Ausgabe 
24.2.1913
 
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Ich habe dir alles ausgeschrieben, liebe Meta, was , ich zur Montierung von Mutters Fußteppich noch brauche," sagte Hedwig jetzt leise,wird es dir nicht jit viel Mühe machen, noch meine Einkäufe mit zu besorgen?"

Wer Hedwig! Ich habe doch den ganzen Tag Zeit dazu und außerdem den Wagen mit, in dem ich gleich alles unterbringen lasse. Ueberdtes sind die Entfernungen, in dein kleinen Bruck so minimal! Sagtest du nicht auch etwas von dem Rahmentischler?"

Ja. Matzold in der Bahnhofstraße. Wenn du so gut fein wolltest, ihn zu erinnern lvegeu des Rahmens. Er ist so vergeßlich, der gute Matzold, imb es wäre schrecklich, wenn ich Michael das Bild zu Weihnachten unein-gerahmt schenken müßte!"

Meta stichelte eifrig an ihrer Arbeit weiter. Dabei sagte sie:

Hm weißt du denn,' dein. Bruder überhaupt zu Weihnachten kommt? Er hat doch schon so . . . so ewig lang nicht geschrieben! Und kein Wort vom. Fest! Vielleicht bekommt er gar keinen Urlaub?"

Ein verschmitztes Lächeln glitt über Hebwigs Gesicht.

.Ja, möglich wäre dies immerhin. Wie mir Oberst Türmer neulich erzählte, stehen allerlei Transferierungen bevor, und wenn Michaels Regiment zum Beispiel nach Bosnien oder Bukowina käme, dann sähe es mit dem Urlaüb- qllerdings windig aus. Besonders da. er int Sommer wegen deines Scheidungsprozesses bereits vier Wochen nahm"

Meta legte ihre Arbeit hastig beiseite nnb blickte un­ruhig auf. i

Findest du es nicht sonderbar, Hedi, daß er darüber nicht wenigstens schrieb? Der Prozeß nrrtß doch . . muß doch endlich zu Ende sein?!"

Gott, liebes Kind solche Dinge ziehen, sich oft schreck­lich in die Länge!"

Aber wodurch? Welche Hindernisse können." Meta verschränkte bebend die Hände ineinander und blickte Hedwig aus großen Augen gequält an.Hedi, mir ist manchmal so bang was meinst du Montelli. muß doch em» gewilligt haben?"

Natürlich es bleibt ihm ja gar nichts anderes übrig dem Schuft!"

Und wenn er . . . wenn er mich trotz allem nicht frei geben wollte? Ach! Hedi, du kennst ihn nicht ... er ist eifersüchtig und gewalttätig."

Bah die Möglichkeit, ihn jeden Moment ins Zucht­haus bringen zu können, wird seine Gewalttätigkeit wohl ausg-elöscht haben. Und Eifersucht? Liebste: Eifersucht setzt Liede voraus! Nach dein Zynismus, mit welchem er seiner­zeit sofort erklärt hat, dich nur aus Spekulation geheiratet zu haben, wirst du wohl nicht mehr an Liebe glauben bei ihm?"

Meta schwieg. Nein : daran glaubte sie bei Montelli nicht mehr. Längst nicht mehr. Auch wenn! er nicht im An­fang. des Scheidungsprozesses vor dem Richter erllürt hätte, er würde sich der Witwe Petermann nie genäbert haben, wenn -er gewußt hätte-, wie schmählich und ärmlich ihre pekuniäre 'Lage sei. Und darin läge die Ursache aller späteren Zwistigkeiten . . .

Niki hatte sie um ihrer Schönheit willen, Montelli um ihres vermeintlichen Reichtums willen geheiratet. Nach ihrer Seele hatten beide nicht gefragt.

All dies war ihr ja schon klar geworden in jenem schrecklichen Moment, als sie Fürst Reinspergs Ziinmer be­trat und von Montellis erster Fälschung Kenntnis erhielt.

Warum ihr Münster keine weiteren Nachrichten über den Verlauf des Prozesses hatte zukommen lassen? Wollte er sie nur schonen oder war etwas Unerwartetes bazwischen gekommen, das die Sache verzögerte?

Meta empfand stets eine dumpfe Beklommenheit, so oft sie an ihre Lage dachte. War sie frei-oder nicht? Würde sie es denn überhaupt ganz werden können so frei, daß fie an einen neuen Bund ach, für sie die erste wirk­liche Ebe, -die einzige, welche diesen Namen verdiente würde denken dürfen?

Sie war mit Montelli katholisch, getraut. Sie wußte, baß dieser Bund von der Kirche als unauflöslich erklärt hsirbe.

Nur im Falle- einer Ungültigkeitserklärung wäre es «Bestich, Michaels Gattin zu werden. Wer was vielleicht

Mnfluß eines Fürsten. Reinsperg gelungen wäre Mhfre eS Mich Münster gelingen?

Sie hatte damals, als er sie hierher brachte und sie während der Fahrt über den Scheidungsprozeß sprachen, in seinen treuen blauen. Augen neben inniger Liebe auch Schatten einer geheimen Unruhe und Trauer gesehen. Sie hatte gefühlt, wie er das WortLiebe" gewaltsam unter­drückte, wie -er scheu verstummte, wenn von der Zukunft die Rede war, wie etwas Sorgenvolles ihn wider Willen! beherrschte.

Nnd er hatte seitdem nicht an sie geschrieben. Er war nicht gekommen. Die spärlichen Mitteilungen, welche über- haupt zu ihr gelangten, kamen von ihrem Rechtsanwalt.

Manchmal preßte es ihr in jäher Angst das Herz zu­sammen: Wenn alles umsonst wäre! Wenn sie nie ganz frei würde!?

Zweimal hatte das Schicksal sie in den Troß der Be­rufenen geschoben würde kein Gott Erbarmen, haben und sie endlich zur Auserwählten machen?

Ein tiefer, zitternder Seufzer hob ihre Brust.

Draußen fuhr klingelnd ein Schlitten durch die Nacht. Er fuhr vorüber, dem Dorfe zu. sein Geklingel erstarb allmählich in der Stille- der Winternacht.

Meta wußte er kam von der Station, in welcher eben der letzte Zug angelangt sein mußte. Wochenlang hatte sie um diese Zeit mit angehaltenem Atem gelauscht, ob kein Gefährt draußen anhielt vor dem kleinen Häuschen kein bekannter Schritt im Flur erklang. Heute lauschte sie nicht mehr. Wozu? Worauf? Hatte sie nicht immer Pech gehabt irrt Leben mit ihren erwartungsvollen Hoffnungen?

Auch jetzt würde es nichts damit sein. Von Montellis Gemeinschaft würde sie befreit werben; von der Kette, durch welche sie diese schmachvolle Ehe auch weiterhin schied von Glück und Freiheit, Wohl nicht.

In drei Tagen war Weihnachten. Wie trostlos ivürde sie unter dem Baum stehen, trotz all des Friedens und- all der Liebe, welche sie äußerlich hier umgab

Plötzlich schreckte sie zusammen. Draußen int Flur stampfte jemand den Schnee von den Füßen Hedwig erhob sich rasch, die Majorin beugte lächelnd den Kopf vor- jemand räusperte sich draußen jemand klopfte

Nein nein es konnte nicht sein Meta schloß unwillkürlich die Augen '----

Als sie sie wieder öffnete, verwundert über eine plötz­lich eingetretene Stille blickte sie in Michael von Münsters. Antlitz!

u.t stand zwei Schritte von ihr entfernt und sah sie an ach Gott wie!!! Anders als je zuvor, anders selbst als damals int Steinachtal jo freudestrahlend, selbstver­gessen und jubelnd vor heimlicher Seligkeit!

Die auderen waren verschwunden. Er und sie allein--!

Ihr Atem ging fliegend, sie brachte kein Wort heraus, konnte kein Glied rühren

D-a breitete -er die Arme aus und zog fie stumm au seine breite Brust.

Wie lange sie so startden, selig und schweigend, sie wie ein armes, gehetztes Vögelchen, das endlich heimgo- funden hat, er wie ein Löwe stolz und aufrecht, sie fest an sich drückend, als wollte er sie nie mehr ans seinen schützenden Armen lassen wußten sie später beide nicht.

Meta kam -erst zu.sich, als Münster sie neben sich niederzog in den Großvaterstuhl und, ihren Kopf an seine Brust drückend, leise sagte:Du bist frei endlich, Meta! Darf ich nun sagen: Meine Meta?" -

Verwirrt und beklommen sah sie zu ihm auf.

O du! Was waren denn all die letzten Jahre anderes in mir als -ein heimliches Sehnen-nach dir?, Weißt dn's denn nicht?" Wie ein Schrei brach es über ihre Lippen.

Er küßte sie zärtlich.Doch, mein Liebling! Ging es mir denn anders?"

In ihren Augen flimmerten immer noch Zweifel und heimliche Angst.

Aber bin ich beim auch frei? Ganz frei?" flüsterte sie.Wo ist Montelli?"

Tot," antwortete er, plötzlich ernst ruetbcnb.

Sie fuhr -erschrocken auf. Michael strich beruhigend über ihr Haar. Er las ihr den entsetzlichen Gedanken, von der Stirn ab und schüttelte den Kopf.

Nicht deinetwegen, Meta, du kannst ganz ruhia sein! Er starb, wie er gelebt hat: als ein ehrloser Schurke und nur weil er keinen Ausweg sah."

Nach und nach -erfuhr Meta alles...