Ausgabe 
25.1.1913
 
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Nem, Mutter Back, die Herrn Türken sind fei* friedfertig

äti uns." ,

Na ja, was sie immer reden, Jungs"

Karl, der Nettere, zögerte noch einen Augenblick.

Mutter Back," sagte er geheimnisvoll,ich möchte dir wohl WaS erzählen. Eigentlich solltest du es erst abends wissen." , . Das aber wollte der andere nicht gelten lassen.Wenn du dernen Mund nicht halten kannst, red ich erst recht," sagte Wil­helm mit Nachdruck. Und so kam es, bofji sie es beide mit emeni Hellen Juchzer hinansschrieu:Mutter Back, dein Wunsch geht endlich in Erfüllung. Morgen holen sie dich hier weg. Water hats durchgesetzt. Tn kommst ins Stift. Tas feinste Stübchen kriegst du. Sooo was sagst du nun?"

Sprechen konnte Mutter Back gar nicht. Sie würgte und preßte, hob die Hände und schob die zittrigen Lippen zusammen. Dann seufzte sie auf. Nun das langersehnte Glück zu ihr kam, ward ihr erst im vollen Umfänge bewußt, was sie diese langen Jahre unter den zänkischen, unzufriedenen Weiblein in Enge und Unsauberkeit gelitten Hatte.

. Als sie endlich ein toeitig in Ordnung gekommen war, waren die beiden schönen, starken, blonden Soldaten schon wieder zur Tür Hmaus. Und eine andere Gestalt stand dafür im Rahmen. Wer alte Gottlieb, der noch dann und wann den Leierkasten drehte und sehr viel Obst und andere leicht erreichbare Sachen den Bauern und Kossäten fortstahl. Heute hatte er feinen Ehrentag. Er spielte seit der siebenten Morgenstunde das alte Kaiserlied auf seinem heiseren Instrument und nahm dafür manchen Pfennig em. Tenn am Festtag des Kaisers Hatten die Dörfler eine mild­tätige Hand.

,Habt Ihr schon das Unglück gehört," fragte er mit seiner dünnen, wehleidigen Stimme.

. Mutter Back schüttelte den Kops. Bis jetzt fehlte ihr noch jegliches Interesse für die anderen irdischen Geschehnisse, sofern sie nicht mit dem Stistsstüblem im Zusammenhang waren. Aber allmählich ward sie doch aufmerksam.

Es ist ganz zuverläßlich," erzählte der Alte,sie haben den Doktor geholt, und der hat es gesagt. Der schwarze Hund von Peters ist toll geworden. Mixes Jüngsten hat er schon gebissen. Und obgleich sie scharf hinter ihm her sind, ist er doch nicht zu kriegen. Tas kann noch schön werden. In meiner Jugend hat mal ein toller Köter ein paar Dutzend Leut gebisseu. Und sie sind alle geworden wie das Tier, und cs war keine Hilf dabei."

Mutter Back findet es auch schrecklich, daß die Angst um eine schwebende Gefahr gerade den heutigen Festtag verdunkeln will. Aber f:e hat zuviel goldene Sonne im Herzen, um lange darüber zu trauern. Obwohl sie suhlt, daß der alte, heimatlose Gauner sie glühend Beneiben wird, teilt sie ihm ihr Glück mit.

Der hört sie ruhig au und nickt mit dem Kopf:Da werdet Ihr nun natürlich den ganzen langen Tag beten und fingen, Frau Back, und gleich, wenn Ihr drin seid, für den Herrn Kaiser ein schönes Geschenk beginnen, das Ihr ihm nächstes Jahr persönlich nach Berlin bringt."

Sie wurde unwillig und barsch :Ihr sollt mich nicht hänseln. Daß ich meinen Kaiser lieb hab, ist meine Pflicht und Schuldig­keit ; und wenn ich gestern zu Euch im Scherz gesagt hab, daß ich mich kränk, weil ich so gar nichts für ihn- zu geben hab, so sollt Ihrs nicht rumtragen. Ich stamm nun mal ans einer Familie, die immer für ihren Kaiser was tun mußte. Mein Water blieb bei Jena, mein einziger Bruder fiel bei Sedan, da kann ich schon so was sagen."

Sie dachte auch uoch darüber nach, als schon längst die hellen Glocken zu dem Festgottesdienst riefen, dem sie fern bleiben mußte, weil ihr der alte Rock für ihren Kaiser nicht mehr gut genug erschien. Sie betete in der Sülle ihres Stübleins für ihn, trotze dem sie die anderen Weiblein gern dabei störten. Und ihre Ge­danken gingen zu dem zurück, was ihr gestern durch den Kopf geschossen war: daß so eine arme, alte Achtzigjährige bei Gott nichts habe, um es dem Kaiser zu geben. Ja, wenn sie ver­heiratet geivesen wäre, dann hätten wohl ihre Jungens ober Enkel mit den anderen in Reih und Glied gestanden und wären parat gewesen, wenn der Kaiser sie rief, weil das Vaterland ihrer bedurfte, lieber diesen Gedanken nickte sie rin und erwachte erst wieder, als der Kriegerverein an den halbblinden Fenstern mit ,der Fahne vorüberzog. Da stand sie auf und blieb feierlich und aufrecht am Fenster, bis die ratternde Musik verklungen war.

Die andern alten Weiblein waren nachmittags nicht daheim. Sie standen auf der Straße herum, hatten die rotgefrorenen Hände unter der Schürze versteckt und redeten von den neuesten Ereignissen. Es war auch wirklich viel Bemerkenswertes aus einmal in das stille, große Dorf gekommen.

Kaisersgeburtstag, die Hochzeit der Schulzentochter, und nun däs Unglück mit dem tollgewordenen Hund.

Das jüngste Knäblein des Bauern Mix Ivar bereits nach Berlin gesandt. Dort sollte versucht werden, es noch zu retten. Aber die arme Mutter weinte und schrie, baff es weit auf die Straße hinaus gellte. Mutter Back saß gemütlich und voller Sinnen ganz allein und suchte mit den alten Augen die letzten Strahlen der hellen Januarsonne. Die Hochzeitsgesellschaft war längst aus dem Kirchlein in ben Schulzenhof gegangen. Sobalb das feierliche Essen vorüber sein würde, wollte sich Mutter Back

mit den ersten Schuhen der jungen Fran aufmachen und sie mit em paar Segenswünschen darbringen. Denn die freundliche Emlavung der Schulzenfamilie, an allen Festlichkeiten teilzw- nchmen, hatte sie mit aller Bestimmtheit abgelehnt. Sie war noch von der alten Art, die einen Respekt vor der einstigen Herr­schaft nicht vergessen kann., _

_ Sobald die schatten tiefer über die kleinen Flammen der drei Laternen huschten, machte sie sich wirklich mit ihrer Gabe auf. Pie Dorfstraße war jetzt ganz einsam. Alf und jung/ sofern sie nicht gebeten waren, standen Kopf an Kopf vor den Fenstern des Schulzenhofs und sahen den Esseirden zu, die bereits bei dem fetten gelben Käse angelangt waren. So war niemand zur Stelle, der die einsam schleichende Mutter Back etwa bei der herrschenden Glätte gestützt hätte. Vorsichtig Humpelte sie vorwärts, stand zuweilen ein wenig still, um neuen Atem zu schöpfen, und mckte der schönen, neuen Fahne entgegen, die ans der Ferne voM Scyulzenhof für den Kaiser herüberwehte.

Plötzlich zuckte sie zusammen. Auf der Mitte des stillen Weges trabte ein Hund mit gesträubtem Fell, mager und häßlich an» zusehen, auf sie zu. Aus seinem Maule lief Geifer, die Augen glühten ihr förmlich entgegen. Sie zweifelte keinen Augenblick, daß dies der Hund sei, der nach neuen Opfern suche. Sie konnte chm freilich aus dem Wege gehen; aber wenn nachher der luftige Schwarm der Hochzeitsgäste nach dem Gasthof ftrebte, wenn das junge Volk hin und her lief, besonders wenn Wilhelm und Karl etwa Vergessenes herbeiholten Ihre Hände verkrampften sich über den Erstlingsschnheii. Sie wickelte sie instinktiv fest in ihre lange Schürze ein.

Wenn die Jungen, ihre Jungen, die sie auf dem Rücken ge­tragen hatte, solch Unglück träfe! Nicht auszudenken war das. Tie Jungen brauchte doch der Kaiser noch. Sie aber war alt und siech. Freilich, freilich, das Helle Sttiblein im Stift wartete ja auf sie. Schön mußte das sein. Kein Gezänk, kein Haß, ein Geranium am Hellen Fenster unb die Kirchenglocken ganz nahe. Aber der Kaiser bedurfte ihrer wirklich nicht. Sie lächelte. Sie hatte ihm doch so gern etwas schenken wollen. War da nicht eine Geburtstagsgabe für ihn?

Ihre zusammengestliikene Gestalt straffte sich!, sie lief dem Hund entgegen, eine Schnur riß sie aus der Tusche, warf sie nach ihm fing ihn darin. Er bäumte sich -auf, mit fletschenden Zähnen heulte er sie an, er schnappte nach ihrer welken Hand sie fühlte rinnenden Geifer ihr Herz setzte aus-, dies alte, dumme Herz, von dem schon vor zehn Jahren der gute Doktor gesagt hatte, daß kein rechter Verlaß mehr darauf sei.

Mer sie riß und zog die Schlinge fester. D« Sterne tanzten! vor ihren Augen, als fielen sie auf ihr Haupt, unb das Wehen der Fahne streifte sie im Traum. In diesem stillen, letzten Traum, der voll goldenen Jauchzens- mar.

Spät in der Nacht fanden sie Mutter Back. Der tolle Hund lag erdrosselt neben ihr. Und sie selbst schlief so friedlich. Ein Herzschlag hätte ihrem Leben ein Ziel gesetzt.

Ob es wohl einer der Dörfler ahnte, daß ihr aus Gefahr, Treue und Fahnenwehen endlich die große, schlichte Gabe für den Festtag ihres Kaisers gewachsen war, die Gabe sich selbst zu opfern, damit jungem Leben fein Leids geschah?

kf. Zucker als Sprengstoff. Wozu dient Zucker? Zum Süßen so werden die meisten Menschen diese Frage beantworten, und diese Antwort ist zweifellos richtig, lieber 6 Millionen Tonnen Zucker werden aber alljährlich zu ganz anderen Zwecken verwendet, wie derPetit Broveneal" in einer hübschen Zu- sammenstellung auSsührl, zum Beispiel zu Sprengstoffen. Zucker wird tatsächlich-als Grundlage zu einer ganzen Reihe von Spreng­stoffen verwendet und zum großen Teil hat er das Glyzerin dabei verdrängt. Ter Zucker kann aber nicht nur'in Form von Spreng­stoffen eine zerstörende Wirkung entfalten, nein, er wirkt auch erhaltend, wenn man ihn als Konservierungsmittel verwendet. Die Technik benutzt ihn, um frisches Fleisch, Fische und Butter haltbar zu machen: die Haltbarkeit der sogenannten koirden- fiertcit Milch beruht darauf, daß sie über 20 vom Hundert Zucker enthält. In diesem Zustande vermögen ihr weder tropische Hitze, noch die Kälte des Polargebietes etwas anzuhaben. Tie Möbel- fabritanten setzen Zucker zu den Beizen und anderen Stoffen, mit denen Holz behandelt wird. Holz, das mit Zucker versetzt und unter bestimmten Bedingungen mit Wasserdampf behandelt ist, soll vorm Wurmfraß sicher sein, ja die Fabrikanten behaupten, daß dieses Verfahren das Holz vor den scharfen Zähnen von Ratten und Mäusen schützt. Weiter wird Zucker bei der Zubereitung von Hauten und Fellen verwendet: bei der Zurichtung der Gobelins spielt er eine bedeutende Rolle; ferner kann die Firnis- und Farben-Jndustrie ihn nicht entbehren. Schließlich dient er noch dazu, Tinte zu bereiten und chemisch umgewandelt, hilft er eine ganze Reihe der wertvollsten Stoffe der chemischen Industrie erzeugen.

kf. Wie entsteht dasErdlicht"? Vor etwa zwölf Jahren hat der amerikanische Astronom Jeweomb eine Unter­suchung über das merkwürdigeErdlicht" begonnen, allein es ist ihm nicht gelungen, das rätselhafte Leuchten 'der oberen Schicht