Donnerstag, Sen 25. Oktober
g gj
!"! i Aß
OH lÄJiiJ
_ Laurrndlut.
ytflman don Gerhart v. Amyntor (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
811 mutete sie das Unglaubliche verstanden, das er ihr
. „Du weißt nicht, was du redest, Peter, das kann doch.
fent Ernst sein! Komm', wir wollen an den Tisch zu- ruckkehreu. Hörst du? Der Gesang hat schon ivieder be=v gönnen."
Sie suchte sich zu fassen und schlug die Richtung nach! dem vorderen Terl des Gartens ein. Wenn ihm der günstige Mornent nicht ungenützt vorübergehen sollte, mußte er sie begleiten. Er wandelte neben ihr, aber seine Sinne waren Werbung'fort'" s^brischer Wallung; er setzte seine . ."Siehe, Sabine, wir könnten alle drei so glücklich werden! Mein Bruder liebt mich wie seinen .Augapfel, und an -meinem und deinem Glück würde er Freude haben wie an sEM eigenen. Ihr paßt ja nimmermehr zusammen; alle Welt sagt es, und selbst du mußt es doch schon gemerkt haben. O, wenn du dir auch die Ohren zuhültst, du wirs» mich 1(1)011 hören! Du wirst mir recht geben! Ich leuqns es ja mcht. Adolf ist ein guter, lieber Mensch, aber er ist ein Pedant, ein übergewissenhafter Kleinigkeitskrämer, der sich und andere quält und zu Tode langweilt. Du mußt einen Mann haben, dein das Blut ebenso heiß und leben-- dlg durch die Adern rollt wie dir selbst! Du bist ein kleiner Sprühtenfel und willst nicht erstickt werden durch die Kälte und Bedenklichkeit einer nüchternen, abwägenden Natur! Seh Mein, du Holde! Ich habe mich bei der Prüfungs-Köm^. Mission schon angemeldet; im nächsten Winter bist du Frau Maurermeisterin."
Ein letztesmal blieb sie stehen, und streng und gemessen kam es von ihren Lippen:
„Sage mir nichts gegen deinen Bruder! Damit gewinnst du mich nicht! Wenn ich dir nachgebe, du würdest mich vcr- achten; ich mag nicht, wie ein beschnittenes Goldstück, aus! -einer Hand in die andere gehen, bald genug würdest dir mich los zu werden suchen."
'-Nie! Nie in meinem Leben, ich schwöre es dir! Du hast dich ja nur in einer Verirrung deines noch unerfahrenen Herzens meinem Bruder versprochen. Mädchen, gib nach,, mache mich nicht toll! Ich kann dich nicht länger anschmach^ ken, Nicht ansehen, wie du einem anderen angehörst; du mußt mein fein, mein mit Leib und Seele!"
Mit Gewalt umfaßte Peter Sabine und, ihren Widerstand zerbrechend wie den eines Kindes, bedeckte er Wangen und Nacken mit glühenden Küssen, so stürmisch, so liebe--, e Adolf noch nie geküßt hatte. Jetzt machte sie
freilich nicht diesen Vergleich, jetzt zürnte sie vielmehr dem
Rücksichtslosen und Gewalttätigen, und suchte sich, wie ein fauchendes Kätzchen, durch allerlei krampfartige Windungen ihres schlanken Wuchses von ihm zu befreien; aber schon eine Stunde später, als sie wieder in Sicherheit neben beml Lampertschen Paare am Tische faß, sollte ihr dieser Ver-» gleich gegen ihren Willen in den Sinn kommen. Jetzt perlten ihr gar die Tränen des Zornes über die tief erglühendM Wangen, und atemlos keuchte sie: „Du laßt mich gehen, du Abscheulicher, oder ich schreie nach Hilfe!"
„Das wirst du nicht tun, Sabinchen," sagte Peter ruhi>< gen Tones; er hatte sich besonnen, hielt die Zürnende aber immer noch am Handgelenk fest; „du würdest nur dir allein Ichadeu. Komm', ich führe dich jetzt zurück; ich bin wieder ganz -artig; aber auch dü mußt lieb fein und mir verzeihen."
Sie schüttelte empört den Köpf.
„Das werde ich nie vergessen und nie verzeihen."
„Vergessen sollst du's auch nicht, aber verzeihen wirst dn's mir schon, wenn du erst ein tvenig darüber nachdenkst. Mache mich nicht verantwortlich für die berauschenden Wir^ rnngen deiner Reize! Wer dich nur ansieht und dabei nicht die Selbstbeherrschung verliert, der hat eben Fischblut in den Adern, wie mein guter Bruder Adolf."
„Höre nur, wie er flötet", sagte Peter spöttisch, indem er stehen blieb und die am Arme Festgehaltene ebenfalls zum Stillstände zwang, „er singt gar nicht übel, aber —. da! Hörst du die Nachtigall? Die macht ihre Sache doch noch tausendmal besser; sie singt von der echten, einzigen Liebe, die sich nach keinem Schema richtet und doch, der starren, toten Welt erst den Feuerodem des Lebens einhaucht — und diese Liebe ist die meine!"
Arme Sabine! Sie zürnte mit sich selbst, daß sie diesem leidenschaftlichen Mann, der sich nicht mit der Rolle ihres Schwagers begnügen und durchaus ihr Gatte werden wofÜe, nicht heftiger zürnen könnte. Wie hinreißend er sprach! Wie verführerisch sich seine Wörte rn ihr Herz schmeicheln wollten! Aber nein, ein zweites Mal durfte sie nicht wieder schwachwerden !
„Peter," sagte sie nicht unfreundlich, aber entschlossen, der Szene ein Ende zu machen, „ich will dir verzeihen, daß du mein Vertrauen so schnöde gemißbraucht hast. Du mußt mir aber geloben, nie, nie wieder so sündhafte Wünsche? gegen mich zu äußern. Ich bin Adolfs Braut, und die bleibe, ich, bis ich seine Frau werde. Dies ist mein letztes Wort."
"Diese scheinbare Festigkeit ehrt dich, Mädchen! Aber mein Bruder selbst wird sie erschüttern; ich stehe dir dafür!"
Sie waren in die Nähe der Tribüne gekommen. Er gab ihren Arm frei, und möglichst unbefangen kehrten sie beide an den gemeinschaftlichen Tisch zurück.
Es war schon Mitternacht, als sich das Lampertsche Paar und Herr Haßlach von den beiden Brüdern Dechner, unter deren Obhut Sabine blieb, -am Friedrichstraßen-Bahiihof trennten. Man hatte bis dahin die Stadtbahn benutzt, und. jeder suchte nun auf dem kürzesten Wege sein Heim zu erreichen. Als etwas ganz Selbstverständliches wurde es be-


