Ausgabe 
26.4.1913
 
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Samstag, den 26. April

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Zwei Welten.

Roman von Emma Merk.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Darf ich einen Wunsch aussprechen, Frau Baronin?" sagte er lebhaft.Ich habe das letztemal, nachdem Sie fort tvaren, eine Skizze hingeworfen, die natürlich keinen Anspruch auf Aehnlichkeit erheben kann, die nur andeuten soll, tote ich mir das Bild ungefähr denke. Würden Sie sich den Entwurf einmal ansehen, während das Fräulein eine Ruhepause macht? Fch müßte Sie nur bitten, sich eine Treppe hinauf zu bemühen, in den kleinen Arbeits- ranm, den ich da noch habe. Wenn nrich hier das Reflex- licht von deut gegenüberliegenden grellweißen Haus zu sehr belästigt, dann male ich da oben, und die Mappe ist da so gut beleuchtet, daß ich sie nicht gerne wegnehmen möchte."

Sehr gern, Herr Grimberg," sagte Marianne, sich er­hebend.Kommst du mit, Kind?"

Ich fürchte, es ist ent wenig kalt in dem ungeheizten Raum," meinte Grimberg.Ich darf Ihnen wohl Ihren Pelz umhängen, Frau Baronin? Vielleicht ist es besser, wenn das gnädige Fräulein sich in dem dünnen Kleid nicht herauswagt."

Hildegard atmete auf, als sie allein war.

Sie war so erregt, so durchbebt von entern heißen,, ihr ganzes Wesen aufwühlenden Gedanken, daß es ihr fast unmöglich erschienen tvar, still zu halten vor den Maler- augeu, die sich prüfend auf ihr Gesicht hefteten. Dieser ernste Mann mit dem grauen Vollbart und den düsteren Zügen, der sie mit solcher Wehmut anzublicken pflegte!, er hieß Eberhard Holst. H lt, waren das nicht die Buchstüten, die sie auf den Bildent zu entziffern vermochte? Und er war jahrelang auf Reisen gewesen, als Zeichner für eine große Zeitung. Er malte melancholische Land­schaften ! |D Gott, o Gott! Wenn er . . .

Sie hatte das Gesicht in die Hände gedrückt und war so versunken in Nachdenken, daß sie nicht hörte, tote die Ateliertür leise geöffnet wurde.

Dann vernahm sie einen Schritt, wendete sich um und stieß, unwillkürlich in jähem Erschrecken, einen leisen Schrei aus.

Der Mann, an den sie eben gedacht, stand vor ihr, trat auf sie zu, totenblaß, in einer übermächtigen Be­wegung.

Nicht erschrecken! Bitte, nicht erschrecken!" bat er mit einem herzbewegenden, sanften, liebevollen Ton und hob flehend die Hände empor.Einmal, ein einziges Mal möchte ich diese Züge betrachten dürfen, ganz nahe, und ohne Zeugen!" sneß er hervor, zitternd, mit Tränen in der Stimme.

Er schaute sie an wie nie ein Mensch zuvor, so tod- traurig und so zärtlich zugleich, mit einer Er schütter ungj, die seine ganze hohe Gestalt durchbebte, und zaghaft, schüch­tern, bittend faßte er ihre Hand.

Und wie sie nun dieses ernste Gesicht mit dem mäch­tigen Bart, mit den toarnten braunen Augen so dicht vor sich sah, da kam's über sie wie ein plötzliches Erkennen.

War's ein Stück Erinnerung, war's die Stimme des Blutes, die sich regte sie hatte keinen Zweifel mehr, sie wußte! ' .

Mit einem leisen Aufschrei:Vater!" schlang sie die Arme um seinen 5zals.

Er hielt sie an sich gedrückt, ein Schluchzen stieg aus seiner Brust.

Kind! Mein Kind!"

In tiefer Rührung, fassungslos in einem großen, bangen .Glück, streichelte er ihr das Haar, strich er leise, mit weicher, sanfter Hand über ihre Stirn, ihre Wangen.

Er konnte nicht sprechen. Er stammelte nur immer wieder:

Mein Kind! O, mein Kind!"

Ihr aber war's, als fände sie in diesen warmen, guten Augen Frieden und Rast nach all dem uferlosen Sehnen, das ihr das Herz zerqnält hatte, als wäre sie nun aus der Fremde zurückgekehrt in die Heimat.

Er hielt sie noch immer an seine Brust gedrückt, wort­los, in stummem Glück, als über ihnen eine Tür geschlossen wurde.

Sie kommen zurück," flüsterte Hildegard, wie erwachend aus der seligen Beklommenheit dieser kurzen Minuten. Was sollen wir ihnen sagen?"

Er strich sich über die Stirn.

Ganz verwirrt blickte er um sich, als müßte er sich erst besinnen ans die Forderung des Alltags, die sich auch jetzt, auch in dieser feierlichen Stunde geltend machte.

Ich kann jetzt mit niemand sprechen," stieß er hastig hervor.Aber ich hätte dir ja so viel zu sagen so un­endlich viel! Wann wann kann ich dich sehen, allein^ nur eine Stunde lang? Ich werde auf dich warten in dem Garten der Glyptothek jeden Tag um sechs Uhr. Wenn du Mitleid hast, ein wenig Mitleid mit deinem Vater, dann kommst du, Hildegard."

So schmerzlich hingen seine Augen an ihrem Gesicht, so gepreßt klang seine Stimme.

Erst als die Schritte, die Stimmen sich schon näherten, vermochte er sich loszureißen und stürzte fort.

Das junge Mädchen stand allein im Atelier, abge- wendet von den beiden, die im eifrigen Gespräch über das Porträt der Baronin eintraten. Marianne ruhig und kühl, mit ihrem wehmütigen Zug um die Lippen. Der Malev erregt und von dem kurzen Alleinsein mit der schönen Frau zerstreut und in schlechter Arbeitsstimmung,

Keiner von beiden ahnte, daß sich in diesen Minuten, während sie in dem kalten Raum da oben standen, für Hil-