Ausgabe 
24.4.1913
 
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der Oberfläche klebetchen Arbeiten.. In einer Zeitung stand jüngst der großartige Satz: So scheu wir chn mit durch znm Bösen verlockende Welterfahrung und glückliche Erfolge itrimer gesteigerter Frechheit zum Jüngling heran- und dem Racheschwerte der ewigen Gerechtigkeit entgegeureifen. Der Mann bekam« es fertig, alle Präpositionen in der Regelan, auf, hinter, neben, in" an­einander zu reihen und ein labyrinthisches Satzgefüge drumherum zu bauen. Aus die Schluderei mither" undhin" sei hier noch einmal nachdrücklich hingewiesen.

Außergewöhnliche Schlamperei begeht der Te.rselbiger Spiel- Hagen:

Diese Betrachtung, daß der Genius, Itrie die Sinder, seine Sprache langst innerlich gesprochen hat, bevor er zur ersten Aenste- rung kommt, hebt das Wunder desselben freilich nicht auf, erklärt aber doch eines: den Vorsprung nämlich, welchen derselbe auf diese Weise vor dem bloßen Talente hat, irnd der durch keinen Kleist des letzteren eingebracht werden könnte, selbst wenn derselbe die Energie des Fleißes des Genius hätte.

Selbst einem Schreiber 'wie Spielhagen hatte Leint Durchlesen einfallen müssen, daß man nicht dreimal von demselben sprechen und jedesmal einen andern meinen darf.

Verzeihlicher sind Schludereien, die belustigend ivirken. Auer­bach erzählt in Dorf und Stadt: Reinhold kcüni in das Bierstübchen, wo er sitzen blieb und stundenlang durch die Menschenleeren Straßen wandelte. In einem der herrlichen Romane von Georg Ebers steht zn lesen: Der Oberpriester trat ihm- näher und legte beide Hände auf seine Schultern. Beide waren von gleicher Größe. Gilt das nicht von allen Menschenhänden? Indessen. Ebers meint den Oberpriester und den Jhmi.

Max Kretzer, einer unserer schlämpigsten Schreiber, berichtet von den Arbeiterinnen einer Fabrik: Sie waren alle schon Mütter gewesen, die eineir Mehr, die andern weniger, und erzählt uns: Der Schnee trieb die großen Flocken gegen die Fensterscheiben. Ter ihm nicht unähnliche Wilhelm Walloth schreibt imGladiator" von jemand: Er sah sie mit HM verlegenem, halb wütendem, HM wehmütigem Blicke an, ein mathematisches Wunder. In einer großen Berliner Zeitung wird berichtet: In S. fand man jüngst einen Lumpensammler als Leiche liegen, der nach- seiner eigenen Aussage feit,17 Jahren nicht Mehr in einem Bette ge­schlafen. In einer "linderen Zeitung: Beide Fälle (von Selbst­mord) betrafen Maurer, die gegenwärtig den besten Erwerb haben. Dieser Unsinn ist die Folge der unseligen Ailleimerei von Relativ- sätzen. Für die Bilderzeichner unserer Witzblätter liefert Philipp Galen in einem seiner Romane diesen reizenden Stoss: Nachdem sich die Portiöre geschlossen hatte, schlüpfte Mit leisem Tritt ein weiblicher Fuß ins Zimmer und löschte mit eigener Hand die Kerze.

Karl Lamprecht will sagen : Sudermann ist tzauptsächllch Dramatiker, hat zwar zuerst Erzählungen drucken lassen, tatsächlich aber zuerst Dramen geschrieben. Dies wird uns in Sätzen mit­geteilt, dre so, gebaut sind: Der Dichter ist seiner Grundlage Nach nicht Erzähler. Denn gewiß hat er der Reihenfolge seiner veröffentlichten Werke nach als Erzähler begonnen . . ., allein diesem äußeren Anschein entspricht nicht der wirkliche Entwicklungs­gang. Hat Lamprecht gewacht ober geschlafen, als er die Worte denn gewiß" hinschrieb?

Ueberaus schludrig schreibt Adolf Bartels; an dieser Stelle sei nur seines regellosen Durcheinandermengens von Und und Wie gedacht, die er offenbar für ganz gleichbedeutend hält: Die elementare Kraft wie das seine Gefühl für innere Form kann man sich wicht geben; wir wären zufrieden, wenn Bartels sich einiges Gefühl für die äußere Form geben könnte. Geibel hat in der Tat eine größere Mannigfaltigkeit der Stoffs lvie die vollständige Beherrschung der äußeren Form erreicht. Dies beides auf einer Seite.,

Merkwürdigerweise wär Lilieneron, dieser leidenschaftliche Be­wunderer sauberer Sprache, oft recht nachlässig, und die mit der Herausgabe seiner gesammelten Werke betraute Freundeshand Deh- Mels könnte ruhig ausmerzen, was der Dichter bei längerem Leben auf Freundesrat gewiß gern selbst verbessert Hätte. Es gibt bei ihm Wendungen wie: Ein markerschütterndes Hurra entlassen unsere Kehlen, Abseits der eigentlichen Wahlstatt dunkelte, in helles Mondlicht getaucht, ein Wäldchen, Er sollte unsere Nordarm'ee zum Äbrücken auf Paris verhindern.

Aergerliche Schludereien begegnen uns auffallend oft bei Heine: Ich bin heut im Schoß meiner Familie zurückgekehrt, Auf dem blanken Schwert gestützt, Der Lascaro hat errötet", das letzte in Paris geschrieben, wahrscheinlich unter dem Einflüsse von a rougi.

......gelegentlich verunglückten selbst unsere Größten und Sorg­fältigsten; wir werden in solchen 'Fällen nicht spotten, vielmehr shsweder an Druckfehler, Korrekturversehen ober an ein augen- "lEiches Nachlassen der Änstorksamkeij denken und für uns daraus eittneymcn, bag wir um so vorsichtiger sein wollen. Tie berühmte stelle bec Kaitt: Der kategorische Imperativ ist also ein einziger Und zwar die;er: Handle .nur nach derjenigen Maxime, durch

du , zugleich wollm kannst, daß, sie ein allgemeines Gesetz werde.rst hprachli-ch fehlerhaft, und einer der Herausgeber Kants hat tot Recht vorgeMagen,durch die" zn ändern invon bet".

" H/unich von Kleist schreibt in einem! Augenblick der GedankW losigkett: Das Glück wollt«, daß das Feuer wegen eine- an# haltenden Regens, der vom Himmel fiel, nicht um sich griff., Gottfried Keller in Romeo und Julie: Sie horchten ein Meilch'eM auf diese eingebildeten oder wirklichen Töne, welche von der großen Stille herrührten, oder welche sie mit den magischen Wirkungen bei Mondlichtes veqvechselteu, welches nah unb fern über die graue« Herbstnebel wallte, welche auf den Gründen lagen, und die- an ernsr der schönsten Stellen des herrlichen Kunstwerkes!

, Wenn wenigstens alle UnglücksUlle der Schreiber so erheiternd wirlten tote diese zwei aus einer einzigen Zeituugsnutouer: Der FeldMarschall von Manteuffel wurde sich tn seinem Grabe um, drehen, wenn er dies erlebt hatte. Heute abend Bortrag: Di« Abstammung des MenschengeWechtes von Lehrer Kalb in Gera.

Vermischtes.

«Ein Schreckschuß für die russische Bureau- k r a t i e. Uns wird geschrieben: Der russischen Bureaukraiie ist ein geivaliiger Schreck in die Glieder gefahren. Der Finauzminister hat beschlossen, die alten sagenhaften Fahrgelder für die Be­amten abzilschaffen, und eS soll dem Ministerrat bereits ein Ersatz­plan zugegangen sein. Diese Fahrgelder, die sich eigentlich schon mit der ersten Eisenbahn in Rußland überlebt hatten, haben aste Zeit eine der ergiebigsten und angenehmsten Nebeneinnahmen der russischen mittleren und höheren Beamtenschaft gebildet. Wenn einer von den Herren eine Dienstreise zu unternehmen hatte, die sich in Rußland außerordentlich leicht konstrtiieren läßt, namentlich wem, man sich des Wohlwollens eines hohen Vorgesetzten erfreut, so wurde das Reisegeld nach Postpferdei, berechnet, und zwar begann es mit drei und stieg den, Range des Beamten »ach bis zu se ch z e h n Postpferden. Jin Laufe der Zeit haben übertrieben ehrliche Leute wiederholt diese herrliche Einrichtung zu inißkreditieren gesucht, die manchem, der das Reisen gründlich verstand, ein Vermögen emge- bracht hat, aber noch immer ging das Unglück an der luncfereit Bureau- kratie vorüber, selbst als man längst neben den Postpferden die freie Fahrt erster Klasse auf der Eisenbahn hatte. Diesmal scheint es ernst werden zu sollet,, und es ist der revidierende Senator Garin gewesen, der den schnöden Anstoß dazu gegeben hat. Bei seiner Revision im vergangenen Jahre konnte er feststellen, daß der Ober­intendant General Rostoivski eine eigenartige Methode anwaudte, um bei seinen Dienstreisen den Säckel des Staates zu erleichtern und seinen eigenen tüchtig zu füllen. Hatte der General eine Kontroll- reise zu den einzelnenJntendanturmederlagen beim Kriegsministeriunr durchgesetzt, so machte er keine Rundreise von Etappe zu Etappe, sondern kehrte von jeder kontrollierten Station jedesmal nach Hause zurück, um die gesammeltei, Erfahrungen gewissenhaft zu Papier zu bringen. Damit soll er alljährlich ganz stattliche Summen heraus- aeschlagen haben. Und Garin mußte sich obendrein überzeugen, daß Vie andern Beamten dem Chef seine Methode rasch abgelauscht und mit dem gleichen Erfolge benutzt hatten. Das schien ihm zu weit zu gehen.

* Ein gutmütiger Pfandleiher. Besucher:Wohl Herr Sohn da im Nebenzimmer?" Pfandleiher:Bewahre, n Student, der seine sämtlichen Micher bei mir versetzt hat! Ich habe ihm gestattet, jeden Tagn paar Stündchen herzu­kommen, damit er sich auss Examen vorbereiten kann!"

* Äu ch daS noch. Reisender ($um Wirt):Sagen Sie mir bloß, Herr Wirt, wer hat denn in der letzten Nacht neben mir geschlafen? Dieses Geschnarche kein Äuge hab ich zu­getan!"Neben Ihnen? Also Nr. 13: Buller, Breslau, Galanteriewaren en gros."Der Schlag soll mich treffen- mein Konkurrent!"

* Der Sän g er.Warum bist du denn bei der Ver­lobungsfeier deines Freundes Fuchs hinausgeworfen worden?" Weil ich gesungen hab:Fuchs, du hast die Gans gestohlen!"

* Treffend. Kunde:Was, achtzig Pfennig kostet die Wurst? Geht da nichts ab?" Meister (wohlwollend):Nein, die kriegen Sie ganz!"

Geographisches Verschiebrätsel.

Kreta Portugal Capland Schlesien Japan Böhmen Sachsen Argentinien Persien China.

Vorstehende Nameir , sollen derart untereinander geschoben werden, daß eine Buchstabenreihe, von oben nach unten gcleieit, den Namen einer Residenzstadt ergibt.

Auflösung in nächster Nummer.

Auslösung des Kreuzrätsels in voriger Nummer: A W G bar ein

Abend berg Wald g eier Grub e ngas e i g r e a g r s

Redaktion: K. Neurath, Rotationsdruck und Verlag bet Brühl'schen Unioersitäts-Buch- unb Kleindruckeret. R. Lanae. Gießers