Ausgabe 
23.10.1913
 
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Peter schlug allem den Heimweg ein. Ein leises Lächeln spielte um seine Mundwinkel, denn er hielt den Schmerz des BruderK für dieselbe Selbsttäuschung, als welche ihm auch die Liebe erschien. Was war denn die Liebe anders, als ein Tumult des heißen Blutes? Ein jeder suchte sich auf der Liebesjagd! dasjenige Wild, h!as seine Begierde am heftigsten erregte; auf der Jagd, wie int Kriege gilt jede List; und wenn er eine Kriegslist auch' gegen den eigenen; Bruder anwandte, nun, deshalb brauchte er sich noch reines Verrates am Bruder zu beschuldigen, denn Adolf war tat­sächlich ein guter Kerl, dem er so manche Freundlichkeit zu verdanken hatte und den er absichtlich und ohne Grund ge­wiß auch nie gekränkt hätte. Der Pfeil, den er abgeschossen hatte, war wohl ein wenig vergiftet, das mußte er sich zu- äestehen; aber das Gift sollte nur leichte Verstimmung der Säfte bewirken; dauernden Schaden und Nachteil sollte es denr Bruder gewiß nicht bereiten. So tröstete er sich, und! als er seine Wohnung erreicht hatte, legte er sich mit dem angenehmen Bewußtsein zur Ruhe, daß er den ersten. Und schwersten Schritt zur Gewinnung Sabinens hinter sich hatte.

(Fortsetzung folgt.)

Die Suchtmittel bei der Erziehung.

Ein kleines, aber lesenswertes' Schristchen über Kindererziehung ist soeben im Turm-Verlag erschienen. Pfarrer A. Köpfer- m a n n von Kaub a. Ry, entwickelt darin auf 48 Seiten die Grund­züge einer gesunden, vernunftgemäßen Kindererziehung in klaren, herzlichen Worten. Von der Tatsache ausgehend, daß nicht jeder, der Kinder hat, auch Kinder erziehen kann, gibt er Richtlinien, nach denen man sich wirklich richten kann, und praktische Fingerzeige, die jedem, der sich die Mühe geben will, sein Kind recht zu er­ziehen, den rechten Weg dazu zeigen. Wir geben heute aus dem Werkchcn unseren Lesern eine Probe und hoffen, daß viele zum Nutzen ihrer Kinder dadurch angeregt werden, sich das Büchlein, das für 30 Pfg. zu beziehen ist, ganz anzusehen.

Wenn von Zucht die Rede ist, denken die meisten Leute an den Stock. Wenn die kleinen MädchenMütterchen" spielen, dann ist her Stock die Hauptsache. Und wenn die BubenSchule" spielen, ist das Zeichen der Lehrerwürde die Rute, die.fast un­unterbrochen in Tätigkeit gesetzt wird.

' Wer kein anderes Erziehungsmittel kennt, als den Stock, der Wird keine Kinder ziehen können. Der Stock wird allerdings beinahe nie ganz fehlen dürfen, aber er ist nicht tägliches Brot. Wenn ein Kind gar keine guten Wbrte bekommt, sondern nur Schelte und Prügel, so wird es hartschlägig und bösartig. Wie ein Pferd sich schließlich aus den Prügeln nichts mehr macht!, wie ein Hund endlich bei andauernder Mißhandlung heimtückisch wird, so ist das beim Menschen auch. Regen und Sonnenschein will das Bäumchen haben, dann wird es wachsen; aber wenn es krumnl werden will, so steckt man einen Stock dazu. Auf jeden Fall ist der Stock das allerletzte Strafmittel, wenn die anderen erschöpft sind.

Ein verweisender Blick, ejn leises Kopfschüt­teln sollte in vielen Fällen genügen, dem Kind zu sagen, was es soll oder nicht soll. Wir verlangen von unserem Pudel oder Jagdhund, daß er unseren Blick versteht, daß er sich nach unfern Mienen richtet, sollte man unsere Kinder nicht so hoch einschätzen, daß sie mehr können als unsere vierbeinigen Hausgenossen?!

Wenn der Blick nicht ausreicht, mag das Wort ihm folgen. Aber beileibe nicht wie ein Wasserfall, wie ein nimmer verftegen- !er Quell! Ich denke mit Schaudern an die oder jene Familie, w es von morgens bis abends geht:Laß das",Hörst du enn nicht bald- auf",Das sollst du doch nicht!" Glauben wir enn, daß Kinder wirklich noch ein Ohr haben für dieses Ge­plätscher? Ich höre noch heute mit heimatlichem Vergnügen, wie die Dame des Hauses aus eifrigem Gespräch heraus zur Gouvernante sagte:Ach, Fräulein, gehn Sie doch einmal hinunter in den Garten und sagen Sie den Kindern, sie sollen doch nicht." Das' Wort" braucht natürlich nicht immer tadelnd zu sein. Es gibt sehr viele Kleine, die dem Lob ungemein zugänglich sind. Ein anerkennendes Wort wirkt bei ihnen besser und nachhaltiger, als Tadel oder Züchtigung. Und warum soll man es einem Kind, das etwas zu unserer Zufriedenheit getan hat, nicht eingestehen, ihm nicht die Freude machen, daß, wir ihm unsere Anerkennung aus­sprechen. Wir wissen es ja von uns Großen, wie förderlich stir Unsere Arbeit es ist, für unsere Freudigkeit und unseren Eifer, wenn wir merken und es auch einmal hören dürfen, daß man mit Uns zufrieden ist. Und wie lähinend ist es anderseits, wenn wir jahraus, Bahrein tun, was wir können, undes ist kein Dank!" Beim Kinde ist es geradeso. Nur muß man eben Maß halten; es gibt auch Kinder, die durch Lob träge und nachlässig werden. Hilst das Wort nicht, nicht das gute Mort, Zureden und freund­liche Mahnung, nicht das böse Wort, Schelte und nachdrück­liche Drohung, dann muß härtere SjUfe eintreten. Das braucht Immer noch nicht der Stock zu sein. Man Tann, das Kind einmal

in die Ecke stellen, ihm die Nachspeise entziehen oder dergleichen. Ich kann mich nicht damit befreunden, ein Kind zur Strafe hungern" zu lassen, d. h. ihm eine Mahlzeit zu entziehen. Ich befurchte davon gar keinen Schaden für die Gesundheit, aber es erscheint mir grausam, ein Kind an seinen natürlichsten und not­wendigsten Lebensäußerungen zu hindern, außer in Ausnahme- stillen. Einmal kam ich aus der Schule nach Hause und sah gleich beim Gutentagsagen, daß es beim Vatergut Wetter" war. Bei Tisch gab es weiße Rüben, die ich nicht gern, was nicht statt­haft war. Aber der Vater, der sonst schnell einzugreisen pflegte, wenn etwas gegen die Ordnung ging, sah nur mit einem lächelnden Blick auf meinen.Teller, dann auf die Schüssel und schwieg. Als ich nachmittags mit dem bekannten Bärenhunger heimkam, stand für mich ein Teller weiße Rüben bereit mit einem Stück trocken Brot darauf. Das ich, die Rüben ließ ich stehest., Abends ging's nicht anders. Am anderen Morgen gab's zwar Kaffee und eine Semmel, aber kein Frühstucksbrot. Zum Mittag ich die Rüben wie Zucker und habe nie mehr versucht, meinen Geschmack in ähnlicher Art durchzusetzen. Dabei war kein böses Wort gefallen, und vielleicht war das das Beste an der Geschichte.

Immerhin mag es auch Kinder geben, die einen natürlichen Abscheu vor manchen Speisen Haben. Hier Zwang anzuwenden, wäre unrecht. Aber das:Ich kann es nicht essen" ist meistens nur so viel, als:Ich mag es nicht".

Eine Bekannte erzählt ost, daß ihr Vater sie und ihre Ge­schwister mit Zwirnsfäden an ein Stuhlbein gebunden habe, wenn sie Strafe verdient hätten, keinem von ihnen wäre es eingefallen, sich loszureißen, was ja ohne jede Mühe hätte geschehen können. Das ist ein gutes Zuchtmittel; aber nur da, wo die Kinder sArn gut gezogen sind, vielleicht auch einmal eine Probe, ob sie's sind.

Wenn alle anderen Mittel erschöpft sind, kommt die körper­liche Züchtigung an die Reihe, Hand oder Rute; nicht das erste Beste" soll zur Züchtigung gebraucht werden, Ausklopfer, Schürhaken oder Besenstiel, denn das ist sicher nicht das Beste. Es, war eine ganz feine Sitte unserer Vorfahren, dem Kind zu Weihnachten vomNikolaus" eine Rute bescheren zu lassen; eilt handliches Rohrstöckchen ist auch gut, schwank genug, um tüchtig zu pfeifen, und dünn genug, um nicht zu verletzen.

Das Kind darf es sehen, daß es dem Vater leid ist, toenn er strafen muß. ®r darf's ihm auch sagen. Und das kleine Kind schon wird es verstehen, wenn man ihm die Notwendigkeit der Züchtigung dadurch klarmacht, daß es doch brav und ordentlich werden soll.

Mein kleiner Junge trug noch Röckchen, als er zum erstenmal tüchtige Hiebe bekam. Obgleich er erst drei Jahre alt war, versuchte ich ihm klarzumachen, daß ich ihn strafte, weil ich ihn so lieb Hätte. Und er glaubte es mir. Als er hernach der Großmutter ansichtig wurde, drehte er ihr feine Kehrseite zu, wies ihr die roten Streifen vor und sagte in seiner treuherzigen Art:Siehst du, Großmama, so lieb Hat mich der Papa." . '

Beileibe darf das Strafen nicht gedankenlos geschehen, gewohnheitsmäßig, möchte ich sagen. Das geschieht mit dem Stock seltener, dagegen ungemein häufig mit der Hand. Ich meine das sogenanntepatschen". Besonders die lieben Frauen sind es, die so gernpatschen". Ich kenne Frauen genug, die fast nie ein Gebot ober Verbot geben, ohne mit der geraden oder umgekehrt«! Hand dem Kinde, dem's gilt, eins auszuwischen. Nicht gerade hart, nicht besonders schmerzerregend, nicht aus einer besonderen Absicht, vielmehr rein mechanisch, geradezu geschäftsmäßig; Laß das" patsch,Hör' auf" patsch,Wo warst du denn?" patsch! Ja, warum denn Und wozu denn? So was macht gar keinen Eindruck, so wenig angenehm es dem Emp­fänger fein' mag. Es macht aber gleichgAstig, stumpft ab und trägt sicher nicht dazu bei, das Äiiseheu der Mutter oder die Anhänglich­keit des Kindes zu erhöhen. Blumen, die man zu oft gießt, versauern, seltener, aber dann durchdringend, das ist's!

Um Gottes willen auch nichtsummarisch". Ein Freund erzählt gelegentlich immer wieder einmal, wie seine Mutter ihn ober seine Geschwister im Bedarfsfälle in das abseits liegende stille Studierzimmer des Vaters geschoben Habe, wortlos, ohne Er­läuterung. Der in seinen Arbeiten gestörte Vater sprang aus, holte irgendein Pfeifenrohr, fegte den Störenfried übers Knie, prügelte ihn durch und schob ihn wieder zur Tür hinaus. Keine Frage nach dem Warum und Wieso? Keine Unterscheidung schwerer und leichterer Sünden, sondern ein für allemal, werin Vaters Stube kam",, wußte, was ihm bevorstand und erhielt sein Traktament. Wenn auch diese Geschichte nach zwanzig Jahren mit einem gewissen Humor zum' Besten gegeben wurde: eine gewisse Bitterkeit lag doch in der Erzählung über die Verurteilung und den Strafvollzug ohne Verhör und Beweisaufnahme.

Noch eine andere Art summarischen Verfahrens ist mjr aus meiner Jugend in Erinnerung. Da wohnten im Hinterhaus zwei Buben, die jedesmal Freitags den unwiderstehlichen Drang in sich fühlten, irgendeine Heldentat zu tun. Bald war es eine Fensterscheibe, bald eine Laterne, die sie zerschlugen; einmal prügelten sie ohne jede sichtliche Veranlassung des Hausherrn Einzigen, ein andermal öffneten sie den Wasserhahn in der Wasch­küche, so daß da unten eine richtige Ueberschwemmung entstand. Und alles offenbar nicht, weil es ihnen an sich Freude gemacht hätte, sie waren wirklich gute Jungen, sondern, wie sie