i

W

H»!

rf/EHgyiast

3S1

Dom Pikkolo zum Millionär.

Heitere Erzählung voll Harry Nitsch.

(NaF^>ruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Das bezeichnete Haus war fest verschlossen. Erich läu­tete. Nach langem Warten erschien ein Mädchen. Schüchtern zeigte Erich seinen Zettel vor und sagte einige englische Worte, die dem hübschen Kind ein Lächeln entlockten.

Sprechen Sie nur deutsch, ich bin eine Landsmän­nin", sagte sie lachend. Erich hatte Glück, daß ihm auch jetzt eines der vielen, in London dienenden deutschen Mädchen begegnete. Seine Schüchternheit war mit einem Male ver­flogen,und er stellte sich dem Mädchen als der für dieses «Boardinghouse neu engagierte Kellner vor. Die Kleine hörte ihn ganz befremdet an, dann erwiderte sie zögernd:

Boardinghouse? Hier wohnt eine sehr vornehme eng­lische Familie. Ein Boardinghouse ist dies nicht. Sie irren sich gewiß in der Adresse."

Erich erbleichte und starrte auf seinen Zettel, den er noch in der Hand hielt.

Hier steht ganz richtig: St. Johns Road acht, dies ist doch Nummer acht?"

Allerdings!" Das Mädchen nahm ihm den Zettel aus der Hand und las.Merkwürdig, sehr merkwürdig. Wo haben Sie denn diesen Zettel her, mein Herr?"

Aengstlich erzählte Erich, wie er zu dem Zettel kam. Das Mädchen hörte ihm ruhig zu. Als er geendet hatte, klopfte cs ihm auf die Schulter und sagte bedauernd:

Armer Kerl, da sind Sie tüchtig angeführt worden. Die beiden Menschenfreunde sind zwei ausgetragene Gauner, von denen London ja genug hat."

Aber der eine Herr sah so ehrlich, so vertrauenerweckend aus"

Das ist ihr Kniff. Ein recht jovial, vertrauenerweckend Aussehender assoziiert sich mit einem zweiten Gauner und dann wird das Geschäft eröffnet. Die Kunden sind die stellen­losen jungen deutschen Kellner, Kaufleute usw., die den heißen Londoner Boden noch nicht kennen und sich willig rupfen lassen. Solchefliegende Stellenvermittler" gibt es viele in London, ich weiß dies von meinem Bruder, der auch Kellner ist."

Oh Gott, was soll ich tun, es war mein letztes Geld" Erich blickte das Mädchen ganz verzweifelt an.

Armer Kerl", sagte dieses leise.Warten Sie mal. Meine Gnädige ist sehr gütig, vielleicht hilft sie Ihnen, wenn ich ihr von Ihrem Unglück erzähle."

Hastig huschte das Mädchen in das Haus. Erich lehnte sich an den Türpfosten und blickte verzweifelt zu dem weiß- grauen Himmel empor. Er konnte kaum noch denken, so sehr hatten die Sorgen ihn mitgenommen. Da hörte er leise Schritte. Das Mädchen kehrte zurück, ein freudiges Lächeln auf den Lippen:

Meine Gnädige ist gütig, ich wußte, daß sie Ihnen helfen würde. Hier ist ein Empfehlungsschreiben für Sie an ihre Freundin, Miß Connor, welche gleich hier in der näch­sten Querstraße ein sehr feines Boardinghouse besitzt. Viel­leicht können Sie dort ankommen, denn Miß Connor braucht mehrere Kellner. Nun, und wenn es nichts ist, dann kommen Sie wieder, ich will sehen, was ich für Sie tun kann, Sia armer Schelm."

Freundlich schüttelte sie Erich die Hand. Dieser stand wie int Traum, seine Lippen bewegten sich, doch man hörte keinen Laut. Er starrte noch auf die Haustüre, als diese sich schon längst geschlossen hatte und das hübsche, frische Gesicht des jungen Mädchens verschwunden war. Endlich raffte Erich sich auf. Er strich sich über die Stirne da fühlte er das zierliche Briefchen in seiner Hand. Es war keitt Traum, eine gütige Fee war erschienen und hatte ihn, von allen Leiden erlöst.

Langsam schritt er davon, dem ttahen Ziele zu. Doch zuvor richtete er noch einen warmen Blick inniger Dankbar­keit auf das Haus, ans dem ihm so Gutes widerfuhr. Er sah tiicht, daß hinter einer Gardine int ersten Stock eine ältere Dame stand und ihm mit neugierigen und doch gütigen Blicken folgte. Es war die Gnädige der kleinen Kammerkatze, die sich ihrett jungen Schutzbefohlenen aus der Ferne be­trachtete.

Miß Connor war eine große, schlanke Dame, die den schüchtern zu ihr aufblickenden Erich um Haupteslänge über­ragte. Sie sprach ettvas deutsch, vermochte also Erich Sanner selbst auszuforschen. Der schlanke junge Mensch mit dem hübschen, offenen Gesicht gefiel ihr ersichtlich, sie besann sich daher nicht lange, sondern sagte:Sie? können bleiben, Herr Sanner. Ich brauchen zwar keinen Kellner gerade, aber Sie gefallen mir und will ich versuchen es mit Sie. In einem Mond, item Monat, gehen ein anderer Kellner von mir, Sie können schon heute Ersatz sein für diesen. Seien Sie fleißig und ehrlich, und Sie können lernen viel bei mir."

Mit vor Erregung zitternder Stimme dankte Erich der freundlichen Dame, dann suchte er zum letztenmal sein dumpfiges Quartier auf, um seine Sachen zu holen. Alm folgenden Tag begann eine neue Zeit für ihn.

So ein Londoner Boardinghouse ist ein Mittelding zwischen Hotel und einer deutschen Pension. Die Bewohner eines solchen Hauses haben wohl eigene kleine Zimmer, der Mittelpunkt aber sind der Speisesaal und die gemeinschaft­lichen Gesellschaftszimmer. In dent vornehmen Boardtug- house der Miß Connor gab es außer dem eleganten, großen Speisesalon noch ein kleineres Zimmer, in dem der Lunch eingenommen wurde, sowie ein Salon, ein Spiel- und ein Rauchzimmer. Die Gesellschaft, bereit Bedienung Erich jetzt oblag, war sehr verschiedenartig. Alte Damen, junge Damen, alte Herren, junge Herren, aber alle sehr korrekt, sehr steif und sehr elegant. Bei beit reichhaltigen Diners, die am Abend genommen wurden, ging es fast lautlos zu. Die Damen und Herren unterhielten sich nur im Flüsterton. Erich Sanner