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Erst hatte Frau Niederhuber aus München es durchaus nicht tzlauben wollen, daß, wir .schon in Fahrt seien. Nein, auch, die Übrigen Mitglieder unserer kleinen Tafelrunde, die sich zum erstenmal zum Frühstück zusammengcfunden hatten, waren, er- Uiüdet von langen Eiseubahnfahrten, ruhig über den Augenblick hinweggeschlunimert, in dem. unser schwimmendes Riesenhaus still und gefügig hinter den beiden eifrig pustenden und quirlenden Schlepperchen her in ein sanftes Gleiten geraten war. Jetzt schweifte der Blick durch den dunstigen Morgen weit über die unübersehbare Wasserfläche der Unterweser. Mit befriedigtem Blick umfaßt Frau Niederhuber den festlichen Raum des behaglichen Speisesaales. Und dann saßt sie alles, was ihr Herz bewegt, in die Frage zusammen:
„Also warum geht man eigentlich aufs Wasser, wenn mans nicht nötig hat?"
Tie Frage ist die erste Variation über das verpönte Thema. Natürlich soll sie nun Unfern Widerspruch heraussordern, soll Uns veranlassen, Sorgen und Befürchtungen zu zerstreuen, die „man" an Bord nicht ausspricht.
Oho, wir müssen der ängstlichen Reisegefährtin den Wahn rauben, daß sie einen .besonderen Wagemut dadurch bewiese, daß sie züm Vergnügen aufs Wasser sich begeben habe. Nein> dieser nach Ostasien bestimmte Lloyddampfer dient einem.großen Teile seiner augenblicklichen Fahrgäste nur zu einer vierzehntägigen Ferienfahrt um das westliche Europa herum. In Genua erst pflegt die Mehrzahl der nach Indien, China, Japan ziehenden Reisenden sich einzuschiffen. Dort liegt für uns andere ein] heimkehrendes Schiff desselben Reisewegs bereit — oder auch für eilige Leute, die nicht vier Wochen Zeit haben, die Eisenbahn.
Boni Nebentisch aus geht inzwischen eine heitere Abhandlung desselben Grundthemas aus: Tort sitzt der nette Backfisch aus Düsseldorf. Gerade schickt er sich aus irgend welchem Grunde au, die Frühstückstafel zu verlassen. In einer Ecke erlaubt man sich, zu lachcu. Man argwöhnt dort wohl den ersten feigen Rückzug. In ihrem Stolze getroffen, wendet sich die junge Dame unter der Türe Um und ruft über den Sajal hinMg: „Ich komme ahm wieder!"
Mus der Bank der Spötter herrscht für den Augenblick verblüfftes Schweigen, während eine stillvergnügte Heiterkeit in der übrigen Gesellschaft die Runde macht: Und der Backfisch kommt wieder und gibt, unterstützt von den; bescheiden ratenden Sachverständnis des Stewards einen Vorgeschmack von dem Appetit, auf den die Speisekarten zugeschnitteu sind. _
Aus der ganzen Reise hat niemand mehr an der Seefestigkeit der jungen Dame auch nur andeutungsweise zu Zweifeln gewagt. Sie galt vielmehr von da an.als Autorität auf diesem Gebiet. Ihr Lehrsatz, den sie eifrig im Damensalon verfocht, errang sich durch die praktische Erprobung gar bald allgemeine Gültigkeit. Er lautet: „Tas ganze Uebel der Seekrankheit auf diesen großen Schiffen besteht darin, daß man sich davor fürchtet." *
Gleich in den ersten Reisetagen machten wir mit leibhaftigen Augen die unvermutete Entdeckung eines Landes, von dessen auf keiner Erdkarte verzeichnetem Dasein wir nur eine sagenhafte unwirkliche Vorstellung gehegt hatten. Tas kam so:
Endloses Regengeriesel hatte die drei Tage unseres Aufenthaltes in Antwerpen durchfeuchtet: jetzt kommt mit lärmender Eile der Rest der für uns bestimmten Ladung au. Ununterbrochen hat die drei Tage her die Hintere Ladeluke Eisenbahnschienen geschluckt. Sie kommen geraden Wegs von den deutschen Walzwerken Rheinlands und Westfalens rheinabwärts her- gcschwommen nach der belgischen Hafenstadt, wo sie unser Rcichs- postdampscr ausnimmt. .
Auf den Schienensträngen der Kais rollen inzwischen in langer Kette die letzten für uns bestimmten Güterzüge heran. Es sind säst ausnahmslos die rotbraunen Fahrzüge der königlich preußischen Staatsbahn. Einige verraten auch durch den dunkelgrünen Anstrich ihre Herkunft aus Bayern. Unter dem Pfauchen und Rattern der Tampfwindcn schweben Automobile in unförmigen Kisten, auf denen in schwarzen Lettern der Herkunftsort „Mannheim" vermerkt ist, durch die Luft und versinken in die gähnende Tiefe des Schiffskörpers. Ein unübersehbares Gebirge kleiner blauer Tonnen wandert durch eine andere Luke. Farben aus Höchst und Frankfurt Sie enthalten, so erzählt man uns, einen dicken blauen Brei Und daraus machen dann die Chinesen durch Verdünnung ihre berühmte chinesische Farbe. Man muß das Weltmeer blau färben können mit diesen ungeheueren Mengen. Nun — eg gißt unzählig viele chinesische Bauern, und alle tragen sie blaue Kittel.
Es ist auch gar nicht so lange her, daß unsere Färbereien die kostbaren Indigo-Hölzer, aus denen der schöne blaue Farbstoff gewonnen wurde, als unersetzliches Gut aus dem fernen Osten über das Meer her beziehen mußten. Dann hat vor einer kleinen Reihe von Jahren ein deutscher Gelehrter dem Jndigobaum sein Geheimnis in der chemischen Retorte abgezwungen. Und seither strömt die Farbe, die von dem Indigo nur noch den Namen, aber nicht mehr die Herkunft hat, aus den Fabriken Mitteldeutschlands nach eben jenen Ländern, die früher selbst die Welt mit dem kärglichen und kostspieligen „gewachsenen" Indigo versorgt haben. NaZ deutsche Arbeitserzeugnis, das draußen in fremden Landern jolche Eroberungszüge dnrchficht — „Wsatzgcbicte erringt drückt
rch der Kaufmann aus —, ermöglicht in der Heinmt Beschäftigung und Lebensunterhalt für arbeitsuchende Heere von Volksgenossen. Der Sieg int kaufmännischen Wettbewerb des Weltmarktes hat hierin dieselbe Wirkung wie ein kriegerischer Erfolg, der Gebietszuwachs bringt. Mehr sogar: der Inhaber der militärischen und staatlichen Herrschgewalt unterliegt mitunter wehrlos dem wirt- tchastlicheu Eroberer.
Es mag nötig sein, daß diese Erkenntnis einer deutschen Reise- genllschaft von vornherein klar gemacht wird, wenn sie im Begriffe steht, dem englischen Gibraltar, dem Schloß zum Mittclmeer, erneu Besuch abzustatten und dem französischen Algier, ocr fast europäisch anmutenden Proviuzialhauptstadt in den ungeheueren nordafrikanischen Kolonialreich Frankreichs, an dessen Küste wir tagelang hinfahren werden. Auf weiten Strecken dieser heißeir Erde wurde früher der Krapp gepflanzt, jener tiefrote Farbstoff, der unter anderem auch für die bekannten roten Hosen des französischen Heeres in großer Menge gebraucht worden ist.1 Heute wird man kaum noch solche Pflauzungeir in den.französischen Kolonien finden. In ebensolchen kleinen Tonnen kam aus den deutschen Fabriken der stärkere Eroberer. Krapprot und Jndigoblau, es ist ein kleiner Ausblick nur, der sich im Antwerpener Hasen, dem einen großen Ausfallstor der westdeutschen Industrie, auftut. Noch wichtiger mag sich dasselbe Bild in Bremen oder Hamburg aufdrängen. Aber gerade im Auslände schärft sich das Äuge für derartige Zusammenhänge. Es ist der Blick auf das größere Deutschland, der sich hier eröffnet.
Ja, dieses größere Deutschland ist die erste und verblüffendste Entdeckung, die ein neuzeitlicher Seefahrer macht. Wohl hat man einiges über dieses erdumspannende Reich gelesen und gehört. Aber tot bleiben die Ziffern der Handelsstatistik.
„Also das hat gerade noch gefehlt, daß Sie mit der Handels- statistik herausrücken, Doktor," unterbricht Frau Grewe den begeisterten Vortrag des jungen Ingenieurs. Frau Grewe ist die Mutter des netten Backfischs. Sie genießt infolgedessen bei der jungen Herrenwelt eine weitgehende Autorität.
Ju Dunst und Nebel ragt drüben der Turm von Antwerpens altbcrühmter Kathedrale. Die letzten Nachzügler, die von den Landabstechern nach Brüssel, Gent und Brügge an Bord zurückkehren, wundern sich über die starke Neigung des Lausstieges, den sie hinaufsteigen müssen. Die Menschlein beuchten sich so mächtig und stark, als die mit Maschinengetöse die schweren Lasten beim Ladegeschäft bewältigten. Inzwischen haben unmerklich und still die Naturgewalten das ganze Schiff mit allem feinem Inhalt einige Meter in die Höhe gehoben. Im Wechsel von Ebbe und Flut sinken und steigen die Schifsskolosse neben den Hafenmauern.
Flut! Tie Bahn ist frei. Schwer platschen die losgewvrfeneN Haltetaue ins Wasser. Dumpf und dröhnend brüllt die Dampf- pscife. Mit kurzem Schrei antwortet vor dem Bug der Schlepper. Vor uns liegt das gewundene Bild der Schelde, das uns mitten durch die vlämische Landschaft mit ihren bekannten Bildern führt. Und weit hinten am Horizont wartet die unendliche Weite des Meeres.
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In langen, tiefblauen Wogen weht der Atem des Ozeans über die greneznlose Fläche des Biskayas. Nach taufenden von Metern mißt die Welt des Wassers unter uns, die stumme Welt voll abenteuerlicher Formen und Farben, die einem fremden Himmelskörper angehören könnte.
Stetig und sicher zieht unser Schiff die porgeschrtebent Bahn über die unendliche spiegelnde Fläche, die das Wasserreich toom Luftreich scheidet. In der vergangenen Nacht hat das Blrnken eines Leuchfeuers auf dem vorgeschobensten Ende der franzömchen Küste uns den letzten Gruß der Welt dort hinter dem Horizont gesandt, ein letztes hilfsbereites Winken, das den richtigen Weg uns wies. Nun ist das Schiff, abgesondert vom lärmenden Getriebe der Festländer, ein kleines Menschenreich für sich inmitten der schweigenden Einsamkeit.
Man versteht sich vorzüglich in unserer Renten, Welt. Jeder deutsche Fahrgast in der buntsprachtgcn Schfffsgeiellschaft suhlt sich beinahe für seine Person geschmeichelt durch die Anerkennung, die die ausländischen Passagiere durch die Tatsache ihrer Anwesenheit an Bord „unserer Reederei", „unserer" Seefahrt zollen. Das hatte in Southampton begonnen, wo die große Schar der englischen Fahrgäste au Bord gekommen war, darunter gar manche Offiziere, die nach ägyptischen und indischen Garnisonen wollten. Daß in Algier französische Passagiere alle verfügbaren Kabinen belegten, das empsanden wir schon als selbstverständlich. Man wird dock nicht int Ernst einen französischen Dampfer mit einem der unsrigen vergleichen wollen.
Luftiges au; dem französischen Staatrhauchalt.
„Talglieferung für Seine Majestät — 10 000 Rubel", diesen Posten sott einmal Zar Alexander UL mit Statinen tut Budget des kaiserlichen Haushaltes gelesen haben, und als er nun über diesen merkwürdigen, ihm zugeschriebenen Fettverbrauch nähere Nachforschungen anstettte, erwies sich, daß diese Summe schon sett vielen Jahrzehnten im Budget figurierte. Nur war sie immer größer geworden; früher waren es mir 6500 Rubel, unter Nikolaus I. nur 2500 Rubel usw.


