Ausgabe 
26.5.1913
 
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'wenigen Leidtragenden dein SoiM ihres armen Vaters ^^Als es klingelte, besann sie sich einen Moment, ob sie öffnen sollte.

Sie konnte jetzt kein fremdes Gesicht sehen, )ic konnte nichts hören von kleinen Alltagssorgen.

Nur der Gedanke, Marianne habe sich ihrer erbarmt nnd suche sie auf, veranlaßte sie, sich aus ihrer feierlichen, düsteren Stimmung anfznraffen. .

Einen Moment starrte. sie die Gestalt, die aus der Scbwelke stand, mit grüßen, wirren "Augen an.

" Dann stieß sie einen Schrei aus, halb jubelnd, halb schluchzend-:

Mama! Meine gute, gute Mama! Tn kommst zu Wir! Gerade jetzt! Gerade in dieser furchtbaren Stunde, in der ich mir so verlassen vorkam!" '

Tränen stürzten ihr aus den Augen, sie drückte wie ein armes, verirrtes Kind ihren Kopf an Malis Schulter, zitternd, fassungslos vor Weh und Rührung.

Bist du ganz allein, Hildegard?" fragte Frau Bern­hobler und zögerte, ehe sie eintrat.Der Adolf weiß gar nicht, daß ich hergeZangen bin! Aber mir hat's fast das Herz ab'druckt, wie mir's die Marianne erzählt hat, ich hab nicht anders können! Es hat mich Herzogen zu dir!"

Mitleidig blickte sie sich um in der bescheidenen Woh­nung, mitleidig streichelte sie die blassen Wangen der jungen Frau, die weinend, stumm zu ihr aufsah.

Ein klein's bißl kann ich schon dableiben, aber gar nicht lang. Adolf darfs nicht merken, er ist so gar nicht aut beieinander. Da gäb's eine bps,e G'schicht', wenn er wüßt, daß ich heimlich zu dir bin. Weißt, es fehlt ihm an der Leber, der Magen ist schlecht, er darf kein Mer trinken, er darf das Hundertste nicht essen. Du kannst dir denken, daß er da auch nicht gut aufg'legt ist."

Sie sagte es ganz ergeben, ohne Klage, als bewährte, tapfere Eheveteranin, wenn auch ihr gealtertes Gesicht eine Leidensgeschichte erzählte.

Ein Helles, kräftiges Stimmchen machte sich ans dem Kinderwagen bemerkbar.

Der kleine Hans erinnerte an seine Gegenwart.

Er hatte rosige Bäckchen vom Schlaf, seine blaue Augen lachten so sorglos und unbekümmert von all dem Leid stnv Kammer in seiner Nähe, und sehr vergnügt und zutraulich streckte er der alten Frau, die sich zu ihm herab­beugte, die Arme entgegen.

Großmama! Sage Großmama, Bubi!"

Go-Mama!"

Das traf das Herz der kinderlosen Mali, die so warme, mütterliche Liebe für die ganz Kleinen hatte.

Ist der aber lieb! Ist der aber nett!" sagte sie ganz verklärt.

Sie konnte sich kaum losreihen von dem Hanserl, der ruft hem Instinkt der Kinder für ihre besonderen Freunde ittib Gönner sich von ihr auf den Arm nehmen und streicheln ünd liebkosen ließ und mit'seinen dicken Patschhändchen! possierlich auf ihrem Gesicht, in ihrem grauen Haar herum­fuhr. .

Als sie sich endlich zum Abschiednehmen entschloß, sagte sie: ' 1 > 1

'Ich kann dem Adolf nicht helfen. Mein Lebtag, lang, has heißt, so lange ich halt verheirat't bin, bin ich eine ' dlg-same Frau gweseu. Aber jetzt, auf meine alten Tag', ange ich mit die Heimlichkeiten an. Ich muß das Buberl! öfters aufsuchen. Und gelt, Hildegard, photographieren laßt ihn Mir, aber natürlich, die Rechnung, die geht mich an. Ich wöcht' das liebe G'sichterl immerfort bei mir haben."

Du gute, gute Mama! Weil du mir nur nicht ganz bös hist. Weil du mir nur verziehen hast, und mich noch ein bißchen magst. Ich kann dir gar nicht sagen, tote schwer wir däs oft war!" stammelte Hildegard mit nassen Atrien.

Ja, du lieber Gott, verziehen hab' ich dir's ja, wenn ich's auch nicht verwunden hab', daß du von uns fort bist! Du hast hält nicht anders können, und das leichteste Leben hust dir ja auch nicht ausg'wählt," meinte sie mit einem besorgten Mick.Weißt, der Adolf wär' auch gar nicht so hqrt. Aber seine Mutter hält und die ganze Verivandt- schaft! Sie haben's ihw in Kopf g'setzt, daß er nicht nach- >eu darf, und jetzt ist's förmlich sein Stolz, daß er so fest und so stxenä sein kann. Vielleicht, tpeün er einmal recht At aufg'legt ist, nachher Zeig' ich ihm die Photo­

graphie vom Hansl; dem unschuldigen Kind kann er ja nicht bös sein, düs' muß er ja lieb haben."

Go-Mamä, Mieter kommen!" krähte das Helle Stimm­chen des Kleinen, dem Hildegard die Worte ins Ohr ge­flüstert. ! i . .|j!l

Ja, g'wiß, Buberl, ganz g'wiß und ganz bald!"

Aber es gingen Tage hin, ohne daß Mali sich wieder sehen ließ, und dann traf eine Kiste voll Geschenke für den Kleinen ein und ein trübseliger Brief:

Sic müßten nach Karlsbad, wegen dem Adolf seiner kranken Leber. Ihr iväre so himmelangst vor der langen Reise, und vor dem fremdelt Ort. Viele, viele Busserl halt für den lieben Buben."

Reichmann arbeitete wieder mit neuer Schaffenslust und mutigem Selbstvertrauen.

Wie mich das freut, daß mein Bild int Kunstverein hängt, wie jedes anerkennende Wort, das ich jetzt höre, mich hebt und stärkt, das kann der große Unbekannte, der es gekauft hat, nicht ahnen. Ich wollte doch, er hätte Zeit gefunden, mich zu besuchen und sich zu überzeugen, daß er wirklich einen Strebenden gefördert hat."

Mit warmen Augen rief"s der junge Maler, während Grimberg und Marianne bei ihm im Atelier waren und seine iteucit Arbeiten an sahen.

Ein feines Rot huschte über das feine Frauengesicht, sie blickte ihren Verbündeten an und beide lächelten sich zu mit einem rechten Behagen an ihrem guten Geheimnis.

Die Mahnung, die Marianne von dem stillen Toten­gesicht gelesen:Nimm dich der Kinder an!" war ihr tief ins Herz gegraben.

Als es immer heißer und- staubiger in der Stadt wurde, sagte sie eines Tages:

-Ihr müßt mir einen Gefallen tun, Hildegard: Mein Paul hat jetzt Ferien. Ich habe in Tegernsee eine Billa gemietet, die Läge gefällt mir so gut, aber sie ist viel zu groß für uns beide, und ich fürchte, es werden meine Schwägerinnen anrücken oder wenigstens die verschiedenen Nichten 'zu Besuch kommen, wenn ich so viel übrigen Platz "habe. Ihr swißt ja, ich will frei sein von Familien­zwang! Darum sollt Ihr mit in die Villa!"

Äls Vogelscheuchen, nicht wahr?" sagte Hildegard mit dem traurigen Lächeln, das sie seit dem Tode ihres Vaters hatte, aber ohne alle Bitterkeit.

Sage doch lieber: als Schutzgeister vor der Lange­weile !"

Es war ein rechtes AMeben nach aller Winternot und allem Stadtelend in der herrlichen.Bergluft, in der hübschen, heiteren Landschaft.

(Fortsetzung folgt.)

Zladtsergeant pufahl.

Von Georg Busse - Palma.

Pünktlich fünf Minuten nach zehn Uhr vormittags pflegte Stadtsergeant Pufahl aus der Bürgermeisterei auf den Markt­platz von Lepuchowo herauszutreten. Die langen Beine in hohen Schaftstiefeln nnd Uniformhosen mit gebleichten Nähten,- den etwas vorgebeugten Oberkörper in schmutzfarbcner Loden­joppe nnd die Polizeimütze mit dem preußischen Adler auf dem Haupt, sah er sich zunächst einmal, als ein Mann, der keine Eile hat, wie ein witternder Jagdhund nach allen Himmels­richtungen um. Dann zog er sein Notizbuch hervor, blätterte darin, schob es wieder zwischen die beiden oberen Joppcnknöpfe und schritt schräg über den Platz, dessen Pflaster aus einigen regellos hingeworsenen Feldsteinen bestand.

Auf der andern Seite befand sich nämlich das Geschäft,- mit dessen Besuch Pufahl seit Jahren seinen sogenannten Dienst­gang eröffnete.

David Mundgeruch. Pelzwaren, Pferdegeschirre nnd Sä­mereien en gros nnd en detail" stand auf dem Firmenschild.

An seinem geteilten, rötlichen -Bollbart zupfend, trat Pufahl in den Laden.

Wünsche einen schönen, guten Morgen, Herr Mundgeruch!"

David Mundgeruch, ein dürftiges Männchen mit großen, abstehenden Ohren nickte ihm freundlich über den Ladentisch zu.

Ach! Unser Polizeirat ! Nu, was gibt's Neues? Und wie ist's mit einem Schnäpschen? Pomeranz oder e Korn, Herr Pufahl?"

Wenn es sein muß, Herr Mundgeruch, wär' ein Pomeranz nicht übel!"

Dann bekant er ein Gläschen eingeschenkt, und während er es langsam schlürfte, erzählte er, was er auf der Bürger- meisterei oder sonst rraenowo Neues gehört hatte. Das war