Zwei Welten.
Roman von Emma Merk.
^Nachdruck verboten.) (Sortierung.)
Mr seiner ersten Wut und Enttäuschung setzte er sich hin und schrieb einen Brief an seine Mutter: ihm gehe alles schief, er sei vom Pech verfolgt, aber Wunder wär's ja auch Fernst, wenn feine Schwester sich immerfort in seinen Weg pflanzte. Geradezu lächerlich habe sie sich benommen, als er neulich bei dem Baron, wo sie in Stelle sei, zur Tür hereintrat. Das müßten doch alle Leute merken! Wenn seine Angehörigen nicht einmal die Rücksicht hätten, ihm solche Verlegenheiten zu ersparen, dann wär's gescheiter, er machte gleich ein Ende mit sich. Er habe dieses Hundeleben satt!
Er wußte, daß solche Drohungen bei seiner Mutter immer einen starken Eindruck machten und daß sie daraufhin bereit war, jedes Opfer zu bringen, um ihn wieder froher zu stimmen.
Etwas erleichtert durch seinen Zornesausbruch suchte er in dem Papierkorb nach dem Billett der kleinen Ungarin, seiner Redoutenbekanntschaft, die ihm nahegelegt hatte, daß sie sich nach einem Wiedersehen sehne. Am Morgen in seiner soliden Feierstimmung hatte er das unortographische Gekritzel achtlos beiseite geworfen. Nun schrieb er eine liebenswürdige Antwort und schlug „dem netten Käser" ein Rendez-vous vor.
„Was soll das schlechte Leben nützen?" murmelte er.
Am Abend wollte er sich mal eine gute Flasche Sekt leisten, um den bitteren Geschmack hinunterzuspülen. Unsinn, sich wegen einer so faden höheren Tochter ein graues Haar wachsen zu lassen! Das viele Geld wäre ja nicht ohne gewesen! Aber die schöne Junggesellenfreiheit, bte man dafür geben mußte! Es ging ja auch so noch eine Weile. Nur nicht an die Zukunft denken! Nur fidel fein, so lange noch jemand etwas pumpt!
8.
Hildegard war sehr früh aufgewacht. Eine Amsel, die in dem kleinen Borgärtchen vor dem Hause zwitscherte, hatte sie geweckt.
In der tiefen Morgenruhe um sie her dachte sie mit tiefer Wehmut an ihre Eltern, an ihre Kindheit, von der sie zum ersten Male hatte sprechen hören. Was mochte aus ihrem Vater geworden sein? War er wirklich tot, wie die Mutter? Vielleicht in Elend und Not zugrunde gegangen? Oder hatte er sich, frei von allen Familiensorgen, doch wieder aufgerafft und war ein großer Maler geworden? Wer weiß, ob sie nicht seinen Namen hatte nennen hören, ohne zu ahnen, wie nahe er ihr stand? Die Tochter eines berühmten Künstlers! Wie stolz es sie gemacht hätte, das denken zu dürfen!
Donnerstag, den 24. April
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Sie lächelte gleich darauf traurig über ihre kühne Phantasie.
Es war ja so viel, viel wahrscheinlicher, daß der unglückliche Mann im Dunkel geblieben, daß er heimatlos, arm, in der FremM verschollen war.
Sie hatte trotz allere Bemühens den Namen nicht erfahren können.
Mama Bernhobler ivich jeder Frage aus, und es schien fast, als hätte sie auch ihren Mann veranlaßt, wenigstens über diesen einen Punkt zu schweigen.
Plötzlich richtete sich Hildegard in den Kissen aus, mit einer freudigen Bewegung.
Es war doch von Bildern die Rede gewesen, die noch aus dem Speicher stehen mußten!
Sie mußte sie sehen, diese armen, verkannten Landschaften, die seit Jahren, verstäubt und vergessen, da oben im Winkel standen, und die noch das einzige waren, was ibr von ihrem Vater blieb, was ihr einen Einblick in sein künstlerisches Schaffen geben konnte.
So leise wie möglich schlüpfte sie in ihr Morgenkleid, suchte nach dem Speicherschlüssel und hastete heimlich die Treppe empor.
Sie mußte lange suchen zwischen Kisten, Koffern und Körben und allerler altem Hausrat.
Das Mansardenfensterch en hatte sie geöffnet, ein lichtblauer Himmel lag da draußen, köstliche Morgenluft strömte herein. Man konnte hinabsehen aus die vielen, vielen Häuserreihen mit dem hellen Gelbgrün der Gärten und Anlagen dazwischen, auf die Türme, um die noch zarter Duft schwebte, auf ein Meer von Dächern, die im Morgenlicht funkelten.
Ihr einsames Wachen in der frühen Stunde, in der Frühlingspracht, schuf ihr eine ganz erregte, jauchzende Stimmung, als durchrieselte sie heißer und mächtiger als. je zuvor die Freude über das süße Wunder des Lebens.
Das Herz klopfte ihr heftig, als sie int Halbdunkel unter dem Dach einen Bilderrahmen ergriff, ans Licht zog und das umhüllende Tuch löste.
Es war eine Heidelandschaft, über die der Sturm hinfuhr, mit einem schweren Wolkenhimmel und windver» zausten Kiefern. Mit zu Boden gesenktem Haupt, wie sich beugend unter der düsteren Gewalt über ihm ging ein Wanderer zwischen dem wehenden Riedgras, zwischen dem nackten, grauen Gestein. Tiefe Melancholie lastete über der Gegend. Nur ein tieftrauriger Mensch konnte mit solcher Wucht den unerbittlichen Ernst der Natur wiedergegeben haben.
Ein inniges Mitleid ergriff die Tochter bei dem Anblick dieser furchtbar traurigen Einsamkeit, die ihr Ivie ein herzergreifendes Bekenntnis aus der Seele ihres Vaters schien.
Auch auf einem »Seebild mit einer in Grau verschwim- inenden Insel im Hintergründe lag der schwermütige Zug, als habe er in Farben, in Linien schildern wollen, was er.


