Ausgabe 
26.4.1913
 
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Vegard das erschütterndste -Ereignis ihres Lebens abgespielt hatte, i

Grönberg sing an, an dem Kleids an dem Hintergrund M Malen, weil er fühlte, daß er zst ruhelos war, um sich an das Gesicht wagen zu dürfen, er bemerkte nicht, wie Mühsam sein junges Modell ihre Züge beherrschte.

Marianne hatte sich in den Anblick der Mappen vertieft, aber in dem großen Schweigen um sie her stürmten bittere Gedanken auf sie ein.

Gestern war ihre Schwägerin Michaela bei, ihr gewesen unb -hatte sie, nach liebem Verwandtenbrauch, in bester Ab- sich und im freundlichsten Ton gequält und gemartert.

j,Jch muß mit dir reden- Marianne," hatte sie mit feierlichem Gräbeston gesagt, nachdem sie sich erst überzeugt, daß niemand horchen khnnte.Weißt, das ist ja ganz aus der Weis', wie dein Mann sich äusführt. Ein solches Be- nehnieu nein, das darfst ihm wirklich nicht mehr hin­gehen Lassen. Auf alle Redouten treibt erlich herum urfbi immer Mit die leichtsinnigsten Frauenzimmer .Ich hab's gestern, wie mir's wieder von einein Bekannten erzählt worden ist, zu meinem Mann g'sagt: Eins von uns muß litit unserer Mutter reden; die Mutter muß dem sauberen Herrn Baron den Standpunkt klar Macheii. Der Gustav hat auch g'meint, das wär' das einzige was man tun rann. . Was ist er denn.Z-'wesen, Ker Herr von Wassan, ehers er Dich g'heirat'tchat? Ein Herr von Habenichts halt. Und das ist der Dankj daß er in unsere Familie rein- gekoMMen ist!"

Marianne hatte geschwiegen, sie war nur noch bleicher geworden.

Als ihre Schwägerin aber kein Ende fand', sagte sie plötzlich ganz ruhig, mit bitterer Bestimmtheit:

'Ihr wollt also, daß! ich mich von meinem Mann scheiden lasse?"

Da hatte Michaela voll Entsetzen ihre Hände gefaßt und gerufen: 1

Nein! Um Gotteswillen! Nur das nicht! In unserer Familie ein solcher Skandal! Nein, gelt, Marianne, gelt, das tust du uns nicht an?"

Die blasse Frau hatte mit einem herben Lächeln den Kopf geschüttelt. ;

-zJch tue es nicht, weil Mein kleiner Paul an seinem Vater hängt, weil mein armer BUb- nicht ohne Vater au-s- wachsen soll. Wer macht es mir nur nicht allzu schwer'! Treibt mich nicht zu einer Lösung!, wenn ihr vor dem Skandal zurückschreckt! Vor allem schweigt! Schweigt vor unserer Mutter! Glaubt doch nicht, daß es irgend etwas nützt, wenn ihr die alte Frau beunruhigt. Sie ändert ihn nicht, sie ändert nichts mehr an unserer Ehe! Ich! will keine häßlichen Szenen, keine heftig-en Worte! Mir mich gibt es nur eins: Schweigend tragen, was! das Schicksal Wer mich verhängt hat, alles Aufsehen vermeiden, vor den fremden Beuten einen M"cmrchdringlichen Schleier Zsse-Heu über mein Leid. Bitte, seid barmherzig. Rührt nicht an meinen Wunden, wenn ihr mich- nicht zur Verzweiflung bringen wollt."

Michaela tonr ganz eingeschüchtert von diesem leiden­schaftlichen Ausbruch der sonst so verschlossenen Marianne.

Sei nur ruhig. Ich sag' ja nichts, wenn du's nicht willst! Begreifen kann ich dich freilich nicht. Bei mir hätt' er keine ruhige Stunde, der saubere Herr Baron. Ich tät's ihm austreiben, das Redoutenlaufen!"

Michaela hatte der armen Frau ja nichts Neues ge­sagt. '

Marianne wußte längst, daß ihr Mann sie nicht liebte, vielleicht nie geliebt hatte, daß er sie betrog. Aber die Unterredung hatte ihr doch die peinlich Gewißheit gebracht, daß ihre unglückliche Ehe schon zum Stadtgespräch geworden, daß man Über sie klatschte, sie bemitleidete, vielleicht ver­spottete. 1 ;

- Än einer lauge» schlaflosen Nacht Hatte sie gekämpft um ruhige Ergebenheit auch in dieses Furchtbare, das ihr seines Empfinden so bitterlich traf. Sie fühlte sich so alt, so müde! Es kam ihr nicht in den Sinn, daß auf ihr blasses', ernstes Gesicht sich noch ein paar Männeraugen richten könnten, mit heißem, leidenschaftlichem Btgehren.

10.

Nach grauen kalten Tagen war es endlich wieder wärm und frühjährlhch geworden. -

Sonnenbeleuchtet im lichten Weiß hob sich der griechische Tempel der Glyptothek von dem blauen Himmel ab. Unter

BäuMen des Parkes lag schon der Schatten, und es war einsam und still . In den frühen Nachunttagsstunden pfleg­ten sich hier Scharen von Kindern herumzutummeln, und auf den Bänken saßen die strickenden, schwatzenden Kinder­frauen Und Bonnen. !

Nun waren sie Mit ihren Schützlingen nach Hause gegangen, man hörte wieder das leise Zwitschern der Vögel in den Zweigen.

: Nur ein zierliches Fräulein, das sich noch mit einem blondlockigen Meinen verspätet, warf einen neugierigeü Mick auf Hildegard, die sichtlich verlegen über den Kiesweg hinfchritt, umherspähte und sich dann zu einem großen Herrn mit einem dunklen losen Mantel itiib einem weichen Filzhut wendete, der schon eine Weile in Gedanken versunken auf der entlegensten Bank gesessen hatte.

Das Kinderfräulein zog -geringschätzeud und entrüstet das Stumpfnäschen in die Höhe- und trippelte dann rasch mit einem befehlenden:tiite; vite, Mary, nons Partons!" davon. Sie rannte vor Eifer, ihrer Herrin, die in Frau Walburgas Haus wohnte, die interessante Neuigkeit zu erzählen.Fräulein Hildegard habe heute hinter der Glyptothek ein Rendezvous mit einem Herrn gehabt, der wie ein Künstler aussah und nicht einmal jung war, nein, schon ganz grauhaarig! So etwas könne sie doch gar nicht verstehen! Sie wäre doch nur Kinderfräulein, aber sie hätten schon viel noblere Herren angesprochen, und sie wäre stolz an ihnen vorbeigegangen."

Mit Herzklopfen hatte sich Hildegard auf den Weg- g einacht.

Dieses heimliche Zusammentreffen, zu dem sie sich mit einer Lüge hatte 'fortstehlen müssen, war ihr aufregend und peinlich.

Aber alles Bangen, alle Angst verflog, als sie mit so rührender Herzensfreude begrüßt wurde.

hWie ich.es dir danke, daß du kommst, Kind!"

Seine großen ernsten Züge, die ihr so düster erschienen waren in dem bärtigen Gesicht, wären "förmlich durchleuchtet von dem lieben warmen Blick der braunen Airgen, die in diesem Moment etwas Jugendliches, Kindliches hatten in ihrer jubelnden Zärtlichkeit.

Eine Weile sah er ihr wieder mir stumm in das ivorine blühende Gesicht, streichelte ihre Hände wie in einem neuen Stauiren über ihre Nähe in seliger Ergriffenheit.

>,Ach Kind- dir ahnst ja nicht, Inas ich gelitten habe, seit ich dich plötzlich vor mir stehen sah, so hold, so jung!" stammelte er dann.Mein Kind! Meine große Tochter! Und ich ein Fremder für sie, der sie rricht in seine Arme schließen, der sie nur schweigend anstarren durfte! Seit­dem ist kein Schlaf mehr in meine Augen gekommen. Ich habe mir die Haare zerrauft und mich zermartert, nächtelang in nutzloser Reue. Nur einmal das WortVater" von deinen Lippen hören! O Gott, verdient hatte ich's ja nicht. Aber ich sehnte mich doch! so namenlos.

(Fortsetzung folgt.)

Arno holz.

(Zu feineni 50. Geburtstag, den 26. April.)

Von Dr. Paul Landau.

Es ist 'mit,-Erfindungen" etwas Eigenes: immer hat sie schob einer vorher gemacht, und wenn auf dem praktischen Gebiet der Technik erst dem Vollender und endlichen Durchfühter einer Idee der Preis gebührt, so ist auf geistigem Gebiet und gar in der Dichtlmg der ErstnderrulM noch viel schwieriger abzugrenz em Wäre -Arno Holz nichts weiter als derErfinder" des Naturalis­mus, er wäre nicht viel. Er hätte daun eine neue poetische Theorie in die Welt gesetzt, ein Rezept zum! Dichten, gleich vage und unbestimmt tvie hundert andere vor ihm, und die Literatur wäre um eine Kuriosität reicher. Nirgends sonst wo steht das Recht so völlig auf der Seite dessen, der etwas schafft, wie in der Kunst; denn Kunst kommt von Können her, und deshalb! liegt die Bedeutung Holzens allein in seinen dichterischen Werken­wenngleich sie freilich stärker als sonst bei einem Modernen mit einem! theoretischen Grundelement verbunden sind.

Holz hat Mr den RechtstitelVater des Naturalismüs" vor einem Jahrzehnt einen erbitterten Kampf geführt Ver­schiedene -Anlässe, die Arbeiten einiger Kritiker, so R. M. Meyers und Lublinskis, vor allem! aber die Behauptungen seines 'einstigen Mitarbeiters Johannes Schlaf, drängten ihn dazu, in temperamcnt- vollen Streitschriften den Beweis zu versuchen, jensr neue Stil, der Ende der 80er Jahre zuerst in den von ihm' und Schlaf ge­meinsam gezeichneten ArbeitenPapa Hamlet",Neue Geleise" undFamilie Selicke" ausgeprägt erschien, gehe auf ihn allein