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Montelli hat die Scheidung, welche natürlich zu feinen: Ungunsten entschieden wurde, ganz kühl ausgenommen, da Munster ihm ein Kapital zur Verfügung zu stellen versprach, mit dem er sich außerhalb Europas eine neue Existenz gründen konnte. Bedingung dafür war nur sein Ehren- tvort, daß er damit wirklich Europa sofort nach beendetem Prozeß verlasse.
Er gab fein Ehrenwort. Er ging mit Munster und Hem Rechtsanwalt zu Cook und löste sich ein Billett nach New Vor?. Er unterschrieb sogar einen Revers, worin er sein Versprechen bekräftigte und seine Fälschungen zugestand — siir den Fall, als er nicht wirklich abreisen würde mud man ihn daun einfach als Verbrecher den Gerichten ausliefern könne. ,
Er^ wußte auch, daß mau mit dieser Drohung keine Komödie auffuhren wolle, daß ihm tatsächlich kein anderer Weg mehr blieb als — die Abreise. v
Aber am selben Abend noch besuchte er mit dem für seine Zukunft bestimmten Geld eine Spielhölle —. Sei es aus Trotz, unverbesserlichem Leichtsinn oder in der Hosf- mtnng, seine Mittel zu verdoppeln, geschehen —, genug, er spielte abermals. Beim Morgengrauen hatte er den letzten Heller verspielt, selbst das Billett für die Ueberfahrt nach New York. . .
'Dann ließ er sich Sekt kommen und scherzte mit der Büfettdame. Während diese dann sich vorübergehend einem anderen Gast zuwandte, zog er einen Revolver und jagte sich eine Kugel mitten ins Herz.
Gestern hatte man ihn begraben. Michael, welcher für Weihnachten Urlaub genommen und die Seinen hatte überraschen wollen, befand sich schon einige Tage zuvor in Wien, um im Verein mit Niestas Anwalt einerseits Montelli zur Auswanderung zu bestimmen, andererseits zu beraten, welche Schritte getan werden könnten, um Meta die völlige Freiheit wiederzugeben.
Denn über den rphigen, gelassenen Mann war feit jenem Wiedersehen auf der Ringstraße int Sommer eine tödliche Ungeduld gekommen. Eine Ungeduld, die seinen Tagen alle Arbeitsfrertdigkeit, seinen Nächten den Schlaf raubte.
~ Wohl war die teure Frau warm und sicher bei den Seinen geborgen, aber sie war ihm fern, und wie er auch sein Hirn in immer neuen Plänen ermüdete — er sah keinen Ausweg für die Zukunft.
Sie war und blieb gebunden •— —
Da löste der Tod unerwartet die Kette.
„Und jetzt" — Münster blickte Meta tief in die Augen —„jetzt mein alles, soll für uns beide ein neues Leben beginnen
Sie schmiegte sich bebend an ihn.
„Ein neues, Michael? Sage lieber: das Leben! Denn für mich fängt das Leben erst mit dem heutigen^ Tage an. .Alles vergangene war ein böser Traum."
Abentener de§ Brigadier Gerard.
Von C. Doyle.
W ie s i ch der B r i g a di er bei W ater lo o aus zei chnete. (Fortsetzung.)
Aber ein Anblick bot sich mir, der mich festhielt und an die Stelle bannte, als ob ich in eine Reiter-Statue verwandelt worden wäre. Ich konMe kein Glied rühren, ich konnte kaum Ateift schöpfen. Mein Weg führte über eine Schanze, und als ich oben ankam, schaute ich hinunter in das langgestreckte Tal von Waterloo. Als ich weggeritten war, hatte an jeder Seite eine große Armee gestanden, mit einem offenen Gelände dazwischen. Jetzt sah ich nur noch zu beiden Seiten je einen langen Streifen gebrochener und erschöpfter Regimenter, aber dazwischen eine Armee von Toten und Verwundeten. Zwei Meilen in -der Länge und eine halbe Meile in der Breite bedeckten sie, neben- und über- einanderliegend, das Schlachtfeld. Das war jedoch kein neuer Anblick für mich, und das hielt mich nicht festgebannt; nein, es war etwas ganz anderes! Auf die lang ausgedehnte Stellung der Engländer wogte ein dunkler Wald zu — schwarz und ungestüm . wie die ungebrochenen Wellen des Meeres. Kanute ich Nicht die Bäreumutzeu der Garde? Ilnd wußte ich picht gleichfalls, sagte mir's nicht mein militärischer Instinkt, daß es die letzte fReferbe Frankreichs war; daß der Kaiser wie ein verzweifelter Spieler alles auf die letzte Karte setzte? Sie rückten Näher und immer näher — großartig, mächtig, unbeztvinglich, mit Gewehrsalven überschüttet, mit Granaten überworfen, gleich einer schweren schwarzen Springflut überschwemmten sie die englischen
Batterien. Mit meinem Fernglas konnte ich sehen, wie sich die englischen Kanoniere unter ihre Geschütze warfen oder davon liefen. Unaufhaltsam stürmten sie vorwärts, bis auf einmal ein furchtbares Getöse au mein Ohr drang; es war der Anprall gegen die englische Infanterie. Eine Minute verging, eine weitere, noch eine. Mir blieb der Atem in der Kehle stecken. Sie wogten hin und her; sie rückten nicht weiter vor; sie wurden auf- gehalten. Heiliger Himmel! war's möglich, daß sie wankten? Ein schwarzer Hause lief die Anhöhe hinunter, dann zwei, bann vier, dann zehn, dann eine große, aufgelöste Masse. Sie wehrten sich noch, hielten wieder Stand, wichen wieder zurück, hielten nochmals Stand, bis sie endlich auseinanderstoben und tn wilder Flucht beit Hügel hinunter rasten. „Die Garbe flieht! Die Garde flieht!" drang es von allen Seiten an mein Ohr. Auf der ganzen Linie wandte sich die Infanterie zur Flucht, und die Artillerie ließ ihre Geschütze im Stich.
„Die alte Garde ist geschlagen! Die Garde retiriert!" schrie ein schreckensbleicher Offizier, J>er an mir vorbeikam. „Retten Sie sich! Retten Sie sich! Sie sind verloren!" rief mir em anderer zu. „Retten Sie sich! Retten Sie sich!" Die Mannschaften liefen davon, wie eine ausbrechende Schafherde. Rufen und Schreien erfüllte die Luft. In diesem Moment erblickte mein Auge ein Bild, das mir unvergeßlich ist. Auf der Anhöhe hielt noch ein einzelner Reiter, einsam und verlassen; die letzten roten Strahlen der untergehenden Sonne fielen auf sein Gesicht. So finster, so regungslos erschien er in diesem blutroten Lichte, daß man ihn wahrhaftig für den Kriegsgott hätte halten können, der über das Tal des Schreckens hinwegschaute. Während ich noch hinüberstarrte, hob er hoch den Hut tn die Luft, und auf dieses Zeichen flutete, mit einem tiefen Gebrüll wie eine brechende Woge, die ganze englische Armee über ihren Hügel und stürzte hinunter ins Tal. Endlose Reihen Infanterie, ein ganzes Meer von Kavallerie und reitender Artillerie rasten hinunter tn unsere geschlagenen, aufgelösten Scharen. Es war vorbei! Ein letztes Schmerzeitsgeschrei, das Schreien tapferer Männer, die feine Hoffnung mehr sehen, erhob sich von einer Flanke zur anderen; und int Nu war diese ganze berühmte Armee an wildem Schrecken hinweggefegt. Noch jetzt, mes chers amis, kann ich. Wie Sie sehen, nicht von diesem furchtbaren Moment sprechen, ohne daß mir die Tränen in die Augen treten, und meine Stimme zittert.
Zuerst wurde ich von diesem wilden. Strudel mit fortgerissen wie ein Strohhalm von einem reißenden Wasser. Aber plötzlich, was sah ich da unter den durcheinandergewirrten Regimentern vor mir? — einen Haufen Reiter in silbergrauer Uniform und mitten drin eine zerfetzte, zerschossene Standarte! Die ganze Macht Englands und Preußens hatte die Kraft der Conflans- scheu Husaren nicht brechen können. Aber als ich zu ihnen stieß und sie betrachtete, blutete mir das Herz. Der Major, sieben Rittmeister und fünfhundert Mann waren auf dem Schlachtfeld geblieben. Der junge Rittmeister Sabbatier hatte, die Führung übernommen, und als ich ihn fragte, wo die fünf fehlenden Schwadronen wären, deutete qr nach hinten und antwortete: „Die werden Sie um eins jener britischen Karrees 'rum finden." Mannschaften und Pferde konnten kaum noch japfen, sie waren mit Schweiß und Schmutz bedeckt, und die Zungen hingen ihnen zum Hals heraus; aber es erfüllte mein Herz mit Stolz, als ich sah, wie dieser zersprengte Ueberrest iwch im Sattel saß und Ordnung hielt vom jüngsten Trompeter bis zum ältesten Wachtmeister. O, wenn ich die 'Hätte mitnehmen können als Eskorte für den Kaiser! Von den Conslansschen Husaren umgeben, würde.er wahrhaftig sicher fein! Aber die Pferde waren zu sehr ermattet, um traben zu können. Ich ritt »also voraus und hinterließ den Befehl, sich aus dem Hof St. Aunay zu sammeln, wo wir vor zwei Nächten kampiert hatten. Ich sechst, lenkte mein Pferd durch das Gewimmel hindurch, um den Kaiser zu suchen.
Ms ich mich durch diese erschreckten Scharen durchdrängte, bekam ich noch Szenen zu sehen, dsie mir stets in der Ertnuernng bleiben werden. In bösenTräumen tauchen sie noch vor mir auf, diese bleichen, starren, schreienden Gesichter, auf die ich damals niederblickeu mußte. Im Sieg lernt man die Schrecken des Krieges nicht kennen. Erst in der eisigen Kälte der Niederlage werden sie einem klar. Ich entsinne mich, wie ein alter Grenadier mit durchschossenem Bein an der Seite des Weges lag und schrie: „Kam'radeit, Kam'raden, gebt auf mein Bein acht!" Aber alle stürmten und stürzten über ihn weg. Vor mir ritt ein Ulanen- Ofsizier ohne Rock. Ihm war in der Ambulanz eben der Arm abgenommen worden. Der Verband war abgesallen. Es war fürchterlich! Zwei Kauonicre fuchtelt ihr Geschütz durchzufahren. Ein Chasseur legte sein Gewehr an und schoß den einen durch den Kopf. Ick; 'war Zeuge, wie ein Kürassier-Major seine zwei Pistolen aus dem Halfter nahm und zuerst sein Pferd und bann sich selbst erschoß. Etwas abseits von der Chaussee wütete und raste ehr Mann in blauer Uniform, er gebärdete sich wie ein, Wahnsinniger. Tas Gesicht war vom Pulverdampf geschwärzt, die Montur war zerrissen, ein Achselstück fehlte, das andere baumelte rhm über die Brust. Erst als ick, ganz ttahe an ihn 'rau tarn', erkannte ich, daß es der Marschall Ney war. Er fluchte und wetterte über die fliehenden Truppen, feine Stimme klang kaum noch mensch-


