Ausgabe 
26.5.1913
 
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Zwei Welten.

Roman von Emma Merk.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Der Arzt stand noch an dem Sterbelager.

Die beiden Männer blickten sich an.

Grönberg nickte ihrn dankbar zu.

. Der letzte Wille des Toten war ihnen ein heiliges Ver­mächtnis.

Fast wie ein strenger Befehl klang's, als der Professor dann Reichmann bat, seine Frau fortzufuhren, ehe der Letchenbeschauer käme.

Wie erschrockene Kinder gehorchten sie und saßen, eng äneinandergedrückt, weinend, vor dem Kleinen, der mit rosigen Wangen üt das Leben hinein schlief, aus dem sich eben sein Ahne fortgestohlen.

Die Freunde des.jungen Malers kamen mit Kränzen und teilnahmsvollen Mienen. -Grönberg blieb den ganzen Tag im Trauerhaus, um darüber zu wachen, daß kein unvorsichtiges.Wort an das Ohr Hildegards klang.

Auch Marianne fand sich ein und zeigte sich hilfreich und liebevoll, mit jener überquellenden Wärme und Güte, die das Mitleid in manchen scheuen Naturen -auslöst.

Und es traf sich, daß sie mit Grönberg zugleich die die Treppe herabstieg, nachdem der Tote fortgebracht worden und sie noch eine Weile bei den ganz verstörten jungen- Leuten 'geblieben waren.

An der Straße, auf die ein dichter Regen herabrauschte, blieb Marianne stehen, blickte zu dem Maler mit ernsten Augen auf und sagte leise:

Ich glaube, der arme Mann ist freiwillig aus dem Leben geschieden."

Da Grönberg schwieg, fügte sie mit bewegter Stimme hinzu:

O, mir scheint, die Verhältnisse sind sehr traurig,' trauriger wohl, als ich ahnte. Hildegard ist in diesem Punkt so stolz und verschlossen. Aber mir war's, als wenn das gute, stille Gesicht des Toten mich angesleht hätte: Nimm du dich der Kinder an! Ich kann ja nichts mehr tun, als sterben!"

Sie kämpfte die Tränen nieder und führ dann fort:

Helfen Sie mir,. Herr /Grönberg, damit -ich für die beiden jungen Leute -etwas tun kann, ohne sie zu ver­letzen. Ich möchte Reichmanns Bild-kaufen, zu dem Preis, den er aus der Ausstellung verlangte. Aber Sie begreifen, nicht wahr, wenn ich das direkt sage, so klingt das so, -als wüßte ich um ihre Notlage. Ich meine, es sieht dann wie «ine Wohltat aus; ich möchte das nicht; ich möchte auch, daß Reichmanns Selbstvertrauen wieder gehoben würde. Wenn -Die nun morgen hingingen und dem jungen Kol­legen mitteilten. Sie wüßten einen Käufer für sein Bild. Ein Fremder, ein Amerikaner zum Beispiel, könnte es

ja auf der Ausstellung gesehen haben. Erfinden Sie -nur irgendeinen Gönner, der das Bild dann dem KunstverKt« zum Geschenk machen würde, denn ich kann -es ja bei mir nicht aufhäng-en, wenn ich mich nicht verraten will..i Wollen Sie mir zu diesem kleinen gutgemeinten Betrug die Hand leihen?"

Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung-, gnädige Frau!" sagte er mit der förmlichen Höflichkeit, die er sich Ma­rianne gegenüber zum Grundsatz gemacht, obwohl es ihn drängte, ihr viel wärmer und 'bewegter für ihre Großmut und ihre zarte Rücksicht zu danken.

Es war ihm -am nächsten Tage förmlich, als nicke ihm der Tote mit seinen guten, treuen Augen zu, als er mit seiner Freudenbotschaft in dieses traurige Heim trat.

Hildegard schluchzte freilich auf.

O, wenn mein Vater nur das noch erlebt hätte!" und ihre Tränen flössen aufs neue.

Aber der junge Mann, der in einer dumpfen Berzweif- lungsstimmung Postkarten gemalt, nur um der drohenden Not zu steuern, der in tiefer Niedergeschlagenheit an sich und seinem Talent irre geworden, richtete sich plötzlich wiedeir -auf, als weite ihm neue Kraft die Brust.

Das kommt zur rechten Stunde! Das Leben schien zu schwarz und traurig. Dank für den Lichtstrahl, den Sie bringen!" sagte er mit solcher Ergriffenheit, solcher Er­schütterung, daß Grönberg all seine Energie aufbot, um nur recht glaubwürdig von dem geheimnisvollen Käufer zu berichten.

Ach, -er fühlte in diesem Augenblick wieder so recht, daß den armen Menschen nicht immer mit der Wahrheit ge­holfen ist, daß man auch imstande sein muß, aus Miti leid und warmem Interesse zu lügen, i

Während man auf dem Friedhof den Mann begrub, der aus Liebe zu seinem Kinde dahingegangen war, stieg eine verschleierte, rundliche ,alte Frau die schmale Holztreppe in dem Gartenhaus empor, stand eine Weile zögernd, schwer -atmend vor der Tür und klingelte -dann nach einem letzten Kampf, ob sie wieder gehen oder sich bemerkbar machen sollte, ganz kräftig und rasch.

Hildegard ivar allein zu Haus bei ihrem Kind-

Sie hatte das Dienstmädchen zur Beerdigung fort­gehen lassen und stand am Fenster und horchte hinaus auf das erste traurige Glockenläuten, das ihr die Stunde an­kündigte, in der man ihren Vater zu Grabe trug.

Ein furchtbares Gefühl der Vereinsamung bemächtigte sich ihrer, als wäre es kalt, leer in der Welt für sie ge- worden, seit diese treuen Augen sich für immer geschlossen.

So lieb sie auch ihren guten Gatten hatte, sie dachte doch mit -einem Schauder, wie losgerissen sie war von ihrer Müdchenheimat, von allen Erinnerungen ihrer Jugend ein armes Waisenkind, das wie in einer fremden Stadt wohnte, dem teilte treue -Seele zur Seite stand in diesen herzzereißenden Augenblicken, während da draußeti die