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jfirnenraulch.
Roman von Paul Grabern.
'Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
'Tas Wetter vereitelte leider fürs erste alleHochtonr- pläne. Noch in der Nacht nach ihrer Rückkehr insDrafoi- Hotel begann es zu regnen, und die grauen, schweren Wolken setzten sich immer massiger in dem Tale fest. Der Regen fiel mit geringen Unterbrechungen unaufhörlich hernieder, und wenn es sich für Stunden einmal etwas lichtete, sah man die Berghänge bis dicht an die Waldgrenze wie mit Streuzucker gepudert — Neuschnee. Es war also an eine Besteigung gar nicht zu denken. 1
Gottliebe war darüber sehr mißmutig; sie hatte sich in ihr^r impulsiven Art so sehr auf die Ortlertour gefreut, und jeglicher Aufschub ivar ihr ein Greuel. Ter Regierungsrat hatte so arg unter ihrer Mißstimmung zu leiden, daß er schließlich selber den Sonnenschein und die Strapazen der Hochtour herbeisehnte, hoffte er doch damit auf die Wiederkehr ihres liebenswürdigen Bnehmens gegen ihn, das ihn neulich so entzückt hatte. Ganz nervös lief er alle halben Stunden hinaus zum Barometer in der Hoffnung, ein Steigen melden zu können.
Vorderhand zeigte die Quecksilbersäule aber dazu noch immer keine Neigung. So entschloß sich denn Gottliebe am dritten Tage, trotz des Regens einen Weg ins Freie zu unternehmen; dieses ewige Herumhocken im Hotel zwischen all den gräßlichen Menschen machte sie ja halb krank.
In ihre weiche Lodenpelerine gehüllt, verließ sie das Haus — es war in den Bormittagstunden — und schlug die Straße nach dem Qrt hinunter ein. Planlos schritt sie zuerst ihres Wegs entlang; dann aber kam ihr der Gedanke, doch einmal bei den Führern vorzusprechen und nach den Wetteraussichten zu fragen. Sie erkundigte sich bei einem daherkommenden Manne nach den Wohnungen der beiden. Der Stadler-Franz, ward ihr zur Antwort, ja, der wohnte da ganz hinten außerm Dorf, im kleinen Haus oben auf dem Wiesenhang; zum Spängler-Toni dagegen sei's gar nicht weit. Gleich hinter der „Alten Post" die Stiegen hinunter; das alte Haus unweit der Kirche, da wohnte er bei seiner Mutter.
Gut! So wollte sie denn dorthin, und ihre Pelerine fester um sich nehmend, stapfte Gottliebe entschlossen mit hochgeschürztem Rock durch den aufgeweichten Straßengrund dahin.
Sie fand sich leicht bis zu den: bezeichneten Hause hin. Nun stand sie davor: Ein altes, stark baufälliges Ge-^ bäude; auf dem steinernen Unterstock ein Obergeschoß aus braunen Balken, roh aufgezimmert. Ein tiefer, dunkel gähnender Flur stand, offen und ließ im Dämmerlicht allerlei einfaches Hausgerät an Wand und Boden -erkennen. Was dem ärmlichen Hause aber trotz seiner Düsterheit und Alters
schwäche einen freundlichen Anblick gab, das waren die grün gestrichenen Läden an den kleinen Fensterchen, vor denen auf grüngegitterten Brettern brennend-rote Geranien und Kressen blühten.
Mit eigenartigen Empfindungen trat Gottliebe in den dunklen Hausflur ein. Es legte sich ihr eine leichte Beklemmung um die Brust, sie atmete zum ersten Male die Luft der Armut. Gott, wie schrecklich! schoß es ihr durch den Sinn, in solch dumpfer Enge und Dürftigkeit hausen zu müssen. Ob das der Toni und seine Leute denn nicht auch bedrückend empfanden?
Zur Rechte» gewahrte sie jetzt eine Tür, hinter der Stimmen hervorschollen — offenbar die Wohnstube. Leicht klopfte sie an und trat auf einen Zuruf von drinnen ein.
Es war ein mittelgroßer, dämmeriger Raum, in den Gottliebe nun kam, halb Küche, halb Wohnzimmer. Bon dem noch gan.H altertümlichen offenen Steinherde warf das Holzfeuer seinen roten Schein auf eine alte Frau, die das braune, runzlige Gesicht halb der Eintretenden zuwandte, während sie weiter in dem Kessel über dem Feuer rührte. Mehrere Kinder saßen arbeitend am Fensterchen oder spielten auf dem Fußboden.
„Guten Tag — entschuldigen Sie, bin ich hier recht beim Spängler-Toni?" klang Gottliebes etwas schüchterne Frage. Wiechie alte Frau und die Kinder sie so verwundert anstarrten wie eine Erscheinung aus einer ganz fremden Welt, da fiel ihr's im Augenblick lastend auf die Seele. Ihre sorgenfreie, im Verhältnis zu dieser Armut glänzende Existenz kain ihr fast wie ein $aii'6 an diesen Mühseligen und Beladenen vor.
„Grüß Gott!" kam der Gruß der alten Frau vom Herd zurück, und das trauliche Wort klang Gottliebe wie eine Erlösung. „Sie sein schon recht hier, Fräula, aber der Toni ist halt nimmer daheim."
„O — wie schade!" entfuhr es Gottliebe. „Ich hätte gern mal mit ihm gesprochen wegen des Wetters. Es ist wegen der Ortlerpartie, die wir zusanimen machen wollten."
" „Ach, Sie sein das Fräula vom Hotel droben, die der Toni auf die Geischterspitz' führt hat? Ja so!" Eilends schob die Frau den Kessel vom Feuer und lief zum Fenster hin.
„Geh — mach amol Platz für das Fräula!" hieß sie die älteste Tochter, die dort mit ihrem Strickstrumpf gesessen harte, und wischte nun mit der groben blauen Schürze den Stuhl nochmals ab. „Bitt' schon, Fräula, möchten S' net a bissel niedersitzen? Sie sein gewiß müd' vom Weg. 's ist ja gar ein arg' Wetter heut' draußen!"
Gottliebe mochte der dienstbeflissenen alten Frau ihr Anerbieten nicht abschlagen, abwohl ja mit dem Aussein des Toni der eigentliche Zweck ihres Kommens verfehlt war. Dankend ließ sie sich für einen Augenblick am Fenster nieder. Die Kinder umstanden sie in respektvoller Ent- fernung mit staunenden, scheuen Mienen, während die Mutter nun etwas verlegen an ihrem Anzug herumzupfte.


