Ausgabe 
26.2.1913
 
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Der Zpitalbruder.

Skizze von Adolf Stark.

Mm Sommer ist der alte Stadler Landstreicher und im Winter Spitals bruder, das heißt, wenn der Wind- kalt über die Stoppeln der Felder zu streichen beginnt und der Nachtfrost sich einstellt, sucht er das nächste Kranken­haus auf und läßt sich in den Krankenstand aufnehmen. Die Aerzte kennen den alten Stadtler längst, sie brummen und s chimpfen, wenn er kommt, aber die Aufnahme können sie dem elenden, schlecht genährten 70 jährigen Menschen doch nicht verweigern. Das weiß der Stadtler schon und aus ein paar derben Worten macht er sich nichts.

Beinl Wartepersonal ist er nicht unbeliebt, denn er kennt dte Gebräuche und Sitten, die int Spital herrschen, ganz genau und weiß sich nützlich zu machen, so daß er nicht wie andere Patienten eine Last, sondern eine Stütze ist. Die Wärterin, welche Nachtdienst hat im Zimmer, wo sein Bett steht, kann ruhig schlafen, denn der alte Stadtler nimmt ihr die Arbeit gerne ab.So ein alter Mensch hat ohnehin keinen rechten Schlaf," pflegt er zu sagen

Auch heute ist er gleich in der Höhe, als er hört, daß der junge Mensch, der in der Ecke beim Fenster liegt, wieder seinen Hustenanfall bekommt, an dem er zu er­sticken droht/ Ohne die Wärterin zu wecken, welche in ihrem Lehnstuhl sitzt und schnarcht, schleicht er zwischen den Betten hin, sucht beim schwachen Schein der niedrig geschraubten Gasflamme das Fläschchen mit den Tropfen, nimmt ein Stückchen Zucker aus der Schublade, zählt ge­wissenhaft bis 20 und schiebt das Medikament dem Kranken in den Mund. Dann bleibt er am Bettrand sitzen und wartet, bis sich die Wirkung eingestellt hat.

Na, ist dir schon besser?" fragt er teilnahmsvoll mit gedämpfter Stimme, um die anderen Kranken nicht zu wecken.

Ter Gefragte, der schwer ermattet in seinen Kissen liegt, nickt stumm. Als der alte Stadler aber in.sein Bett zurückschleichen will, umklammert der andere mit den ab» gemagerten fiebernden Fingern seine Hand und läßt sie nicht lös.

Bleib noch ein wenig da bei mir," stöhnt er.Bleib da, ich fürchte mich so."

Der Alte kennt diese Zustände; man ist Nicht um­sonst seit 20 Jahren Spitalsbruder.

Nu, nu, rege dich nur nicht auf, ich bleibe schon. Schlafen kann ich eh' nicht. So, jetzt liegst du besser, wenn man dir den Polster so in die Höhe schiebt, was?"'

Der Kranke nickt.Gut, sehr gut."

Nun siehst du, ich habe oir's ja gestern gesagt, daß dir bald besser sein wird. Am Ende war das jetzt die Mrisis, weißt du, so sagen die Herren Doktors, wenn es der Besserung zugeht. Wäre miet) nicht schlecht. So ein Mensch wie du, der wahre Riese. Eine Schande ist es Eigentlich, daß so einer überhaupt krank ist."

Der andere macht eine heftige, abwehrende Bewegung. Schweig doch mit deinem Geplapper. Mir kannst du nichts einreden, ich weiß, daß ich sterben muß, bald schon, vielleicht gar heute nacht."

Der alte Stadler gibt keine Antwort. Er ist Philosoph. Den Kranken Mut Zureden ist guk, so lange sie daran glauben, aber wenn sie einmal wtssen, baß es zu .Ende geht, dann hat das Reden keinen Zweck mehr. Gr will wieder gufstehen, aber der andere hält ihn zurück.

Hör' mal, Stadler, ich hätt' eine Bitt' an dich. Aber du mußt mir schwören, daß du sie erfüllen wirst."

Wann ich es kann, recht gern- das schwöre ich dir. Was willst du denn?"

Und der Kranke erzählt stoßweise, von Hustenanfällen Unterbrochen:

Ich hab' eilten Schatz zuhaus' Anna heißt sie Anna Müller. Hübsch ist sie und brav! und lieb hab' ich sie auch, nur daß sie gerade so arm ist, wie ich. Derowegen bin ich eben fort vom Dorf, in die Stadt, wo man mehr Geld verdient. Aber sie hat mir nicht gut getan, die Stadtluft. Und jetzt lieg' ich da und"

Ein starker Husten anfall, der erst einer erneuten Gabe des Medikaments weicht, unterbricht seine Rede. Es dauert geraume Zeit, bis er fortfahren kann.

«Ich habe gedacht, daß aus uns einmal ein Paar Wird. Das ist mm vorbei. Mer bekommen soll sie, was

ich mir erspart hab', die Anna. 40 Gulden sind es, da, greif einmal unter den Kopfpolster. Hast du das Tüchel? In dem Knoten in der einen Ecke sind sie eingebunden, drei Zehner, ein Fünfer, und fünf Silbergulden. Die sollst du ihr bringen, wenn ich tot bin."

Der Stadler hat das Tuch hervorgeholt, den Knoten! geöffnet und das Geld nachgezählt.Stimmt alles. Auf mich kannst du dich verlassen."

Jetzt, wo er den schwer erworbenen Schatz hergegeben hat, erwacht in dem andern das Mißtrauen.Wer wirklich der Anna geben, stöhnt er.Hörst du? Nicht etwa selbst behalten."

Der Alte ist nicht beleidigt. Das Elend' ünd die Armut finden Mißtrauen so selbstverständlich. Er beeilt sich, seinen Schwur zu wiederholen, aber der Kranke ist noch immer nicht ganz bertrhigt.

Du hast geschworen, Stadler, du hast geschworen. Und wenn du das nicht hälft, soi"

Ein neuer Hustenanfall, stärker als die vorigen, und diesmal weicht er nicht einmal den Tropfen. Der Kranke wird blaurot int Gesicht, der Atem pfeift aus der keuchenden Brust, Blut tritt auf die Lippen.

Wärterin, Wärterin!"

Verschlafen fährt sie empor und blickt nach' der Gegend, aus welcher die Stimme des alten Stadler erschallt, der vom Bettrand nicht weicht, weil er weiß- daß es dem andern Erleichterung bringt, wenn er ihn stützt und den Kopf hebt. Dann dreht sie die Gasflamme hoch und eilt hinzu. Sie kommt gerade zurecht, um zu sehen, wie ein Blutstrom sich der kranken Brust entringt und die Bettdecke rot färbt.

Rasch, Stadler, lauf um den Herrn Doktor. Nutzen tut es zwar nichts mehr, aber es ist Vorschrift."

Und der Alte eilt, den Wachhabenden Arzt zit holen. Als er in dessen Begleitung z,urückk.hrt, ist der Kranke vcx--, schieden.

Am anderm Tag verlangte der alte Stadler zum Er­staunen des ganzen Spitals feine Entlassung. Im Feber, während draußen eine Bärenkälte herrschte. Der Primarius schüttelte den Kopf.Was Ihnen einfällt, Stadler. Sie holen sich ja den Tod."

Wer der Alte blieb bei feinem Vorsatz. Eine Stunde später wanderte er auf der verschneiten Latrdstraße dahin. Der Wintersturm blies ihm um die Ohren und die Nase, daß sie rot wurden, viel röter, als sie von Natur aus schon waren. Und der Schnee drang durch die vielen Kücken und Spalten der geflickten Kleidung bis auf die Haut. Aber Stadler marschierte vorwärts, von Zeit zu Zeit die Rechte auf die Brust legend, nm sich zu vergewissern, ob er das' Tuch mit dem Gelde nicht verloren habe.

Endlich war er am Ziele. Spät abends war es schort und ganz dunkel. Aus den Heinen Fenstern der niedrigen Dorfhäuser schimmerte das Licht hinaus auf die leere Straße und die Hunde heulten in allen Tonarten den alten Vaga­bunden an. Endlich traf er jemanden, der ihm Auskunft geben konnte.

Die Müller Anna? Das ist die, welche im letzten Herbst den Kamelbauern geheiratet hat. Da drobert am Berg der letzte Hof, wo die Lichter herüberschauen."

"Während der Bettler keuchend den verschneiten Abhang emporsteigt, simuliert er bei sich:Also geheiratet hat das Frauenzimmer? Wenn das der arme Kerl gewußt hätte! Aber was geht es mich an. Ich hab das «Gvld abzuliefernj und damit basta!"

Jetzt wär er ob en an g elangt. Vorsichtig und langsam tastete er sich durch den dunklen Hof, wegen des Hundes. Aber hier gab es keinen. Der Bauer war zu geizig, er wollte das Futter ersparen.

Jetzt stand er vor der Türe und klopfte. Keine Ant­wort. Er klopfte abermals. Dann öffnete er leise die Tür.

Mit einem Schrei des Schreckens fuhr die Bäuerin beim Anblick der zerlumpten Gestalt empor, worauf der Bauer, der in der Nebenstube gesessen hatte, herbeieilte.Hincn^ da, wir haben nichts übrig ür Bettler."

Ich will kein Geld, ich bringe welches," beginnt der alte Stadler seine Botschaft. Und dann erzählt er alles und legt die 40 Gulden auf den Tisch.

Das Gesicht der jungen Bäuerin wird! stolz und hoch­fahrend., so was, was der sich gedacht hat, auf die paar Gulden steht die Kamelbäuerin nicht an."

Dann kann ich sie ja wieder mitnehmeit, wenn es euch beleidigt," meinte Stadler und schickte sich an, das