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Die Mammenzeichen rauchen.
Roman -aus item Jahre 1813 vvn Maix Kiarl Böttcher-Chemnitz.
(Nachdruck verboten.)
" f (Fortsetzung.)
Ms Linthardt in das Totengemach zurückgekehrt war, setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb folgenden Brief:
Hochverehrte, teure Gräfin! Edelste Freundin und Gönnerin!
Eine zwiespältige Seele eilt Ihnen, beste Freundin, Trost und Rat in größter Not zu finden. — Ja, die Not ist groß, die Not eines Mannes, der seine Grundsätze wanken sieht, der dem Zuge der Menschlichkeit, den Gefühlen seines Herzens folgen möchte, der keine Kampsesnatur ish denn das Kämpfen bereitet ihm Qual, spaltet seine Seele und raubt ihm Ruhe Tag und Nacht.
Der Aermste bin ich, liebste Freundin. — Wie konnte ich mich vermessen, mich mitten in das Wespennest &it setzen, um etwas zu verteidigen, was mir nicht gehört, um einen Kampf zu fuhren, zu dem Ueberzeuguug nötig ist, Ueberzeugung, die ich wohl früher hatte oder die ich mir einbildete, und die nun Stück um Stück von mir weicht. Bom Vater verachtet und- verstoßen, von der Schwester vielleicht auch, von den Freunden -geächtet und geschmäht, von biedern, ehrlichen Männern, die mich früher liebten, gehaßt, und nun des einzigen Bruders beraubt, der jetzt tot, mit durchschossener Brust neben mir liegt --so stehe ich hier und soll kämpfen um eine Sache, dre rechtlich, ich fühl's immer mehr, nicht haltbar ist. —
Zweierlei harrt meiner: Verzweiflung und Wahnsinn oder — Kapitulation. — Unweigerlich bin ich einer dieser Möglichkeiten verfallen, wenn nichts mich rettet: Die Liebe. — Wer gibt mir Liebe, teuerste Gräfin?! —:
Der Tag graut, tvieder einer der öden, schaurigen Tage, der mich an mein Zimmer bannt. Gestern ein Toter, der Bruder — heute vielleicht wieder ein Toter, mein alter Vater. — Dann wehe mir! Die Achtung vor ihm hielt meine Hasser ab, mich in Stücke zu reißen. — Und mit diesem Briefe geht auch meine letzte Stütze von hinnen, mein treuer Anatole. Und nun sehe ich zu, wie ich notdürftig zu essen bekomme. Meine Heidehorster lassen mich kaltblütig verhungern. — Der Boden brennt mir unter den.Füßen, Gräfin. —
Ihr mutloser
Linthardt Altenlohe.
Er siegelte den Brief und entnahm einer Truhe einen Beutel mit Geld. Es war das letzte, was er hatte. „Anatole, du warst mir ein treuer Diener all die schweren Wochen. Hier ist dein Lohn!"
„Wie, Herr?! — Sie wollten mich . . ."
„Ich kann dich nicht schützen in den Zeiten, die vielleicht kommen werden. Sattele eines der Rosse, die wir mit« brachten, und reite, wie du willst, nach Prag und bringe diesen Brief der Gräfin Storsch-Pisek und erzähle, wie es mir geht. Hier, dieser Beutel Geld, es sind knapp zwanzig Dukaten, ist dein Lohn, wenig genug für deine Dienste, aber es ist mein letztes,'was ich habe. Lebe wohl!"
Zögernd ging der Diener. Aber an der Türe kehrte er nochmals um, haschte nach Linthardts Hand und küßte sie. Dann schlich er hinaus. „Ein treuer Mensch, viehleicht der treueste, den ich je kannte!"
Linthardt setzte sich wieder zur Leiche des Bruders und stützte seine Ellenbogen auf die Knie und den Kops in die Hände. Er versuchte mit Gewalt, sich das Antlitz seiner Prager Freundin, die einst mehr für ihn werden sollte, vor- zustellen, aber es gelang ihm nicht. Immer rind immer wieder sah er Toinette von Bourgee vor sich, mit dem blassen, schönen Gesicht, den großen schwarzen Augen, die im Zorn erglühten, als er ihr sagte, daß sie schön sei. — Und so saß er, dieses Antlitz in der Seele, noch Stunde um Stunde und achtete nicht des aufschimmernden Tages.
*
Ter alte Freiherr war, als er mit Gisela und dein Pfarrer in beit Hof seines Schlosses trat, am Ende seiner Kräfte. Gisela hielt ein paar Krankenträger an, die mit leerer Bahre, auf der soeben ein Toter gelegen hatte, aus dem Schuppen zurückkehrten, und bat sie unter Versprechung hohen Lohnes, mit der Bahre ihren Vater heim- zutragen. Pfarrer Tempel zog sein Wams aus, wickelte es zusammen und legte diesen weichen Knäuel dem Baron unter den Kopf — und nun zogen sie heim.
Am nächsten Vormittag wurden die Toten in großen Gräbern, in die je 50 gelegt wurden, beerdigt. Pfarrer Tempel sprach den Segen. Am Nachmittag wanderten die Dörfler in Festtagsgewändern nach dem Schloß.
Etzinger, der Trene, hatte am Vormittag an einem Sarge eifrig -gearbeitet, und trotz der kurzen Zeit hatte er doch ein Stück hergestellt, eines edeln Junkers, der den Heldentod fürs Vaterland gestorben war, wohl würdig. In Eile hatte er den Totenschrein machen müssen, denn im Stüblein lag sein Junge, der im Fieber raste und Napoleon und seinen Kriegern einen Ehrentitel nach dem andern zulegte und die Zerstörer des Torfkirchleins als Lumpen bezeichnete. -Dazu kam der Feldscher, um dem Jungen das zerstochene und zersplitterte Bein abzunehmen. Auch da mußte der Alte hilfreich zur Hand gehen. Und zwischendurch schwang er Hammer und Hobel, und als gegen drei Uhr die wenigen ledigen Männer des Ortes, die nicht mit im Felde standen, kamen, um den Sarg zu holen, da stand ein Prachtstück da, mit einer Krone auf dem Deckel. Wahrlich, der Edeljunker brauchte sich des hölzernen, letzten Bettes nicht zu schämen!
Sie kamen ins Schloß und heischten vom Lazarettinspektor den Leichnam Werners von Altenlohe. Sje suchten


