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Und woher kam dieser Posten? Er war unter Peter dem Großen entstanden; der hatte eines Tages Talg verlangt, um seine Schuhe einzusetten, und inan hatte ihm eine Kerze für eine halbe Kopeke gebracht. Die ivar dann mit gehörigem Ausschlag in den Haushalt des kaiserlichen Hanse? ausgenommen worden und hatte sich lawinenartig vergrößert. . .
Diese Geschichte, die, ivenn sie nicht wahr, so doch gut erfunden ist, bildet den Austakt einer Plauderei, die Henri Morandes über lustige Einzelheiten aus dem sranzösischcn Budget veröffentlicht. Da? Budget des Ministeriunis des Auswärtige:: für 1907, das erst 1911 im Umfang von 579 Seiten ausgegeben wurde, umfaßt z. B. folgende Summen bei dem En'.pfang der Herrscher von Norwegen und von Dänemark. Für Blumenschmuck wurden 23 835 Frcs. geopfert. Für den dreitägigen Besuch der Fürsten wurden 1250 Servietten, 300 Wischtücher, 68 Tisch- und 64 Betttücher, 6 Bademäntel geliehen: 2039 Servietten, 640 Wischtücher, 358 Tischtücher, 21 Paar Handschuhe, 16 Paar Strümpfe kamen zum Waschen. Für Hüte wurden bei dieser Gelegenheit im ganzen 10 920 Frcs. ausgegeben. Für 60 Besen, 12 Handleuchter, 12 Vasen und verschiedene andere derartige Gegenstände berechnete man in dem Budget 1085 Frcs. 18 Cts. Arif der Liste, die die für das Personal des Ministeriums des Innern angeschafften Bücher und Zeitschriften aufzählt, „die einen technischen Charakter haben und unbedingt notwendig sind", erscheinen neben Zolas „Sünde des Abbe Mouret" und Frances „Verbrechen des Sylvestre Bonnard" Romane mit den verlockenden Titeln: »Hnguettes Abenteuer", „Tas schamhafte Albion", „Die Eisenmaske", „Ueber dein Abgrund" usw. Die unmöglichsten Beamten werden mit Gehältern eingestellt; so hat man z. B. einen Gesandten von Adis-Abeba ernannt, der ruhig in Paris sitzt; ein Architekt, der 2500 Frcs. jährlich bezieht, figuriert als „Chinesischer Dolmetscher"; obwohl die diplomatischen Beziehungen mit Venezuela bereits seit 1907 abgebrochen sind, haben die Angestellten dieser Gesandtschaft, die doch gar nicht mehr existieren, 92 462 Frcs. Gehalt empfangen.
Und nicht besser ist es im Budget der Stadt Paris bestellt. Die arme Stadt muß alles viel teurer bezahlen als andere Sterbliche. Das einfache Einschmieren eines Türschlosses kostet sie 15 bis 18 Frcs., das Anlegen einer Türklingel an einer Mädchenschnle 365 Frcs. und da? Ausbessern einer Ktingelschnur in einer Knabenschule 205 Frcs. Reparaturen für jeden Oien kosten, obgleich sie stets in gleicher Ausführung sind, bald 220 Frcs., bald 270, bald 360 Frcs. Und die Rechnungskammer, die doch alles revidiert? Sie hätte viel zu tun, wenn sie jedes der 150 000 Aktenstücke, die jährlich von jeden: Ministerium eingeliefert werden, durchsehen wollte. Den meisten Faszikeln geht es so wie jenem, in Has der Dichter Goudeau einen sauren Hering legte, den er nach Monaten noch immer darin fand.-
VermZsÄ-tes.
* Von der Entwickelung des modernen fRet- tungswesens im Bergbau geben folgende Zahlen aus dein Jahresbericht des Bergbaulichen Vereins zu Essen einen Anhalt. Während noch zur Zeit des Unglückes zu Courrieres im Jahre 1906 nur auf wenigen Zechen Rettungsapparate und Truppen vor- haaden waren, wie z. B. auf der Zeche Shainrock, ivelche die sich damals so rühmlich auszeichnende Rettungsmannschaft nach Frankreich sandte, ist heute jede Schlagwettergrube mit diesen modernei: Rettungsmitteln ausgerüstet, um jederzeit erfolgreich in mit giftigen Gasen gefüllte Grubenrätune eindringen zu können. In dem wichtigsten deutschen Steinkohlenbezirk, im Ruhrrevier, hat der Verein für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund das Rettungswesen auf großartige Weise organisiert. Im Jahre 1912 waren der Hauptstelle für das Grubenrettungs- wesen in Essen 234 Schachtanlagen angeschlossen. Diese Zechen verfugen über 4034 Mann ausgebildeter Rettungsmannschaften und besitzen insgesamt 855 freitragbareSauerstoffatmungsapparate,r ent er 250 vollständige Schlauchgeräte mit 406 Rauchhelmen, 189 Rauchmasken, 257 Geblasen und 38130 m Schlauch. Zur Wiederbelebung etwa von den Rettungsmannschaften aufgeftindener Erstickter stehen jederzeit 255 Wiederbelebungsapparate bereit, davon 115 für künstliche Atmung, 70 Sauerstoffkoffer und 70 Führer- laschen mit Sauerstoffvorrat. Die Wiederbelebungsapparate fanden in großer Zahl Anwendung bei den Massenunglücken auf den Zechen Lothringen und Achenbach, wo mit ihrer Hilfe viele betäubte Bergknappen wieder ins Leben zurückgerufen mürbem In: Jahre 1912 fanden die Atmungsapparate zum Eindringen in giftige Gase in 29 Ernstfällen Verwendung. Hauptsächlich handelte es sich dabei um das Abdäimnen von Grubenbrände!:. Die Hauptstelle für das Rettungswesen ließ durch ihre Beamten auf des: angeschlossenen Grube«: in diefem Jahre 624 Revisionen ausführen, wobei die Rettungsmai:nfchaften und Apparate auf ihre Ausbildung und stete Schlagfertigkeit hin kontrolliert wurden.
kf. D i e G e n t e r K a t h e d r a l e — aus Käse. Was soll ein holländischer Käsefabrikant auf einer Weltausstellung wohl anders ausstellen, als Käse, und wie könnte er, falls es sich um die Genter Ausstellung handelt, die Sympathiei: der Geister besser gewinnen, als wem: er sich für seine Ausstellungsgegenstände ein
Vorbild in der Stadt Gent selbst wählt? Tatsächlich Has nach dem „Corriere" ein holländischer Käsefabrikant die Genter Kathedrale aus Käse nachgebildet und zwar mForm von zweiwohlgelungenen Modellen, bereit eines die Kathedrale von außen darstellt, während das andere eine Nachbildung des Inneren ist.
* Der Bindhut. Tatsächlich ist die Vorhersage, daß im Hpch- sommer größere Hüte getragen iverden, zur Wirklichkeit geworden. Bevorzugt sind die weichen, biegsamen Florentinerhüte, und der heueü so lange m den Hintergrund gedrängte Blumenaufputz kommt wiederum zur vollen Geltung. Auch Tüll und Spitzen werden verwendet. Die Bltnnen, zumeist in Uebergröße, werden nicht nur in Buketts, sondern auch einzeln auf die Hüte gesteckt. Nelken in allen Farben, Pfingstrosen, Zentifolien, Hortensien, Kornblumen usw. werden auch einzeln ans die Hüte gesteckt. Aber auch ganze Blütenkränze, deren Enden herabhängen, legt man um die Hutkrempen. Ferner werden große Schleifen aus breiten Tafsetbändern, einfarbig oder schottisch zum Abschluß genommen. Auch die berühmten Feldblumenbukelts werden, mit Kornähren zusa:nmei:gebunde>:, als Ausputz verwei:det. Duftig, wie hingehaucht liegen die reizendsten Blüten auf den Hutkrempe!: oder hängen über die Ränder hinab, begleitet von schmicg- san:en Kinnbändern, die sich geivöhnlich in der Nähe der Blume zu aninutigen Kokarden oder Maschen verschlingen. •
Sprachecke der Allgemeinen deutschen Sprachvereinr.
* G u t e V o r b i l d e r. In sprachlichen Dingen ist es besonders schwer, sich von alter Gewohnheit loszureißen. So gibt es unter den Lesern dieser Sprachecke sicher manche, die zwar mit den Bestrebungen des Sprachvereins einversta!:den sind, ober dennoch n a ch altem Brauche ihre Sprache durch entbehrliche Fremdwörter entstelle::. Das Verhalten großer deutscher Dichter gegenüber den anfangs von ihnen gebrauchten Fremdwörtern sollte diesen Lauen ein leuchtendes, nachahmenswertes Beispiel werden. Es wundert uns nicht besonders, daß viele Dichter zunächst mehr Fren:dwörter gebrauchen als später. Was aber auch dem hartnäckigsten Frembwortfreunde, dein ärgsten Deutschverderber zu denken geben muß, ist das Bemühen so grober Dichter, wie eS Wieland, Schiller, Goethe, Stifter, Freytag sind, bei Nen- anslagen ihrer Werke die ursprünglich von ihnen gebrauchten F r e n: d w ö r t e r d:: r ch heimisches S p r a ch- g u t z u e r s e tz e n. — Betrachtet man den verwelschtei: Zustand unserer Muttersprache in: 18. Jahrhundert, so staunt man über die Kühnheit, mit der Wieland, Schiller und Goethe die anfänglich von ihnen gebrauchten Fremdwörter verdeutschten. So ersetzte Wieland Autor, Statue, Pilot, nmgisch, pathetisch durch die Worte Verfasser, Bildsäule, ©teuermnnn, zauberisch, rührend. Goethe verwandelte — um von den vielen Beispiele:: wenigstens ein paar zu nennen — „kujonieren, alte Ideen, ins Detail, Interesse" in „plagen, alte Erinnerungen, Großes und Klei::es, Anteil". Mit geradezu bewundernswerter Entschiedenheit hielt Stifter bei Neuauflagen seiner Werke auf Sprachreinheit. „Obstinat, originell, vertikal, bis ins Detail, Exzentrizitäten, Piedestal" mußten da Platz machen für „halsstarrig, eigentümlich, lotrecht, bis ins kleinste, Ueberschwäng- lichkeiten, Untersatz". In der 1881 herausgekonuncnen Auslage seines Roinanes „Soll und Haben" (nicht etiun „Debet und Credit") hatte Freytag noch geschrieben: Produkte, Resultat, Reputation, Interesse, inalträitiert. In der Auflage von: Jahre 1887 sind diese Fremdlinge ersetzt durch: Erzeugnisse, Erfolg ober Ergebnis, Leumund, Teilnahme, mißhandelt. ES ist erhebend, daß diese Führer unseres Volkes sich zu solcher Kleinarbeit nicht für zu vornehm gehalten haben. Möchten ihnen auf dem Wege zu möglichster Sprachreinheit recht viele unserer Volksgeiwssen iolgen!
--R a u (Zwickau).
Viichertisch.
„Lieder z u r L a n r e." Das Instrument unserer Vorfahren, die Laute, ist wieder zu hohen Ehren gekommen. Sie begleitet unsere Jugend auf dem Marsche, sie ist bei jeglicher Art von Geselligkeit ein gern willkommener Gast und Bringer heiterer Stirnbein, Das soeben erschienene Heft der Notenbibliothek „Musik für Alle" bringt eine reiche Auswahl heiterer und gemütvoller „Lieder zur Laute". Wir finden in dem Heft lustige Wander- und Soldatenlieder, Liebeslieder und Balladen. Diejenigen, die das Lautenspiel nicht beherrschen, werden von dem Inhalt des Heftes auch befriedigt werden, denn alle Stücke sind auch in Klavierbearbeitung, ohne Laute, gesetzt.
ErgättäMgsratsei.
W.. . e. V.. t.:: . e. t g . n. g
G. t.::, .. r . a. g.. e. t . ü. a. l. . e. t. ui Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Diamant-Rätsels in voriger Nummer r
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Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lauge, Gießen»


