keinen Schlafplatz mehr bekommen konnten, sich hier auf den Bänken lagern wollten, so mußte sie schließlich doch hinauf in das 'Damenzimmer. Unausgekleidet warf sie sich mit den Bergstiefeln und Gamaschen auf ihr Lager. Zur Ruhe würde sie ja doch nicht kommen, das wußte sie genau.
Und sie hatte recht. Eine ihrer Schlafgefährtinnen, eine schon ältere, etwas wohlbeleibte Dame, begann alsbald wie ein Mann zu schnarchen; damit aber nicht genug, drangen von nebenan, aus dem Herrenschlafsaal, durch die dünne Bretterwand beständig laute Geräusche ähnlicher Art, Lachen und Schwatzen. Sie konnte sogar häufig die einzelnen Worte verstehen, und es waren teilweise recht abscheuliche Witze und Ausrufe, die sie notgedrungen mrt anhören mußte.
„Bitte, lassen Sie doch das!" hörte sie endlich jemanden energisch sagen; cs war Bessow, und sie dankte es ihm in diesem Augenblick herzlich. „Nebenan schlafen ja die Damen."
Aber eine rohe Stimme erwiderte höhnisch:
„Das ist denen ganz gesund! Wer sich unter Manner begibt, kommt darin um. Was brauchen die Frauenzimmer auch auf die Berge hinaufzulaufen!"
Lautes Gelächter applaudierte den Witzbold; zwar erhob sich alsbald auch Widerspruch seitens der besseren Elc- rnente, sie hörte aus dem sich steigernden Wortwechsel unter anderem auch Bessows Stimme heraus, aber es war ihr genug. In heißer Empörung sprang sie von ihrem Lager auf. Keine Minute wollte sie länger Wand an Wand mit solchen rohen Gesellen liegen! Sie griff nach Pelerine und Lodenhut und verließ den Schlafraum.
Leise tappte sie sich durch den matt erleuchteten Flur, schlich sich die knarrende Holztreppe hinab und trat ins Freie.
Ah, wie unsagbar wohl tat diese zwar empfindlich kühle, aber reine Luft! All der Schmutz von da drinnen glitt im ! Augenblick timt der Seele, und begierig sog sie den Nachthauch ein. , ,
Und was für eine Nacht war das! Der Mond goß sein klares, mildes Licht vom sternenflimmernden, schwarz- sammtenen Firmament. Im Silberschein lag des Tabaretta- gletschers steiler Hang, dahinter das ganze gewaltige Gebiet des Ortlergletschers vor ihr bis fernhin, wo dte Spitze wie ein Dom aus Kristall sich klar vom Nachthimmel abzeichnete.
Weithin schweifte der Blick zur Rechten über all die Ketteii des Gebirges, uiid phantastisch erschienen die Fels- sromeu mit ihren tiefen, weichen Schatten, aus denen sich alle Augenblicke rätselhafte Märchenwesen lösen zu wollen schienen. Und dazu diese große, ungebrochene, geheimnis- | volle Stille ringsum.
Ach, war das eine Zaubernacht! Mit weitgeöffneter Seele trank Gottliebe die verträumte Poesie dieses silber- überqossenen Hochgebirges in sich hinein, und der eiskuhle, wunderbare Nachthauch, so rein wie der hernwltnweiße Schnee droben, timt, wo er kam, erfrischte ihre Dchlase so I herrlich, daß jede Müdigkeit schwand.
Eine Stunde mochte sie so, dicht in ihren weichflockigen Lodenmantel gehüllt, träumend auf der Brüstung gesessen haben. Lautlos still war es um sie her; nur dann und wann drang aus dem Hause, ans der Küche her, ein gedämpftes Geräusch. Dort hantierte die fleißige Schaffnerin mit ihrer Magd, tun für die nunmehr achtzig Insassen des .Hauses den Proviant für beit nächsten Tag herzurichten. Nun aber vernahm sie ein Geräusch wie von schweren Tritten, die behutsam drinnen die Holztreppe von den Schlafräumen herabkamen. Jemand aus dem Herrensaal i.
(Fortsetzung folgt.)
Unter der Reichrpoftflagge.
Augenblicksbilder von einem Ostasiendampfer.
Bon Dr. Kurt B a schwitz (Hamburg).
Das erste Kapitel der inhaltsreichen Geschichte, die solch ein Schiff erzählt, handelt von der menschlichen .Deelenkunde und ist überschrieben: „Tie Seekrankheit" . w
Dieses Wort ist von der Bordetikette streng verpönt. in.d dies hat seinen guten Grurrd: benn es gibt Gesprächsstoffe, ine die Einbildungskraft der Zuhörer in ungünstiger Mets« peein- slufsen können. Wer um dieses ängstlich vermiedene, unausgesprochene Thema ranken sich Variationen. Und die werden laW und beherrschen zunächst, die Stimmung der Reisegesellschaft.
vahinschreiteuden Gestalt im Wettermantel, bis si§ im Hotel- I Vestibül verschwand. *
„Mein Gott! Noch eine neue Partie? Wir haben so I .a schon kaum Platz in der Hütte!" ~
Unmutig rief es Gottliebe aus. Dte staud mit Bessow I und deut Men Stadler an der Brüstung des kleinen Plateaus vor der Payertzütte und blickte mit ihnen hinunter aisi beit I Weg, der sich längs bes steilen, zerrissenen Grats der Taba- rettascharke hinauf zur schwindelnden Hochztune der Hütte I äUi)t,‘,2a hinten kommen gar noch ihrer vier von der Edel- weißhütten her!" Scharf ausspähend wies der Alte mit I der Tabakspfeife hinüber. „Da wird's schlecht werden mit I dem Schlafen für die Herrschaft^."
„Um Himmels willen! Tas ist ja reizend ! Na, ich gehe lieber gar nicht ins Bett, als mich mit einem halben Dutzend wildfremder Menschen in ein kleines Zimmer pferchen zu I foffC”©ie sind dabei noch großartig plaziert," meinte Bessow. „Aber denken Sie sich in meine Lage: wir Herren müssen zu je zwei auf einer Pritsche liegen, unter einer Docke. Da-- I Mird erst ein Genuß werden — und nach dem blufftteg I Heute1 I
Den Regierungsrat hatte allerdings der vierstündige Wog hinauf zur Hütte, besonders das letzte Stück auf dein Tabarettakamm, ziemlW 'mitgenommen. Und nun ebenem noch 'die Aussicht auf eine total schlaflose Nacht und die morgigen, noch größeren Strapazen — einfach reizend. I
Jo, io, cs ist halt schlimm, daß es die vier Tag geregnet hat," bestätigte Stadler. „Nun hab'u die Herr- schaft'n in Trafoi und Sulden alle auf den ersten schonen Tag gewartet, und 's kimmeu nun halt alle auf einen I HE^Und morgen dann siebzig Mann hoch auf der Ortler- I spitze — gräßlicher Gedanke!" schalt Gottliebe. „Tie ganze Lust kann einem vergehen." Und mit sehr verdrossener Miene trat sie von der Brüstung zurück. So hatte sie sich die viel^- I gerühmte und so heiß ersehnte Ortlerpartie allerdings nicht gedacht. Sie konnte all die hier hernmwimmeluden Leute, die Vielzuvieleu, die doch überall sich breitmachen mußten, wo sic nicht nötig waren, förmlich hassen.
Mit sehr hochmütiger Miene trat sie daher auch wieder in die Hütte ein, in das kleine Gaßzimmer, in dem an fünfzig Touristen, laut lachend und schwatzend, dicht zu- sammengedrängt saßen. Ohne einen von ihnen eines Blickes zu würdigen, schritt sie durch das Zimmer hindurch in die nebenan gelegene Küche, wo zugleich die Führer saßen.
Ein unbeschreiblicher Geruch und Qualm von zwanzig Tabakspfeifen, brennendem Holz und Speisedünsten schlug ihr Nils dem halbdunkle,i Raum entgegen, so daß sie int ersten Augenblick förmlich zurückprallte. Aber dann kämpfte sie sich entschlossen durch diese Stickluft hindurch. Immer lieber noch hier sitzen als da brineit bei biesem meist nur halbgebildeten, salopp ungezogenen, in schmutzigen Hemben und ausgetretenen Hausschuhen herumlanfenben Tonristenvolk, das sic obenbrein noch zudringlich angafste. Tie Gesellschaft war ihr einfach widerlich. So suchte sie sich beult in der Nähe Tonis auf ber langen Bank ber Führer einen Platz. Zuvorkommend rückten die braven Leute noch enger zusammen, und in ihrer Mitte fand Gottliebe allmählich ihre gute Stimmung wieder. Besonders als der eine von ihnen dann die Zither herbeiholte und zu ihren Klängen schlichte, ansprechende Volksweisen sang.
So fand sie nachher Bessow, als er, sie suchend, auch in die Küche blickte. Wohl oder übel mußte er — da sie energisch erklärte, nicht ins Gastzimmer hinüberzngehen — sich dann auch herzusetzen, wie äußerst fatal ihm das auch war. Der Regierungsrat hatte in seinem Leben noch nie in einem „Kutscherbums" wie hier mit Leuten ans dem Volk an einem Tisch gesessen. Nervös rutschte er daher den ganzen Abend auf seinem Schemel — den hatte er ja wenigstens für sich allein! — hin und her, und seine aus steifer Zurückhaltung und verunglückter Leutseligkeit gemischte Art, sich zu geben, bereitete Gottliebe im stillen größte Heiterkeit. So amüsierte sie sich ihrerseits ganz ausgezeichnet, bis in der zehnten Stunde der allgemeine Aufbruch hinaus in die Schlafräume erfolgte.
Gottliebe wollte wirklich erst ihren Entschluß ausführen und drunten im Gastzimmer, in einer Ecke lehnend, auf» bMben. Da aber die zuletzt angekommeüien .Herren, die


