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Deutsche Wörter im Englischen.
ein deutsches Wort zu gebrauchen. Ganz richtig ist dies nicht. Gür das Beispiel des Engländers führt Ah Heinrich! in den „Neuerest Sprachen" den Nachweis, daß auch er, wenn auch in geringem Maße, deutsche Wörter in gar nicht oder sehr wenig veränderter Form in der Umgangssprache benutzt. Heinrich stützt sich dabei auf dest Fowlerschen „Coneise Oxford Dictionary vf Current English", Oxford 1911. Deutsche Abstrakta, die der Engländer gebraucht, sind folgende: Aberglaube, Judenhetze, Leitistotif, unberufen, Welt, Weltpolitik, Weltschmerz und Zeitgeist. Ter Engländer verwendet das deutsche Wort Knappsack, desgleichen rüstet er sich mit einem Alpenstock und einem Rucksack aus, er kennt den Kursaal und den Bergschrund. Für das Wort Föhn hat er kein gleich, gutes englisches, ebenso muß. er das Hinterland im geogravhtschen Unterrichte deutsch benennen, und in der englischen Erziehung spielt der Kindergarten eine Rolle. Tie Worte Verein und Behm- gericht hat er durch nichts besseres ersetzen können. IM englischen »Heere kennt man das deutsche Kriegsspiel, ferner die Wörter Landsturm, Landwehr und den Ulanen. Ulan ist übrigens nicht deutsch, sondern auf der Wanderung voM Türkisch-Tartarnchen durch das Polnische hindurch in der deutschen Form ins englische! ausgenommen. Tie tartarische Form kantet: oglan, — Sohn, Kind. Von deutschen Münzen und Gewichten sind der Groschen, per Kreuzer, der Pfennig, der Taler, die Krmie und der Zentner englisch geworden; beim Essest und Trinken nimmt der Engländer Folgendes deutsche zu sich: Ktrschwafser, KumMek, Lagerbier (in der Form Lager), Niersteiner unb- Schnapps, kerner die Bretzel,' Zwieback, Pumpernickel und Sauerkraut. Es gibt eine Reihe von Neusten, die unverändert vom Engländer übernommen worden sind, z-. B. Berlin (für den Wagen) und Barlin in Zusammensetzung als Warenbezeichnung, ferner Glaubersalz, Herrenhuter, Liebigs Extrakt und Münchhausen. Psianzeiinainen die englisch geworden sind, sind: Edelweiß, Kohlrabi und N-east- qold. Ist der Polittk kennt der Engländer beit Ausgleich, den Bundesrat, den Landtag, den Reichsrat, den Reichstag und ben Zollverein. Sprache, Literaturwissenschaft unb Mychologie benutzen die deutschen Wörter: Ablaut, Umlaut, Lied, Äistnesinaer, Volkslied und Kobold; ferner tanzt der Engländer „Wottilch , in der Technik, im Handwerk und in den Naturwissenschaften
alle diese praktische Kulturarbeit sind Mch der TAUerbUnd und andere Mittel nur Hilfstruppen: Ms ihm! eines Tages die Professur angeboten wurde, lehnte er ab, weil er sich mit der Herausgabe eines neuen Familienblattes trug, was ihm- wichtiger schien. Das ist Avenarius.
Doch! auch er hat seine Tragik. Den Geist, den er beschwor/ ward er nicht los. Er vermochte ihn nicht zu weiten, wie der. größere Umriß der weiter drängenden Zeitprobleme es verlangt. Er gehört doch! ins 19. Jahrhundert. Tas 20. hat größere Masseninstinkte, weitere kulturelle Horizonte, als fein Kun stund Kulurwart zu umspannen vermag. Und für die kommenden Sozialpolitischen Aufgaben und ihren literarischen Niederschlag fehlt Avenarius die Anlage. Tie große übersichtliche Kritik, der Instinkt für die Zstsamwentzänge, etwas, was aus einer Wechselwirkung von Erdennähe und ProphetentuM geboren wird, hat ihm immer ein wenig gefehlt. Sein Werk ist ein Musterbau aus realpolitischen Details auf mittlerer Linie. Sein großes; Verdienst ist die Durchbildung des deutschen Mittelstandes. Der Fortschritt verlangt bereits breitere Kräfte. Avenarius vermag in Literatur und Kunst und andern Dingen für Dezennien vorauszuwirken; aber für das, was noch weiter trägt, fehlt ihm das Gefühl, weil er den Sinn für das Große und Ewige nicht hat. Sonst hätte er das Große in den letzten fünfundzwanzig Jahren herauszustellen vermocht, ohne Sorge und Taktik — und. er hat gerade wichtige Erscheinungen zur rechten Zeit nicht sehest wollen. Und heute, wo er allein es nicht mehr bewältigen kann, beginnt der mächtige Kunst- ustd Kulturwart ein Konglomerat von Meinungen zu werden, bei dem man kritische Fehlgriffe, Richtung, Clique leise zu spüren astfängt.
lieber alledem wollen wir den Lyriker Avenarius nicht vergessen, der wunderschöne Gedichte gewacht hat, die auf der goldenen Saite der guten deutschen bürgerlichen Poesie spielen. Auch hier hat er mit reiner Vernunft die Seitensprünge seiner dichterischen Zeitgenossen vermieden. — — —
Es kommt eine neue Zeit, eine Zeit stoch strengerer Besinnlichkeit und Verantwortung, aber auch von größerer positiver Kraft. Wir dürfen heute weitherziger anerkennen als früher. Es bleibt nach wie vor das Schwerste, unbeirrt tzst sein im großen Tohuwabohu; doch ist unser Sinn gestärkt für das Rechte und der Zug der Zeit verlangt nach selbstloserem Herausarbeiten des Guten. Wir können es uns in diesem Jahrhundert leisten, die Masse unten miizunehmen und die kühnsten Köpfe oben. Und unsere Polittk und Taktik wird nicht Mehr darauf gerichtet sein, anders Denkende zu besiegen, sondern das! uns! Gemäße zu fördern, wo wir nur können.
Der Deutsche Muß sich oft und mit Recht seine Ausländerei vorwerfen lassen, die sich namentlich in dem Gebrauche fremdsprachiger Wörter äußert. Keinem Engländer und keinem Franzosen, so wird ihm gewöhnlich: vorgehalten, würde es einfallen, ' ' ™ ' . Ganz richtig ist dies nicht-
Multurarbeiter allenthalben gefeiert wurde. Auch wir wollen seiner gebenfen.
Schauen wir dreißig Jahre zurück, da finden wir einen jungen Literaten, der Jahre lang nur ein halber Mensch ist. Der Vater leidend, er krank. Er will dienen, wird wieder krank. Und ist doch von zäher Energie. Er sitzt still, macht Verse; alles an ihm ist Sammeln, Vorbereiten. Er findet Fühlung mit der damaligen Literatur, nimmt aber selten Stellung. Wo es sich um seine ihm anvertrauten Ideale handelt, temperamentvoll; wo es neuen Erscheinungen gilt, vorsichtig. Er hat feine Urteile, ganz für sich, wagt sie aber noch nicht hinauszugeben und für sie einzutreten. Es ist etwas in dem neuen Literaturgetriebe und in den damals auftauchenden Leuten, das ihn abstößt. Die Karts z. B. sind ihm zu rabiat, zu unkultiviert., Er fühlt, daß es so nicht ssimmt, daß Einreißen allein nicht hilft, daß tibers Ziel schießen lächerlich Macht —: in ihm ist ein größeres Verantwortungsgefühl wach. 'Die Gesellschaft entsteht 1885, ihr Ton ist ihm' zuwider; die Freie Bühne 1889, sie zwingt ihm zwar Achtung ab, aber er kommt mit ihren Absichten nicht mit. ,
Damals schreibt er an einen Freund: Ich warte, bis meine Waffen fertig sind; ich kann vorläufig nur mitplänkeln. Das ist Menarius. >
Er bringt feine ersten Gedichte heraus, findet Anklang bei Vischer, Stieler und andern; wird bekannt; schreibt Kritiken für die Tägliche Rundschau. Begründet mit einem Vermögen von 10 000 Mark ben Kunstwart (1887). Und spannt feine Freunde in feine Idee, vor feinen Starten. Das Blatt hat Jahre laug schwer zu kämpfen. Er verliert daran sein Vermögen und hat erst 300 Abonnenten. Wer er schreibt: ich habe mich in ben Kunstwart verbissen. Tas ist Avenarius.
Tie anderen Blätter waren damals vielleicht markantere Erscheinungen; aber sie waren Vorposten, die auf dem Platze ,blieben. Conrads Gesellschaft ist hin; die, Freie Bühne ist hin '(die daraus gewordene jetzige Neue Rundschau ist andere Wege gegangen); Kirchbachs Magazin ist hin —: der Kunstwart und Avenarius sind die Einzigen, die sich zusammen ausgewachsen haben. Fast in den Linien, die von Ansang an gezeichnet, waren. Won einer Idee einer Persönlichkeit getragen und innerlich vorhergeschaut. Und der Zeit angepaßt. Und mit Aufwand von Redaktionstaktik und publizistischer Politik durchgehalten. Zehn Jahre Kampf, ehe Erfolg kam. Und dieser Erfolg erzwungen, dem Publikum abgerungen. Es liegt Charakter in diesem Leben.
Heute ist Avenarius ein literarischer Machthaber Deutschlands. Er ist für Zeiten ein Vorbild eines Herausgebers geworden. Es ist töricht von den andern, daß "sie von ihm noch nicht mehr gelernt haben. Manche Revuen würden nicht so wursteln, wenn ihre Herausgeber und Redakteure klug genug wären von Avenarius zu lernen. Es ist, verwunderlich, daß unsere Tages- presse ihre literarischen Beilagen nicht noch viel mehr nach! seinem Machtprinztp macht.
Freilich fängt auch der Kunstwart an, langsam' in die Bahn der andern zu gleiten. Mir war er lieber, als er enger und einseitiger war. Man schalt zwar über feinen lehrhaften Ton doch lag Konsequenz darin. Damals kam nichts in das Blatt, was Avenarius nicht geprüft und abgewogen hatte, was nicht in seine Anschauung und in seine Politik paßte. Damals mußten die Autoren lange warten, bis sie berücksichtigt wurden; Und manchmal wurde nur ihr Geist verarbeitet, sie selber aber wurden übergangen; aber damals preßte Avenarius aus allem und allen das, was ihm gut schien, heraus — Und man darf sagen, nicht mir für sich, sondern für das deutsche Kulturwerk, das ihm!, vorschwebte. Er war der Papst, der das Getriebe kontrollierte, hielt und schob — aber er war ein fortschrittlicher Papst.
Er wollte die große Sichtungsarbeit vornehmen und war immer um eine Nuance praktischer als alle andern. Er wollte die werdenden -Fäden zusamMenknüpfen, zu posisiver Kulturarbeit für seinen Begriff Kultur. Er wollte nicht nur -eine Zeitschrift machen und Papier bedrucken, nicht nur einen Ruf und Namen haben in Literatenkaffees Redaktionen und Verlagsanstalten. Ich fasse Avenarius und seinen Kunstwart anders auf: ich: glaube, daß die eigentliche Arbeit hinter dem' Kunstwart getan wird; ich glaube, ba& nachdem die lebensfähige Aufgabe erreicht ist, es ihm mehr wert ist, wenn die Volksschullehrer Praktisch befolgen, was im Kunstwart theoretisch steht; wenn die Gemeinde & und das Ministerium B gezwungen werden, das zu berücksichtigen, was er will — als wenn er heute 100 Abonnenten mehr bekommt.
Der Kunstwart ist nur der Abglanz einer Kulturarbeit, die fein Herausgeber hinter den Kulissen wirkt. Und das ist wohl das größte Zeugnis, das man in einer Zeit der Ohnmacht, der öffentlichen Meinung einem Publizisten ausstellen kann. Für Recht, feinen älteren Kollegen unbefangen und offen nach der positiven und negativen Seite hin zu würdigen. Wir drucken diese interessanten Ausführungen hier ab. Das' Heft enthält 'gleichzeitig reizvolle Gegenstücke: ein Kapitel über Gottscheds Diktatur in der Literatur des 18. Jahrhunderts, launige Verse über allerlei Skribenten von Matthias Claudius u. a. Die Nummer steht Juteressenten kostenlos durch die Geschäftsstelle der Lese in Stuttgart zur Verfügung,


