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Die Zuchtmittel bei der Erziehung.

(Schluß.)

Sind mehrere Kinder da, die soweit gleichaltrig sind, daß. sie Miteinander spielen können, so schasse man Gesellschaftsspiele für sie an, achte aber auch darauf, daß sie nicht ein .Gegenstand des Streits werden. Am besten spielt man selbst mit.

Ich hätte noch vom Märchenerzählen zu reden und vom Laub­sägen, zwei Dingen, die ich ungemein schätze, und von manchem anderen. Aber alles aufzählen kann man doch nicht, und wer guten Willens" ist, der findet nach den gegebenen Andeutungen schon selber, was nottut und gut ist.

Aber all das, was ich bisher darzustellcn versuchte, wird nichts Helsen, lvenn nicht das Vorbild dazu kommt. Der Nach­ahmungstrieb liegt im Kind; wer sich ihn nicht zunutze macht, so lange es klein ist, handelt töricht. Das größere Kind braucht das Vorbild aber noch mehr und wird sich unwillkürlich danach richten. Der Vater, der flucht, braucht sich nicht zu wundern, wenn seine Kinder dieselben Redensarten int Munde führen. Die Mutter, die klatscht oder lügt, braucht nicht zu fragen:Woher haben meine Kinder das?" Ebenso wird aber auch umgekehrt der Vater seine Kinder zur Ordnung. anleiten, wenn er sie sehen läßt, wie er Ordnung hält, und znr Mildtätigkeit, wenn sie solche bei ihm wahrnehmen. Es ist manchmal zum lachen, wie die Kinder in Gang und Haltung, in Wort und Wesen die verkleinerten Ab­bilder der Alten sind. Wie die kleinen Mädchen Kaffeevisite halten und sich dabei, genau wie es die Alten tun, über die lieben Nachbarn unterhalten, ist ja ost geschildert worden._ Und neulich las ich uoch irgendwo, daß der Besuch die Kinder mit Putzlappen und Schürhaken schreiend einander um den Tisch nachlaufen sieht und auf sein Befragen erfährt, sie spieltenVaterches und Miitterches".

Sollen wir es nun deut Zufall überlassen, was die Kinder an uns sehen und was sie uns nachmachen? Das wäre unver­antwortlich, Wir werden vielmehr unser Tun so einrichten, daß es für das Kind wirklich vorbildlich ist.Also heucheln?" Gott bewahre! Sich um der Kinder willen in Selbstzucht nehmen! Das Sprichwort heißt:Eltern ziehen nicht nur ihre Kinder, Kinder ziehen anch ihre Eltern." Und dabei heißt es, die Augen ausmachen. Die Kleinen sind so schlau, daß sie gerade am besten sehen, was sie nicht sehen sollen, und hören, was nichtfür sie bestimmt ist".Kleine Kessel haben große Ohren". Und sie ziehen ihre Schlüsse so gut wie ein Großer. Als beim Nacht­essen der Vater nicht zu Hause ist, sagt die Mütter grimmig vor sich hin:Na, laß ihn nur heimkommen!"Darf ich so lange ausbleiben?" fragt da 's Fritzchen. Es weiß, was es geben wird und freut sich darauf. Wenn es älter wird, weint es vielleicht im gleichen Fall. Das Lachen wie das Weinen wird seine kleine Seele aus dem Gleichgewicht bringen, das Ansehen der Eltern erschüttern nnd ihre Einwirkung auf das Kind vermindern.

Es ist aber nicht nur das Vorbild der Eltern, das auf den werdenden Menschen einwirkt; auch die Umgebung, soweit sie aus Menschen besteht, lvirkt, wenn auch nicht so stark, so doch ähnlich.

Ueber Hunde, Katzen und Kanarienvögel wäre eilt besonderes Kapitel wohl angebracht. Es sollte im Grunde ge­nommen selbstverständlich sein, daß das Kind ein Tier nicht quälen darf, sondernmenschlich" mit ihm umgehen muß. Wie mancher Rohling, der späterhin die bekannteunbegreifliche" Gemeinheit int Verkehr mit Menschen an den Tag legt, hat sie an seinem Dackel, oder vielleicht auch an Maikäfern und Schmetterlingen gelernt. Und wie leicht kann man doch bei der angeborenen Freude der Kinder an Tieren sie zum richtigen Umgang mit ihnen an- leiteu! Wie fein mag das Töchterlein sich an die sonst unbeliebte Ordnung und Regelmäßigkeit gewöhnen, wenn es heißt, item Vögelchen Futter und Wasser zu geben, oder die Blumen zu gießen. Wie schnellt es Beim Nachmittagskaffee in die Höhe, wenn die Mutter nur bedauernd sagt:Die armen Blumen!" nnd eilt, das Vergessene nachzuholen.

Aber natürlich ist der Einfluß von Menschen noch größer. Aus die meisten wird man keinen Einfluß haben, mit denen das Kind zusammenkommt. Aber daß man es sich verbittet, wenn das Dienstmädchen oder die Tante das Kind bedauert, weil cs Strafe gekriegt hat, versteht sich von selbst) Hört man doch nicht selten von Nahestehenden so tvas wie:Hat der böse Papa dich wieder geschlagen?!" Damit wird natürlich die Wirkung der Straft geradezu aufgehoben. Auch in befreundeten Familien kann man wohl mit Erfolg darum bitten, daß dem Kind kein Wein gegeben wird, oder daß man darauf hält, daß es dort auchBitte" und Danke" sagt. Im allgemeinen wird man nicht mehr tun können, als darauf achten, wo das Kind ein und aus geht, und es vom Verkehr mit Leuten zurückhalten, von denen wir einen ungün­stigen Einfluß auf es voraussetzen. Besonders gilt dies von der Gesellschaft", d. h. dem Kitiderverkehr:Sage mir, mit lucnt du umgehst, und ich sage dir, wer du bist." Daß hier ein böser Einfluß ungemein verderblich wirken kann und ein einziger miß­ratener Bub vielen innerlich kräftig schaden kann, liegt auf der Hand.

Aehnlich ist es mit Büchern:Bücher sind auch eine Gesell­schaft, und es sind viele böse Buben darunter." Der Kampf gegen

Schmutz in Wort und Bild ist jetzt so sehr auf der ganzen Linie entbrannt, daß dabei auch der Schund, der für die Kleineren allein in Betracht kommt, mitgetroffen wird. Es ist recht so. Wenn so ein Zehnjähriger mit glühenden Wangen, vielleicht gar im Bett beim schwelenden Kerzenstümpfchen über einem1 schmutzigen Zehnpfennigheftchen hängt, in dem die Menschen so unwahrhaftig und die Dinge so unwirklich geschildert werden, wo der Räuber die Tugend und den Edelmut, derGraf" oder was sonst des Edlen Gegenpart ist, die Gemeinheit und Niedertracht verkörpert, es ist sicher nicht gut. Es verwirrt die Begriffe von Gut und Böse, zieht die Gedanken von der Schule und anderen nütz­lichen Dingen ab, überreizt die Einbildungskraft und leitet nicht selten auf die schiefe Bahn. Aber hier muß ich doch ein Wort gegen die allzu Aengstlichen sagen. Wenn ein normales, sonst gut gezogenes Kind auch einmal solch einen Schmöker in die Finger bekommt, es wird nicht gleich daran zugrunde gehen. Wir haben vielleicht auch solche Räubergeschichten gelesen und sind doch ganz ordentliche Leute geworden. Trotzdem soll man natürlich gut achtgeben und wenn man es merkt, den Lesestoff wechseln. Wenn ein Kind einmal ans Lesen gekommen ist, soll man es ihm nicht verwehren, nur das Uebermaß muß man ein- dämmen. Aber was soll man ihm an Stelle der Schnndhests geben? Bücher, die für das Kind spannend sind, die Tatsachen enthalten, einen raschen Fortschritt der Handlung bringen, Heeres- Büchelchen, gute Lebensbeschreibungen,Deutsche Jugendbücher", Bunte Bücher",Deutsche Volksbücher", dieTurm-Bücherei"/ es gibt ja heutzutage eine solche Auswahl guter Schriften und zu so billigem Preis, daß man seine Freude daran haben muß. Jeder Buchhändler gibt da gerne guten Rat.

Hier kommt mir der Gedanke, daß vielleicht mancher Leser sagen wird:Du hast bei deinen sämtlichen Ausführungen bisher immer nur wohlhabende Leute im Auge gehabt; wir haben keinen Hund und fein Dienstmädchen und auch kein Geld, um Bücher zu kaufen." Das letztere bestreite ich entschieden. Wer Geld für Zigarren und Bier hat, um von anderem nicht zu reden, wer seinen Kindern für Sonntags gelbe Schuhe kauft, der hat auch Geld für die wohlfeilen Kinderbücher. Das andere ist richtig; aber wer ein bißchen nachdenken will, wird sich, wie seine Ver­hältnisse auch sein mögen, aus meinen Ansführungen seine Schlüsse ziehen können und das entnehmen, was für ihn paßt. Erst recht sage mir niemand:Was du sagst, ist gut für reidter und feiner Leute Kinder, bei unseren kommt es nicht darauf an, wie sie gezogen sind." Ich weiß, daß viele Leute so reden. Es ist über die Maßen töricht! Wenn es sich nur um die äußere Form, Um das Benehmen handelte, würde id). es nicht einmal gelten lassen, denn das kann sich jeder selbst sagen, daß and) das Kind aus der schlickstesteu Familie, wenn esBeuummes" hat, wie die Nassauer jagen, einen gewaltigen Vorzug vor dein unmanierlichen besitzt, das sich gar nicht zu bewegen weiß. Allerdings darf das Benehmen nicht geziert und uniiatürlich sein, sonst ist es lächerlich und fordert den Spott heraus. Aber ein gutes Sichgeben wird immer gefallen und angenehm sein. Aber es handelt fidj ja bei der Erziehung vorzugsweise um den inwendigeu Menschen, den, Cha­rakter. Und da wird mir dock) niemand sagen wollen, wie der sei, könne gleid)gültig sein!- Und es hat auch jeder die Zeit, sich um seine Kinder zu kümmern. Es ist sehr gut für den Vater, wenn er Stunden, die er sonst im Wirtshaus verbrächte, seinen (Kindern widmet. Und es ist sehr gut für die Mutter, wenn sie einen Teil der Zeit, die sie sonst mit Nachbarinnen verklatscht, auf ihre Kleinen verwendet.

Sind der Kinder viele, so ist wohl die Last größer Und die Zeit knapper. Aber da ziehe man die ersten nur gut, die werden die andern schon ziehen helfen. Es ist ein Erfahrungs­gesetz, daß sich ein Kind am schwersten zieht.

Daß ich als Pfarrer nicht ein besonderes Kapitel über die Religion in der Erziehung schreibe, möchte manchen ver- wnnderlich erfdjeintn. Aber die Religion ist so sehr Privatsack)e, d. h. das Innerlichste und Geheimste, also Herzenssache, daß es nod) schwerer als bei den übrigen Erziehungsmitteln möglich sein wird, hier Regeln aufzustellen. Daß die fromme Mutter mit dem Kinde betet, daß sie ihm biblische Geschichten erzählt, daß sie es auf den freundlichen Heiland und den Vater im Himmel hinweist, versteht sich von selbst. Und daßGottes Gegenwart" eine Erziehungsbeihilfe ist, wie wir sie uns gar nicht besser denken können, ist für mich einfach Tatsache. Aber ich bitte so dringend id) kann, Gott nickst zum schwarzen Mann zu machen, ihn nicht für das Kind zum Popanz werden zu lassen, vor dem es sich fürchtet. Je lieber das Kind Gott in seiner kindlich-un­verständigen Art hat, um so sicherer können wir sein, daß es einmal zu einem frohen, weltoffenen Christeittum kommen wird, das es brauchen kann! im Leben. Nur. mit dem Kind keine Glaubens? lehren verhandeln, die versteht es nicht. Christliches Leben, zumal das, was ihm seine Umgebung vorlebt, das saßt es auf. Also gilt es .für den, dem Religion Lebenswert ist, vor allem dem Kind die Religion Vorleben im täglichen Tun, im Verkehr mitt den Eignen und Fremden.