bett Redewendungen war: „Weines Erachtens nach", und selbst das Gelächter eines ganzen Parlamentes vermochte nicht, ihn Uon diesem 'Deutsch abzubringen. Er hat noch Aergeres verübt, doch da er fast nur geredet, wenig geschrieben, so lohnt es nicht, weitere Proben seiner absonderlichen Grammatik zu geben. Fürst Chlodwig Hohenlohe schreibt einmal nachlässig: Er ist einer, aus den: Reichskanzler gemacht werden. Nachlässig übersah er, daß auS einem Menschen, selbst dem begabtesten, nicht mehr als ein Reichskanzler gemacht werden könne; er wollte schreiben: er ist einer von denen, aus welcheit —.
Herzog Ernst von Ko'bürg spricht in seinen Denkwürdigkeiten voir einem Handstreich auf das Leben Friedrich Wilhelms IV.: Es erregte eine furchtbare Aufregung unb Erbitterung unter den Parteien, welche sehr geneigt waren, sich eine Dsrt Mitverantwortung Tuzuschieben. Merkwürdige Parteien, noch merkwürdigere Selbsterkenntnis! — Ach so, der Herzog weinte das gar nicht so, er meinte, die Parteien seien geneigt gewesen, einander eine Art Mitverantwortung zuzuschieben; ein französischer Herzog hätte dies unzweideutig ausgedrückt.
Aus den Weimarischen Banknoten von 1854, also auf Schriftstücken von nicht gewöhnlicher Wichtigkeit, stand die Strafandrohung: Die Nachahmung, Verfälschung und wissentliche Verbreitung verfälschter Banktioten wird nach Maßgabe der Strafgesetze bestraft. Demnach wäre int Großherzogtum Weimar damals bie_ Nachahmung und Verfälschung echter Banknoten straffrei gewesen! Den Verfasser jener Aufschrift hat die unselige deutsche Angst vor der Wiederholung eines Wortes zu einem vollendeten Unsinn verleitet.
Hans Delbrück, selbsternannter Wortführer der „mit Bedacht" Schreibenden, bemerkt einmal: Der preußische Konservatismus existierte nicht jenseits der Elbe. Wo ist das? Auf dem rechten oder auf dem lenken Elbufer? Tie ganze Ausführung ist unverständlich, wenn man dies nicht weiß; die Schriftsteller schreiben aber für die Nichtwissenden, sonst brauchten sie überhaupt nicht zu schreiben. — Delbrück schreibt: Die Bestätigung, daß hier das punctum saliens zu suchen ist, gibt die Antithese, welche unsere Eigene Aera darstellt. Wer versteht diesen Satz beim ersten Lesen? Wer beim zweiten? Woher sollen wir wissen, ob die Bestätigung Jini) welche der Nominativ oder der Akkusativ sind? Bei einem ,io unklaren Schreiber wie Hans Delbrück sind beide Möglichkeiten ziemlich gl eichberechtigt.
Nachlässigkeit oder viel Schlimmeres bei Herman Grimm darf uns ein für allemal nicht wundern bei dem Verteidiger der grammatischen und stilistischen Willkür. Er schreibt: Man will heute Goethes Verhältnis zu Bettina damals so auffassen. — Die Zeit des klassischen Französisch scheint für die Franzosen vorüber und für uns wenig Gewinn dabei, es sich anzueignen. — Hier sei der angenehmen Unterbrechung wegen die nicht um einen Grad zu grobe Erklärung Schopenhauers über die Nachlässigkeit und Schlamperei des Stils eingeschaltet:
Wer nachlässig schreibt, legt dadurch zunächst das Bekenntnis ab, daß er selbst seinen Gedanken keinen großen Wert beilegt. Denn nur aus der Ueberzeugung von der Wahrheit und Wichtigkeit unserer Gedanken entspringt die Begeisterung, welche erfordert ist, uni1 mit unermüdlicher Ausdauer überall auf den deutlichsten, schönsten und kräftigsteii Ausdruck bedacht zu sein; wie man nur an Heiligtümer oder unschätzbare Kunstwerke silberne oder goldene Behältnisse wendet. Daher haben die Alten, deren Gedanken in ihren eigenen Worten schon Jahrtausende fortleben, und die des- luegen den Ehrentitel Klassiker tragen, mit durchgängiger Sorgfalt geschrieben: soll doch« Platon den Eingang seiner Republik siebenmal, verschieden modifiziert, abgefaßt haben. — Tie Deutschen hingegen zeichnen sich durch Nachlässigkeit des Stils, Ivie des'Anzuges, vor anderen Rationen aus, und beiderlei Schlamperei entspringt aus derselben im' Nationalcharakter liegenden Quelle. Wie aber-Vernachlässigung des Anzuges Geringschätzung der Ge- iÄlschast, in die man tritt, verrät, so bezeugt flüchtiger, nachlässiger, chlechter Stil eine beleidigende Geringschätzung des Lesers, welche daun dieser, mit Recht, durch! Nichtlesen straft.
Schopenhauer hatte hinzufügen sollen: wenn nicht in diesem' Geschlecht, dann im nächsten ganz gewiß.
Julian Schmidt schreibt über Georges Sand. Er spricht von ihrer Lelia und nennt es eines der verrücktesten Bücher der Literatur; es habe eigentlich nur noch ein Ebenbild, den Rens: Rens erschien 31 Jahre vor der Lelia; ein Menschenalter liegt zwischen ihnen. Wem' kommt hierbei der Gedanke, daß Rens das Werk eines ganz anderen Schriftstellers, Chateaubrian-ds, ist? Selbst nicht jedem' Kenner der französischen Literatur ist dies sogleich gegenwärtig. Warum könnte ein Rens nicht auch; von der vielschreibenden Sand sein? Erst sieben Druckzeilen später wird Chateaubriand genannt. Dies nenne ich nicht mehr Nachlässigkeit, sondern grobe Schludrigkeit. — Julian Schmidt will von den ilntersuchungeit gegen den angeblichen Demagogen Jahn sprechen Md nennt sie „demagogische Untersuchungen"! Oder er schreibt: Wunderlich genug sehen diese Klagen ans, mit dieser Kraft und Energie (doppelt hält besser) der Rede ausgesprochen. Ein achtsamer Schreiber würde solche Klagen klingen hören. Oder: eine verkehrte Ansicht des Protestantismus — er meinte: Ansicht vom . . .
Wilhelm Scherer sagt von Goethe: Er war religiös und fittlich tolerant. Ist „religiös" Eigenschafts- oder Umstandswort?
Beides ist möglich, beides gibt einen guten 'Sinkt. Besonders im Satzhan ist Scherer von kaum glaublicher Schludrigkeit; auf jeder gedruckten Seite steht mindestens ein Satz, der zu Mißverständnissen verführt. Ich glaube nicht an eine Unfähigkeit Scherers zum richtigen Satzbau, beurteile ihn aber darum nur noch strenger. — Scherer über Goethe: Ms er im Alter von 16 Jahren die Universität Leipzig bezog, angeblich! um' die Rechte zu studieren, tu Wahrheit um in allen Wissenschaften zu naschen und schließlich nur von einem Künstler, Oefer, eine wahrhaft tiefgehende Anregung zu empfangen. Also darum bezog Goethe die Universität Leipzig? In demselben Satze das richtige und das falsche „um zu"! Schludriger schreiben wenige unter den vielgeschmähteu Zeitungsschreibern. — Wiederum' Schierer über Goethe: Wie Goldsmith, den Herder so liebte, den englischen Landprediger und seine Familie geschildert hatte, so stand er vor ihm. Wer vor wem? Goldsmith oder Herder oder der englische Landprediger? Alle drei find an der Stelle möglich, und erst viel später kommt eilte ungefähre Auflösung des Rätsels. — Noch einmal Scherer über Goethe Er Meinte (beim Götz) eine Rettung zu vollziehen, tote sie Lessing gern versuchte, wenn er fein Andenken erneuerte. Wer erneuerte wessen Andenken? — Immer noch Scherer über Goethe: Er setzte die Figur des Helden halb aus sich selbst, halb aus dem jungen Jerusalem zusammen, einem Sohne des Braunschweiger Abtes, der sich; aml 29. Oktober 1772 erschoß. Der Abt Jerusalem hätte sich 1772 erschossen? Ter hat ja noch neun Jahre später eine Erwiderung aus Friedrichs des Großen Abhandlung über die deutsche Literatur geschrieben. — Ach so, nicht der Abt, soiiderii sein Sohn hat sich erschlossen, und nur Scherers Schluderet verleitet zu dem Irrtum.
Wieviel unnütze Arbeit mutet Gervinus seinen Lesern zu, Arbeit, die er selbst hätte verrichten müssen:'So sind die ästhetischen Ausstellungen am Wallenstein wohl vielfach gerechtfertigt, wie bei Don Carlos, ohne daß darum das Wort Goethes nicht Wahrheit behalte, es sei dies ein so großes Werk, wie zum zweiten Wale nichts Aehuliches vorhanden ist. Hat Goethe den Don Carlos ober den Wallenstein als ein so großes Werk bezeichnet? Wer etwa einwendet, der Leser werde den Ausspruch Goethes kennen, silso das Richtige treffen, dem! ist zu erwidern, daß Gervinus damt die ganze zweite Hälfte des Satzes hätte weglassen sollen, denn was der Leser schon genau weißt, soll ihm' kein Schreiber erst sagen. — Hatjm spricht von Schillers Fiesco: Nicht als habe der Dichter eigentlich ein kaltes Napoleonsgesicht (in Fiesco) zeichnen wollen Um 1782 sollte das schwer gewesen fein.
Im Magazin für Literatur schreibt ein Professor A. K.: Ich bebaute, selbst auf die Gefahr hin, den Vorwurf, gegen Hans' Arnold, also eine Tante, eine Unliebenswürdigkeit zu begehen, hören zu müssen, es auszusprechen, daß der Stil Arnolds recht salopp ist, und kom'mt sich dabei selbst wahrscheinlich als ein Stilklassiker vor.
Selbst bei einem' so feinen Schriftsteller wie Karl Hillebrand steht einmal: Man spricht von der französischen Ignoranz des Auslandes; er Meinte damit die französische Nichtkenntnis des 'Auslandes, und nur das Fremdwort verursachte den schiefen, kaum halbverständlichen Ausdruck.
Ueberhäupt die 'Fremdwörter! Es gibt wenig grobe Stil- aebreckM, an denen sie keinerlei Mitschuld haben. Ter Rechtslehrer Holtzendorff, sonst ein klarer Schriftsteller, will rügen, daß ein so geringer Bruchteil der des Mordes Angeklagten verurteilt wird; dies drückt er so aus: Von 134 Angeklagten wurde doch nur eine sehr große Minorität, nämlich! 40, schuldig befunden. In Wahrheit findet er diese Minorität nicht groß, sondern sehr gering; hätte er Minderheit geschrieben, so wäre ihm! der Unsinn schwerlich widerfahren.
In der auf reine Sprache und klaren Stil haltenden Kölnischen Zeitung stand einmal : Hier lernte er seine spätere Frau und Witwe kennen, heiratete sie und fuhr mit ihr nach Konstantinopel. Daß jemand seine eigene Witwe heiratet und mit ihr in der Welt herum'reist, ist immerhin ungewöhnlich.
Adolf Stahr läßt in feiner Kleopatra jemand sagen: Inmitten der in deiner Heimat wütenden Furie des Bürgerkrieges. Inmitten einer Furie? Wer kein Dichter ist, hüte sich! vorm Bildern, und toer Fremdwörter schreibt, werde sich! bewußt, was sie bedeuten. — Ter Philosoph Lasson schreibt: Denn immer tritt ein Punkt ein, wo —. Was ein eintretender Punkt ist, bleibt
rätselhaft.
Verwildert bildernde Phantasie läßt den Dichter Max Bewer schwärmen: Bismarcks Hand schlug wie die Hand eines Helden, fein Herz wie das Herz eines Dichters. Allzu streng ist diese Ueberkühnheit nicht zu beurteilen; geradezu großartig wirkt sie in einem Heeresbesehl des Prinzen Friedrich Karl an seine Krieger: Lasset eure Herzen zu Gott schlagen und eure Fäuste auf die Feinde! — Wohl nach Cromwells Vorgang.
In jeder Grammatik steht die nicht schulmeisterliche, sondern sprachkünstlerisch! vollberechtigte Warnung vor dem Zusammen- häufen von Präpositionen. Herman GrimM verachtet die Ver- itunft und Wissenschaft, die in der Grammatik steckt, und schreibt; Eine Keine Anzahl von für Mathematik vorzüglich begabten Schülern. Fälle dieser Art sind bei ihm! so häufig, daß man an Absicht glauben Muß. Ganz vereinzelt kommt diese Unschönheit bet Jakob GrimM vor (in der Vorrede zum Wörterbuch) von an


