Ausgabe 
24.5.1913
 
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Er versuchte zu scherzen und plauderte lebhaft und nervös mit der krampfhaften Heiterkeit der Menschen, die sich bemühen, sich von einem unablässig folternden Ge­danken lvszureißen. ..

Ms die beiden Damen dann das Zimmer ü erließen, weil Marianne bei dem Bad des Bübchens dabei sein wollte, verstummte er rasch und sah nun ganz zerfallen, schwer gealtert aus, wie er mit vorgebeugtem Kopf vor sich hin­starrte und seufzte:

-,Jch sage Ihnen, es ist furchtbar, so Untätig dazusitzen und immerfort vor sich hinzugrübeln. Aber was fängt ein Mensch an, der seine rechte Hand nicht gebrauchen kann?" murmelte er nach einer Weile.

Er schaute traurig auf den Arm) der kraftlos, schlaff herabhing. . ,

Ein Glück, daß Sie doch nicht Mehr ganz allein sind, Holst," tröstete Grönberg ihn mitleidig. .Denken Sie, wenn Sie nun cuif fremde Hilfe angewiesen, noch als Junggeselle hausten."

Holst schüttelte das Haupt.

^Jch weiß nicht, ob es nicht schlimmer ist, sich als Plage und Last zu fühlen für die Menschen, die man Heb hat. Hildegard hat nun eben für zwei Kinder zu sorgen, für ein altes trauriges nnb für ein kleines, an dem sie Spaß hat! Es wäre doch viel, viel besser gewesen, wenn ich in dem Eisloch im Chiemsee verschwunden wäre, ohne Rückkehr. Freilich habe ich im ersten Moment gejubelt über das gerettete Leben. Aber jetzt nein, jetzt finde ich, daß es die Natur mit einem lieben, raschen Herzschlag freundlicher mit mir gemeint hätte."

Wer, gehen Sie, Holst, so dürfen Sie nicht reden! Das ist jedenfalls .eine ganz vorübergehende Geschichte."

Er senkte unwillkürlich die Augen vor dem traurigen Mick, mit dem der alte Maler ihn ansah-.

,,Wissen Sie was, ich bringe Ihnen einen geschickten Arzt, Professor Weitring seit Jahren ein mir lieber Be- kannter. Er hat sich gerade in der letzten Zeit durch ein paar gute Kuren einen Namen gemacht und ist Spezialist für rheumatische Leiden, Lähmungen. Er soll sagen, welches Bad Ihnen am besten bekommen würde, und dann lassen Sie sich von mir ins Schlepptau nehmen. Kollege, nach Gastein -oder nach Wildbad; ich mache mir gern einmal Ferien."

Holst, drückte ihm gerührt die Hand.

Cie sind- ein guter Freund, Grönberg. In diesem Bewußtsein liegt schon ein Trost."

Am nächsten Tage fand- sich Professor Weitring bei dem Maler ein.

Er untersuchte mit ernstem Gesicht den gelähmten, schlaff herab-hängenden Arm, verschrieb heiße- Bäder, ver- pvduete eine Salbe, gewährte auch ein Schlafmittel, um hsas Holst inständig bat.

-Gestehen Sie nur, Herr Professor", sagte er mit einem bitteren Lächeln,da helfen keine Badekuren und keine Mas­sagen. Es ist nichts mehr zu machen. Wenn an einem alten Bäum einmal ein Ast abgestorben, der wird nicht mehr frisch."

Der Arzt bemühte sich, seine ernste Miene etwas auf- zuhellen. '

Mau darf nie die Hoffnung aufgeben. Gerade bei Lähmungserscheiimngen gibt es so wunderbare Ueber- raschungen," sagte er ausweichend, während die fragenden ernsten Augen des Kranken fest und gespannt an seinen Zügen hingen.

Aber eine Ueberraschung, ein Wunder wäre es, wenn diese Finger wieder einmal beweglich würden," bemerkte Holst bann langsam, nach einem kurzen Schweigen.Und ich glaube so wenig an Wunder. Bielen Dank, Herr Pro­fessor! Besonders für das köstliche Pülverchen, das für ein paar Stunden Vergessenheit gewählt! Ach, schlafen! Was gibt es denn Besseres?"

Zwei Tage später bekam Grönberg einen Brief, der, mühsam mit der linken Hand geschrieben, mühsam zu ent­ziffern war.

Mein guter Freund !

Wollen Sie mir einen letzten großen Dienst erweisen? Ich habe eben an Professor Weitring die ernste Bitte ge­richtet, er möchte, falls man mich eines Morgens tot im Bette findet, meine Kinder, meine Tochter vor allem, an einen sanften, freundlichen Herzschlag glauben lassen. Ich flehe Sie an, unterstützen Sie diese Bitte! Bewegen

Sie den Ihnen befreundeten Arzt zu dem Opfer dieser frommen Lüge! Sie wissen ja, !vas ich dem Fremden nicht in breiten, ermüdenden Worten auseinandersetzen wollte: wieviel ich gut zu machen habe an meinem Kind. Ein paar Jahre lang schien es ja, als sollte ich alle Schuld und Ver­säumnis nachholen dürfen. Aber die Hand, die helfen: wollte, ist kraftlos und unbrauchbar geworden, ich bin nur noch eilte Last, die von den Jungen weitergeschleppt werden müßte! Nein, ich fühle es, daß meine Pflicht jetzt nur eines' von mir fordert: mich leise aus dem Leben fort- zudrücken. Ich habe kein Recht, mich von der Tochter pflegen zu lassen, die ich als hilfloses Kind bei fremden Menschen zurückließ. Ich will nicht fortvegetieren als ein Neberflüssiger, als hilfloser Krüppel. Ich besitze noch von früher ein gutes Mittel, um Schluß tzu machen. Wie heißt's int Faust:Du Inbegriff der holden Schlummersäfte/ du Auszug aller tödlich süßen Kräfte!" Mein Tod wird mein armes Kind tief betrüben. Ich weiß es, denn sie liebt ihren spät gefunden en Vater. Aber sie wird dem Wegmüden die Ruhe gönnen, iueittt es ihr verborgen bleibt, daß ich der Natur, die grausam genug nur den Arm lähmte, ein wenig nachgeholfen habe. In meinem Vertrauen ans Ihre Freundschaft, die diesen letzten Wunsch eines Sterben­den erfüllen wird, schließe ich ruhig die Augen mit einem letzten Dank an den getreuen Kollegen." .

Es war früh am Morgen, als Grönberg den Brief las, der mit der Post gekommen war.

In wilder Hast und Aufregung stürzte er sofort aus dem Hans und fuhr zu Professor Weitriug.

Der Arzt war eben weggerufen würden.

In die Nordeudstraße zu einem Maler, der Herr Dok­tor sollte eiligst erscheinen," Meldete der Diener.

Es war also geschehen! Hatte Man ihn tot in seinem Bett gefunden, wie er es gewollt? Oder am Ende nur schwerkränk ringend mit dem Tode, in qualvoller Sterbens- not? ,

Mit angstvollem Herzen legte Grönberg den Weg. zurück in das Gartenhaus.

Reichmann kam ihm entgegen und meldete, blaß, be­stürzt, die Traiternachricht.

Er lag regungslos in seinen Kissen. Hildegard meinte, er schliefe noch! O, der Schrei, als sie ihn nicht mehr wecken konnte!"

Grönberg atmete auf.

Sein Mittel hatte dem Wegmüden treuen Dienst getan.

Mit einem Ausdruck des Friedens, fast wie mit einem siegreichen Lächeln, lag das mächtige Haupt in seiner starren Ruhe. !

Hildegard schluchzte fassungslos.

Das ist mein eiuziger Trost," sagte sie nut zuckenden Lippen, als Grönberg ihr seine Teilnahme aus drückte,daß mein armer Vater so ganz ahnungslos gewesen, wie nahe sein Ende war. Gestern abend schien er ganz besonders, heiter und angeregt. Er hat so viel erzählt aus der ersten Zeit seiner Ehe, von meiner Mutter, und dabei den Kleinen ans den Knien gehabt, und sich so recht als guter Groß,- papa an ihm gefreut. Sein Gutenachtgruß klang so lieb' und herzlich. Ach, daß das sein letztes Wort gewesen."

Dahingegangen, wie ein Held!" dachte Grönberg und strich über die Hand des Toten, als möchte er sie noch ein­mal drücken in ehrfurchtsvoller Bewunderung.

(Fortsetzung folgt.)

Der Ueberfall bei Hainau.

(26. Mai 1813.)

Von Hauptmann Greeven, Düsseldorf.

Die Nachhut der Verbündeten unter Oberst von Mutius nähert sich ton' 25. Mai 1813 auf der von Bunzlan nach Liegnitz führenden Straße dem am linken Ufer der Schnellen Deichsel gelegenen Hainau. In dem welligen Gelände südlich und südöstlich dieses Städtchens sieht man in den Abendstunden dieses Tages den Generalstab Blüchers, darunter auch Gneisenau und den Major Rühle von Lilienstcrn geschäftig alle Bodenerhebungen abgalop- pieren. Mit kundigem Blick hatte der letztere heransgefundcu, daß man dem scharf nachdräugendeu Gegner hier beim Hiuab- fteigcn von den Gebirgsausläufen in die niederschlesische -Ebene | leicht einen Hinterhalt mit überlegener Kavallerie legen könne. Sofort waren Gneisenau und Blücher für dieses vielversprechende Unternehmen Neuer und Flamme gewesen. Nur hatte man besorgt, daß der nunmehrige Führer der verbündeten Armee, der allzu bedächtige .General Barclay de Tolly, die Genehmigung ver«