Ausgabe 
25.10.1913
 
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treiben helfen; das Stillsitzen ist so wenig nach meinem! Geschmack, als das zu Fuß -gehen aufs Pferd bin. ich aber wegen dieser Teufelsbinde noch nicht -gestiegen."

Die Heilung schreitet aber doch nach Wunsch sorsi Herr von Brank?" fragt Tell befangen und beschämt.

Ganz nach Wunsch! Habe immer eine gute Heilhaut -ge­habt, und dieser hier (er klopft bei diesen Worten die Schulter seines Pflegers Just) hat das Menschenmögliche getan, meine Wiederherstellung zu beschleunigen."

Sie mögen denken, mit welchen Gefühlen ich Ihnen gegenüberstehe, Herr von Brank," hebt der Staatsanwalt wieder an,könnte ich das Geschehene ungeschehen machen, ich gäbe ein Jahr meines Lebens darum."

Nicht eine Stunde, mein Teuerster ! Wer wird so leicht­sinnig und verschwenderisch mit der Zeit umgehen? Tie Sache ist vergessen; danken wir Gott, daß alles so glatt ab­gelaufen ist."

Er nötigt seinen Gast zum Niedersitzen und bittet Just, für Zigarren und eine Flasche Wein zu sorgen. Wie sich Just in Erledigung dieses Auftrages hinausbegeben hat, sagt Tell mit gedämpfter Stimme:Beantworten Sie mir ehr­lich eine Frage, Herr von Brank: Warum haben Sie neu­lich absichtlich bei mir vorbeigezielt?"

Brank runzelte vorwurfsvoll die Stirn:Aber Herr Staatsanwalt, an meiner Stelle hätten Sie doch genau dasselbe getan! Durfte ich als Gentleman den aufs Korn nehmen, dem -gegenüber ich mich -schuldig fühlte?"

Sie hatten mich ja aber gar nicht beleidigt. Nach Ihrer eigenen Mrsicherung ist zwischen Ihnen und meiner Mutter nichts vorgekommen, was irgendwie an eine Schuld ge­mahnte."

Dem Andenken Ihrer Frau Mutter ist auch uccht der Schatten eines Borwurfs zu machen, das wiederhole ich Ihnen feierlich; aber, was mich betrifft . . .", er hält inne, denn Just kehrt eben mit einer Kiste Zigarren ins Zimmer zurück und meldet, daß der Wein gleich Nachfolgen werde; dann schon nach kurzer Pause besinnt -er sich eines anderen und fährt unbedenklich fort:Dummes Zeug! Unser Ameri­kaner kann es dreist hören, er ist ja doch nun einmal neulich hinzugekommen und weiß, worum es sich handelt, auch hat er die Dame, von der wir reden, besser und länger gekannt, als wir beide zusammen. . . Also, wenn ich auch ohne Reue an Ihre Frau Mutter zurückdenken kann, so ist dacj Ihnen gegenüber doch eine andere Sache; mein unüberlegtes Verhalten, als ich, noch ein junger Offizier, in den Banden jener mir unvergeßlichen Dame war, hatte doch allein den Anlaß zu einer gewissen Bloßstellung derselben gegeben, und dafür iuctr ich Ihnen immerhin Genugtuung schuldig; es wäre aber wenig ritterlich gewesen, wenic ich meinerseits die Waffe gegen den erhoben hätte, den ich unbewußt und unabsichtlich gekränkt hatte."

Der Staatsanwalt nickt sinnend mit dem Kopfe, dann seufzt er unzufrieden auf, und, eine im stillen durchlaufene Gedaukenreihe laut abschließeud, versetzte er:Solch ein Zweikampf muß dem Leben beider Teile ein. Ende machen, sonst ist er ein älbern-es Aushilfsmittel, das die Lage ver­schlimmert, statt sie zu bessern." Und ivie Herr von Brank etwas erwidern will, kommt -er ihm mit den Worten zuvor: Ich weiß, ivas Sie sagen wollen, aber ich habe doch recht, ich lasse mich zu keiner anderen Ansicht bekehren. In den letzten schlaflosen Nächten habe ich unausgesetzt über die Sache uachgedachl. Ter Zweikampf hat nur einen Sinn, wenn man unter dieser das Gewissen einlullenden Form den Tod d-es Gegners itnib den eigenen Tod- sucht und findet; in jedem anderen Falle ist er eine Farce, eine heuchlerisch­feige Verbeugung vor dem Vorurteil einer der Zahl nach immer kleiner werdenden Gesellschaftsklasse; der Ueber- lebende ändert die Tatsachen nicht, er macht Geschehenes! nicht ungeschehen, er häuft aber zur Unerträglichkeit ferner Lage noch die Neue und den öffentlichen Skandal und die; Aussicht auf eine kompromittierende Freiheitsstrafe. Wenn Sie auch mit den: Kopfe schütteln, Herr von Brank, es ist so, ivie ich sage! Man kann iricht zweien Herren dienen, nicht dem Paragraphen des unbeugsamen Gesetzes und zu­gleich den U-eberliefermrgen der sogenannten guten Gesell­schaft; aber ich werde dem Zwiespalte ein Ende machen; ich werde aus dem Staats- und Justizdienste ausscheid-en."

Just, der bescheiden am Fenster sitzt und sich von jeder Einmischung in diese Unterhaltung fernhält, spitzt bei diesen Worten das Ohr und richtet einen verwundert fragenden Blick nach dem Staatsanwalt. (Fortsetzung folgt.).

den herabwallendcu Schals zu einem gefalsigen FMen- wurfe.Ich denke, so wird es gehen, tote, meine Damen?

Vortrefflich!" rief Frau Klara.Ich bin Ihnen außer­ordentlich dankbar ein Tapezierer Hütte es nicht besser machen können." .

Sagen Sie, Herr Just, was können Sie eigentlich nicht?" neckte Ellen.

Mich jünger machen", -gab Just prompt zur Antwort, das ist das Einzige, was ich nicht he raus bekomme."

Das haben Sie auch gar nicht nötig", meinte Frau von Brank,ich beneide Sie immer um Ihre aalgleiche Beweglichkeit."

Während dieses Gespräches lauschte Just, wie er es schon seit einer halben Stunde heimlich getan hatte, nach jedem Geräusche, das vom Hofe her in das H-auS drang. Er hatte kürzlich ein Briefchen an bett Staatsanwalt geschrieben, worin er diesen bat, doch so bald wie möglich nach Giesdorf herauszukommen. und Herrn vor, Brank einen Besuch zu - machen; er, Just, hätte die Zustimmung des Freiherrn genügend erforscht und er könnte dem Herrn Staatsanwalt einen freundlichen Empfang in sichere Aussicht stellen. Daß er es für geboten hielt, jeder etwaigen Vermutung des Publikums hinsichtlich- der letzten Ereignisse durch einen solchen Besuch vorzubeug-en, das hatte er zwar nicht aus- yrücklich geschrieben, der Staatsanwalt aber, als er den Brief las, durchschaute sofort die -eigentlichen Beweggründe des Schreibers und konnte diesem auch nicht so ganz un- tcdjt neben

So war denn William Tell zur Zeit, als Just auf dessen Ankunft harrte, tatsächlich unterwegs; er hatte auf der Station, auf der ihn sonst immer der Wagen des Freiherrn abaeholt hatte, ein bäuerliches Fuhrwerk gemietet und fuhr nun in ziemlich langsamem Tempo den altbekannten Wald­weg, der nach Giesdorf führte. Daß die Fahrt nicht schneller von statten ging- war ihm zwar nicht so unlieb, denn wenn er ehrlich gegen sich selber sein wollte, so mußte er sich zugeben, daß er mit einigem Bangen dem Ziele entgegen« fuhr. In der Hand hielt er einen sorgsam in Seidenpapier gewickelten Orchideenstrauß, und in der Tasche seines Rock­schoßes hatte er eine zierlich bemalte Pappschachtel geborgen, die mit den feinsten Prälinees und Fondants gefüllt war. Mit diesen beiden Gaben wollte er seine Vielliebchenschuld an Ellen begleichen, würde sie aber den Keinen Scherz aufnehmen? Ahnte oder wußte sie etwa g-ar, daß er es war, der ihren Baier verwundet hatte? Der bloße Gedanke an eine solche Möglichkeit schnürte ihm das Herz zusammen, denn wenn seine Befürchtung zutraf, dann mußte er ihr ja wie ein schuldbewußter Schulbube, nein, schlimmer! wie ein Verbrecher, gegenübertreten.

Ter Wagen hat endlich den Hof erreicht; die Räder rasseln über das Steinpflaster, und Tyras, der Neufund­länder, der sonst immer den Staatsanwalt so freundlich! begrüßt hat, erhebt -ein feindliches Gekläff. Selbst Juno, die braune Hühnerhündin, die sonst jedem Menschen vertraulich enkgegenzufchwänzeln pflegt, hält sich heute etwas miß­trauisch zurück und- beobachtet von weitem und ohne jede Freudenäußerung, wie der Ankommende von dem vor dein Portal des Schlosses haltenden Gefährt Herabklef tert.Ist das ein schlechtes Vorzeichen?" so fragt sich der Staats- auwalt im stillen;wittern diese Hunde in dir den neu­lichen Kampfgegner des Schloßherrn?"

Doch er hat keine Zeit, länger über das Verhalten der Tiere nachzudenken; im Portal erscheint Just, der den Wagen Vorfahren gehört hat, und begrüßt mit strahlender Miene den s-ehnlichst Erwarteten.

Das ist schön, Herr Staatsanwalt, daß Sie da sind ich eile, Sie dem Herrn von Brank zu melden."

Frau von Brank und Ellen, die beide noch im Morgen­anzuge sind, bleiben vor der Hand unsichtbar; sie haben sich zurückgezogen, um Toilette zu machen.

Just kehrt mit der Meldung zurück, daß sich Herr von Brankaußerordentlich freue"; er schiebt seinen Arm nufer den des Staatsanwalts und führt diesen nach dem tabak­raucherfüllten Zimmer des Schloßherrn.

Brank ist aufgestanden, schreitet dem Gaste mehrere Schritte entgegen und bietet ihm herzlich die Rechte: Seien Sie willkommen in Giesdorf, Herr Staats anwalt! Ich kann Ihnen nur die eine Hand geben; der andere Flügel ist noch nicht ganz zusammengeflickt; -aber um so dankbarer bin ich Ihnen, daß Sie mich besuchen; Sie müssen mir nun aber auch den ganzen Tag schenken und mir die Zeit ver­