" n ± I
„Hier im Bayerland? Seid nicht gescheit, Leute?
Wagl's und sagt einem, daß er mit dem Bonaparte ziehen soll: den Schädel hauen sie Euch ein. — Sind gute, treue, bieder; Menschen ohne Falsch!"
„Weiß ich, Herr Hitzkopf, weiß ich! So dumm sind wir schon längst nicht mehr! Nein, wir wollen hinüber in das Welschlaud und dort die Trommel rühren für unfern Kaiser!"
,<Jns Welschland?!" fragte der Musikant verträumt, und er dehnte sich wohlig und schloß die Augen tote ein Feinschmecker, dem fein Lieblingsgericht über die Zunge | rinnt. Und dann sagte er fröhlich und schnell: „Hei, da ists lustig, und- die Mädels sind süß. Hei, int Welschland, da läßt sichs leben. Mer was soll ich dabei? Soll ich die Kriegslustigen etwa auf einen Karren laden und gen Frankreich kutschieren? Oder soll ich bett Gcldauszahlcr nkachen? Ha, das wäre mein Fall: Du einen Taler, tch einen Taler, und ich nochmals einen Taler, und der Rest gehört auch mir ..." *
Die beiden andern lachten, und der Wirt trat hinzu und lachte mit, aus Freude am Lachen, denn in dieser schweren, harten Zeit, wo eins nur Seufzer aufs Schwarzbrot kriegt, statt Schmalz, und Tränen der tägliche Regen sind, da lacht man gern ein Stück, auch wenn man nicht recht weiß, worüber. Und der Wirt hatte seine Kappe in der Hand, und aus der Kappe blinkten ein gutes Dutzend blanker, abgegriffener Groschen, die gar ein manches Mal in schwieliger Bauernhand um und um gedreht fein mochten, ehe sie ausflogen. Ja, ja, Groschen in diesen Zeiten ist so etwas tote Schmetterlinge um Weihnachten. Und große, braune, schmutzige Kupferdreier machten sich breit im Pelz-- käppchen des Wirtes, als lachten sie übers ganze Gesicht. Ja, ja, ihr Kupferdreier habt gut lachen! Kricgszett ist euch willkommen, was? Die bringt euch Ehr' unt> Ansehen, auch bei manchem, der in stillen, satten Friedensjahren euch verächtlich beiseite legt für die Armen und für dcks Gotteskästlein!
Uud der Wirt sagte: „Für Euer Spiel, Herr, und Eure Zeche hält' ich schon abgezogen!"
Mer der Musikant schob die Kappe beiseite: „Für die Armen des Ortes, bester Wirt, und fürchte Witwen und Waisen der im Kriege Gefallenen. Ein Erwin Gommer hat es nicht vonnöten, in der Schenke um Groschen zu kratzen!" Da dienerte der Wirt und zog sich zurück und schlüpfte in seine Kammer, um das Geld in dem Spinde zu verwahren, bis der hochwürdige Herr Pfarrer einmal zu einem


