Ausgabe 
23.8.1913
 
Einzelbild herunterladen

522

Zeit zu Zeit wiederkommen, um nach mir und dem Kinde zu sehen."

So ist es denn auch -gekommen. Meine Frau lebt Lei ihren reichen Mitteln ganz unabhängig meist auf Reisen in all jenen eleganten Saisonorten, wo sich die große Welt trifft, wo das Leben bunt und heiter rauscht; alle paar Jahr aber läßt sie sich einmal auf Wochen bei uns sehen; damit beschwichtigt sie die Stimme ihres Ge­wissens, wie sie es hat, glaubt sie ihren Pflichten gegen uns zu genügen: Wir aber, Rehe und ich, Hausen als die stillen Einsiedler, die Sie kennen gelernt haben; denn uns zwingt die harte Not, auf der engen Scholle zu sitzen ich muß im langwierigen, zähen Kampf Schritt für Schritt das verlorene Gut meiner Väter wieder zurückgewinnen, um! der Zukunft meines Kindes willen."

So!" Malmort schöpfte tief Atemnun wissen Sie alles, um unser Leben recht zu verstehen. Und nun sei noch das letzte gesagt, was Ihnen immer noch unbegreiflich er­scheinen mag: Warum ich dieses lose, an einem so schwachen, unnützen Faden hängende Band zwischen jener Frau und mir nicht längst völlig zerschnitten, warum ich meinem armen, vereinsamten Kinde nicht durch -eine zweite Ehe die Segnungen einer liebedurchstrahlten, warmen Häus­lichkeit mir selbst vielleicht die Hoffnung auf den er­sehnten Sohn gegeben Habe? Weit unsere Religions­gesetze es verbieten, Fräulein Gottliebe meine Frau wie ich sind beide Katholiken, unsere Eh« ist unlösbar!"

Schwer fielen die Worte, und der Blick Malmorts traf sie tief ernst und hossUungslos; es war, als hätten diese Worte noch eine andere, für sie bestimmte Bedeutung, bte das leise, schmerzvolle Zucken um seine Mundwinkel ihr verriet, wie sein Auge sie so trostlos anschaute, als nähme es von einem geheimen, schönen Wahn Abschied.

Gottliebe sah an ihm vorbei, hinaus in die uner- inessene Ferne.

Ja freilich, wenn es so ist"

Ihre Stimme klang müde und tonlos.

Dann schwiegen sie beide, «in lastendes Schweigen, in dem sich jeder seinen ggauen Gedanken überließ, in dem jeder ängstlich verbarg, was der andere doch nur zu gut ahnte.

Endlich brach Malmort die Stille.

Wir werden aufbrechen müssen die Sonne steht schon hoch."

Still erhob sich auch Gottliebe, und sie traten nun den Rückweg an. Diesmal aber nicht wieder über die Wand, sondern den Kamm entlang, oft auf schneidend scharfem Grat, für den geübten Gänger ein zwar weiterer, laber doch erheblich bequemerer Weg.

So kamen sie, diesmal jedoch am andern Ende, wieder auf jenem Firnhang an, wo sie ihr Gepäck abgelegt hatten. Eine weitere halbe Stund« brachte sie an die Stelle, und sie machten hier nun Rast. Auf Malmorts Drängen sprach auch Gottliebe dem mitgeführten Proviant zu, denn sie hatten den ganzen Tag bisher kaum etwas Nennenswertes zu sich genommen.

Es war ein anfangs schweigsames Mahl; aber all­mählich tat der mitgesührte Wein bei ihnen seine an­regende Wirkung. Malmort entriß sich seiner trüben Stim­mung, und es gelang ihm schließlich, auch bei Gottliebe wieder die Lust, am Wandern, die Freude an der Bergwelt wachzurufen.

Ihr Blick fiel ja von ihrer Rästftelle aus auch auf eines der herrlichsten Hochgebirgsbilder. Weit drüben, über dem Rand des in der Sonne gleißenden weißen Firndachs, leuchtenden die grünsatten Almhänge über Thalwhs zu ihnen her, und darüber die grandiose zerklüftete Kette des Hoch­gebirges, mit gewaltigen, steilen Abstürzen und wild zer­borstenen Hängelgletschern. Und doch über diesen waldge­türmten, b'lauschimmernden Eismassen ragte ein hornför- miger, spitziger Zacken aus, der Herrscher über diese wilden Heergesellen unter ihm.

Der Anblick iixtr für die zwei herzerhebend, lockend.

Eigentlich ist es doch ein Jammer, daß, wir schon wieder zurück müssen!"

Mit einem traurigen Blick nahm Gottlieb« Abschied von der erhabenen Bergwelt hier oben. Nun ging es wieder hinab in düstere Talenge, in das graue Gemäuer, wo sie der Alltag umpfing mit seinen bleiernschweren Banden.

Wir müssen ja nicht."

Erstaunt fragend sah sie auf ihren Begleiter. MeV dessen Blick traf sie mit jenem stillen Aufleuchten, das' fern ernstes Antlitz so verschönte.

Was hindert uns, weiter zu wandern? heut noch und morgen!"

Aber Ihre Frau Rehe! Sie mwarten uns doch."

So mögen sie! Es ist nicht das erstemal,, daß ich über Nacht bleibe auf meinen Bergfahrten. Rehe wird sich! also nicht ängstigen. Und meine Frau" er zuckte mit einer bitteren Miene die Schulternwird uns nicht weiter vermissen."

Gottliebe erwiderte nicht gleich. Ihr Bli-ck flog in dis Weite, hinüber zu den Firnen. Wie das lockte! Wer wußte, wie kurz ihr die Spanne noch bemessen -war, d-i« sie mit ihm zusammen sein durfte? Nun der Gedanke, noch länger so mit ihm in kameradschaftlicher Vertrautheit zu zweit sein zu können ein wehmutsvolles Glück, -aber doch ein Glück! Ein etwas doch, an dem das Herz sich wärmen konnte später in stillen Stunden der Nnsamkeit, wieder daheim tn weiter Ferne.

Ihr Schweigen verletzte ihn.

Sie mögen nicht Sie scheuen den Gedanken, mit mir über Nacht fort zu bleiben?"

Traurig kam es von seinen Lippen.

Da schaute sie ihn fest an, Auge in Auge.

Können Sie das wirllich glauben?"

Verzeihung!" Er griff nach ihrer Hand.Es hätte mich nur so traurig gemacht, wenn unser schönes Zusam­mensein schon ein Ende hätte haben sollen. Sie wollen also doch?"

Bon Herzen gern!"

Aus ihrem Auge brach es Warm. Elastisch sprang er da vom Boden.

Dann kommen Sie! Sehen Sie die prachtvoll« Spitze da drüben, mit dem bläulichen Schein?" Er wies hinüber auf den Bergbeherrscher drüben oberhalb Thalwhs.Die Punta dUrso. Dort soll uns morgen früh der erste Sonnen­strahl grüßen! Eine zauberische Aussicht tief hinein nach Italien."

O wundervoll!"

Begeistert stand sie neben ihm und schaute leuchten­den Blicks nach dem kiihn geformten Berghorn aus.

Also wo bleiben wir ^ur Nacht?"

AUf halbem Wege siegt ein verlassener Schafstall, der bietet uns gute Unterkunft. Die Grenzwächter über­nachten häufig dort; es ist also immer Heu da und Brenn­material."

Also, vorwärts!"

Voller Freude auf das kleine Abenteuer trieb sie zum schleunigen Aufbruch, wieder ganz Jugend und Tatenlust. Auch über ihn kam eine jugendliche Frohheit. Eilends schnür­ten sie so wieder ihren Rucksack und machten sich marsch­fertig

Trotzdem sie aber rüstig wanderten, brauchten sie doch länger, als sie gedacht hatten. Sie mußten mehrere lang­gestreckte Firnselder mit Neuschnee überschreiten, der ihr Tempo stark verlangsamte, so daß sie erst in der fünften Nachmittagsstunde auf die Halde kamen, wo jener ver­lassene Schafstall stand r in dein nach Westen zu von Berghöhen umschlossenen Hochtale bereits di« Stunde, da das Tagesgesfirn zur Rüste ging.

(Fortsetzung folgt.)

Die Schlacht von Grotzbeeren.

(23. August 1813.)

Von A. Oskar Klaußmann.

Napoleon wußte ganz genau, daß der Mittelpunkt des' gegen ihn gerichteten deutschen Volksaufstandes in Brandenburg und speziell in Berlin lag. Wenn es gelang, Berlin und die Mark zu- erobern, erhielt die Volksbewegung einen tödlichen Stoß, und die Rache gegen Berlin konnte in derselben grauenhaften Weise geübt werden, wie gegen das unglückliche Hamburg. Wer auch die Berliner wußten, was ihnen drohte und in welch furcht­barer Gefahr sie schwebten. Leben und Eigentum der besser situ­ierten Bürger waren sehr bedroht, die Stadt selbst wahrscheinlich dem Untergange geweiht.

Sofort nach der Schlacht bei Großgörschen hatte Napoleon eine Heeresabteilung unter Marschall Oudinot gegen Berlin ent­sendet, und nur der Sieg Bülows' bei Luckau, am 4. Juni, rettete damals Berlin vor den Franzosen. An demselben Tage wurde