Ausgabe 
23.7.1913
 
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Sie müssen schon entschuldigen, Fräula wenn man so bei der Arbeit ist, allein mit den vielen Kindern, ba; schaut halt ne-t alles immer so ak'rat aus." Und schnell griff sie nach ihrem rotfarbenen Taschentuch und putzte dem jüngsten Bube» die Nase.

Er ist noch nit amol fünf Jahr'," fügte sie wie zur Entschuldigung hinzu. _ ,

Gottliebe blickte nachdenklich auf die Frau. Sie sah so alt und abgearbeitet aus; aber nach dein jüngsten Kind zu erteilen, mochte sie gewiß erst im Anfang der Vierziger stehen.

Sie sind Witwe?" fragte sie teilnehmend.Aber wohl noch nicht lange?"

Bier Jahr' sind's," schwer seufzte die Frau auf, und ein Zug des Grams flog durch ihre durchfurchten Mienen, seit mein Mann selig droben im Wald beim Holzschlag'n verunglückt ist. Es war ein harter Schlag, ich mit den elf Kindern so allein! Wenn ich mein'» Aelt'sten nit g'habt Hütt', den Toni, so Hütt' ich halt nimmer aus und ein 'wußt. Aber der Toni war ja schon ein großer Bursch, an die Zwanzig, und schon zwei Jahr' als Führeraschpirant in die Berg' ftiegn; da hat er denn bald sein Examen hrunten in Bozen machen könnt und sorgt nun für uns spie sein Vater selig. Es ist schon a braver, rechtschaffener Bursch, der Toni, und die Herrschast'n, die mit ihm gangen sind, sind noch aIttoeil z'frie-den mit ihm g'west. Tie besten Zeugniss' haben f ihm allemol im Führerbuch aus'stellt."

Der Stolz der Frau auf ihren Aeltesten und Ernährer hatte etwas Rührendes. Gottliebe empfand es lebhaft; die Mitteilungen der Mutter Tonis eben hatten sie überhaupt betroffen gemacht. Tas hatte sie ja gar nicht geahnt, daß der junge Mensch ganz allein eine große Familie erhalten mußte. Der arme Junge! Was hatte er da von seinem .Leben, wenn er jeden Pfennig, den er sich schwer verdiente, für die Seinen hergeben mußte.

Ja, er ist ein ganz prächtiger Mensch, Ihr Sohn, Frau Spängler," bestätigte Gottliebe in warmem Ton.Und ein ausgezeichneter Führer, so umsichtig und so aufmerksam!"

Tas Gesicht der Frau erstrahlte vor Freude, und mit beiden Händen ergriff nnd drückte sie Gottliebes Rechte.

Bergelt's Jhna Gott, Fräula!" rief sie dankbar.Tas Wird den Toni ja ganz stolz machen, wenn er's hört er hält ja so große Stücke auf Jhna, Fräula. So viel erzählt hat er mir schon von Jhna! So an seine, leutselge Dame Und so ane bildschöne hält' er ja fei 'Lebtag no nimmer führt, sagt der Toni."

Eine Röte stieg in Gottliebes Wangen.Wo ist denn Ihr Sohn?" fragte sie, ihre kleine Verwirrung zu ver­bergen, die ihr soeben die eifrigen Bekenntnisse der Frau ltzrursgcht hatten.

In hie Berg'nauf ist er. Aber was er da schafft, hgt er nit 'sagt. Möglich, daß er nach dem neuen Weg ' chgut zur Edelweißhütt'n, den sie erst im Frühjahr '6aut hab'», öb ihm der Regen nit Schaden 'macht hat. Er hat chon vorgestern gleich 'nauf'wollt; aber es war gar zu 1 chlecht' Wetter. Da hab ich ihn nit fortlassn. Aber heut s er schon in der Fruah furt'macht."

Ein Gedanke schoß unwillkürlich Gottliebe durch den Kopf, als das Wort Edelweißhütte an ihr Ohr klang. Sie Hütte neulich auf dem Heimweg von der Ferdinandshöhe nach Trafoi, als sie mit dem Toni über einen steilen Hang an der Straßenabschneidung hinab kletterte, ihn nach Edel­weiß gefragt: ob die seltene Blume hier oft vorkomme, ob das Pflücken wirklich so gefährlich sei, und daß sie wohl fsern mal einen Buschen hätte, aber keinen gekauften, wie ie da vorhin auch im Wirtshaus zu hüben gewesen waren. Nein aber einen selbstgepflückten, gebrochen, von ihr selbst oder doch wenigstens für sie.

Sie hatte bas damals in ihrer unbedachten Art ganz harmlos hingeplaudert, ohne irgendwie zu denken, daß der Toni das etwa für eine versteckte Ausforderung nehmen könnte. Nun durchfuhr sie plötzlich ein Ahnen: zur Edel­weißhütte hinauf war er, und ohne zu sagen, was er dort wollte, so eilig hatte er's damit gehabt! Mein Gott, sollte er wirklich?

Edelweißhütte?" Sie bemühte sich, recht harmlos das Wort zu sprechen.Es gibt dort oben wohl Vies Edelweiß!?"

Njt grgde viel; aber es Mt schon welche horten," «rtwoMts Fräst SpänKch. ist über nit leicht, sie zu Hole». 'Sie wachsen an einem gar steilen Hang, und manch'

Bursch', der für sein Mädel hat einen Buschen Pflücken wollen, ist elendiglich dabei nmgekommen."

Gottliebe fühlte plötzlich einen Stich im Herzen, der Atem stockte ihr, und sie fühlte, daß sic blaß wurde. Mit einer hastigen Bewegung stand sie auf. Der Gedanke, daß der Toni da droben vielleicht wirklich in Nebel und Regen au dem gefährlichen Absturz nach Blumen suchte, für sie - - veranlaßt durch sie, der Gedanke war ihr unerträg­lich angesichts seiner alten Mutter und der unmündigen Geschwister, bereu Ernährer er war.

Sie zwang sich gewaltsam zu einem unverfänglichen Ton.

Nun, hoffentlich kommt Ihr Sohn recht bald wieder heim von seinem Weg!" Sie reichte der Mutter zum Ab­schied die Hand, die sie plötzlich unbewußt fast heftig drückte. Ich komm' am Nachmittag noch mal nachschaun' nach ihm, daß wir uns wegen der Ortlerpartie besprechen können. Bis dahin, grüß Gott, Frau Spängler."

Unwillkürlich drängte sich ihr der schöne, ernste Gruß der Berge auf ihre Lippen, als wolle sie damit den Toni einem höheren Schutz empfehlen, an den sie doch in Stunden kalt-ruhigen Tenleno selber nicht glauben konnte.

Aber na!" wehrte die Fran bescheiden ab.Tas Fräula werden sich doch nit noch amol herbemüh'», obenei» bei! dem Weiter! Na, na! Der Toni kimmt schon hinauf zu Jhna, 'bald als er da is. Und er muß ja inner Stund'» längsten hier sein. Zum Mittag wär' er wieder z'ruck, hat er mir versprochen. Und er halt schon Wort, mein Bub."

Abermals zuckte es insgeheim in Gottliebe auf: Dies feste Vertrauen der Mutter auf ihren Sohn! Wenn sie ahnte, daß er vielleicht,gar nicht den gefahrlosen Weg ge­gangen, daß er ob sie es ihr sagen sollte? Nein, nein! Es war ja schließlich doch nur ein Vermuten, sie hatte ja selbst keine Gewißheit. Wozu da erst die Mutter ängstigen? Und 'Gottliebe wandte sich 'zur Tür:

Also ibenn Adieu!" nickte sie nochmals der Frau und beit Kinder» zu.Und grüßen Sie Ihre» Sohn schön, Frau Spängler!"

Schnell trat sie über die Schwelle.

Heftiger schlug ihr draußen jetzt der Regen ins Ge­sicht. Aber sie achtete dessen nicht. In ihre Gedanken 'ber* ioren, schritt sie eilig vorwärts.

Wenn sie freilich auch keine Gewißheit hatte, so fühlte sie es doch so deutlich: Ja! Der Toni war droben, Edel­weiß für sie zu pflücken! Aber wie konnte er nur?, Der leichtsinnige, tolle Mensch! Obenei» bei diesem furchtbaren Wetter, wo das Gestein glatt und schlüpfrig war

(Fortsetzung solgt.)

hessische Truppen unter Napoleons Fahnen im Zahre M3?

Von Tr. H. Berger- Gießen.

V. Die Hessen in der S ch l ach t bei Leipzig vom 16. bis 18. Oktober 1813.

Bis zum 15. Oktober hatte Napoleon seine Truppen in den Ebenen von Leipzig versammelt, in jenen Ebenen,' die schon oft der Schauplatz heißen Ringens gewesen waren. Diesmal waren hier die Völker von fast ganz Europa versammelt, um über das Geschick Europas die blutigen Würfel zu werfen. Die Böl ker- schlacht bei Leipzig beginnt.

Die französische Armee war in einem exzentrischen Kreise ausgestellt. Während der Kaiser nördlich von Leipzig die Korps! Marmont (6) nnd Souham (3) bei Möckern stehen ließ, nahm er selbst mit den übrigen Korps südlich der Stadt seine Aufstellung. Auf dem rechten F lüget im Tale der Pleiße stand bei C o n n e w i tz, Lößnig und Dölitz das 8. Korps unter Ponia- towski. Im Zentrum bei Wachau hielt das .2. Korps unter dem Marschall Victor. Den linken französischen Flügel bildete bei L i e b e r t w o l k w i tz das 5. Korps unter Sauriftun. Ten äußersten Teil des linken Flügels bis nach Holz Hausen hin bildete das 11. Korps M acoo»al d, zu dem die hessisch^ Brigade gehörte. Im Zentrum vom 8. und 5. Korps, alfoi zwischen dem rechten und linken Flügel, war das 9. Korps unter Aügerean vorgeschoben.

Die böhm-ische Armee unter dem Oberkommando von Schwarzenberg hatte äuf dem äußersten rechten Flügel ba$ öfter-! reichische Korps Kl en an und stand bei G r o ß - Pöß.nanr es sollte gegen den linken Flügel der Franzosen nach Liebert- wolkwitz vorrücken. Das zweite Korps der Verbündeten ftanä

*) Benutzt: Akten des Haus- Und Staatsarchivs zu. Darmstadt.