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und suchten und fanden ihn nicht. Und Gisela lehnte am Türpfosten des Ahnensaals und weinte um den Bruder, und als der Schultheiß kam und sagte: „Wir finden den Toten nicht," fuhr sie zusammen.
Da trat Toinette im schwarzen Gewand und mit verweinten Allgen zu ihr. „Wo ist Werner, Schwester?" fragte Gisela, und ihr war, als habe sie schon seit undenklichen Zeiten zu der Französin Schwester gesagt, und als müßte das so sein. Toinette nahm Gisela bei der Hand und führte sie nach dem Zimmer Linthardts.
Der saß wiederum vor der Leiche des Bruders, mit heißen, trockenen Augen. Als die beiden Mädchen eintraten und der Schultheiß und Tempel und die Burschen mit dem Sarge, da sprang er auf, und irres Feuer glühte aus seinen Äugen, und er riß denr Toten den Degen aus den Fingern und stand nun vor den erstaunten Menschen und schrie: „Hinaus!! — Hinaus! Ihr Räuber! Wollt Ihr mir das letzte noch nehmen, was ich besaß? — Wollt Ihr mir auch noch den Toten rauben, daß ich nun ganz verlassen bin?" —
Er ließ den Degen klirrend zur Erde fallen, schlug die Hände vor das Antlitz, wankte zum Lehnstuhl und ließ sich hineinfallen und weinte wie ein Kind. Die Männer standen erschüttert da, doch keiner hatte für den Unseligen ■einen Ärost. Für sie war er der Verräter. Selbst Gisela, die noch unter dem Eindrücke des unsäglichen Kummers ihres alten 'Vaters stand, dessen Herz durch die Abtrünnigkeit des Erstgeborenen gebrochen war, vermochte es nicht über sich zu gewinnen, sich an des Bruders Seite zu stellen. Nur Toinette ging zu ihm und sagte: „Fassen Sie sich, Funker. Noch ist es Zeit, Geschehenes gut zu machen!" Aber er stieß sie von sich und wandte sich ab.
Unterdessen hatten die Burschen den Leichnam Werners in den Sarg gesenkt. Gisela neigte sich nochmals über das kalte Antlitz. Dann wurde der Deckel auf den Sarg geschlagen. Gisela schauerte bei diesem dumpfen Klange zusammen, Pfarrer Tempel umfing sie und führte sie an der linken Seite, während Toinette sie rechts stützte. So gingen sie langsam dem Sarge nach, den die sechs Burschen hochgehoben hatten und aus ihren Schultern trugen.
Schweren, schwankenden Schrittes gingen sie durch das Schloß. Als sie die Freitreppe herab gestiegen ivaren, schlossen sich die Dörfler, die sich auf dem Altan versammelt hatten, dem Zuge an. Kein Glöcklein ließ seine zagende Abschiedsstimme ertönen. Zerschellt und zerborsten lagen die ehernen Zungen unter dem Schutte des zerschossenen Kirchturms. Sie, die vor zwanzig Fahren fröhlich gesungen hatten, als der Tote, der jetzt im hohen Sarge ruhte, seinen Einzug in die Welt hielt, sie waren jetzt still und stumm. Der Krieg hatte ihre erzenen Stimmen schweigen gemacht.
Von Hohenlichtenau, von Tichenow, von Steinsbach, von Altblumenau waren die alten Herrengeschlechter herübergekommen, um dem jungen Altenlohe das letzte Gefeit zu geben. Aber der Pfarrer Tempel hatte am Morgen vierzehn Boten ausgesandt, nach allen Herrengütern, die ehemals in treuer Freundschaft zum Schlosse Heidehorst gestanden hatten. Zweiundzwanzig der Landjunker waren zur Beisetzung gebeten worden, — vier waren gekommen. O, wie sollte er, der Pfarrer, das dem Freiherrn beibringen?!
Was sollte er antworten, wenn der Freiherr fragte: Waren die von Doppeln da? — die Grafen Haustein, — die von Frohnau, die von Lärch, die von Stern, die von ■Dernbach und Sitteuau, — die Freiherrn Lämpke und die Ritter zu Lübbcnow und alle die andern? Alle, alle fehlten, die seinerzeit den kleinen Werner mit aus der Taufe gehoben hatten. Und der seelenstarke Pfarrer Tempel er- chauerte, wenn er an den Gang nach dem Begräbnis zu einem alten Herrn dachte. — Wer half ihm in dieser chweren Stunde? — Nur Gisela, die selbst am Zusammeu- vrnch stand.
Als sie durch den Kirchhof über klippige Trümmer und rauchendes Gebälk stiegen, nm zur Herrschaftsgruft zu gelangen, schlich sich einer an den Schutthaufen hin. Etzinger, der Stelzfuß, sah ihn, und ging zu ihm und sagte mit zorniger, unterdrückter Stimme: „Junker, ich schlage Euch mit dem Krückstock nieder, wenn Ihr diese heilige Handlung durch Eure Anwesenheit stört! Ein Ver- räter und Feigling gehört nicht an das Grab eines Helden!" Der ganze Zorn und Haß gegen Linthardt, das grausige
Wehgefühl um seinen Fungen, der nun gleich ihm selbst ein Krüppel war, während sich dieser Erbjnnker in seinem Schlosse verbarg und um schnöden Gutes willen das Vaterland verleugnete, all das machte sich in diesen Worten Lust.
Linthardt duckte sich nieder, kroch an den Steinen hin wie ein Mörder und floh durch die grünenden Fluren von dannen. Er sah nicht nach den Blumen, die nach dem gestrigen schweren Tage scheu ihre Köpfchen hoben, er hörte nicht die Lerche, die wieder schüchtern ihr Lied! versuchte, er sah nur die zerstampften Felder, die wüsten Hecken, — die Blutlachen und roten Flecke. Und immer und immer wieder sagte eine Stimme in seiner Seele: Tu warst nicht mit dabei! Während des Kampfes um Deutschlands Glanz und Freiheit, um Königs Thiron und Deiner Brüder Glück saßest Du hinter Akten und Pandekten und suchtest nach Klauseln und Kammergerichtsentscheidungen, die einen gleichen oder ähnlichen Fall betreffen, tote den Deinen und die Dir zu Deinem Golde und zu Deinem Gute verhelfen sollen! —
So schlich er heim. Verwünschte Oede! — Der Mensch kann allein leben und bleiben, wenn er weit und breit keine Seele um sich hat, aber wenn es um ihn lebt und pulst, packt ihn das Alleinsein wie höllischer Tod.
Die Trauergemeinde, der sich noch fremde Offiziere und Mannschaften angeschlossen hatten, stand an der Herrengruft. Pastor Tempel sprach wenige schlichte, ergreifende Worte und segnete den Toten. — Tann schloß sich die Platte über ihn. Die adligen Herrschaften, die gekommen waren, grüßten kühl Baroneß Gisela, sähen über Toinette von Bonrgee hinweg und schüttelten dem Pfarrer Tempel die Hand. Dann eilten sie zu ihren Wagen, um noch bei Tageslicht heimzukommeii; denn ihre vom Generalkommando erhaltenen Durchlaßpässe galten bloß für den Hellen Tag, des Abends wären sie durch keinen Posten gekommen.
Auch Tempel und Gisela gingen heim, hinter ihnen Mutter Wintzer und Wend. Als sie in das Gemach des Freiherrn traten, sah dieser sie erwartungsvoll an. Jetzt kommt der schwerste Augenblick meines Lebens, dachte Pfarrer Tempel, und trat zu dem alten Herrn.
„Ist er zur Ruhe?" fragte dieser müde. Nichts weiter, — gar nichts! Die letzte Träne seines Alters stahl sich ins Äuge unb rollte in den weißen Bart. Und Gisela kniete am Ruhebett ihres Vaters nieder, und Tränenströme folgten dieser letzten Träne des alten Mannes.
(Fortsetzung folgt.)
Frankfurt a. Main in den Ariegsjahren M6-M.
Von Otto Ballewski.
Als Napoleon I. int Fahre 1806 ans den Trümmern des Deutschen Reiches den Rheinbund gründete, verlor die Neichs-- stadt Frankfurt am Main ihre Selbständigkeit und wurde den Rheinbundstaaten einverleibt. Gemäß der Rheinbundakte hatte Frankfurt in dem von Napoleon gegen Preußen und Rußland im Jahre 1806/1807 geführten Kriege sein Kontingent zu stellen. Zu diesent Zwecke wurde in Frankfurt am 24. Oktober 1806 eine extraordinäre Kriegskasse errichtet, in die eine bestimmte Abgabe als Kriegssteuer einzuzahlen war. Drei Tage später erging das Verbot, preußische Soldaten zu verstecken und ihnen zur Flucht behilflich zu sein.
Nach Beendigung des unglücklichen Krieges 1806/1807 wurde Napoleon in Frankfurt am 24. Juli 1807 ein feierlicher Empfang bereitet. Tie damals erscheinende Oberpostamtszeitung brachte am 25. Juli 1807 einen vom 24. datierten Leitartikel, der dieses Ereignis behandelte und mit folgendem Gedicht begann;
Er kehrt zurück — Napoleon —, Ter Große, ohne Gleichen, Fortunens erster Lieblingssohn, Von feinem zu erreichen!
Er kehrt zurück, der große Held, 'Als üeberwinder aus dem Feld. Als Friedensgeber kehret Er, Zurück in seine Staaten, Gleich einem Schntzgeist groß und hehr, Im Hochgefühl der Taten, Wie sie vor Ihm kein anderer tat, Der je das Erdenrund Betrat.
Ter Artikel lautet dann weiter:
„Seit vier Tagen war Alles in hiesiger Stadt in frohest Bewegung, Sr. Maj. dem Kaiser und Könige Napoleon, EuropenH Friedensstifter, die höchste Ehrfurcht, Bewunderung und . den frohesten Dank für das Mbeglückende Geschenk — den Frieden — bei der glücklichen Rückkehr nach Frankfurt auf eine würdige


