Ausgabe 
24.12.1913
 
Einzelbild herunterladen

3!

Mittlvsch, den 24. Dezember

Lj. 4

W

U

W

W

i

1

Ein Weihnachtsabend im Himmel.

(Nachdruck verboten.)

Im Himmel herrschte große Aufregung. Eine entsetz- lrche Epidemie hatte in einer Stadt ein großes Sterben her- vorgerufen und eine ganze Schar kleiner Kinder war da­durchplötzlich in den Himmel gekommen. Die armen Kleinen hatten sich auf der Erde noch kaum eingelebt gehabt und sollten sich nun schon an das völlig neue Leben im Hiinmel gewöhnen.

Des Leben da oben war ja wunderschön, die Kinder sahen soviel Herrliches, daß sie sich gar nicht satt daran sehen Tonnten. Aber vs kam Ge doch schwer an, daß sie allerlei lernen mußten, womit sie auf der Erde nicht fertig geworden waren und anderes, von dem sie auf der Erde nie gehört hatten. Auch vermißten sie ihre Eltern, ihre Gespielen, ihre Geschwister und alle die kleinen Freuden, an die sie daheim gewöhnt gewesen waren. Sie sehnten sich nach den grünen Bäumen, nach den Blumen der Erde, nach Regen und Sonnenschein. Freilich, hier oben gab es auch Bäume, hier gab >es auch Rasen und Blumen, Seen und Bäche, hier gab es auch herrliches Sonnenlicht und alles war viel schöner, viel zarter und duftiger als auf der Erde.

Aber alles dünkte die Kleinen so fremd, daß keine rechte Freude aufkommen wollte. Da hatten sich denn die Engel und Erzengel freundlich unt sie bemüht. Maria und Martha, die lieben, frommen Frauen, waren gekommen, halten ihnen schöne Sachen zum Spielen gebracht, hatten mit ihnen ge­tanzt und gesungen und die finnige Maria hatte ihnen köst­liche Geschichten erzählt.

So hatte ihnen von Tag zu Tag immer besser ge­fallen in der neuen Heimat. Und die Engel und die Gottes­mutter «Maria waren zufrieden, daß die Kinderchen sich immer mehr zu Hause fühlten.

Eines Tages aber hörten zufällig die Kleinen, wie der Engel Gabriel dem Erzengel Michael erzählte, daß er heute auf der Erde gewesen sei. Morgen war Heiligabend aus Erden. Da hatte der Engel Gabriel Umschau gehalten, wo er wohl noch eine besondere Weihnachtsfreude bereiten könne. Und alles, was er auf seiner Erdenwanderung erlebt hatte, erzählte er nun gemütlich dem Erzengel Michael.

Plötzlich sah er in lauter erschrockene, angstvolle, be­stürzte Kindergesichter: alle Freude war dahin, ein Schluch­zen begann, so jammervoll, so trostlos, daß den Engeln bange ums Herz wurde. Sie beugten sich zu den Kleinen: Was habt ihr nur, Kinder, fragten sie, was ist euch geschehen?

Und schluchzend kam es heraus: Weihnachten, nein Gabriel, Weihnachten mögen wir nicht im Himmel bleiben, Weihnachten wollen wir wieder zu Hause bei unseren Eltern sein. Laß uns doch hinunter, Weihnachten müssen wir zu Hause sein.

Vergeblich versuchten Michael und Gabriel die Kinder zu trösten und zu beruhigen. Sie erzählten ihnen, wie tvnn-

derbar erst die Weiheuacht hier oben int Himmel gefeiert! würde. Ja, sie versprachen den Kindern, daß, wenn sie recht lieb und artig wären, sie vielleicht einen Augenblick den lieben Heiland, den wirklichen Christ, sehen dürften. Aber nichts verschlug bei den Kindern. Sie weinten, sie warfen sich auf den Rasen, stampften mit den Füßen und waren un­glücklich. Und ihr Jammern drang weithin ditrch den Himmelsraum.

Bestürzt eilten die frommen Frauen herbei, «ahnten die Kinder in ihre Ar ine, fragten, trösteten sie und suchten sie durch Zureden und Liebkosungen zu beruhigen. Als aber alles nichts nützte, sandten sie jemand zur Gottesmutter.

Als diese von dem Kummer der Kinder hörte, saß sie ein Weilchen ganz still, als ob sie nachdenke. Und das tat sie auch. Sie versetzte sich in Gedanken zurück in ihr Erden- dafein, als das Jesnskindlein und später seine Brüder und Schwestern um ihre Knie gespielt hatten und sie sann und sann, was wohl den Kindern hinweghelfen könne über diesen herzz-erbrechenden Kummer. Und dann erhob sie sich. Ruhig, mütterlich freundlich trat sie unter die aufgeregte kleine Schar. Sie tat. als wüßte sie nichts von ihrem Jammer, begrüßte sie und meinte: Kinderchen, hört, welche Freude ich für euch habe! Den Kindern auf Erden, die sonst gar keine Weihnachtsfreude hätten, sollt ihr eine solche bereiten. Gebt einmal acht:

Jetzt ist es Abend und alle eure kleinen Gefährten wer­den .heute früh ins Bett gebracht, damit sie morgen froh und frisch sein können, wenn der heilige Christ zu ihnen kommt. Da dürft ihr sie heute einmal besuchen.

Ein Staunen ging durch die Kinderschar. Sie drängten sich um die Mutter Gottes, sie horchten, sie meinten, jetzt gleich dürften sie hinunterflattern zur Erde, wie sie es von den Engeln gesehen hatten. Al'er so war es nicht.

Die Mutter Gottes hob den Finger, lächelte und sagte: Hübsch geduldig! sonst verderbt ihr alles.

Dann rief sie ungefähr vier oder fünf der Kruder herbei, bedeutete den Engel Gabriel, die Wolken etwas zur Seite zu schieben, strich zart mit der Hand über die Augen der Kleinen und sagte: Nun könnt ihr bis auf die Erde sehen, dja, wo ich euch etwas zeigen werde. Und siehe, die Kinder sahen klar und hell ein Haus vor sich, das lag vor der Stadt in einem schönen, großen Garten. Sie konnten hineinsehen in das Schlafzimmer, wo eben die Mutter in hellem Gewände sich über das weiße Bettchen ihres Lieblings beugte und ihm erzählte vom heiligen Christ, der morgen kommen würde.

Die Kinder wurden immer aufgeregter und fragten: ,,Mutter Maria, dürfen wir zu dem Kinde? sollen wir mit ihm spielen? willst du uns dahin schicken?"

Ruhig, ruhig, Kinderchen, laßt erst den Kleinen schlafen, dann beginnt euer Werk, entgegnete Maria. Dann griff sie seitwärts in einen Korb und drückte jedem der Kinder einen klein en, durchsichtigen Wall in die Hand, der aus/ah, wie die großen Seifenblasen, mit denen sie sich zuweilen auf der Erde belustigt hatten. So, sagte sie, nun geht es der