Ausgabe 
26.4.1913
 
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M den geistigen Urheber zurM, während Schlaf nur Stoffliches, nichts Formales hier tote stets in der Kunst das Entscheidende beigesteuert habe. Tiefe Tatsache laßt fidji nicht durch das Mit­teilen non Briefstellen und Dokumenten erhärten und ebensowenig durch den Hinweis, daß Holz in einer zweibändigen SchriftTie Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesches die neue Form! zu. begründen unternahm. Was hier als endgültige Definition heranskommt, der Sah:Die tont ft hat die Tendenz, die Natur zu sein; sie wird sie nach Maßgabe ihrer Mittel «rät deren Handhabung", ist trotz der heftigsten Proteste desErfinders" nicht mehr als Zolas bekannte Formel, ja kaum mehr als die zahllosen Theorien von der Nachahmung der Natur im 18. Jahrhundert. Man muß tiefer ghaben, nm Holzens Anteil ztt verstehen. Und diesen komplizierten Prozeß des gemeinsamen Schaffens aus der inneren Psychologie der Persönlichkeiten -erklären.

Tn hättest dieNeuen -Geleise" nie ohne mich in die Welt gesetzt, und- ich nie ohne Dich", schreibt einmal Holz schön an Schlaf.Der Eine von uns war damals blind, der Andere lahin. Und tarn kommen und M sagen, der Blinde ist daran schuld ge­wesen, daß der Lahm'e das Ziel erreichte oder umgekehrt, ist Meinen! Dafürhalten nach gleich lächerlich. Und ungerecht! Du warst damals wir sprachen öft darüber das Weib, ich der Mann. . Unsere Funktionen waren nicht dieselben, aber sie waren gleich wichtig . . ." Als eine solche, durchaus Männliche, energisch draufgängerische Natur, als ein scharfer bohrender Intellekt, ein leidenschaftlicher Neuerer und Kämpfer wirkt -der -Ostpreuße -Arno -Holz von Anfang an, gleich- wie bett Hecht in dem! trübe und still stehenden Karpfenteich der damaligen Literatur. Einer, der es mit den« Dichten ernst nimmt, der den Dingen auf den -Grund gehen will und unaufhaltsam vorwärts stürmt! Ter Zwanzig- jährige ist blind verliebt in den Klingklang der Reime, betet Geihel als hohes Vorbilds an, aber in die schwungvollen Verse und Strophen drängt sich deM scharfen Beobachter der Umwelt, fast unbewußt, ein neuer revolutionierender Inhalt. Uitb so entsteht Nach schwächlich harmlosen Anläufen sein erstes individuelles Werk, das prächtigeBuch der Zeit" (1885) mit dem charakteristischen Programm":

Kein rückwärts schauernder Poet, -Geblendet durch unfaUiche Idole, Modern sei der Poet, Modern vom Scheitel bis zur Sohle."

Es ist eins der sympathischsten Bücher aus dieser Frühzeit von -Jüngstdeutschland", dies Buch, der Zeit, prachtvoll jung, derb -bis zur Ungezogenheit, frech bis zum- -Gassenjungenton, aber er­quickend ehrlich, von einer warmen Welle sozialen Mitleids ge­tragen nnd von ein ent1 kräftigen dichterischen Schwung. Ein ungezwungenes lyrisches Pathos beseelt diese Bilder, die der Poesie eine neue Welt erobern, denvermickerten" -I-roßstadtsiühling Mit- seinen Leierkastenmelodien, die dürftige Lichtstimmung des Hinterhauses und der Mansarde, das tragisch schwüle Treiben der Friedrichstraße und -den düster grandiosen Lärm' der Fabrikviertel. Manche dieser -Gedichte gehören heute zum eisernen Bestände jeder Anthologie und werden stets bezeichnend bleiben: für den Gefühlston einer bestimmten Kulturperiode.

Aber .-es genügte Holz- nicht, neuen Wein in alte Schläuche zu gießen: schmerzhaft peinigte ihn die unüberbrückbare Kluft zwischen dem, was -er sagte, und tote er es sagte. Er Machte sich resolut frei von allem! Vergangenen und wollte an kein Gebot der Aesthetik Mehr glauben. So gebührt ihm' das Verdienst, zuerst unter den jungen Stürmern Und Drängern über die Woraus- -setzungen einer neuen Kunst nachgedacht zu haben. Er wurde zunt Fanatiker eines Stils, der auf eineErneuerung des Sprachi- blntes" ausging, d. tz. die feinsten Schwebungen des Sprechtons, die leisesten Nuancen des Lebens nach genauester Beobachtung Mit Worten auff-angen wollte. Tiefe Aufgabe, die bereits die -G-on- courts falb Jacobsen aus ihre Weise für die französische und dänische Literatur geleistet hatten, erforderte feinere Nerven, ein weicheres Anschmiegen an die'Tinge, als es der robuste Holz besaß. Er Mußte sich gleichsam ein Organ für das Aufnehmen dieser zartesten Regungen züchten, und er tat dies in dem lyrisch rezeptiven, weib­lich sensiblen Schlaf. T- dieser nur ein Werkzeug, allerdings ein äußerst vortreffliches, das Holz genial gewählt hatte, in seiner Heimat war, dafür bürgt desJntiators^ ganze Persönlich­keit, dieses zielsichere, überlegte, energisch« Temperament, das aus seinen persönlichen Bekenntnissen tn seinen interessanten Streitschriften und Pamphleten so schürf Hervortritt.Holz- hatte eine Art, einen mit seiner Meinung förmlich zu knebeln, die mir nicht wieder vorgekommen ist", meint Bahr von der sortreißenden Wirkung, die der junge Poet damals auf die -Genossen ausübte. So schuf er in seltsamster Ztoillingsärbeit mit einem' ihm völlig entgegengesetzten und darum so Notwendigen Talent jene Beispiele eines naturalisti'sch-iMpressionistiWen StÜs, die stets merkwürdig metben werden, weil sie etwas Neues) in unser Schrifttum, brachten. Nicht so die Stoffe waren das Wesentlichste, als die Wiedergabig bisher Nicht gesMuter, nicht gehörter, nicht ge-siWter Einzelheiten des Daseins. Kein Satz- sollte heraus,bevor er nicht färben» simkelnd, klingend, tönend, sind! wpmiöglich duftend v-or ihm' stand". .Dte monotone Melodie des Regens, der flirrende Tanz- der Sonnen- stänbchen, das Krtyhen einer Fliege, sie waren so sinnlich und anschaulich gegeben, daß Man sie zum erstenmal zu erleben glaubte, und diese Betonung aller Mitschwing-enden Stimmungen, desAm­

biente", umhüllte die Stoff-'selbst trotz ihrer Banalität mit einem neuen hell siutenden Licht, das der Glanz des Lebens selbst zu sein falten.

Das war dieentscheidende Anregung", die Gerhart Hanpt- mann in seiner Widmung vonVor Sonnenaufgang" erhalten zu haben bekannte und die der ganz jungen Generation zu Gute kant. Tas Neue ist in den Prosasachen stärker als in dem Drama Familtc Seliche", das im Dialog ein sehr feines Gehör für die raUOcUCYn Sprechtons beweist, aber gar keine dramatische Kraft hat. Sehr eng sind die Berührungen mit Hanptmanns ersten Dramen: wie die Helene vonVor Sonnenaufgang" ist die ^.oni derFamilie Selicke" als ein gutes reines Wesen in eine verrottete Umgebung gestellt, in der ein Trunkenbold die Haupt­rolle spielt; der Kontrast der WeihnachtsstimMung ist ähnlich herausgearbeitet wie imFriedensfest". Aber wo Holz-Schlaf menschlich reiche Züge grau in grau nebenciuaitber setzen, gestaltet der bedeutendere geniale Geist durch starke Uebertreibungen ein farbenkräftiges, dramatisch ergreifendes Bild. Nicht dieFamilie selicke' ist das naturalistische Drama geworden, sondern erst HauptmannsWeber". Holz hat die bietere Tragik des Vor­läufers auskosten müssen, der die Waffen einem andern schmiedete zum Siege, der einem größeren den Weg bereitete. Viele sind seine Schüler gewesen von Gerhart HauPtMann bis zu Paul Ernst; aber sie fielen^ alle von ihm ab und gingen ihre eigenen Wege. Es liegt gewiß eine geheime Schwäche der Persönlichkeit diesem Schicksal z-u Grunde, das keinen zu Halten wußte, ein Mangel an Liebe, an.eigener Hingebung, wie es letzten Endes ein Mangel an Schöpferkraft ist, daß Holz zu dem' so nnkünstlerisch-en Prinzip des Zusamtneu arbeitens mit einem andern neigt. Äehnlich tote Schlaf, aber in viel geringerem' Maß, hat ihm Paul Ernst bei seinem zweiten Drama, denSozialaristokraten", diesem köstlich beobachteten Ausschnitt ans der Berliner Bohsm'e, Dienste ge­leistet, und zuletzt hat er sich mit seinem Jugendfreund Jerschke, mit dem er schon in jungen JahrenDeutsche Weisen" gesungen, zusammengetan. Doch in all diesen Beziehungen verlor er nie sich selbst, blieb stets ein Eigner, Einsamer in strenger Mge- sch.lossenhcit, bissig und selbständig, ein Original, dassaugrob wie Luther" sein kamt nnd in seinen Polemiken eine köstliche, heute sonst so seltene Virtuosität des Schimpfens und der literari­schen^ Klopfsechterci bewiesen hat.

Holzens Bedeutung, die ihn hoch über manches' reicher begabte nnd vielberühmtere", aber charakterlose Talent hebt, liegt- in dem strengen Ernst, mit dem er stets sein Bestes gegeben, in der eisernen Disziplin, mit der er seine Keime entwickelt, seine Per­sönlichkeit erzogen Hat. Zehn Jahre nach dernaturalistischen Empörung" überraschte er die Welt mit einerRevolution der Lyrik" (1899), durch die er auch! dieser Dichtungsgattung den großen Weg zur Natur zurück" weisen wollte. Der Experimen­tator undBastler", der nun einniäl in diesem Musiechten steckt, der /zum' Broterwerb mit feinen geschickten Händen Spielzeug ver­fertigt hat, wollte die- Poesie von demLeierkasten" des Reimes nnd des Metrums Befreien, auf jedeMusik durch Worte" ver­zichten und lediglich einen inneren Rhythmus gelten lassen. Was er in seinen schönen beidenPhantasus"-Heften gab, war jedoch keine neue Form!, wohl aber eine sehr .gefangene liebertragung seiner impressionistischen Bcobachtungslünst auf die Lyrik, mit einem! köstlichen koloristischen und phantastischen Einschlag. Durch dieses Sinnen -über die Form', bei dem! er sich wie zum -Gegensatz^ in die klangrcichen Lieder des deutschen Rokoko versenkte, kam' er, der liefe und virtuose Kenner des Wortes, auf seltsame Spielereien, die ihn in seinerTaphuis" zu einer bewundernswert geschickten, aber geistlos leeren Nachahmung der Barocklhrik v-oranlaßtcn. Einen ähnlich feinen Sinn für die Kulturstim'm'ung der Sprache hat er später in dein' zur Jubelfeier der Universität Jena mit Jerschke verfaßten FestspielGaudeäm'us" bewieseit. Erfolg, -äußeren, materiellen Erfolg aber, den er so dringend brauchte, hatte er mit d-em allen nicht, und nun ist es bezeichnend für seinen nüchternen, klaren Verstand-, daß er nicht unbewußt Zugeständnisse an das. Konventionelle m'acht, sondern er beschloß eines Tages kaltblütig, sein Talent einmäl darauf zu verwenden, um' ohne jede künstlerische Absicht das Richtige für den Publikumsgeschmack zu treffen. Der gute Rechner irrte sich! nicht: seinTraumUlus" (1904) wurde ein Kassen stück, und im'Büxl" hat er ebenso ge­schickte gute Theaterarbcit geleistet. Hoffen wir, daß sich diese Opfer, die er mit vollem Bedacht seiner Kunst gebracht Hat, ge­lohnt Haben und daß der große T-ram'enzyklus, an dem er arbeitet, den er 1896 mit denSozialaristokraten" begann und der feilt Lebenswerk werden sollte, als eine reife, vollgültige, seiner würdige Dichtung sich darstellt.

wie man in Rußland Reichtümer erwirbt.

, .Der russische Hochadel, der noch immer über große Vermögen verfügt, trotzdem sich viele feinet Mitglieder durch unsinnige und maßlose Verschwendung ruiniert haben, ist zu seinen Reichtümern fast durchweg äußerst mühelos gekommen. Sie sind zum aller­größten Teil der Landschenkungen der Krone zurückzuführeit, mit denen namentlich die Hofchargen bedacht 'wurden, an die Jahr­hunderte hindurch Land oder Besitzungen verteilt wurden. Eine gewisse Zahl von Leibeigenen entsprach immer einem gewissen Landgebiet, und -es Ivar Brauch, bat Reichtum eines Mannes nach