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der Zahl der „Seelen" festzustellen, die er besaß. In dem Zeitraum von 1682—1711 verschenkte die Regierung 43 500 Höfe und 506 000 DMatinen (1 D. --- 4 preußische Morgen) — im ganzen über eine Million Dessjatinen.
Zur Zeit Katharinas I. kam nur wenig Land zur Verteilung, nur etwa 9000 Dessjatinen; Peter II. aber schenkte allein dem Fürsten Dolgoruki 40 000 Leibeigene. Kaiserin Elisabeth verlieh den Offizieren, die an der Palastrevolution teilgenommen hatten, 14 000 Seelen. Unter Peter III. nahm die Verteilung der Leibeigenen und Ländereien an Ausdehnung noch zu. Angesehene Edelleute sollen damals bis zur Thronbesteigung Katharinas II. nicht weniger als 389 000 Seelen erhalten haben. Katharina die Große war sehr freigebig mit Geschenken an kluge und schmeichlerische Hofchargen, namentlich aber an ihre besonderen Günstlinge, die sich legendenhafte Reichtümer sammelten. Fürst Potemkin, ihr mächtigster Liebhaber, in dessen Palast die heutige Reichsduma tagt, erhielt in zwei Jahren 9 Millionen Rubel und 37 000 Leweigene. Als Paul Petrowitsch — der 1801 ermordet wurde — den Thron bestieg, stellte Graf Kurakin eine Liste derjenigen Personen auf, die beschenkt werden mußten: denn das war so zum Brauch geworden, daß man es nicht mehr umgehen konnte, ohne Enttäuschung und Mißstiminung hervorzurufen. Die Lifte enthielt die Namen von 105 Chargen, die denn auch 82 330 Bauern gleich beim Regierungsantritt erhielten. Während der Regierung wurden die Schenkungen fortgesetzt. Der Kammerdiener des Kaisers, Kutaissow, erhielt im Kreise Mor- schansk 24 606 Dessjatinen Land, in Kurland 36 000, im Gouvernement Tambow 5000 Leibeigene und auf der Wolga Fischereien, die eilten Jahresertrag von 500 000 Rubeln abwarfen. Im ganzen sollen während der Regierung Pauls 114 896 Seelen verteilt sein. — Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft wurde das Land nominell verpachtet. Im Zeitraum von 1857—87 erhielten Edelleute zusammen eine Million Dessjatinen. Besonders war man in der Verteilung der Ländereien in den Grenzgebieten freigebig, und die „Verschleuderung von Ländereien" war namentlich unter den Ministern Alexanders II. an der Tagesordnung, deren Beispiel die Gouverneure und Gerteralgouverneure folgten. Der Kurator des Orenburger Lehrbezirks, der den Sohn irgend eines Granden durch die Klassen geschmuggelt hatte, erhielt nach vierjähriger Tätigkeit mehrere tausend Dessjatinen Land, ein Turnlehrer „erwarb" für 2000 Rubel 1000 Dessjatinen — und zur Bezahlung dieser kolossalen Kaufsumme wurden ihm 37 Jahre Frist gegeben, in denen er natürlich nicht eine einzige Kopeke bezahlte. Daß Haus- und Tanzlehrer von den Herren Satrapen Gebiete von der Größe eines Rittergutes geschenkt erhielten, war gar keine Seltenheit. Bei diesem ungeheuren Laudschwindel maßten sich einflußreiche Leute einfach weite Landstrecken an, ohne jemals eilte Schenkungsurkunde nachweisen zu können. Seit dem Jahre 1860 sollen etwa 700 000 Dessjatinen verschenkt seien. Im Kaukasus erhielten frühere Beamte 20 000 Dessjatinen, während 50 248 Dessjatinen an „verdienstvolle" Unternehmer verkauft wurden. Seit den letzten Jahren ist die Verschleuderung im fernen Osten an der Tagesordnung.
vermischter.
* Stube »--Gesundheitspflege. I» unserer Zeit, i» der „Gesundheitspflege" ein bekanntes Schlagwort ist, bedarf es wo()t keines Beweises, daß ein großer, wenn nicht der größte Teil vieler Krankheiten dem Mangel an genügender frischer Lust und Sonne, geringer Hautpflege und den unzulänglichen Wohnungsverhältnissen zuzuschreiben ist. Aber ein großer Teil der Menschen ist mm leider nicht in der Lage, ein Lust- und Sonnenbad aufzusuchen und die Wohnungsverhältnisse so zu gestalten, wie die Gesundheit des Geistes und des Körpers es erfordert. Wenn es mnt auch eine Sorge aller Gesellschaftskreise sek» muß, dafür zu streben, daß solche gesundheitlichen Perhällnisse in Zukunft alle» Menschen zugänglich sein können, so kann doch dem in dieser Beziehung vom Geschick schlecht Bedachten es einstweilen schon helfen, wenn er auch innerhalb seines Stubenlebens alle Möglichkeiten zur Gesundheitspflege ausnützt. So wird eine zu enge Wohnung durch fleißiges Lüften, durch Schlafen bei offenem Fenster erweitert und gesundheitsgemäßer gestaltet. Systematische Tiefatm'ung am offenen Fenster wird hier noch eingreifender unterstützen, besonders des Morgens und am späten Abend, wo die äußere Luit noch nicht oder nicht mehr von Staub und Unreinlichkeit fo sehr erfüllt ist. Daß man bei der Wahl der Wohnung streng darauf wird achten müssen, daß die Wohnräume oder wenigstens ein Teil reichlich von Sonne durchflutet werden, versteht sich von selbst. Denn es ist statistisch sestgestellt, daß schlecht durchgesomtte Wohnungen Brutstätten von Krankheiten sind. „Wo die Sonne nicht hinkommt, kommt der Arzt hin!" ist ein altes Sprichwort. Nachdem durch Professor Rollier (Leysin, Schweiz) bewiesen worden ist, tvclch unerhörten gesundheitlichen Einstuß die Sonne selbst den schwersten Krankheitssormen gegenüber ausübt, ist es selbstverständliches Gebot, daß man diese Heilwirkung durch fleißige Sonnenbäder soviel wie möglich ausnützt. Ist es nun einem Menschen unmöglich, daß er sich in einem öffentlichen Sonnenbade den Segnungen des Lichts aussetzt, fo suche er auch hier durch Stubensonnenbäder sich zu
Helsen. Wenigstens lassen sich doch Teilsonnenbäder, also Bestrahlungen einzelner Körperteile, auch bei beschränkter Zeit und unter den ungünstigsten Berhällnissen ermöglichen, wenn nur Verständnis und guter Wille da sind. Doch sei bemerkt, daß Bestrahlungen durch die Fenster keinen Wert haben, weil das Glas die ultravioletten, das sind die eigentlich wirksamen Lichtstrahlen, verschluckt. Eine vernünftig gewählte Kleidung, die trotzdem ganz billig sein kann, wird die Ausnützung der Sonnenstrahlen im Aufenthalt beim Gehen auf der Straße noch unterstützen. Ein großer Fortschritt wäre es, wenn man allgemein hellfarbige (weiße) und möglichst poröie Kleidung tragen würde. Weiße Farben lassen die ultravioletten Strahlen und poröse Stosse die Ausdünstungen durch, während dichtgewebte Stoffe die Haut zu sehr von der Lust äb- schließen und dunkle Farben ähnlich wie Glas die chemisch wirksamen Strahlen verschlucken. Besonder? die rote Farbe verschluckt sie fast völlig.
kk. D i e K u n st, billig u m zuziehe n. Herr Döske muß ziehen. Der Hauswirt hat ihm gekündigt. Nach langem Suchen und Streifen hat man endlich eine neue Wohnung entdeckt. Ta, ain Tage des Umzugs, fällt Frau Döske plötzlich ein, daß der Möbelwagen nicht bestellt ist. „Aber, mein liebes Männchen, was machen wir nur! So ganz ohne Möbelwagen!" Herr Döske lächelt pfiffig, nimmt eiligst Stock und Hut und stürzt von dannen. Geradenwegs in die „Höhle" eines bekannten Geldverleihers hinein. „Guten Tag l Ich bin Herr Döske und wünsche 3000 Mark." — „Was? 3000 Mark? Ich leihe nie (Selb ohne Sicherheit." — „Die sollen Sie auch haben, mein Lieber. Ich schicke Ihnen meine ganze Wohnungseinrichtung als Unterpfand." — „Wohnungseinrichtung? Nun, wenn sie bei mir lagert . . . Ja, gut, und die andere Seite vom Geschäft?" — „Ach! Was die anbetrifft, so werben wir wohl einig werben. Ich biete Ihnen ein brittel Prozent Zinsen pro Tag." — „Hm, hm! ein drittel Prozent.! das macht 122 Prozent pro Jahr. Gut!" — „Aber noch eins! Wissen Sie, der Gerichtsvollzieher kann sich jeden Singen- blick einstellen und ich glaube, Sie tun am besten, wenn Sie die Sachen staute pede abholen." — „Abgemacht! Adieu!" — „Adieu." Herr Döske eilt mit seinen 3000 Märklein in bet Tasche bavon. Arn nächsten Tage spricht Herr Döske beim Gelbverleiher wieder vor. „Guten Tag. Hier finb 3000 Mark zuzüglich 10 Mark Zinsen. Wir hatten ja abgemacht, ein drittel Prozent für den Tag. Stimmt? ? Also, nun möchte ich meine Sachen wieder heraushaben. Bringen Sie sie mir jetzt nach meiner neuen Wohnung. Ich bin nämlich umgezogen." So kam es, daß Herrn Döske der Umzug nut 10 Mark kostete. Am Tage darauf hat Herr Döske aus Grund dieses Vorfälle? seinen Namen ändern lassen, da er ihm jetzt deplaziert erschien. Er heißt jetzt Pfiffig.
* Kctstengei st. Als zwei Studenten auf der Stadtbahn, um noch wttznkommen, in die dritte Wagenkiasse einspringen, tritt der noch unbeholfene Fuchs einem Fahrgast auf den Fuß und entschuldigt sich so korrekt und höflich, wie er es von seinem ehrenfesten Leibburschen frisch gelernt hatte. Mit unverkennbar offizieller Miene zieht dieser ihn sofort zu sich heran und flüstert ihm belehrend zu: „In der dritten Klasse, lieber Fuchs, brauchst du nur „hoppla" zu sagen."
* G e su nd e Jun g en. Franz: „Du, Oskar, meine Großmutter hat mir eine Uhr geschenkt." — Oskar: „Donnerwetter, da muß sich doch gleich hingehett und meine Großmutter fragen, ob sie auch meine Uhrgroßmutter werden möchte."
* Guter Rat. „Ich möcht' meinen Sohn Beamter werden lassen, nur die Beförderung ist so schlecht!";— „Da bringen Sie ihn doch bei der Sttaßeirbahn unter, die befördert doch täglich über hunderttausend Personen!"
* Boshaft. Herr: „Weshalb haben Sie denn Ihren Lehrling wieder davongejagt?" — Wein Händler: „Der Lausbub hat, statt auf die Kisten, auf die Weinflaschen Zettel mit der Aufschrift „Vorsicht" aufgeklebt."
Rätsel.
Bestie — Bundesrat — Denar — Despot — England — Gebot — Glückskind — Istrien — Weide — Wiedenbrück.
Die vorstehenden Wörter sind derart zu ordnen, daß die Anfangsbuchstaben hintereinander gelesen ein Zitat auS Goethe'? „Iphigenie" ergeben.
Auflösung in nächster Nummer.
Auslösung des Geographische!» Verschiebratseis in voriger Numnter: Kreta
Portugal
Copland
Schlesien
Japan
Böhmen
Sechsen
Argentinien
Verfielt
China
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»


