Ausgabe 
23.8.1913
 
Einzelbild herunterladen

Samstag, den 23. August

&

firntnrauld).

Roman von Paul Gräbern.

Machdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Nach einer Pause fuhr Herr v. Malmort fort:

Wie zwei große Kinder, in Lachen und Scherzen, flogen wir uns in die Arme, gingen wir dann in die Ehe 1 wie zu einem ewigen Rosenfeste, wie zu einem lustigen Tanze, ohne uns ije ernrnal auf den Ernst des) Levens, auf unfern Zusammenklang in Stunden des Leids geprüft zu haben. Was wußten wir damals >anch von Leid, von der Not des Lebens? Beide sorgenfrei ins Leben gestellt, sahen wir ja um uns herum nur Sonne, lachende Sonne ein jauchzendes Meer von Glück und Seligkeit."

So bauten wir uns denn am blauen Golf ein freude­schimmerndes, lichtes Nest, darin sollte unser Kinderglück weiterdauern, immer, immer bis ans Ende."

Wir armen, betrogenen Nassen! Tie Natur rächte sich au unserm vermessenen Jkaruswahn, der die Sonne zu erhaschen dachte, mit ihren unerbittlichen, ehernen Gesetzen: Ein Kind kam."

Schon seine Ankündigung genügte bei Ninon, um aus der süßen, ewig lächelnden Grazie eine haltlos Ver­zweifelte eine leidenschaftlich gegen das Schicksal Wü­tende zu machen, die nur zu bald mich die Lasten und Leiden entgelten ließ, die die Natur der Mutter «auferlegt hat. Freilich empfand sie ja auch nichts von den stillen Selig­keiten, die keimendes Mutterglück dem echten Weibe dafür zugleich verleiht. Sie empfand nur das andere: Ihr götter­schöner Leib, mit dem sie selbst einen wahren Kultus ge­trieben, war entstellt für immer. Und immer hing ihr nun wie ein Hemmschuh für ihre flatternde Vergnügungs­sucht das Kind an das unselige, nie gewollte, glühend gehaßte, schon während seines Werdens verwünschte Kind!"

Was ich dabei empfand, erlassen Sie inir zu be­schreiben! Das Bewußtsein meiner Vaterschaft hatte plötzlich den in der Tiefe meines Wesens schlummernden Ernst er­weckt: Ich freute mich unbeschreiblich des kommenden Kin­des, meiner ernsten Pflichten und seligen Freuden, die mich dann erwarten ivürden freute mich in plötzlich auch er­wachtem Stolze der Malmorts auf den künftigen Erben meines Namens, denn ich dachte ja gar nicht anders, als daß es ganz selbstverständlich ein Sohn sein würde."

Da mögen Sie ermessen, wie grauenhaft mir die widernatürlichen Wutausbrüche der Mutter dieses kommen­den, mir so ersehnten Kindes waren wie ich iit starrem Entsetzen davor stand. Nur ein Trost stützte mich: daß das alles nur krankhaft bei meiner Frau sei, der ja immer noch angebeteten, ja jetzt doppelt angebeteten Frau eine Folge ihres leidenden Zustandes."

Aber dann war das Kind da, und es ward noch schlimmer. Das Unglück hatte es gewollt, daß durch die

Geburt ein gewiß ja lästiges Frauenleiden bei der Mutter zurückblieb. Nun wuchs ihr Grimm, ihre Raserei gegen das Kind und mich ins Maßlose. Sie war nicht mehr wiederzuerkeuneu; aus dem strahlenden, lichten Engel war ein Dämon geworden, der mich erbarmungslos zerfleischte."

Und das Schicksal tat dann das übrige. Während der sorglosen Schlenderzeiten im sonnigen Süden hatte mein väterlicher Besitz, den ich jahrelang ohne Aufsicht gelassen hatte, schweren Schaden genommen. Nun ereilte mich die Hiobspost, daß der Pächter, dem ich alles an­vertraut, mich furchtbar betrogen, eine grenzenlose Miß- lvirtschaft getrieben hatte. Nun hatte er, dicht vorm Zu­sammenbruch, das Weite gesucht."

Ich eilte augstgetrieben, von Selbstvorwürfen ge­peinigt, in die Heimat und sah, ich war zwar kein völlig ruinierter Manu, aber es war vorbei mit dem Wohlstand. Freilich, die Meinen brauchten darum ja nicht Not zu leiden; meiner Frau war ja ihr Vermögen geblieben, und wenn sie ein Teil davon hergegeben hätte, so wäre auch in einigen Jahren der Schaden wieder zu reparieren ge­wesen."

Ich erstattete über den Stand der Dinge meiner Frau nach schleuniger Rückkehr nach Capri Bericht. Selbstver­ständlich müßte nun das Luxusleben hier unten aufhören und wir in die Heimat übersiedeln. Aber statt in ihr eine tapfere, tröstende Gefährtin zu finden, sah ich eine Rasende vor mir, die niich mit Schmähungen überhäufte, ich hätte sie ruiniert, um ihr Lebensglück gebracht, und nun wollte ich sie ganz zugrunde richten, sie in eine Berghöhle schlep­pen, wo sie ersticken würde unfehlbar!"

Vergebens all meine Bitten und Vorstellungen, jeder Appell «'n ihre Liebe und Frauenwürde, und sie würde auch niemals erst mit mir gekommen sein, wenn nicht ihr« eigene Familie darauf gedrungen hätte. So folgte sie mir denn schließlich hierher, aber nur als eine Gefangene, die bald herzzerbrechend schluchzend, bald maßlos tobend, mit ihrem Kerkermeister geht."

Vergebens umgab ich sie mit aller Liebe und Sorg­falt, ließ unsere Einrichtung aus der Villa in Capri her­schaffen, daß sie sich wenigstens etwas heimisch in Mal­mort fühlen möchte sie blieb wie sie war."

So quälten wir uns zwei Jahre nebeneinander her, nur noch äußerlich Mann und Frau; denn es war in unserm Innern ja alles furchtbar zerstört unheilbar. Alles Hoffen von mir aus eine Besserung unseres Ver­hältnisses und auf den heimlich so heiß ersehnten Sohn sank so unaufhaltsam dahin."

Dann machte meine Frau selber diesem unhaltbaren Zustande ein Ende. Eines Tages war sie verschwunden, und ein zurückgelasseuer Brief sagte mir: sie könne so nicht weiter, sie ginge zugrunde hier in dieser trostlosen Bergöde. Es wäre auch für mich besser, sie sei nicht mehr da, damit ich wenigstens meine Ruhe hätte. Wir wollten aber durchaus als Freunde scheiden, und sie würde von