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Reich« «ach. Du wirfst deinen Ball zuerst, Jakob le, gerade aus das Bett des kleinen Schläfers, denn inzwischen ist er eingeschlüfeu. Der kleine Bub warf seinen Ball und er sah, wie auf dem Bett des Kindes der Ball zerplatzte rind ein erschütterndes Bild sich entfaltete: Eine Hütte erstand und in der Hütte saß eine arme Mutter, die weinte bitterlich. Sie hatte nichts zu essen, weder für sich, noch für ihr Kmd, auf das sie zu warten schien. Jetzt öffnete sich die Tur. Ein Knabe trat herein. Hungrig suchten seine Augen ans dein Tische herum uach einem Stückchen Brot, und als er die Träten der Mutter sah, als er nirgends etwas Eßbares entdeckte, da fing auch er an, bitterlich zu weinen, und meinte: „Mutter, wir haben nicht einmal etwas zu essen und morgen ist Christabend. Hat denn der liebe Gott uns ganz vergessen nnd kommt zii uns nie mehr das Christkind?" Ta raffte sich die Mutter zusammen, strich dem Kinde über den Scheitel nnd sagte: Bete nur recht fleißig heute übend, mein Junge, vielleicht rührt dann ein Engel das löerz reicher Menschen, daß sie auch au uns denken und uns ein Stückchen Brot bescheren zmn Heiligen Christ. Und als das Kind "die Mutter so traurig sah, sagte es: „Mutter, ich will gewiß beten, ich will so beten, daß der liebe Gott uns helfen m u ß!" . , ■
Die Kinder im Himmel hatten das alles leibhaftig gesehen und gehört und sahen nun fragend auf die Mutter- Gottes: „Was ist das, sagten sie, da war ja eine Geschichte in dem kleinen Ball?"
Nun, lächelte die Mutter Gottes, alles, lvas ihr sähet, ist Wirklichkeit, aber ihr habt die wahre Begebenheit hinuns tergeworfen wie einen Traum für den reichen kleinen Jungen, der da so sauft im Bett schlummert und morgen früh dürft ihr sehen, wie es den Träumen ergangen ist, die ihr jetzt den Kindern reicher. Eltern in der Nacht schickt, in der ihr Herzchen vor Aufregung klopft ob all' der Freude, die ihrer morgen harrt. ।
Und wieder durfte ein anderes Kind einen Ball wer- fen und dann noch ein anderes und wieder ein anderes, bis alle Bälle geworfen waren.
In wieviel verschiedene Orte und Häuser blickten diesen Abend die kleinen Himmelskinder. Bald traten sie ein in die Kinderstube eines reichen Palastes, eines Königlichen Schlosses, bald waren sie in einem stattlichen, einsam gelegenen Landhause, bald mitten in einer großen Stadt, in einem wohlhabenden Bürgerhause oder sonst in dein üppigen Hanse eines Reichen. Was sie aber überall am meisten interessierte, das waren die Kinder. Einmal ivar es ein einsames kleines Mädchen, das sie besuchten und das ganz traumverloren, mit einem süßen Ausdruck der Erwartung in seinem weißen Spitzenbettchen lag, dann wieder kamen sie iit ein großes Schlafzimmer, wo fünf, sechs Geschwister iu ihren Betten ruhten und man sah es den Zügen der kleinen Schläfer an, daß ihre Seele ganz erfüllt ivar von der Freuds nuf den morgenden Tag. Und überall hin warfen sie ihre Tranm- bälle und sahen dann selber voller Erwartung, wie die Schaumbombe platzte und das Bild sich ausbaute vor der Seele des Schläfers.
Vor lauter Schauen und Eifer kamen sie gar nicht dazu, an den eigenen Kummer zu denken.
Und als der letzte Ball geschleudert war, da lächelte Mutter Maria und sagte: So, Kinderchen, jetzt aber schnell iu eure Blumenbetten und schön geschlafen und sobald ihr morgen wach seid, komme ich wieder zu euch und dann dürft ihr sehen, was die kleinen Schläfer zu ihren Träumen sagen.
Nun war die Kinderschar aber neugierig, schnell schlüpften sie in ihre weichen Blumenbettchen und während sie cin- schliefen, glitten noch all' die vielen bunten Bilder der Erde an ihrer (feeete vorüber. Und als es kaum dämmerte, da war die ganze kleine Schar schon wieder auf und sammelte sich erwartungsvoll um die liebe Gottesmutter.
Sie ging init ihnen an den Himmelsrand, ließ wieder den Engel Gabriel die Wolken hübsch bei Seite schieben und sagte: „So, jetzt lugt hinunter auf die Erde."
Und abermals strich sie mit ihrer linken Hand über die Augen der Kleinen, so daß sie alles sehen konnten, lvas auf der Erde vorging.
Und wieder sahen sie dieselben Häuser vom gestrigen Abend, aber diesmal kamen sie in einen Palast, in ein behaglich.ausgestattetes Frühstückszimmer, wo auf dem Tische Bretzeln und Schokolade für die Kinder bereit waren, die hereinkommen sollten.
Und jetzt kamen die Kinder: „Ach, sagten sie, Vater« Mutter, lvas haben wir nur geträumt die Nacht, das war aber traurig! Ist es bciiu wirklich wahr, daß arme Kinder gar kein Weiynachtsfest haben?"
Aber eine Dame kam aus einem Seitengemach und sagte: „Liebe Kinder, das ist nur ein Traum, nein, nein, der liebe Gott beschert schon jedem etwas zum Heilcgen Christabend, sorgt euch, nicht, freut euch auf den heutrgen Abend, der liebe Gott sorgt für alle."
Und ähnlich ging es in den meisten Häusern, lind diese Kinder, die noch nie von Unglück und Armut gehört hatten, glaubten in der Vorfreude aus den Heiligen Abend schnell deic bcschlvichtigenden Worten und im Jubel des Abends vergaßen sie ihren schweren Trauni.
Die kleinen Himmelslinder sähen sich eiltsetzt au: Da hatten sie ja ihre Bällchen ganz umsonst verschleudert!
Aber schon sahen sie in ein anderes Heim. Es war das Haus ivohlhabender Leute in der Stadt. Drei frohe Buben und zwei herzige Mädel kamen niiS dem Schlafzimmer herbeigestürzt, begrüßten die Eltern, die bereits am Früh- stückstlsch saßen und riefen dann aufgeregt wie aus einein Munde: „Mütterchen, lvas haben wir geträumt! Du auch? Du auch," fragten sie einander? Und nachdem die Mutter sie beschwichtigt und ihnen gesagt hatte: „So Kinder, eins nach dein anderen," berichteten sie von ihrem Traum. Alle hatten verschiedenes geträumt uird doch im Grunde! immer das Gleiche. Ein jedes Kind hatte in das Haus eines Armen gesehen, wo niemand lvar, der dem Christkinde hätte dre Hände reichen können, um den armen Kindern am Heiligen Abend etwas zu bescheren.
Und die Wangen der kleinen Erzähler glühten und die Augen bohrten sich fragend in die Blicke der Eltern undj dann brachen sie los: „Väterchen, sag, gibt's das wirklich, oder war das bloß ein Traum? Gibt es solche arme« Kinder, die nicht ein bißchen Freude haben am Weihnachtsabend?"
Der Vater legte ihnen die Hand auf das Haupt uno! sagte: „Ja, Kinder, das gibt's leider, alles ist wahr, was ihr im Traume sähet, aber wisset, jeden, Vater nnd jeder; Mutter hat der liebe Gott das große Erbarmen auch für, fremde Kinder ins Herz gelegt und wenn die Weihnachtszeit naht, dann sieht jede Mütter nach unter ihren Sachen, ob etwas da ist, womit sie auch den Armen eine Freude machen könnte. So hat es auch euer Mütterchen gemachst schon seit Wochen, und euer Vater hat sein Scherflein dazu beigesteuert. Da ihr nun aber einen solchen Traum gehabt habt, so muß wohl ein guter Engel noch besonders! für die Armen sorgen wollen, so dürft auch ihr ein jedes! einem armen Kinde eine besondere Freude bereiten."
So oder ähnlich ging es in den verschiedensten Häusern. Ucberall die. Aufregung der. Kinder über ihren wunder-- baren lebendigen Traum, der brennende Wunsch zu helfen, die aufmerksamen Eltern und die Erlaubnis, daß die Kinder aus ihren Spielsachen aussuchen dürften, was sie verschenken möchten. Dann holte die Mütter ans ihren Vorräten Backwerk, Aepfel, Obst, Nüsse, was sie nur hatte, tat alles in Körbe und versprach den Kindern, daß sie gegen Abend mit einem kleinen Tannenbaum zu verschiedenen Armen gehen dürften, um auch durch, ihre Gaben Weihnachts-, fremde zu verbreiten.
Und die Kinder jubelten: „Mütterchen, da sind wir ja auch Weihnachtsengel."
„Nun," lächelte die Mutter, „das gerade nicht, aber kleine Helfer des Weihnachtsengel seid Ihr, denn der Weihnachtsengel wird es doch wohl gewesen sein, der Euch den Trauin geschickt hat, damit Ihr auch au die armen Kinder denkt in Eurer Freude."
Die Himmelskiuder waren glücklich. „Mutter Maria," sagten sie, „das ist aber schön, nun müssen wir diesen Abend sehen, lvie sie zu den armen Kindern gehen."
„Nein, meine Lieblinge," sagte Mutter Maria, „das könnt Ihr nicht, dazu habt Ihr keine Zeit, denn heute abend sollt Ihr noch ganz andere Träume verschenken."
„Wie? Wohin denn?" meinten die Kinder?
„Nun," sagte Mutter Maria, „die Kinder, denen Ihr gestern Träume brachter, sind ja nur ein ganz kleiner Teil und viele, viele Menschen in Schlössern und Palästen, in Städten uicd Dörfern denken auch ohne solchen Traum an die Pflicht, den Aerureren eine Freude zu bereiten. Und doch reicht all die Liebe nicht aus. Es gibt trotzdem noch


