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MittWsch, den 24. LepLember ♦ 1^4-
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Vom Pikkolo zum Millionär.
Heitere Erzählung von Harry Nitsch.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Madame Jarnaux empfing ihn mit mütterlicher Besorgnis, packte seine Reisetasche aus, kochte ihm frischen Kaffee und erkundigte sich teilnehmend nach dem Erfolgseiner Reise. Erst als er es sich vollständig bequem gemacht hatte, brachte sie ihm drei Briefe, die während seiner Abwesenheit eingegangen waren. Doch ehe die freundliche Dame fie ihm übergab, strich sie Erich mit einer mütterlichen Regung über die braunen, welligen Haare, welche sich nur schwer durch einen Scheitel bändigen ließen, und sagte mit einem besorgten Blick auf sein abgespanntes, trauriges Gesicht:
„Wollen Sie die Briefe nicht lieber erst morgen lesen, Herr Sanner? Ich glaube —- ich fürchte — ich glaube, es sind keine erfreulichen Nachrichten, mir ist es so. Es ist zu Hause wohl nicht alles so, wie es sein sollte, ich fürchte es —" 1 Erich sah die Frau ganz entsetzt an:
„Frau Jarnaux, — meine Mutter--Sie wissen —
■— — sie ist krank, sie ist tot, oh Gott, reden Sie doch, geben Sie mir doch die Briefe!"
Erich war vom Kaffeetisch aufgesprungen und stand zitternd in Aufregung und Herzensangst vor Frau Jarnaux. Diese strich ihm immer wieder über das Haar, dann sagte sie halb schluchzend:
„Sie armer, armer Junge."
Erich stürzte sich auf die Briefe, welche ihm Frau Jarnaux endlich, immer noch zögernd, reichte. Gleich der erste war sein eigener Bries an die Mutter, den er ihr nach seiner Entlassung aus dem „Orientale" schrieb. Fassungslos starrte er auf das kleine Kuvert und drehte es unwillkürlich auf die Andere Seite.
Plötzlich drang ein wilder Aufschrei von Erichs Lippen, dann faßte er mit beiden Armen tastend in die leere Luft, und schlug schließlich vor den Augen der ganz entsetzten Frau, welche sich vergebens bemühte, ihn zu halten, schwer und dröhnend auf den Fußboden.
; Als Erich wieder zu sich kam, lag er in der Laube im Garten auf einem bequemen Sofa. Herr und Frau Jarnaux sowie seine Mitschüler bemühten sich um ihn und betrachteten den jungen Mann mit teilnahmsvollen Blicken.
Mit großen, angsterfüllten Augen starrte Erich auf Fran Jarnaux, als wollte er bei ihr Trost und Hilfe suchen, dann aber schlug er beide Hände auf das Gesicht und brach in lautes, trostloses Schluchzen aus,
„Tot, mein liebes, einziges Muttchen tot, einsam und verlassen gestorben."
Man ließ den armen Jungen sich ausweinen, Tränen erleichtern mehr, als noch so liebevolle Trostestvorte.
Endlich richtete sich Erich auf, hilfreich von Frau Jarnaux unterstützt. Sein Blick fiel auf die Briefe, die neben ihm auf dein Tisch lagen. Er griff danach, nnd hielt wieder seinen eigenen, letzten Brief in der Hand, in welchem er der teuren Mutter sein ganzes Herz ausgeschüttet hatte.
Auf der Rückseite des uneröffnet zurückgekommenen Briefes stand:
„Adressatin heute gestorben. Schulz, Briefträger."
Langsam, zögernd, öffnete Erich den zweiten Brief, dessen Poststempel Frohwinkel lautete. Er war von Herrn Rose, seinem Paten, der auch zugleich sein Vormund war. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen in sehr geschäftsmäßigem Stil:
Lieber Erich. Hierdurch muß ich Dir die betrübende Mitteilung machen, daß Deine Mutter vor drei Tagen ganz plötzlich an einem Herzschlag gestorben ist. Sie war zwar schon einige Tage kränklich, aber es ahnte doch niemand, daß es so schnell kommen würde. Ja, rasch tritt der Tod den Menschen an. Ich konnte es Dir leider nicht früher Mitteilen, da ich geschäftlich zu sehr in Anspruch genommen war, aber es schadet ja a'uch nichts, solche Unglücksbotschaften erfährt inan immer iioch früh genug. Heute haben wir sie beerdigt, und habe ich einen sehr schönen, teueren Kranz geschickt, selbstverständlich, leider wurde ich selbst in letzter Sekunde verhindert. Du mußt Dich nun allein durch die Welt schlagen, mein Junge, beim auf mich kannst Du nicht rechnen, das weißt Du. Ich habe selbst Kinder. Der Nachlaß Deiner Mutter deckt wahrscheinlich gerade die Begräbniskosten, sollte aber doch noch etwas übrig bleiben, so werde ich es Dir getreulich aufheben, bis Du mündig bist.
Nun lebe wohl, lieber Junge, trage Deinen schweren Verlust als ein Mann, und denke, es gibt ein Wiedersehen.
Mit freundlichem Gruß H. Rose.
Erich las den herzlosen Brief mit zuckenden Lippen, dann legte er ihn mit einem bitteren Gefühl int Herzen auf den Tisch zurück.
Der dritte Brief war größeren Formates, ziemlich schwer und trug Hedwigs Handschrift. Langsam, zögernd, öffnete Erich auch diesen.
Eine Photographie, von einem Kranz lebender Vergißmeinnicht umwunden, fiel ihm entgegen. In alter, sonniger Heiterkeit strahlten ihn die schönen Augen der Geliebten an, der Mund war halb geöffnet, als wollte er Erich ein liebes Wort, eine holde Zärtlichkeit zuflüstern.
Lange blickte Erich auf das Bild der Geliebten. Seine Augen waren ernst und schwere Tropfen hingen an den Wimpern. Herr und Frau Jarnaux und seine Mitschüler waren leise davongeschlichen; sie ließen den armen Jungen allein, der an einem Tage die beiden teuersten Wesen, das Liebste auf der Welt, verloren hatte.
*
Mehrere Monate waren vergangen,. In den Straßen Londons, am Strand, wo die modernen Hotelpaläste in den Himmel ragen, herrschte trotz des dunstigen Nebels reges


