Ausgabe 
25.9.1913
 
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wrd feilte Kollegen gingen auf Gummiabsätzen umher, die Hände in weißen, baumwollenen Handschuhen, und brachten die silbernen Platten herbei.

Niemand sah es diesen wetßbehandschuhten Händen an, daß sie am Morgen Stiefelbürste, Scheuerbesen und Schrub­ber handhabten. Auch Erich blieb die Erfahrung aller jungen deutschen Kellner nicht erspart, die nach London kommen und züerst in einem dieser vielen Boardinghouses arbeiten müssen. Der Dienst war schwer, aber er war eine ausgezeich­nete Schule. Das vom deutschen so sehr verschiedene englische Service, das Tranchieren der Braten, das dort zumeist der Kellner besorgt, alles das lernt sich in einem Boardinghouse viel leichter wie in einem großen Hotel, das nur geschulte Kräfte gebrauchen kann. Das empfand Erich deutlich, und er unterzog sich daher gern und willig den mancherlei Schmutzarbeiten, welche die gutmütigen deutschen Kellner lich haben aufbürden lassen. Sein Gehalt war nur sehr gering, größer dagegen die Möglichkeit, in die Geheimnisse der eng­lischen Sprache einzudringen. Köchin, Stubenmädchen und Boy machten sich ein Vergnügen daraus, Erich die deutsche Sprache ab- und die englische anzugewöhnen.,

Erich hatte sich vorgenommen, so lange bei Miß Eonnor auszuhalten, bis er die englische Sprache vollkommen be­herrschte. Bei seinem eisernen Fleiß war er schon nach einem halben Jahr so weit. Auch in seinem Beruf hatte er sich so vervollkommnet, daß er von seinen englischen Kollegen kannr

noch zu unterscheiden war.

Mit Wehmut schied er von der Stätte, die er trotz der schweren Arbeit lieb gewonnen hatte. Denn sie bot ihm ja Schutz und Obdach, als er der Verzweiflung nahe war. Mit Trauer schied er auch von Fräulein Wagner,, der hübschen Kammerkatze, die sich vor einem halben Jahr seiner so edel­mütig annahm. In seinen freien Stuiideu hatte Erich das junge Mädchen immer aufgesucht und oft waren sie dann zu­sammen spazieren gegangen. Fräulein Wagner war dem jungen Menschen sehr zugetan, sie erzählte ihm gern von ihrem in Deutschland lebenden Bräutigam, und Erich war ein so geduldiger Zuhörer.

Erich hatte Glück. Er trat inDe Keysers Royal Ho­tel" ein, ein Haus, in dem angestellt gewesen zu sein, damals eine Empfehlung bedeutete. Der alte Polydore De Keyser war ein echter Selfmademan; er hat als Kellner, von der Pike auf gedient, brachte es zum Hotelier und als solcher zu einem Weltruf und wurde sogar Lordmayor von London.

Erichs Vorgesetzte waren außerordentlich zufrieden mit dem jungen Menschen, der zwar etwas scheu und ernst war und sich von seinen Kollegen und bereit Zerstreuungen zu- rückzog, dafür aber seinen Dienst mit peinlicher Gewissen­haftigkeit versah.

Erich Sanner hatte es nach dreiviertel Jahren im Roval" bereits dahin gebracht, daß einzelne Gäste sich nur von ihm bedienen lassen wollten, weil sie au dem treuherzi­gen, bescheidenen Burschen mit den lebhaften, klugen Augen Gefallen fanden. Vyn seinen Kollegen mußte er sich manche Neckerei gefallen lassen; er hatte den SpitznamenDie Jung­frau" erhalten, weil er dem weiblichen Geschlecht ängstlich Ms dem Wege ging und in seinen freien Stunden lieber hinter seinen Büchern saß oder ins Freie hinauswanderte, als daß er mit den ihn offen und verstohlen anlächelnden Zim- jnerinädchen und Zofen der Hotelgäste schäkerte.

Ein volles Jahr blieb Erich noch in der Riesenmetro­pole. Es fehlte ihm nicht an Versuchungen, denen die jungen Leute auf dem heißen Londoner Boden vielfach ausgesetzt ind. Die Frauen streckten lockend ihre Arme nach ihm aus; >er Teufel des Spiels und der Sportwetten, der schon so viele unge Kellner in London an den Rand des Abgrunds brachte, uchte auch ihn zu umgarnen. Doch Erich widerstand tapfer. Er lernte fleißig und arbeitete an sich und der Vertiefung! seiner fachlichen und allgemeinen Kenntnisse. Dann begann für Erich Sanner das unftüte Wanderleben, das alle seine Kollegen in jüngeren Jahren führen.

Im Winter arbeitete er an der Riviera, in Nizza, Eanues und Monte Carlo, einen Winter war er in Cairo, im weltberühmten Shepheards Hotel. Wenn die Frühlings­stürme durchs Land brausten, zog Erich wieder nördlich, in die Schweiz, nach Süddeutschland, an die Nordsee. Er reifte ttiit offenen Augen und lernte überall. Und überall war er gleich beliebt und überall wunderte man sich über feine Zu­rückgezogenheit gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Dies fiel um so wehr auf, als der Verkehr der beiden Geschlechter nftteinänder im Hotel ein viel freierer ist, weil die Verhält­nisse dem so großen Vorschub leisten.

Erich erlebte es noch oft, daß ein hoffnungsvoller junger Kollege sich in seinen besten Lernjahren die Flügel freiwillig beschnitt und die Geliebte heiratete. Erich sah auch oft genug, was daraus entstand: Fast immer Unglück für beide.

Dann empfand Erich im Herzen stets eine warme Dank­barkeit für die verschollene Hedwig Gassen, deren Liebe und Großmut ihn vor diesem Schicksal bewahrt hatte.

*

Sechs Jahre waren seitdem vergangen.

ImGrand Eden-Hotel" in Baden-Baden herrschte große Aufregung. Die Gäste steckten in den Salons die Köpfe zusammen, die Angestellten auf den Gängen und Korridoren.

Ob er ihn wirklich genommen hat?" sagte ein kleiner, blonder Kellner zu dem neben ihm stehenden älteren Kollegen.

Unsinn. Ich arbeite jetzt fünfzehn Jahre in den fein­sten Hotels, und noch niemals habe ich davon gehört, daß ein Kollege unehrlich gewesen ist. Ein Hotelkellner stiehlt nicht."

Wo ist er dann aber geblieben? Madame Pinedo be­hauptet fest, den Schmuck in die Kassette eingeschlossen und diese darauf dem Sekretär übergeben zu haben. Sanner hat sie dann in den Tresor eingeschlossen. Außer ihm hat nur noch der Patron die Schlüssel zu dem Schrank. Also--"

Haben Sie dabei gestanden, wie Madame Pinedo die Juwelen in die Kassette einschloß?"

Nee, d'as nicht. Aber wenn eine so feine Dame es sagt

Sie sollten auch lieber zu Ihren Kollegen halten, Sie Kickindiewelt", rief der Aeltere so laut, daß der kleine blonde Zimmerkellner ganz erschreckt zusammenfuhr.Diese feinen Damen haben schon ganz andere Sachen behauptet und^rach- her war es nicht wahr. Arbeiten Sie erst mal fünfzehn Jahre lang in ersten Hotels"

Ein Klingelzeichen brachte Leben in die Gruppen. Alles stob auseinander, der kleine Blonde war mit einigen Sätzen in seiner oberen Etage, der Aeltere eilte in sein Office.

Währenddem stand Erich Sanner, der Sekretär be§' Grand Eden-Hotel", im Bureau vor feinem Chef, einer sehr distinguierten fremden Dame und einem Polizeibeamteir in Zivil. Erichs Gesicht war blaß, aber ruhig. Er war groß und stattlich geworden, ein flotter dunkler Schnurrbart zierte seine Oberlippe. Kein Mensch hätte in diesem eleganten, so sicher auftretenden Herrn den einstigen schüchternen Pikkolo vomSchwan" in Frohwinkel wieder erkannt. Nur die Augen waren dieselben geblieben, die klugen, treuen, gläu-z zendeu braunen Augen.

Sie behaupten, daß Sie die Kassette nicht wieder in die Hand genommen haben, nachdem Sie sie von der Dame erhalten und in den Geldschrank geschlossen hatten?" fragte der Kommissar den Sekretär.

Nein, ich habe dieses Fach gar nicht wieder geöffnet. Wenn die Juwelen wirklich gestohlen sind, so muß dies schon früher erfolgt sein. Das Schloß der Kassette ist ja auch voll­ständig intakt, wie Sie sich selbst überzeugten."

Allerdings, Herr Sanner, aber dies würde ja nichts beweifen." Er wandte sich an die Dame, die nervös dabei stand und an ihrer Uhrkette spielte: ,

Sie bleiben fest bei Ihrer Behauptung, gnädige Frau, daß Sie die wertvollen Schmucksachen selbst in die Kassette legten, bevor Sie sie dem Sekretär, Herrn Sanner, über-.

gaben?" c

Der Hotelier übersetzte die Frage ins Französische, bentt bie Fremde verstand außer ihrer spanischen Muttersprache nur Französisch. m £_

Gewiß, mein Herr, ich kann es beschworen", erwidert«

Zu dem Schrank kann außer Ihnen und Herrn Sanner niemand, Herr Leider?" fragte der Kommissar nun den ^)otclt6r.

Nein. Es existieren nur zwei Schlüssel. Den einen habe ich, er kommt nie von meinem Bund, den ich stets bei mir trage, den anderen hat Herr Sanner."

Der Kommissar zuckte bedauernd die Achseln: fs

Es tut mir leid, Herr Sanner, ich muß Sie verhaften. Ich will Ihnen nur wünschen, daß die Juwelen sich recht batd wiederfinden, jetzt muß ich' aber meine herbe Pflicht erfüllen." -

Erich zuckte zusammen, doch schnell faßte er sich wieder«

Wenn es Ihre Pflicht ist, stehe ich zn Ihrer Ver-, fügung. Ich bin unschuldig und muß mein Geschick mit Ers gebung tragen." (Schluß folgt.) j