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immer herzlich 'wenig, und so dauerten feine Besuche nie lange. Bis um zwölf Uhr mittags hatte er in akkurat gleicher Weise die achtzehn Kaufläden und Schankwirtschaften des Ortes er­ledigt, achtzehn Schnäpschen getrunken und kleine, verschwim- mende. Augen bekommen. Auf dem Rückweg pflegte er dann ohne sichtbare Ursache zu lachen,I, du Himmelhund" vor sich hinzumurmeln und sich dreinial auf den rechten Oberschenkel zu schlagen. Das erstemal vor Breunings Apotheke, das zweite- mal vor dem @6^0ft von Eli Rosenstock, genannt Käppche, und das drittemal wieder kurz vor der Bürgermeisterei. Dann wußte die Bürgerschaft, daß alles in gewohnter Ordnung war.

An Markt- und Feiertagen hatte er natürlich einen bewegteren Wirkungskreis.

Dann strömte die größtenteils polnische Landbevölkerung von allen Seiten in die Stadt. Die. Aermeren zu Fuß, die kost­spieligen Stiefel in den Händen tragend, die Besitzenden in leichten Britschkas mit rundlichen, kleinen Pferden davor. Auf dem Platz waren Bude» ausgeschlagen, in denen vom hölzernen Schweine­trog bis zum knallroten Busentuch alles Begehrte feilgeboten wurde. Bon einheimischen Kaufleuten sowohl, deren Läden ab­seits der großen Straße lagen, wie von auswärtigen, die ge- wvhnheitsnläßig von Markt zu Markt zogen. Mitunter trugen üuch ein Karussell oder eine kleine Wandermenagerie zur Er­höhung des Trubels bei.

Angesichts dieses Fremdenzustroms mußte Stadtscrgcant Pu- fahl die Würde von Magistrat und Bürgerschaft natürlich auch in seiner äußeren Erscheinung zum Ausdruck bringen. An die Stelle der schmutzfarbencn Joppe trat also ein langer Wasfen- rock mit hellrotem Kragen und gleichfarbigen Aermelausschlägen, Und statt, der schlichten, Mütze deckte sein dünnhaariges Haupt ein Helm, dessen Spitze wie das verkörperte Auge des Gesetzes über dem Marktgewühl funkelte. An der Seite aber trug er daun einen Degen, der als das Hauptstück seiner gesamten Ausrüstung den geheimen Stolz und das geheime Grausen der Einheimischen wie der Fremden bildete. Wie vom Beil des allröntijchen Liktors ging eine Predigt von ihm aus, die stumm aber eindringlich die Gewalt und das Recht der von Gott gesetzten Obrigkeit ver­kündete. Und Pusahl selber richtete sich höher ans, und seine wässrigen Augen blitzten beinahe metallisch, wenn er den Knopf des Griffes kühl wie das erbarmungslose Schicksal durch die baum­wollenen Handschuhe verspürte.

Er wußte ihn aber nicht nur zu tragen, sondern auch zu benutzen!

Richt, daß er die sraglos haarscharse Spitze in eine warme Menschenbrust gebohrt hätte! Er hatte ein viel zu weiches Herz dazu und außerdem noch andere Gründe, die ihm das unmöglich machten. Aber durch den moralischen Eindruck seines Gewalt­mittels erreichte er Wirkungen, die zur Aufrechterhaltung des Marktsriedens völlig genügten. War irgendwo ein Tumult entstanden, der sich durch gütliches Zureden nicht sofort beseitigen ließ, dann setzte er mit verfinsterter Stirn den linken Fuß einen Schritt vor, schob das behelmte Haupt und die Schultern wie einen Sturmbock den Unruhestiftern entgegen, und während seine Hand klatschend an den Degengriff flog, rief er mit Liner Stimme, die wie unterirdischer Donner klang:Im Namen des Gesetzes! Auseinander, oder ich zieh' blank!"

Seit Menschengedenken hatte dieser Zuruf noch nie versagt und noch immer hatte der wackere Stadtsergeant als Sieger das Feld behauptet. Hinterher pflegte er dann in irgendein Geschäft zu treten, dessen Inhaber ihn in seiner prachtvollen Haltung beobachtet hatte, um etwas Undeutliches von den Strapazen seines schweren Dienstes vor sich hin zu murmeln. Ein Gemurmel, das regelmäßig mit einer kleinen Extravergütung und einigen ehr­lich bewundernden Worten erwidert wurde.

Eines Tages aber ereignete sich etwas, auf das Pusahl nicht vorbereitet war, und das seinem Ansehen einen tödlichen Stoß versetzte. Und schuld daran war Stephan Modlibowski aus Pawlowo.

Aks dieser in der Frühe eines Markttages die Lamm- fellmütze aussetzen wollte, die er erst vor einigen Monaten bei David Mundgeruch für teures Geld gelaust hatte, bemerkte er, daß sie gar nicht mehr zu brauchen war. Das Fell löste sich in kleinen Stücken^ die augenscheinlich mir aufgeklebt ge-. wesen waren, vom Futter ab. Unter einer Sturmflut von Flüchen beschloß der Geschädigte, sich aus eigene Faust Ersatz zu schaffen.,

Einige Stunden später betrat er, äußerlich ganz gemüt­lich, den Laden. :

David Mundgeruch strahlte.

Nu, was verschafft mir die Ehre, Pan Modlibowski? E Wöhlach, c Pserdegeschirrche?"

Nur eine Mütze, Pan Mundgeruch !" antwortete der stäm­mige Bauernknecht freundlich:

David Mundgeruch stutzte für einen Augenblick. Er erin­nerte sich, daß er dem Burschen einett entsetzlichen Ladenhüter Ängedreht hatte. Aber dann dachte er: Wenn er sich nicht tzusregt, was soll ich mW ausregen? uitb stapelte dienstwillig seine schönsten Mützen auf den Ladentisch.

Nach sorgsamer Wähl stülpte sich Modlibolvski eine da­von auf den Kopf und sagte:Fünfzig Pfennig, Pan Mund­

geruch! Dafür verkauft Ihr mir sie doch? Weil Ihr mich mrt der vorigen so angeschmiert habt! Da seht nurl"

Dabei hielt er ihm die alte dicht vor die Ras!

Angeschmiert? Wie heißt angeschmiert?" fragte Mund­geruch und spreitete in grenzenlosem 'Erstaniren Herde Hände. Und ums rst das for e Mütz? Soll ich wissen, wa? der Herr damit angestellt hat?"

®r machte eine kleine Kunstpause und begann dann ko herzlich zu lachen, daß sein kleiner Körper ,anf Ustd ab toaufettt.

Aber der Preis, was Sie für die neue machen, ist gut! H"tten L-ie getagt: vier Mark fünfzig, hält' ich gedacht, es ist e Vorschlag. Wer fünfzig Pfennig ist e Spatz! E guter, e wahrhaftiger Spaß!"

Er lachte wieder so, als ob ihn in seinem Leben noch Nichts inniger amüsiert hätte. Dabei war ihm aber gar nicht wohl zumute. Stephan Modlibowski machte so böse, heim­tückische Augen. Und mit einem Mal fühlte er sich auch von der starken Faust des jungen Polen am Rock gepackt und über den Ladentisch gehoben.

Gewalt!" schrie er kreischend.

Aber Modlibowski kümmerte sich nWt um fein Geschrei. Stark ausschreitend, trug er den Zappelnden aus dem Laden hinaus über die kleine Querstraße bis zur Welnabriicke. Dort streckte er den Arm und schob ihn über das Geländer, so daß der Un­glückliche freischwebend das schwärze, strömende Wässer unter sich erblickte.

/Pan Mundgeruch," sagte er drohend,ich zähle jetzt bis drei. Habt Ihr mir bis dahin die Mütze nicht für fünfzig Pfen­nig verkauft, laß ich Euch aus den Grund gehen wie eine bleierne Ente!"

Zu Hilfe! Zu Hilfe! Gewalt!" schrie MUndgeruch ent­setzt und sah mit verdrehten Augen aUf die Gruppe von Land- leiiteii, die sich lachend und johlend um das sonderbare Schau­spiel drängte. Es machte aber keiner daraus Miene ihm bei- zustehen, und Mundgeruch wäre von vornherein verzagt, wenn ihm nicht in Gestalt einer heranfunkelnden Helmspitze ein Hoff­nungsstern aufgegangen wäre.

,/Tins!" zählte Modlibowski.

Wie er geht! E Schneck ist e Rennpferd gegen ihn! dächte Mundgeruch. Aber fünfzig Pfennige. . .

Zwei!"

Er schasft's nicht, dachte Mundgeruch verzweifelt. Pusahl schasft's nicht! Und soll icfji auf den Grund gehen wie e Erpel? Wegenner Mütz?

Drei!"

. In blitzartiger Geschwindigkeit zog der Vergewaltigte seine Beinchen ganz dicht an beit Leib', als ob er sie soweit wie nur Möglich vom Wasser entfernen wollte.

,>Beim Gott meiner Väter! Ihr sollt sie Haben," schrie er jammernd.Nur laßt mich wieder auf Meine eigenen zwei Bein'."

Na also!" sagte Modlibowski schmunzelnd.

Er hätte ihn gerade auf hie Brücke gestellt, als Stadt­sergeant Pusahl sich durch! die Umstehenden htzranfchob.

Mit einem Sprung war Mundgeruch bei ihm.

Gewalt! Herr Polizeirat!" kreischte er anftagend.Nehmt ihm die Mütz ab! Gestohlen hat er mir e Mütz, aus den Grund hat er mich geschmissen wie e Erpel! Nehmt ihm die Mütz ab!" Nach kurzer Umfrage war der Stadtsergeant genügend unterrichtet, um den Missetäter in strengem Amtston zur Herausgabe der Mütze auszufordern. Stephan Modlibolvski verhielt sich aber nicht nur durchaus ablehnend, fonbent beleidigte bie Lepuchowoer «Polizei siußerbem so gröblich, daß Pusahl willkommenen An­laß sand, seine berühmte, prachtvolle Haltung wieder einmal einzunehmen.

Seine Hand flog an beit Degengriff, Kopf itnb Schulter schoben sich! vor wie ein Sturmbock, seine Augen flammten, und mit einer Stimme, die wie unterirdischer Donner klang, rief er:Gebt die Mütze heraus, ober ich zieh' blank!"

Wie Fanfarenstöße klangen bie letzten drei Worte durch die Menge.

Wie er gebrüllt hat! Wie e Löwe!" flüsterte Mundgeruch verzückt seinem Nachbar zu. Dann schswieg auch er, ergriffest von der Feierlichkeit des gewaltigen Moments.

Stephan Modlibolvski schien aber vom Teufel besessen. Statt nächzugebcn, wie es seit.Menschlengebenken noch! jeder getan hätte, fluchte er:Psia Krew, Pan Pusahl! Eh' ich die Mütze herausgebe, brech' ich Euren Pabdenknisf kurz und klein!"

Ein Gemurmel erwartungsvollen Staunens flog durch das Volk. Stadtsergeant Pusahl entfärbte sich. Für einen Moment sah er starr in Modlibowskis furchtlos-freche Augen, dann irrtest seine Blick unschlüssig und in Verlegenheit an ihm vorüber. Bis er sich einen Ruck gab und zum zweiten Mal Miet.Ich Mache Sie auf bie Folgen aufmerksam! Nochfnals: gebt die Mütze heraus, ober ich ziehe blank!"

Wie er gebrüllt hat! Wie zwei Löwen!" jauchzte Mund­geruch.

Stephan Modlibolvski trat ganz dicht an den Polizisten heran, die Fäuste geballt und die muskulösen Arme kampfbereit wiegend.