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Vermiseyts«.

* Ein Fälschungstrick eines Untersuchungsgefangenen verursacht augenblicklich den Berliner Gerichts- rind Polizeibehör­den einiges Kopfzerfrechen. Die Hauptrolle in dieser Komödie spielt lautVoss. Ztg." der Kaufmann Wilhelm Wiener, der kürzlich/ nach Verübung zahlreicher Schwindeleien, in Hannover verhaftet worden war. Wiener hatte unter anderem zahlreichen Personen unter denr Versprechen, ihnen Hausverwalterstellen zu verschaffen, größere Beträge abgenommen. Ms er die Aufdeckung seiner Schwindeleien fürchten mußte, ergriff er die Flucht, bis ihn in Hannover sein Schicksal ereilte. Er sollte in der vergangenen Woche zu dem vor der Strafkammer des Landgerichts II am Samstag anstehenden Termin nach Berlin übergeführt werden. Es war ihm in Berlin gelangen, sich in den Besitz eines amtlichen Formulars zu setzen, welches er mit einer asts einem anderen Schriftstück herausgeschnittenen Siegelmarke versah. Dieses For­mular füllte er wie folgt aus:König!. Staatsanwaltschaft Han­nover. In der Strafsache gegen den Kaufmann Wilhelm Wiener tvird der auf den 11. Oktober angesetzte Termin ausgehoben, die Zeugen und der Angeklagte sind abzustellen. Außerdem ist der Beschuldigte sofort auf freien Fuß zu setzen." Nachdem Wiener in das Moabiter Untersuchungsgefängnis eiugeliefert war, ver­stand er es, auf den Tisch des Oberinspektors des Untersuchungs­gefängnisses das gefälschte Schriftstück niederznlegen. Als der Ober­inspektor von dem Inhalt Kenntnis genommen hatte, wurde An­weisung gegeben, Wiener sofort aus der Haft zu entlassen. Als der Streich zur Entdeckung kam, spielte sofort der Telegraph nach allen Himmelsrichtungen. Alle Bemühungen, des Ausreißers wieder habhaft zu werden, sind bisher ohne Erfolg geblieben; wie angenommen wird, hat Wiener längst das Ausland erreicht.

* Der Halsausschnitt des jungen M a n n e s. Sophie La Roche, die Freundin Goethes, die, in den strengen Zeremonien des Rokoko aufgewachsen, sich nur langsam in den Sturm und Drang" einer neuen Zeit fügte, äußert sich einmal besonders entsetzt über dieaffreuse neue Mode" der Herren, die freie Männerbrust" zu zeigen". Und wahrlich! Es bedeutete eine Revolution in der Herrentoilette, als die ungestümen Rous- sean-Jünger und Thranncnfeinde die zarte Schönheit des Spitzen­kragens und das feine Gefältel des Jabots rücksichtslos herunter­rissen und den bloßen Hals dem Winde darboten. Es scheint, als wolle diese Mode der Sturm- und Drangzcit, die die Freiheits­schwärmer des 19. Jahrhunderts nur vereinzelt nachahmten, nun­mehr wieder zu neuem Leben erwachen. Auch wir leben ja in einer Epoche, in der man dem Natürlichen, der freien Körperbewegung und dem Sport huldigt, und wie die jungen Leute den Hut als lästig empfinden, so wollen sic auch den engen Kragen abwerfen und erklären also denHalsausschnitt" für die letzte Neuheit der Herrenkleidung. Ein französisches Blatt stellt fest, daß man in den Sommerfrischen dieses Jahres gerade bei den elegantesten Jünglingen ein Aufgeben des hohen Kragens konstatieren konnte. Der Kragen der Jacke war zurückgeschlagen und ließ in einem spitzen Ausschnitt ein Stück der Brust frei. Zuerst waren es hauptsächlich Amerikaner, die so auftraten, aber sie fanden bald Nachahmung, und nun hat sich diese Sommermode auch im Herbst lebensfähig erhalten und findet immer mehr Verehrer.

* Die vertauschten Rollen. Eine eigenartige und amüsante Sitte erzählt der Forschungsreise C. H. Walker von den zu Christen gewordenen Eingeborenen von Badu auf der Mulgrave-Jnsel. Eine unvermeidliche Bedingung ber jeder Hochzeit ist es, daß der Bräutigam, wenn am Altäre der Bund Heffchloissen wird, jammert und weint. Seine Tränen fließen' wie Bächlein auf der Wiesen; sein Gesicht mutz ganz in Nässe gebadet sein.Es ist erstaunlich, wie ausgiebig diese Leute weinen können," erzählt Walker.Die Braut aber darf nicht weinen. Sie muß "vielmehr vor Freude strahlen; alle Hochzeits'gäste schüt­teln ihr die Hand und sagen ihr die angenehmsten Sachen, wäh­rend der tränenüberströmte Bräutigam, ein Bild grenzenlosen Jammers, daneben steht und von niemandem beachtet wird." Die Eingeborenen von Badu, die zwar nominell Christen geworden sind, aber noch eine reichliche Menge von Aberglauben aus ihrer Heidenzeit bewährt haben, sind jedenfalls mit dieser eigen­artigen Hochzeitssitte höchst originell; bei uns gewöhnlich däs Umgekehrte der Fall.

* Der Kuß in Marokko. Menn die Franzosen erst lange genug im Lande geweilt haben werden, wird es ja anders sein, jetzt aber- wird in Marokko zwar viel geküßt, nur nicht in der im Abendlande so überaus beliebten Weise, nämlich nicht- auf den Mund. Bei einer Begegnung ergreift jeder die Rechte des anderen, ohne sie zu drücken und küßt sodann seinen eigenen Zeigefinger. Will man seiner Freude über das Zusammentreffen besonders lebhaften Ausdruck geben, so wiederholt man diese Prozedur sechs- bis achtm!äl. Der Untergebene küßt dem Vorgesetzten, der Niedrige dem Vornehme,r den Saum des' Kleides und', wenn dieser zu Pferde ist, Knie oder Fuß. Ist, der Begrüßte gar din Heiliger, so küßt man auch sein Pferd oder sonst einen ihm gehörigen

Gegenstand. Sieht der Vornehme, daß der andere Geld hat und ihm welches schenken will, so reicht er ihm die Hand zum Kuß Und wennler ihn 'gantz besonders! ehren will, so küßt er ihn selbst auf die Stirn. Gleichgestellte küssen sich auch auf die Wangen. Eine Versammlung wird gewöhnlich ohne Abschied verlassen, ist aber ein sehr vornehmer Mann dabei, so küßt man vor dem Gehen. Hand, Knie oder Kleidersanm und entfernt sich dann wortlos.

* Der Kongreß der ersolgloscn Erfinder. Wir leben in einem Zellaller- der Kongresse; allein den Ruhm, den eigenartigsten Kongreß in feinen Manern beherbergen zu dürien, dürfte ans absehbare Zeit der Stadt Bukarest vorbehalten bleiben, denn hier versammelt sich im Saale des Athenäums am 80. Oktober der Kongreß der erfolglosen Erfinder. Der Gedanke mutet in, ersten Augenblick ein wenig komisch an, aber dieRomnaine" be- inüht sicb, etivaige Vortirteile der Knltnrivelt zn zerstren-n Dein, der Kongreß hat in der Tat die besten Absichten: er will alle Er­finder, die mit ihren Erfindungen bisher nicht durchgedrungen sind, zu gemeinsainer Beratung und Diskussion vcrsanuneln, ivill die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit auf manche der Probe werte Er­findungen lenken und zugleich die Mittel rmd Wege beraten, ans denen das nötige Kapital zur Ausführung der bisher verkannten und doch Erwlg verheißenden Erfindungen beschafft werden könnte. Der Chemiker Jliowitoi tvird sein neues Verfahren zur künstlichen Herstellung von Diatnanten vorführen; ein atidcrer Erfinder ivird seine Wasserschube demonstrieren, mit denen man über jebeit Fluß und See gemächlich dahinschreitcn kann; ein kluger Maler kündigt bereits die Erfindung einer Farbe an, die von eitler Höhe von 80 Meter ab Flugzeuge. so gnt ivie völlig tinsichtbar machen soll, kurz, an Ueberraschungen tvird es nicht fehlen.

* D i e Rache.Ich denke. Sie sind mit Machin verfeindet,- und da verlegen Sie seine Gedichte?"Ja gewiß, gerade deshalb. Ich will mich rächen."

Büchertisch.

* Neue Hendel - Büche r. In der bekanntenHendel- Bibliothek" sind ivieder eine Reihe von wertvollen Bänden er- schietien. Anläßlich der Jahrhundertfeier veröffentlichte Otto KovelkeDas große Jahr der Besreiting 1813" (Preis: geheftet 1,75 Mk., geb. 2,20 Mk.). Bernd v. G u s e ck s RomanDeutschlands Ehre 1813" (Preis: geheüet 2 Mk., gebunden 2,45 Mk.) verwebt mit den kriegeriichen Ercig- nisseil des Befreillugsjahres eine Familiengeschichte. Des bekannten Volksschriftstellers O. G I a u b r e ch t HauptwerkD i e Hei in a t- losen" (Preis: geheftet 1 Mk., gebunden 1,35 Alk.) spielt zur Zeit des Rückzuges der großen Armee. Bon Auerbachs Schwarz- wälder Dorfgeschichten erschienen in schmucker AusstattungB a r- füßele" undDiethelm von B >t ch e n b e r g" (Preis: broschiert je 75 Psg., gebunden je 1,10 Mk.). Die Hendel-Bibliothek bringt ferner CrolysDer neue Ahasverus" (Preis: broschiert 1,75 Mk., gebunden 2,30 Mk.) und Seillieres Barbey d'Aurevillh" (Preis: broschiert 1 Mk., gebunden 1,35 Mark).

Die beiden Bücher:Was unsere Söhne wisse ul müsse n",W as unsere Töchter wissen sollte n" er­scheinen bereits in dritter Auflage (11. bis 16. Tausend). In den sehr zahlreichen, günstigen Besprechungen der beiden Bücher lautet das Urteil von Frauen, Aerzten, Lehrern und Geistlichen! übereinstimmend mit dem, das beim Erscheinen der Bücher Traub in derHilfe" ausgesprochen hat:Eine gute Aufklärung muß währ und warm sein. Ohne Sentimentalität, auch nicht mit zn vielen Gefühlen arbeitend, soll man unmittelbar in die Sache selbst hineinführen, sie in ihrer großen Heiligkeit reden lassen. Die Natur selbst muß auf den natürlichen Menschen ivie eine Offen­barung wirken. Wir können nur sagen, daß uns die ruhige und! nüchterne Art der vorliegenden Schriften diesen Bedürfnissen voll-? ständig gerecht zu werden scheint."

Bilderrätsel.

Auflösung in nächster Nummer.

Auslösung des Versteckrätsels in voriger Nummert Müßiggang ist aller Laster Anfang.

Redaktion: K. Neuratb. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N, Lange, Gießen