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der Waffenstillstand mit Napoleon abgeschlossen, nnd man verwandte die Zeit, nm Berlin durch Verschanzungen zu decken, die im Süden der Stadt angelegt wurden, außerdem beeiferte man sich, die Berliner Landwehr möglichst schlagfertig zu machen. Berlin wurde in verschiedene Verteidigungsabschnitte eingeteilt, und nur nach äußerstem Widerstande sollte die Stadt, die dabei in Trümmer gegangen wäre, geräumt werden.
Mm 13. August waren die Friedensverhandlungen mit Napoleon als refultatlos abgebrochen worden, am 17. August lief der Waffenstillstand ab. Marschall Oudinot hatte 70 000 Mann, meist Deutsche, Rheinbundtruppen, mit denen er Berlin einnehmcn sollte, und Napoleon schrieb ihm: „Sollte Berlin Widerstand leisten, so können Ihre Zwölfpfünder Bresche schießen und 50 Haubitzen die Stadt in Brand stecken. Auf diese Weise haben wir Wien, Madrid und andere Hauptstädte zur Uebergabe gezwungen." Der Schutz Berlins war der Nordarmee unter dem schwedischen Kronprinzen Bernadotte anvertraut. Die Armee bestand aus Preußen Unter Bülow (darunter viel Landwehr, die noch nie int Feuer gewesen war), aus dem preußischen Korps unter Tanenzien, den Schweden und Russen unter Äinzingerode. Die Armee hatte außerordentlich viel Abkommandierungen und Detachierungen, so daß kaum 70 000 Mann vorhanden blieben, die aber auf eine sehr ausgedehnte Stellung verteilt waren. Die Schweden standen bei Charlottenburg, die Russen bei Spandau, Bülow stand im Süden Berlins und hatte seine Abteilungen gegen Potsdam, Trebbin, Mittenwalde und Wusterhausen vorgeschoben, Tauenzien deckte mit zerstreuten Abteilungen die Gegend zwischen Spree und Oder.
Sofort nach Mans des Waffenstillstandes stieß Oudinot gegen Berlin vor. Er hatte die Generäle Bertrand und Rehnier bei sich, und das Korps des letzteren befand sich an der Spitze. Am 22. August nahmen die Franzosen Trebbin, erzwangen den Ucber- gang über die Nuthe und standen am Abend auf der Linie Thyrow, Wittstock, Jühnsdorf, noch fünf Marschstunden von Berlin entfernt. Irgendwelche schwierigen Terraiuverhältnisse hatten sie nicht mehr zu überwinden. Am Nachmittag des ,22. August fand im Hauptquartier des Kronprinzen Bernadotte in Philippsthal bet Saarmund ein Kriegsrat der Führer der Nordarmee statt. Bernadotte spielte falsches Spiel gegen die Verbündeten. Sein Ehrgeiz war es, Nachfolger Napoleons als Kaiser der Franzosen zu werden, und deshalb wollte er die Franzosen nach Möglichkeit schonen. Im Kriegsrate kam er mit der überraschenden Mitteilung heraus, daß er Berlin nicht verteidigen, sondern sich nach Norden zurückziehen wolle. Die preußischen Truppen beständen zum Teil aus Landtvehr, von deren Kriegstüchtigkert man gar nichts wüßte, die pommersche Landwehr, die man her- angezogen, sei durch schwere, in furchtbarem Regen zurückgelegte Märsche erschöpft und nicht kampfunfähig, und vielleicht komme Napoleon mit seiner ganzen Armee hinter Oudinot anmarschiert, und solcher Uebermacht müsse man ausweichen. Vergebens protestierte General Bülow dagegen, daß Berlin ohne Schwertstreich den Franzosen überlassen werde. Auch die russischen Generals meinten, Preußen müsse eben Opfer bringen und selbst die Hauptstadt preisgeben. Sie hätten auch ihre Hauptstadt Moskau tm Vorjahre preisgegeben und selbst angesteckt, die Preußen könnten auch ein gleiches Opfer bringen. In der Tat schien Berlin von deut Schicksale Moskaus bedroht, denn Bernadotte hatte geplant, beim Herannahen der Franzosen die großen Holzvorrate der Königlichen Porzellanmanufaktur, die in der Leipziger Straße lag, in Brand stecken zu lassen. Es wäre dann ein, ungeheures Feuer entstanden, das verhängnisvoll für bte preußische Hauptstadt hätte werden müssen, wenn gleichzeitig der Femd emdrang. Bernadotte sprach es auch im Kriegsrate aus, daß Berlin eme Stadt wie jede andere sei, die man eventuell dem Femde überlassen könne. Dem Drängen der preußischen Heerführer folgend, erklärte Bernadotte schließlich, wenn Napoleons Heer noch nickst im Anmarsche sei und nur Oudinot allein käme, könnte man vielleicht den Kampf mit ihm wagen; für alle Fälle sei aber für den Rückzug nach Norden eine Brücke über die Spree Bet Moabit geschlagen worden. Die preußischen Generäle wußten es ganz genau, daß, Bernadotte sein Wort nicht halten würde und Berlin ohne Kampf aufgeben wollte, und General Bülow sagte beim Fortreiten vom Kriegsrat, seinen Offizieren: „Mich bekommt er nicht über seine Brücke bei Moabit. Unsere Knochen sollen vor Berlin bleichen und nicht jenseits der Spree."
Am Morgen des 23. August rückten die Franzosen weiter vor. Sie nahtnen das Dorf Großbeeren und stecktett es in Brand. Ms Bülow die Meldung darüber an Bernadotte schickte, erhielt er von diesem den Auftrag, sich zurückzuziehen. Tat Bülow dies, so war Berlins furchtbares Schicksal besiegelt. Der schweren Verantwortung bewußt, die in diesem Augenblicke auf ihm lastete, entschloß sich General Bülow zu einer direkten Insubordination und zum Angriff auf Großbeeren, trotz des Gegenbefehls von Bernadotte. Er rief seine Offiziere zusammen und machte ihnen klar, daß die Zeit dränge und der günstige Augenblick, den Fran- wsen eine Niederlage beizubringen, verloren sei, ivenn Oudinot eine sämtlichen Truppen vereinigt habe, während man jetzt nur ft ei) n ter mit seinem Korps zu schlagen brauche. Die Landwehr ■ ei trotz aller .Erschöpfung und trotzdem sie noch nie int Feuer ge
wesen war, kampsesfreudig, und die Rettung Berlins sei wohl ein Wagnis wert.
Die Offiziere stimmten begeistert zu, und abends um 6 Uhr begann der Angriff auf Großbeeren. Ein furchtbares Geschützfeuer der Preußen unter Bülow leitete den Kampf ein. Dann stürmten die Landwehren mit dem Bajonett das Dorf. 'Es regnete in Strömen; die Gewehre, welche die Landwehr führte, waren sowieso nicht viel wert, bei dem Regenwetter aber waren sie zum Schießen ganz unbrauchbar. Großbeeren wurde von Sachsen verteidigt, welche mit großer Tapferkeit fochten. Mer gerade, daß sie gegen Deutsche kämpfen mußtet!, erbitterte die Preußen. Sie drehten die zum Schießen unbrauchbaren Geioehre um und hieben mit den Kolben auf die Feinde wütend los. „So flutscht et Bettet !" riefen die Pommern, und dieses geflügelte Wort hat seinen Ursprung aus jener Schlacht. Die Linientruppen unter Borstell kamen der Landwehr ztt Hilfe, und trotz verzweifelten Widerstandes wurden die Gegner aus Großbeeren herausgeworfen. Pardon wurde von den Preußen weder gegeben, noch gefordert, besonders die Gegner, die in deutscher Sprache um Gnade baten, wurden nicht geschont.
,Die Franzosen räumten Großbeeren und zogen sich in den dahinter gelegenen Wald zurück, in welchen ihnen aber die Preußen sofort folgten. Der linke Flügel der Franzosen, den Rehnier selbst kommandierte, stand aber noch ganz intakt. Auf ihn werfen sich die Preußen, unter dem tapferen Prinzen von Hessen-Homburg. Die schwedische Batterie Cardell ist auf den Kaiwnendonner hin ohne Befehl, ebenso einige russische Batterien nach dem Schlachtfelds gejagt. Sie fahren dicht vor den Franzosen auf und überschütten sie mit einem Hagel von Kartätschen. Dann setzt der preußische Sturmangriff mit solcher Energie ein, daß ihm die Franzosen nicht standhalten können. Vergebens versuchen sie, sich noch einge Male zu setzen und den Gegner abzuwehren; sie müssen zurück, und die panikartige Flucht nimmt immer mehr zu.
Roch ein bewährtes Mittel napoleonischer Taktik soll die Schlacht retten. Dieses Mittel bestand darin, den angreifenbeit, ermüdeten und etwas auseinandergekommenen Feind durch große Reitergeschwader angreifen zu lassen. Schon setzt die Dämmerung ein, als die französische Kavallerie unter Arrighi die große Attacke versucht. Aber sie verreitet sich in der Dämmerung, kommt in das Flankenfeuer der Infanterie und muß zurück. Und plötzlich braust die preußische Kavallerie heran, an ihrer Spitze die schwarzen Dotenkopf-Husaren, und wirft fidj auf den linken Flügel der weichenden Franzosen. Ihr letzter Widerstand wird niedergeschmettert, und in wilder Flucht räumen die Franzosen das Schlachtfeld, die frischen, anmarschierenden, eigenen Truppen nnt- reißend.
Ein glänzender Sieg ist von den Preußen erfochten, dir Landwehr hat sich gut bewährt und ihre Feuertaufe ehrenvoll bestanden. Berlin ist vorläufig wieder gerettet, denn die befind titie Rettung brachte erst bic Schlacht von Dennewitz. Groß war die Beute des Siegers: 14 Kanonen, 52 gefüllte Munitionskarren, 66 Fahrzeuge, zwei Feldschmieden, 20Ö0 Gewehre, 1500 Gefangene. Die Franzosen hatten gegen 4000 Mann verloren, die Preußen hatten nur 150 Tote und 900 Verwundete.
In Berlin hatte man bange Stunden verlebt. Den ganzen Tag hörte man Kanonendonner, der sich nicht entfernte, sondern sogar näher zu kommen schien. Man sah Truppenteile, die am Nachmittag, vor dem Angriff äuf Großbeeren, bis auf das Tempelhofer Feld vor den nachdräugenden Franzosen zurückge- wichen waren. Wagen mit Verwundeten tarnen ununterbrochen tn die Stadt, und die Nachrichten, die sie brachten, waren Nicht ermutigend. Als nach 5 Uhr nachmittags der Kanonendonner immer heftiger wurde, stiegen Angst und Schrecken auf das höchste. Endlich in später Abendstunde kam die Nachricht von dem Siege, und die Freude der Berliner war unbeschreiblich. Fremde Personen umarmten sich vor Rührung auf offener Straße. Dann aber regte sich auch sofort der Wohltätigkeltssinn der Berliner. Gegen 50 Wagen wurden mit Lebensmitteln und Erfrischungen beladen und den aus dem Schlachtfelde lagernden Truppen zugeführt, Ivo die Gaben natürlich sehr willkommen waren. Man erfuhr aber da draußen auch von den schweren Verlusten, welche die im Feuer gewesene Berliner Landwehr erlitten hatte.
Bülow rückte den fliehenden Franzosen am 24. August nach und besetzte Trebbin. Die anderen Truppen Oudinots zogen sich zurück, und Napoleon war so wütend über ihren Mißerfolg!/ daß er Oudinot abberief und seine „rechte Hand : den Marschall Ney, den „Tapfersten der Tapferen", mit dem werteren Vorgehen gegen Berlin betraute.
Bernadotte hatte nachträglich den Angriff Bülows auf Gro^ beeren genehmigt und war lleinlich genug, den Ruhm des ^ages für sich in Anspruch zu nehmen. Er verhinderte durch bte Zensur alle Berichte in den Berliner Zeitungen, durch,welche ber wahre Sachverhalt hätte bekannt werben können; und in ber Tat hielten auch die Berliner noch lange Bernadotte für shren wirklichen Retter unb verehrten ihn als den neuen „Gustav Wolf , bis doch allmählich bis Wahrheit zutage kam.


