Samstag, den 25. Oktober
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„ Tsukrnblut.
Bwman von Gerhart v. Amyntor (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Sortierung.)
„Lieber Herr Just, ob Sie wohl einen Augenblick zur Maina kommen könnten?"
Mit dieser Frage trat Ellen v. Brank, frisch und strahlend wie der drallsten im Garten lachende Maimorgen, über die Schwelle des väterlichen Zimmers.
Jil diesem trotz des offenen Fensters ein wenig nach Jodoform und Tabak riechenden Raume saß Herr v. Brank, den linken Arm in einer schivarzseidenen Binde, an einem Tische, auf dem allerlei Zeitungen und Broschüren lagen, und sah nnistig seinem neu, gewonnenen Faktotum, Herrn Friedrich Just, zu, der am selben Tische aufrecht vor einem geöffneten Tabakkasten stand und dem Freiherr» eine seiner kurzen Jagdpfeifen stopfte.
Aus dem damaligen Begleiter des Freiherrn war er der Pfleger n>ld Hausgast desselben gelvorden. Als Just am Tage des Zweikampfes seinen Schutzbefohlenen glücklich nach Giesdorf gebracht hatte,, Ivar alle Welt inr Schlosse so bestürzt gewesen, daß er selbst mit Hand anlegen mußte, um den Verwundeten so schnell und bequem wie möglich unterzubringen. Frau Klara v. Brank, die an das Märchen einer, zufälligen Verletzung ihres Gatten auf dem Scheibenstande nicht recht glauben wollte, die aber auch von dem fest zugeknöpften Just durchaus keine andere Antwort zu erhalten vermochte, flehte den letzteren in ihrer Bestürzung an, doch vorläufig noch in Giersdorf zu bleiben und sich mit ihr in die Pflege des Verwundeten teilen zu wollen. Friedrich Just hatte nach kurzer Ueberlegung zugestimmt; die Verwundung wäre zwar, wie er zuversichtlich behauptete, keine so ernste, daß eine besondere Krankenwache geboten erschiene, da er aber in Berlin nichts zu versäumen hätte, wollte er zur Beruhigung der gnädigen Frau recht gern noch da bleiben. So hatte er denn die ersten Nächte auf einem Divan im Ziutmer des Patienten zugebracht, inm sofort zur Hand zü sein, 'wenn dieser etwa einen Wunsch haben sollte. Als aber die Heilung der Wunde einen so guten Fortgang nahm, daß der Freiherr schon nach wenigen Tagen kleinere Spaziergänge machen durfte, da hatte Just eines der Gastzimmer inr Schlosse bezogen, in dem er seine ordnungsmäßige Nachtruhe hielt und das er nur tagsüber verließ, um seinem Pflegebefohlenen Gesellschaft zu leiste».
Er war der unzertrennliche Begleiter des Freiherrn auf allen Gängen durch die Wirtschaft; er las ihm vor, er schrieb die Geschäftsbriefe nach Diktat, er stopfte ihm die Pfeifen, er zerlegte ihm das Fleisch besi der Mittagstafel, ja, er würde ihn auch rasiert haben, wenn der Freiherr dies zugelassen und seinem Barte jetzt nicht erlaubt hätte, zu wachsen, wie er wollte. Die beiden Männer waren auf diese Weife so ,
vertraut geworden, als wenn sie schon viele Scheffel Salz miteinander verspeist hätten. Brank hatte den „Amerikaner", wie er ihn nannte, als einen gefälligen, ehrlichen, zuver-i lässigen Menschen schätzen gelernt und sich derart an ihn gewöhnt, daß er dessen Verweilen in Giesdorf so lange wie möglich auszndehnen bestrebt war.
„Sie dürfen aber nicht böse sein," fügte Ellen hinzu, indem sie schnell an den Papa heranhuschte, um diesem einen zärtlichen Kuß auf die Stirn zu drücken, „wenn das, was Mama von Ihnen erbittet, eigentlich keine Männersache ist." Und sie lächelte schelmisch und zeigte dabei ihre wie ein Perlengeschmei.de blitzenden Zähne.
Just reichte die gestopfte Pfeife dem Freiherrn hin und fragte die Tochter des Hanfes: „Um was handelt es sich denn? Ich stehe der gnädigen Frau, wie immer, mit Freuden zur Verfügung."
„Das Hausmädchen hat beim Reinigen des Gartensaales eine Gardine samt der Stange heruntergerissen, und Mama meint, Sie allein wären imstande, die Gardine wieder geschmackvoll anfzuhängen."
„Da haben Sie's", platzte der Freiherr belustigt heraus; „Sie haben meine Damen schon so verwöhnt — nächstens werden sie Ihnen ihre Handschuhe zum Ausbessern bringen?'
„Nun, das würde man am Ende auch noch zu besorgen wissen", erklärte Inst mit aller Ruhe, „ich bin nicht so ungeschickt, man lernt gar so manches in Amerika, Herr von Brank, was eitlem hier in Europa -ewig »«geläufig bleibt. — Kommen Sie, gnädiges Fräulein, wir wollen zu Ihrer Fran Mutter gehen."
Und er verließ mit dem jungen Mädchen das Zimmer, während der Freiherr den Davongehenden schmunzelnd nachblickte.
Im Gartensaale stand Frau Klara und gab dem Diener, der, zwei schwere Gardinenschals in den Händen, auf einer Trittleiter am Fenster balancierte, die Weisung, mit seinen Bemühungen, diese Schals wieder aufzuhängen, doch endlich inne zu halten.
;,Sie bekommen es doch nicht fertig! Warten Sie nur, bis Herr Just da ist — ach! Da kommt er schon!"
Der Diener mußte Platz machen, und Just kletterte schnell und gewandt, wie eine Eichkatze, an der Leiter empor.
„Halte» Sie gefälligst das Ende des einen Schals, gnädige Frau", sagte er geschäftig, „und Sie, mein gnädiges Fräulein, das des anderen. So! Die Gardine soll gleich sitzen — es ist nicht die erste, die ich auflege, der Friedrich kann in Gottes Namen gehen; ich brauche ihn nicht. Sie haben doch einige Stecknadeln zur Hand? Schön! Bitte, reichen Sie sie mir gütigst herauf." Er empfing das Gewünschte und spickte sich mit flinker Hand wohl über ein Dutzend Nadeln in die Brustklappe seines Nockes. Dann befestigte er die teilweise losgetrennten Schals wieder an der Skange, hob die Stange mit langgestrecktem Arme über die eisernen Gardinenhaken, glitt von der Leiter hernieder und half nun durch Streichen und Zupfen mit den Händen


